14.07.2003

AGENTEN Kein schöner Land

Vor 18 Jahren lief der US-Soldat Jeffrey Carney in die DDR über. Aus Dank bürgerte die Stasi den Verräter ein. Jetzt will der Topspion zurück. Doch die deutschen Behörden blocken ab, und die Heimat, die er sucht, ist längst untergegangen. Von Jürgen Dahlkamp
Berlin-Ost, DDR: Damals, wenn Jens Karney von der Arbeit nach Hause fuhr, und auf dem Bürgersteig standen sie Schlange, keine Ahnung, warum - Tomaten, Gurken -, irgendwas musste es ja geben, wegen der Schlange, stoppte er sofort seinen Lada und stellte sich auch an. Und dann fragte der eine was, sagte der andere was, wusste der nächste was, und niemals kam Karney sich so furchtbar einsam vor wie heute.
"Eigentlich", sagt er, "war es doch schön in der DDR."
Ohio, Amerika: Heute steht Jens Karney, geboren 1963 in Cincinnati als Jeffrey M. Carney, bei der Stasi geführt als "Quelle Kid", einer der besten Überläufer, die je für die DDR die US-Armee ausspioniert ha-
ben, wieder in der Schlange, diesmal im Kroger''s-Supermarkt, irgendwo in Ohio - und spürt, dass er sich falsch anstellt. Mit seinem Baumwollbeutel sieht er aus wie ein Öko-Spinner; wenn er mit einem Fahrrad vom Supermarkt-Parkplatz fährt, halten "mich alle anderen für irre". Und kein Mensch redet hier in der Schlange mit Wildfremden.
"Wenn man wählen kann", sagt Karney, "geht man natürlich dahin, wo man sich am wohlsten fühlt." Nach Deutschland.
Ein Mann will zurück in seine Heimat. Seine Heimat, das war die DDR, jahrelang, bis zum Fall der Mauer hat er ihr treu gedient, in guten und in schlechten Zeiten, ausgezeichnet mit der NVA-Verdienstmedaille in Bronze, mit der Medaille der Waffenbrüderschaft in Gold. Und weil es seine besten Zeiten waren, will der Stasi-Agent nun, nach zwölf Jahren Knast im amerikanischen Fort Leavenworth wegen Spionage, heimkehren nach Deutschland.
Dafür aber braucht er einen deutschen Pass, sein alter, ausgestellt noch 1991 in Berlin, ist abgelaufen. "Ich bin Deutscher", behauptet Karney, zeigt die Kopie eines DDR-Ausweises und klingt halb verbittert, halb verzweifelt, weil keine deutsche Behörde ihm einen neuen Pass geben will. Nicht ihm, der den Westen verraten hat und dafür im Osten Deutscher wurde.
Es ist die Geschichte eines Täters, der gar nicht leugnet, dass er ein Verbrechen begangen hat, als er mehr als hundert hoch sensible US-Militärpapiere zur Stasi durchsteckte. Es ist aber auch die Geschichte eines Opfers, das von einem Greiftrupp des Air-Force-Geheimdienstes OSI am 22. April 1991 in Berlin auf offener Straße gekidnappt und verschleppt wurde, zum Prozess in die USA.
Als die Presse 1997 auf den Fall stößt, protestiert die Bundesregierung nur leise in Washington. Umso akribischer prüfen deutsche Behörden dagegen, ob Carney überhaupt deutscher Staatsbürger ist, also jetzt tatsächlich übersiedeln dürfte. Und obwohl aus jedem DDR-Bürger mit der Wiedervereinigung grundsätzlich ein Bundesbürger geworden ist: In seinem Fall ist die Antwort nein. Kein Pass für Jens Karney.
Im Labyrinth seines Lebens ist das vielleicht die düsterste Sackgasse. In Amerika fühlt er sich wie der böse Hund, den man in den Keller sperrt, einer, dem nicht zu trauen ist. Nicht einen Freund hat er in der Kleinstadt, in der er lebt, er kommt sich vor "wie ein Einwanderer". Deutschland dagegen ist immer noch sein Land, so sehr, dass Karney bei jedem Integrationstest die Höchstpunktzahl bekäme - für Sütterlin, sicher in Lesen und Schreiben, noch ein paar Punkte extra. Er kennt die Emser Depesche und den Kapp-Putsch, die Namen aller U-Bahn-Stationen in Berlin, den Unterschied zwischen Jäger- und Zigeunerschnitzel. Deutsch spricht er fließend, fast akzentfrei. Außer wenn er sächseln will.
