07.07.2003

AUTOREN„Jetzt kommt der Realismus“

Florian Illies über die Irrfahrten und wirtschaftlichen Crashs der heute Um-die-30-Jährigen, Routenplaner für den Weg aus der Krise und sein Buch „Generation Golf zwei“
Illies, 32, arbeitete bis Ende vergangenen Jahres in diversen leitenden Positionen im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" und lebt nun als Autor in Berlin. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Illies, Ihr vor drei Jahren erschienener Bestseller "Generation Golf" begann mit dem Satz "Mir geht es gut" und beschrieb das Glück einer von Börsenboom und Ende des Kalten Kriegs begünstigten Generation junger Erwachsener. Nun kommt "Generation Golf zwei" auf den Markt und blickt auf die, so der Verlag, "Crashtests der vergangenen drei Jahre" zurück*. Schildern Sie also eine Bruchlandung im Jammertal?
Illies: Nein, eher eine Schleuderfahrt, die schon gehörige Blechschäden verursacht hat. Ums Jammern geht es überhaupt nicht, auch wenn ich zugebe, dass gerade in meiner Generation eine Neigung zum Selbstmitleid existiert. Das eigene Elend mit Humor zu betrachten kann jedoch ein Anfang sein, das Jammern zu überwinden.
SPIEGEL: Befunde wie "Alles ist vorbei. Die New Economy. Die Spaßgesellschaft. Die Popliteratur. Der Neue Markt. Die ,Börse im Ersten'' aber bleibt" klingen doch ziemlich deprimierend.
Illies: Die Devise "Weiter so, Deutschland" - das war die Generation Golf vor vier Jahren, als ich das erste Buch schrieb. Wir waren in eine Situation hineingeboren, die trotz aller apokalyptischer Ängste unserer Eltern und Lehrer sehr behütet und Erfolg versprechend war. Wir wuchsen in einem großen, gut riechenden Wattebausch auf. Und dann kamen, als wir erwachsen wurden, dieser Börsenaufschwung und die New Economy, und naiv, wie wir waren, glaubten wir, wir seien so erfolgreich, weil wir so viel Sachverstand hätten.
SPIEGEL: Wenn vor vier Jahren für die Generation Golf die Devise "Weiter so, Deutschland" galt, wie lautet dann die für heute - "Mach''s endlich anders, Deutschland"?
Illies: Schön wär''s. Nein, es ist ein erschrockenes "Oh, das hätte man aber wissen müssen!" Schon vor vier Jahren
ordnete meine Generation die kollekti-
ven Interessen den individuellen unter - damals aus Sorglosigkeit. Heute zieht man sich noch mehr zurück - aber aus Sorge.
SPIEGEL: Ist das angesichts des Irak-Kriegs, des Terrors vom 11. September 2001 und des Niedergangs der New Economy nicht sehr verständlich?
Illies: Durchaus. Es sind Kofferbomben wie auf dem Dresdner Bahnhof, es ist die Angst um den Arbeitsplatz, die den Rückzug ins eigene Heim bewirken. Ein Gefühl der Verunsicherung hat sich in unser Leben eingeschlichen - und wenn Ikea fragt "Wohnst du noch, oder lebst du schon?" würde ich am liebsten antworten: Ja, ich lebe schon, würde aber am liebsten ganz gern wieder nur noch wohnen.
SPIEGEL: Vielleicht sind Sie einfach nur älter geworden. Dokumentiert Ihr Buch nicht vor allem die Macht der Zeit, die noch jeder Generation von Oberschlaumeiern deren verwegenste Flausen ausgetrieben hat?
Illies: Möglich, aber nur mit Flausen im Kopf kann man was verändern. Außergewöhnlich für unsere Generation war die Geschwindigkeit, mit der sie es nach oben geschafft hat, und die Geschwindigkeit, mit der es dann gleich wieder runterging: Wir standen schon mit Ende 20 oder Anfang 30 kurz davor, mit Eigenheim und gefülltem Konto die Frühpensionierung ins Visier zu nehmen. Und jetzt stehen wir plötzlich wieder ganz am Anfang, haben womöglich den Job verloren - das ist wie beim Malefiz-Spiel, wenn man kurz vor dem Ziel noch mal zurück auf Anfang muss.
SPIEGEL: Was folgt daraus?
