07.07.2003

NachrufHollywoods letzte Herrscherin

Sie war eine schüchterne Draufgängerin. So erschien sie auf der Leinwand, und so meisterte sie das eigene Leben. Wie sie mit leicht federndem, ausgreifendem Schritt einen Raum betrat und sogleich alle Blicke auf sich zog, weil in ihrer Erscheinung, ihrer Schönheit eine Art natürlicher Arroganz mitschwang, schien sie auszurufen "Ich bin ich!" - doch niemand hatte wie sie in ihrer ganzen geschmeidigen Eleganz doch etwas Eckiges, was sie vor dem nächsten Schritt zögern und für einen Moment innehalten ließ: Gab sie nicht zu viel von sich her?
Ihr Strahlen konnte, wenn sie wollte, unvergleichlich sein, und sie genoss ihr Strahlen wie nur je eine Schauspielerin, doch am Ende wollte sie, die geborene Einzelgängerin, sich stets für sich selbst behalten. Öffentlich als Star zu repräsentieren war ihr zuwider; gemeinhin lief sie in Hosen herum, mit Vorliebe in Jeans, als das noch alles andere als schick war; und ihr Leben lang mied sie Restaurants, weil sie nicht leiden konnte, dass ihr fremde Leute beim Essen zusahen. Was das so genannte Private anging, war sie nicht weniger scheu als die Garbo.
In angelsächsischen Zeitungsumfragen, die vor der Jahrtausendwende die "größten Stars aller Zeiten" ermitteln wollten, kam Katharine Hepburn auf Platz eins. Vermutlich überrundete sie die Garbo, weil sie sich der Welt nicht im Nebel einer "Legende" entzog, sondern - die Draufgängerin war zwar schüchtern, doch auch hartnäckig und zäh - bis in die neunziger Jahre der Kamera ihr herbes, knochiges und mit Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht trotzig entgegenhielt. In jedem Nachruf stand zu lesen, dass kein Star außer ihr je vier Oscars gewonnen hat, doch sie waren der Lohn einer schwierigen, widerspruchsvollen Zickzackkarriere.
Der erste Oscar-Sieg, 1933 für "Morning Glory", war pures Anfängerglück: Die eigenen Unfertigkeiten und der eigene Überschwang gingen ganz in ihrer Rolle als rasend ehrgeizige und exaltierte Jungschauspielerin auf. Ihr selbst war das Preisgerangel in Hollywood so nebensächlich, dass sie in Urlaub gefahren war, als die Entscheidung fiel. Und über ihre tatsächlichen Qualitäten als Jungschauspielerin urteilte damals, nach einer Theaterpremiere in New York, Dorothy Parker als Kritikerin, Katharine Hepburn beherrsche die ganze "Ausdrucksskala von A bis B". Sie musste 60 werden, bis sie ihren zweiten Oscar gewann, und dann einen dritten und vierten - gewiss waren das auch Auszeichnungen fürs Überleben auf einsamer Höhe, für Tapferkeit vor dem Feind, dem Tod. Sie nahm, angeblich aus Schüchternheit, keine der Trophäen persönlich in Empfang.
Katharine Houghton Hepburn, geboren am 12. Mai 1907, war die älteste Tochter eines resoluten Arztes in Hartford (Connecticut). Er hielt aus Prinzip die bitterste Medizin für die beste, nahm seiner Katharine, als es sein musste, auch eigenhändig den Blinddarm heraus und legte bei seinen sechs Kindern vor allem auf Leibesertüchtigung sowie kalte Duschen wert. Die Schauspielerei hielt er für eine nichtswürdige Beschäftigung, doch als er sah, dass Katharine damit zu Geld kam, wurde er, ganz nebenbei, zum hausväterlich-umsichtigen Vermögensverwalter für sie.
Die Mutter war eine der führenden Suffragetten im amerikanischen Osten. Sie kämpfte gern öffentlich und mit theatralischer Wortgewalt für Frauenstimmrecht, Geburtenkontrolle und ähnliche Themen, die im puritanischen New England nicht unbedingt salonfähig waren. Angeblich liefen die Eltern, auch als die Kinder schon herangewachsen waren, oft nackt durchs Haus, und sie hatten nie etwas dagegen, wenn Katharine aus Hollywood ihre Liebhaber, auch wenn die anderweitig verheiratet waren, als Urlaubsgefährten nach Hause mitbrachte.
Hollywood habe sich eigentlich nur für ihre Beine interessiert, hat sie später einmal gesagt, und zutreffend ist jedenfalls, dass die Jungschauspielerin einem Späher, der in New York nach "Entdeckungen" Ausschau hielt, auffiel, wie sie in einem pseudogriechischen Stück als Amazonenkriegerin im Minirock auf die Bühne geprescht kam.