Schon als Junge las er Buch um Buch über Deutschland und die Deutschen, vor allem über Militärgeschichte. Als er sich 1980 zur US-Armee meldet, entscheidet er sich deshalb schnell für Berlin. Dort können die Funkaufklärer der 6912th Electronic Security Group in Marienfelde einen wie ihn gebrauchen, perfekt die Sprache, schnell die Auffassung, vor allem aber: phänomenal sein Gehör. DDR-Kampfpiloten, die er abhorcht, erkennt er an der Stimme. Jeden einzelnen.
Nur: So empfindlich sein Gehör, so empfindsam auch sein Gemüt. Er hungert nach Lob, seine Vorgesetzten speisen ihn mit Floskeln ab, dabei flimmert seine Psyche schon gefährlich. Bald spürt er, dass er schwul ist, nun wächst die Angst, entdeckt zu werden, nun wächst der Hass, dass die Air Force so etwas nie hinnehmen würde.
So stolpert er, 19 Jahre alt, nach zu vielen Pints in einem Irish Pub und mit der Gefühlsverwirrung eines Spätpubertierenden, eines Nachts am Grenzübergang Friedrichstraße/Zimmerstraße in eine DDR-Wachstube. Bereit zur Rache an Amerika, zu irgendetwas, das "so laut knallt, dass endlich alle mal hinhören".
Anderthalb Stunden wartet er, dann kommen die Profis von der Staatssicherheit. Sie kopieren seinen Militärausweis, ahnen, dass ihnen der Zufall eine Goldquelle in die Hand spielt; nun schließt sich die Hand. Sie machen ihm Angst - drohen, ihn umzubringen, falls er ein Doppelspiel versucht - und machen ihm Mut: Wenn einer die Chance habe, etwas Wichtiges zu tun, für den Frieden, die Gerechtigkeit, eine bessere Welt, dann sei er jetzt der richtige Mann an der richtigen Stelle, schmalzt ihm der Stasi-Major Ralph Dieter Lehmann ins Ohr. Auch Carney könne ein "Soldat an der unsichtbaren Front" werden, einer der wenigen, auf die es wirklich ankomme. Und Carney, der Junge mit der Streberbrille, ist bereit.
Von nun an sprudelt die "Quelle Kid" für die Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), unverdächtig und unbefangen wie ein Kind. Nicht Kopien liefert sie an die Abteilung XI, zuständig für Spionage gegen die USA, sondern nummerierte Originale. Darunter manches "mit höchsten Wertigkeiten", wie es in einem Führungsbericht der Stasi im März 1987 heißt, und anerkennend: "Entsprechende Einschätzungen vom Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit der UdSSR, Armeegeneral Tschebrikow, liegen vor."
Berichte deponiert Carney in toten Briefkästen, Instruktionen holt er sich im Osten, er schlüpft durch Geheimschleusen im Eisernen Vorhang und reist ein Dutzend Mal in die DDR. 300 West-Mark kassiert er dann jedes Mal, die Amerikaner aber schädigt er nach späteren Schätzungen um 14,5 Milliarden Dollar. Sein größter Coup: 47 Seiten mit dem Code-Namen "Canopy Wing", die US-Pläne, im Ernstfall den Funkverkehr des sowjetischen Generalstabs lahm zu legen.
Auch nachdem Carney 1984 den Marschbefehl nach Texas bekommt, auf den Luftwaffenstützpunkt San Angelo, fleddert er weiter Geheimdokumente aus der technischen Bibliothek der Air Force. Dann aber, labil, überreizt, ausgebrannt, "in einem psychisch desolaten Zustand", wie die Stasi notiert, kommt der Tag, an dem er nicht mehr kann. Im September 1985, kurz vor einem Psycho-Test der Air Force, desertiert "Kid" nach Mexiko. Er klingelt bei der DDR-Botschaft, lässt sich ausfliegen in eine neue Heimat: die Deutsche Demokratische Republik.
Natürlich: Carney weiß zu viel, als dass die Stasi ihn einfach fallen lassen könnte, aber da ist noch mehr: Selbst in der Berliner Normannenstraße, am Sitz des Bösen im Überwachungsstaat, gibt es so etwas wie Gefühle von Dankbarkeit. "In dieser Hinsicht war die DDR regelrecht fürsorglich", erinnert sich heute ein ehemaliger Stasi-Spitzenmann. "Ein Kundschafter des Friedens, der so viel für die Heimat getan hatte, der sollte nicht erleben müssen, dass die Heimat es gar nicht wert war."