Illies: Ich glaube, etwas Positives. Wir sind jetzt gegen Heilsversprechen, auch ökonomische, immun. Jetzt kommt der Realismus, und das ist Anlass zur Hoffnung.
SPIEGEL: Klingt nicht nach Rock''n''Roll.
Illies: Sie wollen Rock''n''Roll? Ich habe leider Rückenprobleme ...
SPIEGEL: Sind Sie ein neokonservativer Streber, wie manche Kritiker und Leser Ihnen seit Erscheinen des ersten "Generation Golf"-Buchs unterstellen?
Illies: Das finden vielleicht gewisse Feuilletonisten oder Frau Engelen-Kefer. Haben Sie noch mehr Beschimpfungen parat?
SPIEGEL: Klar. Sind Sie, wie zu lesen ist, früh vergreist?
Illies: Nein. Nur Brillenträger.
SPIEGEL: Spießig?
Illies: Ja, sehr; und sogar monogam.
SPIEGEL: Schnöselig?
Illies: Meinen Sie jetzt mich als Person oder meine Generation?
SPIEGEL: Das ist schwer zu trennen, da der Erzähler Ihrer Bücher so oft von "unserer Generation" spricht, wenn er von sich selbst spricht.
Illies: Als ich anfing, über das geheime Band zu schreiben, das mich und meine Altersgenossen zusammenhält, hatte ich schon diese strenge "FAZ"-Schule durchlaufen, die einem verbietet, "ich" zu sagen. Außerdem kenne ich das "Ich" aus journalistischen Texten nur in Verbindung mit einem extrem hohen Eitelkeitsfaktor.
SPIEGEL: Ist die Unverschämtheit, "wir" zu sagen, denn so viel geringer als die Unverschämtheit, "ich" zu sagen?
Illies: Na ja, das ist Geschmackssache. Aber wichtig ist mir, dass meine Beobachtungen nie mehr als ein Angebot waren: Kein Leser wurde gezwungen, sich mit der Privatsicht des Autors Florian Illies zu beschäftigen, die da vor drei Jahren in einem kleinen Berliner Verlag verbreitet wurde.
SPIEGEL: Geschrieben "im eitlen Glauben, daran lasse sich die Geschichte der ganzen Generation erzählen", wie Sie am Ende des ersten Buchs selbstkritisch notiert haben. Warum mussten Sie schon nach so kurzer Zeit die Fortsetzung dieser Geschichte erzählen - aus Sorge um Deutschland?
Illies: Unsinn. Ich wollte nie der Autor eines Buchs sein, von dem großkopferte Leitartikler sagen: Genauso geht''s, hier ist die Roadmap zu einem glücklichen Deutschland, die Gebrauchsanweisung "Revolution leicht gemacht in zehn Schritten". Mein Anspruch ist es zu beschreiben: Das waren die Werte einer Generation, die mir anders erschienen als die früherer Generationen. Und jetzt habe ich bemerkt, dass diese Bewertungen nicht mehr gültig sind - auch für mich. Ich hatte Lust zu gucken: Was hat sich geändert, was ist da passiert, dass wir die selbstgewisse Siegeszuversicht verloren haben?
SPIEGEL: Trügt unser Eindruck, dass der Zeitgeistdoktor Illies zwar fleißig Symptome der neuen Melancholie einsammelt, aber dabei leider vergisst, Heilmittel zu empfehlen?
Illies: Ich finde, die besten Ärzte sind die, die mir meine Befunde so eindringlich beschreiben, dass ich den Weg zur Heilung selber herleiten kann. Ich setze auf Selbsterkenntnis. Das ist, medizinisch gesehen, der schmerzhafteste und der produktivste Weg. Wenn ich als Zahnarzt dem Patienten die Löcher zeige, muss ich ihm nicht sagen, dass er die Zähne besser putzen soll. Das wäre mir zu pädagogisch.
SPIEGEL: Sie nennen Jonathan Frantzens Buchtitel "Korrekturen" zeittypisch - und mitunter wirkt Ihr ganzes neues Buch wie eine einzige große Korrektur. Genieren Sie sich für manche Dinge, die Sie vor vier Jahren geschrieben haben?
