DER SPIEGEL



IRAN

Allahs Stadtindianer

Mit einer neuen Taktik wollen Teherans Demonstranten dem Regime trotzen. Ein Ende des Protests ist nicht in Sicht.

Wie Verlierer traten die Studentenführer nicht auf, die am vergangenen Donnerstag zu einer geheimen Manöverkritik im Teheraner Viertel Amirabad zusammengekommen waren. Zwar mussten sie sich in der Nacht zuvor letztlich einem Großaufgebot an Sicherheitskräften geschlagen geben. Statt Zehntausender Sympathisanten hatten sich zum Jahrestag des 9. Juli 1999 höchstens einige tausend Teheraner demonstrativ zum Universitätsviertel begeben. Offizielle Kundgebungen zum Gedenken an jenen Überfall religiöser Eiferer auf ein Studentenheim, dem damals ein Kommilitone zum Opfer gefallen war, sagten die Organisatoren ab.

Dennoch wähnten sich die Studentenführer keine zwölf Stunden nach ihren jüngsten Straßenschlachten, in denen ihnen die Handlanger der islamischen Ultras die Träume von Meinungsfreiheit und Demokratie - im Wortsinn - zerschlugen, zumindest strategisch auf der Siegerstraße. In ihrer jüngsten Konfrontation hatten die Protestler erstmals ein neues, für sie geradezu revolutionäres Konzept erprobt, mit dem sie den verhassten Mullahs auch künftig einheizen wollen:

Nicht ein einzelner großer Demonstrationszug, leichte Beute für Polizei und religiöse Schlägertrupps, die Bassidschi, sei diesmal formiert worden, hieß es in ihrer internen Besprechung; vielmehr hätten sie auf ein flexibles System von Kundgebungen gesetzt, verteilt über ganz Teheran - Allahs fortschrittliche Stadtindianer auf dem urbanen Kriegspfad am Fuße des Albors-Gebirges.

Tatsächlich waren gerade die ersten Parolen an der Enghelab-Straße verklungen, da erhob sich ein paar Kilometer weiter östlich vor dem Uno-Sitz neuer Protest. Kaum griffen dort die Sicherheitskräfte zu, versam-

melte sich die nächste Gruppe auch schon vor dem Lale-Hotel, dem Quartier der internationalen Presse im Herzen der Stadt.

Trotzdem war die Grundstimmung gedrückt in den Buchhandlungen und Internet-Cafés des Studentenviertels Amirabad, die Bilanz des mit Spannung erwarteten Protesttages enttäuschend: 1,5 Millionen junge Männer und Frauen sind an den Hochschulen Irans eingeschrieben. Ihr Einfluss, im Gegensatz zur Revolution vor rund 25 Jahren, scheint gering. "Junge und Alte, fast alle sind für uns", klagt der Wirtschaftsstudent Afschin, 22, "aber nur wenige wollen wirklich das Risiko der Konfrontation eingehen."

Dass Mohammed Resa Chatami, immerhin der Bruder des Staatspräsidenten, die Regierung öffentlich aufgefordert hat, gegen die "Schattenorgane" des Regimes vorzugehen und illegale Übergriffe der Schlägertrupps zu unterbinden, hilft den jungen Leute von Teheran wenig.

Die Reformer in Regierung und Parlament, auf die vor vier Jahren noch die Studenten gesetzt hatten, stehen inzwischen selbst in der Kritik. "Weg mit Mohammed Chatami!", forderten Demonstranten vor drei Wochen in der ersten Welle des Protests. Zu lange schon sei der Präsident im Amt, ohne auch nur eine leichte Liberalisierung gegen seinen Rivalen, den konservativen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei, durchgesetzt zu haben.

Auch vom Ausland fühlten sie sich im Stich gelassen, kritisiert der Student Ali Akbar, 19, politisch auf dem Laufenden wie die meisten seiner Kommilitonen. "Was wollen zum Beispiel die Europäer?", fragt er. "Sie behaupten, sie unterstützen uns, aber in Wirklichkeit wollen sie nur mit dem Regime Geschäfte machen."

Trotzdem wächst der Druck von außen auf den einst als Reformer gefeierten Staats- und Regierungschef Chatami. Seit Wochen verlangen die USA von ihm, jene Aktivisten des Terrornetzwerks al-Qaida auszuliefern, die sich in Teherans Gewahrsam befinden sollen.

Gerüchte, wonach Teheran Osama Bin Ladens Sohn Saad sowie den Stellvertreter des Chefterroristen, Aiman al-Sawahiri, und den Qaida-Sprecher Suleiman Abu Gheith festhält, dementierte die Regierung. In Bezug auf Bin Ladens Militärchef Seif al-Adl steht dieses Dementi noch aus.

Auch der Konflikt um das angebliche Atomwaffenprogramm der Mullahs spitzt sich zu. Teheran habe noch "Klärungsbedarf", meinte letzte Woche Mohammed al-Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Er hoffe, "dass sich Iran in der Lage sehen wird, das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag zu unterschreiben".

Diplomatischer hätte er den wachsenden Unmut kaum formulieren können: Nur wenige Tage zuvor hatte Teheran zum Ärger der USA einen "Abschlusstest" mit der Schahab-3-Rakete vorgenommen. Die Waffe verfügt über eine Reichweite von bis zu 1500 Kilometern, könnte so das bei Teherans Ultras verhasste Israel treffen.

Und der internationale Druck wird - ebenso wie der innenpolitische - weiter steigen. Zeitgleich mit einem IAEA-Team, das diese Woche zu Inspektionen nach Iran reisen soll, wird der Uno-Berichterstatter für den Schutz von Meinungs- und Pressefreiheit aus Genf erwartet.

Inzwischen dürfte sich die Fallsammlung für den Uno-Abgesandten, den Kenianer Ambeyi Ligabo, drastisch vergrößert haben:

Allein nach den Protesten im Juni wurden 4000 Demonstranten festgenommen; die Zahl der Verhaftungen in der vergangenen Woche ist noch nicht bekannt.

* Am vergangenen Mittwochabend.

DER SPIEGEL 29/2003
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