07.07.2003

KÜNSTLERAmore und andere Qualen

Die Staatsgalerie Stuttgart feiert einen Vergessenen der Kunstgeschichte: den italienischen Barockmaler Gaspare Traversi - einen amüsanten Satiriker.
Da mögen die Herren auf dem Ölbild unter ihren vornehmen Perücken noch so verliebt bis gierig starren - die junge Frau am Spinett schaut stur an ihnen vorbei und aus dem Gemälde heraus. Sie hat anscheinend nur Augen für den Betrachter (speziell: den Käufer) des Werks. Der Italiener Gaspare Traversi (um 1722 bis 1770), der "Das Musikkonzert" um 1755 malte, wusste, wie er Kunden für sich einnehmen konnte. Wer auch immer das Bild erwarb, durfte sich als Sieger über das Kabinett der eitlen Gockel fühlen.
Für die Galane auf der Leinwand gilt: Pech gehabt. Die brünette Schönheit ignoriert den schmachtenden Beau mit der Querflöte genauso wie den rotgesichtigen Dicken im Luxuswams. Im Hintergrund verhandeln, halbwegs diskret, zwei weitere Verehrer. Ganz unverhohlen lechzen dagegen die Greise, trotz Sehglas und Krückstock. Je oller, desto seltener werden nun einmal die Flirtchancen: Traversi hat diese Einsicht besonders überzeugend illustriert.
Der Maler war ein brillanter Satiriker, sein Humor ist zeitlos bissig und amüsant, seine Figuren wirken verblüffend lebensnah. Doch diese Qualitäten werden erst jetzt, mehr als 230 Jahre nach dem Tod des Künstlers, entdeckt und gewürdigt.
"Heiterkeit im Schatten", so heißt die Schau, in der - zum ersten Mal überhaupt - Traversi, der malende Entertainer, gefeiert wird. Sie wird von Mitte Juli an in der Stuttgarter Staatsgalerie, anschließend in Traversis Geburtsstadt Neapel gezeigt*. Die Stuttgarter nennen den Maler, zu Recht, eine "Überraschung".
Zu den Lieblingsmotiven des Italieners gehörte das Hauskonzert, allerdings geht es auf keiner Version des Themas um musikalische Leidenschaften. Vielmehr schildert der Künstler die Qualen der Amore. Schließlich lebte er in dem Jahrhundert, das auch den Ur-Gigolo Casanova hervor-
gebracht hat. Nur waren dessen Landsmänner - siehe oben - in der Kunst des Anbaggerns weniger begabt.
Traversi mochte es quirlig: Auf seinen Bildern wird kokettiert, verführt, geschmäht und gerauft. Und er beherrschte das Spiel der hinterlistigen Untertöne. Auf die verzichtete er auch dann nicht, wenn er einflussreiche Kunden porträtierte. Offenbar konnte er es sich leisten, einen Kardinal so den Hut ziehen zu lassen, dass er wie ein Harlekin nach der Vorstellung wirkt.
Dass das Leben eine einzige menschliche Komödie ist, dürfte der Künstler früh beobachtet haben. Er wuchs in dem Teil Neapels auf, in dem sich eine der beliebtesten Musikbühnen der Stadt befand - und wo sich die bessere, aber auch die schlechtere Gesellschaft herumtrieb. Es war die Zeit, in der viele Leute die Oper vor allem wegen der (gesungenen) Pausenfüller besuchten. Mit dieser publikumsnahen Unterhaltung, aus der die Komische Oper hervorging, wird Traversis Kunst nun verglichen.
Der Maler lieferte, was das Zeug zum Bestseller hatte. Auch, weil er aufs Geldverdienen angewiesen war. Mit 30 Jahren zog er nach Rom, gründete eine Familie, nahm Schwiegermutter, Schwager und Schwägerin bei sich auf. Und womöglich stand ihm seine kleine Sippe Modell.
War seine Kunst aktuell? Er malte so sinnlich-menschelnd wie ein Barock- und so heiterbewegt wie ein Rokokokünstler, obwohl längst das kühle Pathos des Klassizismus den Zeitgeist zu bestimmen begann. Raffiniert interpretierte er aber alte Genre-Szenen für die Epoche der feingeistigen Aufklärung um. Bei ihm wird noch kräftig verkuppelt, alte Weiber arrangieren Tête-à-Têtes für junge Paare, das aber nicht mehr auf der Straße, sondern bei der Zeichenstunde oder beim Musizieren.
Erst jetzt wird klar, wie viele Arbeiten er hinterlassen hat. Nahezu 200 Bilder werden ihm im Stuttgarter Ausstellungskatalog zugeschrieben. Vor zehn Jahren kannten die Fachleute von ihm gerade einmal 100 Werke. Die Fachleute: Das ist nicht der kunsthistorische Mainstream, das sind in diesem Fall ein paar Außenseiter, die Traversi umso lautstärker loben, indem sie ihn etwa mit dem englischen Satire-Genie William Hogarth vergleichen.
Allmählich wittern auch die Museen die kunsthistorische Sensation. Der Louvre besitzt inzwischen zwei Bilder, auch die Staatsgalerie Stuttgart kaufte 1999 ein Werk an.
Die Rezeptionsgeschichte Traversis ist die einer langen Verschmähung - dazu gehören auch bizarre Ausnahmen. Eines seiner Gemälde wurde für Adolf Hitlers (nie realisiertes) Führermuseum in Linz angekauft.
Auch das Stuttgarter Bild mit dem Titel "Die Operation" ist in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts schon einmal aufgefallen: Die "Enciclopedia italiana" bildete es damals unter dem Stichwort "chirurgia" ab. Zu sehen ist die pure Qual: Ein Arzt sticht - wahrscheinlich, um die Gallenblase zu öffnen - mit einer dicken Nadel seitlich in den Bauch eines jungen Mannes. Blut fließt, der Patient krakeelt mit aufgerissenem Mund drauflos.
Ausgerechnet diese abschreckende Marter wurde in Italien zum Symbolbild für die Medizin. Dieser kuriose Missbrauch seiner Kunst hätte Traversi bestimmt gefallen. ULRIKE KNÖFEL
* 19. Juli bis 16. November. Katalog im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 184 Seiten; 39,80 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 28/2003
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