So verbringt der Geheimdienst auch "Kid" nach dem Kollaps seiner US-Existenz in eine stabile Seelenlage: Er bekommt eine Stelle, montags bis freitags, von halb acht bis fünf, wieder in der Funkaufklärung, unter anderem gegen seine alte US-Abteilung, für 1400 Ost-Mark den Monat plus 1500 West-Mark im Jahr. Doch das ist nicht alles. In einem Stasi-Bericht aus dem Mai 1987 heißt es: "Die Legalisierung als DDR-Bürger wurde abgeschlossen." Jeffrey Carney bekommt einen Personalausweis der DDR, Laufzeit bis zum 15. Dezember 1999; damit sei der "Aufenthalt offizialisiert".
War er das? Und bedeutete das wirklich, dass der US-Spion jetzt Deutscher war? Jeffrey Carney hieß im Ausweis nun Jens Karney, noch dazu mit falschem Geburtsort, Dessau statt Cincinnati, weil sonst jeder Dorfpolizist nachgefragt hätte. Für Jeffrey Carney alias Jens Karney steht dennoch fest: "Damit war ich eingebürgert." So sieht es nicht nur er: Der letzte Spionagechef der Stasi, Werner Großmann, schrieb schon vor Jahren über "Kid", dass der Überläufer "DDR-Bürger geworden" sei. Deshalb, sagt Karney, habe er am 7. März 1991, kurz bevor Agenten der Air-Force-Einheit OSI ihn ohne Wissen deutscher Behörden vor seiner Berliner Wohnung entführten, auch ganz korrekt einen bundesdeutschen Ausweis bekommen. "Es dauerte eine halbe Stunde auf dem Amt", erinnert er sich, "eine reine Formalie."
Für deutschen Beamte heute ein Papier ohne Wert, ein Pass ohne Wiederkehr. Aus ihrer Sicht ist er nur das Ergebnis einer Stasi-Legende, nichts, womit man eine deutsche Staatsangehörigkeit begründen könnte. Ebenso der DDR-Personalausweis, für sie nur ein Scheindokument aus dem Lügenapparat der Geheimen.
Schon 1996, Karney saß noch in Fort Leavenworth und fragte nach einem neuen deutschen Pass, beschied deshalb die Berliner Innenbehörde, dass er in der DDR in Wirklichkeit gar "nicht eingebürgert wurde und somit auch nicht die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat".
Und dabei soll es bleiben: Karney hat zwar einen Pass, auch einen Sozialversicherungsausweis der DDR, das will der zuständige Gruppenleiter Siegfried Kaminski in der Innenbehörde alles gar nicht bestreiten. Aber ohne Staatsbürgerschaftsurkunde seien die Papiere bedeutungslos. Die jedoch hat weder Karney vorlegen noch die Behörde aufspüren können. Kaminski hart: "Er kann ja klagen."
Einen Prozess könnte sich Karney nicht mal leisten. Er arbeitet in Ohio in einer Fabrik, "Plaste fräsen" für 8,50 Dollar die Stunde. Außerdem sind die Erfolgsaussichten schwer kalkulierbar. Der Anwalt Gregor Gysi jedenfalls hat ihm die Akten zurückgeschickt, dazu die Einschätzung, es sei "sehr ungewiss, wie ein solches Verfahren ausginge". Erst recht, weil Karneys HVA-Akte nach dem Mauerfall geschreddert wurde.
Damit hängt die deutsche Existenz des Jeffrey Carney an der Glaubwürdigkeit alter Stasi-Offiziere; deren Aussagen sind klar: "Das mit der Staatsangehörigkeit wird ganz offiziell gewesen sein", sagt HVA-Chef Großmann. Ein anderer Ex-Genosse aus der Stasi-Führung bestätigt, in der Sache Karney habe es sogar extra Verhandlungen mit dem zuständigen Oberstleutnant im Innenministerium gegeben. "Das Ministerium des Inneren hat zugestimmt, und dann ist das gelaufen."
Klingt eindeutig, hilft Karney aber wohl nicht weiter. Selbst wenn er beweisen könnte, dass er wirklich eingebürgert wurde - "schließlich durfte ich sogar wählen in der DDR" -, bliebe immer noch die Frage, ob er als Spion des Ostens überhaupt würdig gewesen wäre, nach der Wende auch die bundesdeutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen.