Weil sie ihrerseits nicht eigentlich an Hollywood interessiert war, forderte sie die unverschämte Wochengage von 1500 Dollar - und gewann. Zwei Jahre später war sie ein Oscar-gekrönter Star und weitere vier Jahre später ein erledigter Fall: Gegen Ende einer Reihe von Misserfolgen kam als Totalflop jener Film, den sich ihre Fans heute als exemplarische "screwball comedy" wieder und wieder mit Entzücken ansehen: "Leoparden küsst man nicht" mit Cary Grant.
Als 1938 die Organisation unabhängiger Kinobesitzer eine Liste von Schauspielerinnen publizierte und plakatierte, die man, weil sie "Kassengift" seien, nicht mehr sehen wolle, waren natürlich Marlene Dietrich und Greta Garbo dabei, doch an der Spitze stand Katharine Hepburn, und sie begrub bekümmert ihren Traum, die Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht" zu spielen - dafür holte man lieber eine Britin, die niemand kannte.
1938 kehrte sie Hollywood verdrossen den Rücken, zwei Jahre später jedoch kam sie im Triumph zurück: Sie hatte in New York die Rechte an einer Komödie mit dem Titel "The Philadelphia Story" erworben, hatte die Bühnenaufführung mitfinanziert und dann das Erfolgsstück so günstig nach Hollywood verkauft, dass sie sich ihre Leinwandpartner selbst aussuchen durfte. Sie nahm James Stewart und Cary Grant.
Diesen Erfolg wiederholte sie mit einem zweiten selbst entwickelten Projekt, "Woman of the Year", diesmal mit Spencer Tracy als Wunschpartner, und fortan war sie in Hollywood nicht nur "Woman of the Year", sondern für immer obenauf. Zur Schönheit ihrer Erscheinung und zu ihrem unwiderstehlichen Kratzbürstencharme war eine gelassene Selbstsicherheit hinzugekommen: Sie strahlte nicht nur, sie wärmte auch - das hat die "spätere" Katharine Hepburn von der "African Queen" mit Humphrey Bogart (1951) bis zu "Am goldenen See" mit Henry Fonda (1981) unvergleichlich und unvergesslich gemacht.
Als 21-Jährige hatte sie ihren liebenswürdigen ersten Liebhaber geheiratet, und er blieb ihr auch nach der Scheidung noch viele Jahre ein liebenswürdiger Begleiter. In ihren frühen Hollywood-Jahren gab es ein paar kürzere oder längere Liaisons, unter denen die untypischste, aber aufregendste die mit dem notorischen Weiberhelden Howard Hughes war. Doch prägend für ihre Vita wurden - nach dem Vater - zwei Männer, die scheinbar väterliche Gelassenheit ausstrahlten, im Grund aber Zerrissene und Gebrochene waren, die vor allem liebevolle Bemutterung brauchten: zwei zutiefst irisch-katholisch geprägte und auf solide Art für immer unglücklich verheiratete Alkoholiker, der Regisseur John Ford und der Schauspieler Spencer Tracy.
Für Ford (der leider nur einen lahmen Maria-Stuart-Film mit ihr drehte) hat sie sich immer mal wieder als hingebungsvolle Bewährungshelferin aufgeopfert, für Tracy mehr als ein Vierteljahrhundert lang, von ihrer ersten Begegnung am ersten Drehtag zu "Woman of the Year" an bis zu seinem Tod im Jahr 1967.
Damals hielt es die Presse noch nicht für ihre Aufgabe, die privaten Verhältnisse von Stars auszuposaunen, solange der Schein gewahrt blieb, und Hepburn und Tracy wahrten den Schein: ständig zusammen, doch nie eine gemeinsame Wohnung und auf Reisen nie ein gemeinsames Zimmer - erst nach Tracys Tod ist diese besondere Hollywood-Liebesgeschichte publik geworden. Manche Filme hat sie nur ihm zuliebe gemacht und er manche nur ihr zuliebe; sie hat ihn bekocht, bemuttert, gepflegt und bei seinem letzten Film auch mit ihrer Gage für ihn gebürgt, weil keine Versicherung das Risiko seines Engagements mehr tragen wollte. Er starb in ihren Armen, doch seiner Beerdigung blieb sie aus Scheu vor dem Rummel fern.
Katharine Hepburn und Spencer Tracy haben neun Filme zusammen gemacht, teils komödiantische, teils melodrama-tische Variationen des Themas von der Liebe als Katz-und-Maus-Spiel, von den Gegensätzen, die einander anziehen, und von der "Widerspenstigen Zähmung". Nichts Umstürzlerisches, was die Geschlechterrollen im Hollywood-Kino angeht, obwohl Katharine Hepburn die Tochter einer Suffragette war: Sie entfaltete ihre ganze Souveränität als Frau in dem leicht zögernden, leicht schüchternen Lächeln, mit dem sie dem Mann den Sieg schenkte. Das kann man wohl eine Lebensleistung nennen. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 28/2003
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