Illies: Ja. Das Risiko, in einem bestimmten Moment als wahr empfundene persönliche Einschätzungen auch als wahr zu verkünden, ist natürlich groß. Ich kann verstehen, dass manche Leser glauben, der Erzähler des Buchs bilde sich manchmal ein, er wisse, wie''s läuft. Wenn ich das Buch heute lese, ist das wie in einem Fotoalbum zu blättern ...
SPIEGEL: ... in dem man durchaus Peinliches entdecken kann.
Illies: Ja, man sieht vor allem die Gedanken, die man sich nicht gemacht hat. Es gibt Stellen, an denen ich - oder viele meiner Altersgenossen - einfach zu nassforsch waren, als wüssten wir ganz sicher, wo''s langgeht.
SPIEGEL: Nun schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, Ihre Generation bräuchte Hilfestellung beim Entwickeln von Leidenschaft, was gerade in politischer Hinsicht gilt. Imponiert Ihnen das Engagement der heute 20-Jährigen, der so genannten Generation Golfkrieg?
Illies: Ja, wenn es um Globalisierungskritik und den Kampf um die Durchsetzung des Kyoto-Protokolls geht, halte ich das Engagement für unbedingt notwendig und richtig.
SPIEGEL: Trotzdem hüten Sie selber sich vor politischen Aussagen. Warum wirkt es so leidenschaftsarm, wenn Sie zum Beispiel die Prasserei der in Berlin herrschenden 68er attackieren?
Illies: Ich finde es arrogant und falsch gegenüber dem Leser, wenn man ihm die eigene Meinung aufzwängt. Da halte ich mich lieber zurück und gehe mit dem Vorwurf um, ich sei oberflächlich. Vor vier Jahren fanden die meisten Menschen meiner Generation, dass die 68er nicht weiter störten, auch die durfte es neben Börsenboom und "Big Brother" geben. Heute merkt man, dass ausgerechnet diejenigen, die einst predigten "Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geborgt", bei den Renten und Gesundheitskosten fast bedenkenlos auf Kosten der jüngeren Generation leben. Zugleich werfen sie genau jene Sorg- und Achtlosigkeit, mit der sie die Vorzüge des Sozialstaats ausnutzen, dann der Generation Golf vor.
SPIEGEL: Warum steht Ihrer Meinung nach ausgerechnet der Erfolg von Dieter Bohlen für die hoffnungsspendende Aufkündigung der Konsensgesellschaft?
Illies: Dieter Bohlen sagt einer Kandidatin bei "Deutschland sucht den Superstar" einfach: "Du kannst überhaupt nicht singen" - und darüber staunt dann die Nation. Wie kann man so etwas sagen? Das geht doch nicht, so was tut man nicht. Dass Bohlen es trotzdem macht und damit für Verstörung und Begeisterung sorgt, das sagt sehr viel über die Entwicklung der Gesellschaft: Da geht eine bestimmte Art von Verlogenheit zu Ende. Selbst Lord Dahrendorf sagt heute, die 68er müssen weg, andere müssen den Job machen.
SPIEGEL: Warum gehen Sie nicht in die Politik? Sie sind doch der geborene Klassensprecher.
Illies: Ich schrieb schon früher lieber in der Schülerzeitung. Ich will mit meinen Büchern die Gesellschaft mitgestalten, indem ich sie beschreibe, bis man lachen muss - oder es eben wehtut.
SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, dass Ihr neues Buch viele Leute aggressiv machen wird?
Illies: Das ist sehr in Ordnung. Durch das Ingangsetzen von Aggression entsteht Leidenschaft, und die rüttelt am lähmenden Konsensgefüge unserer Gesellschaft. Im Übrigen ist die Erfahrung, ein Nachfolgebuch zu schreiben, schon deshalb gut, weil dann viele Leute sagen können, okay, "Generation Golf 1" war ja gut, aber der zweite Teil ...
SPIEGEL: In Hollywood haben die zweiten Teile sogar manchmal mehr Erfolg als die ersten, etwa bei "Terminator 2".
Illies: Vielleicht erinnern Sie auch noch an den Untertitel: Tag der Abrechnung.
INTERVIEW: LOTHAR GORRIS,
WOLFGANG HÖBEL
* Florian Illies: "Generation Golf zwei". Blessing Verlag, München; 256 Seiten; 16,90 Euro.
Von Lothar Gorris und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 28/2003
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