Juristen reden von einem Verstoß gegen den "ordre public", die öffentliche Ordnung. Die Ordnung ist freilich die Ordnung der Sieger, Karney aber gehört zur Seite der Verlierer und damit zu denen, die die Ordnung störten. Im deutschen Konsulat in Toronto, Kanada, hat das kürzlich eine Dame vom Personal angeblich auf den Punkt gebracht: "Herr Karney, Sie will doch keiner."
"Verstehe ich ja", sagt Karney da, andererseits: "Bei anderen schaut man auch nicht so streng." Tatsächlich erinnert man sich in den Innenministerien der neuen Bundesländer nicht an einen Fall, in dem eingebürgerte Stasi-Spione oder Terroristen die deutsche Staatsbürgerschaft wieder verloren hätten.
Karney aber hat doppeltes Pech: Seine Geschichte ist schon zu bekannt, als dass sich etwas still regeln ließe. Und ausgerechnet für seinen Fall gibt es bereits ein passendes Präzedenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts: Ein Pole, 1954 in der DDR eingebürgert, später in West-Berlin als Stasi-Agent verhaftet, hatte die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Das Gericht aber stellte 1985 klar - wer Landesverrat begeht, hat die Sicherheit der Bundesrepublik gefährdet: kein Pass.
"Ich habe doch gar nicht gegen die Bundesrepublik spioniert, sondern gegen die Amerikaner in Deutschland", windet sich Karney. So fein ziseliert aber wird nicht getrennt werden, vermutet Kai Hailbronner, Staatsrechtslehrer an der Uni Konstanz: "Karney ist wohl der klassische Fall des ordre public."
Damit wäre die Sache für Karney eigentlich erledigt - würde er nur endlich mal damit aufhören können, sich als Deutscher zu fühlen: Hinter der Heckscheibe seines Ford klemmt das alte DDR-Kennzeichen, ICG 8-20, Highway-Cops hält er seinen DDR-Führerschein hin, in Bewerbungen gibt er pflichtbewusst seine "Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR" an.
Deutschland ist sein "kein schöner Land", zwölf Jahre hat er es konserviert. Nicht das Bild eines kalten Spitzelstaates, das hat er damals schon "nicht sehen wollen". Es ist die Erinnerung an die Nachbarschaft in der Pintschstraße 12 in Friedrichshain: wie er den Straßenbaum vor der Tür gepflegt hat, wie er sich gekümmert hat um die Rentner im Haus, ihren Keller aufgeräumt, den Flur gefegt, und wie er sich mit den Genossen von der Kommunalen Wohnungsverwaltung angelegt hat, als die alten Leute kein Wasser hatten, ausgerechnet am Nationalfeiertag. "Das war meine Ersatzfamilie, das war die kleine DDR, nach der ich mich sehne."
Heute ist nur noch die Friseuse da, Frau Boll, Erdgeschoss, alle anderen sind tot, ausgezogen, der ganze Block saniert. Das ganze Land: wegradiert, zumindest auf den ersten Blick.
Karney wollte es selbst sehen. Vor drei Wochen war er zum ersten Mal wieder in Berlin, für ein paar Tage. Er fuhr mit der S-Bahn, die Scheiben waren zerkratzt, die Wagen besprüht, so was hatte es damals in der DDR nicht gegeben. Und der Palast der Republik wartete nun auf den Abriss. Karney fragte sich, warum nicht auch das ICC im Westteil.
Da war also der Westen gekommen, am Westen, fand er, war immer "das Schlimmste, dass man keine Nachbarn brauchte", und jetzt war das auch hier so. Erst wurde Karney wütend über diese "Zerstörungswut gegen alles, was mit der DDR zu tun hatte", dann ein bisschen traurig, dann ein bisschen fatalistisch. "Ja, kann schon sein, dass ich mich nach etwas sehne, was es nicht mehr gibt, aber tun wir das nicht alle?"
Und deshalb will er noch immer zurück, nach Deutschland, das Land, in dem mal seine Heimat lag. Eine bessere hat er zumindest nicht.
* Links sein letzter DDR-Pass von 1989, rechts sein bundesdeutscher Pass von 1991.
Von Dahlkamp, Jürgen

DER SPIEGEL 29/2003
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