21.07.2003

PHILOSOPHENHerberts Asche

Nach jahrelangem Vergessen ist die Urne des Denkers Herbert Marcuse in Berlin zur letzten Ruhe gekommen.
Als Harold Marcuse vor anderthalb Jahren eine E-Mail bekam und gefragt wurde, wo sein berühmter Großvater begraben läge, hatte er keine Ahnung: "Interessante Frage."
Herbert Marcuse, einer der Begründer der Frankfurter Schule und später Hohepriester der Studentenbewegung, war 1979 bei einer Vortragsreise in Starnberg gestorben. Seine Witwe Ricky beauftragte die Bestattungsfirma Zirngibl, die Leiche zur Einäscherung nach Österreich zu bringen: In Deutschland, sagte sie, seien schon zu viele Juden verbrannt worden.
Anschließend war die Asche in die USA geflogen worden und sollte in einem Beerdigungsinstitut in New Haven (Connecticut) zwischenlagern. Ricky Marcuse konnte nicht gefragt werden, sie war 1988 verstorben. Harold Marcuse mailte seinem Vater Peter. Der bestätigte den ungefähren Lagerort und fragte: "Willst du sie haben?"
Nach einigen Rundrufen tauchte die Asche wieder auf und wurde Peter Marcuse zugestellt. Ein Pappkarton mit - wie sich beim Öffnen herausstellte - einer granulatartigen Substanz und jeder Menge Klammern. Der materielle Rest eines großen Geistes. Aber wohin damit?
Die Familie überlegte, die Krümel in Pontresina zu verstreuen, dem Ferienort im Engadin. Enkelin Irene schlug vor, sie im Torrey-Pines-Park von San Diego zu zerbröseln oder die Nilpferde damit zu füttern. Die Idee hätte Marcuse gefallen. Er liebte die Hippos und war als historischer Materialist genauso immun gegen falsche Sentimentalität wie seine Nachkommen.
Schließlich einigten sie sich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, dort wo das bessere Deutschland liege, Brecht, Hegel, Heiner Müller. "Wenn es das oppositionelle Deutschland ist, welches seine Asche bekommt, ist das in Ordnung", sagte Peter Marcuse. "Wenn die begeistert antworten und kein Theater machen, bin ich dafür. Ansonsten Torrey Pines." Die Nilpferde.
Marcuse wurde zum philosophischen Kopf der Studentenbewegung. Die 68er-Generation adoptierte den weißhaarigen Emigranten an Vaters statt. Er war die Brücke zur Vor-Nazi-Zeit. 1898 in Berlin geboren, als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten, hatte er bei Heidegger und Husserl Philosophie studiert und in den dreißiger Jahren zusammen mit Erich Fromm und Max Horkheimer dem legendären Institut für Sozialforschung in Frankfurt angehört. 1932 verließ er Deutschland, ging in die Schweiz, dann nach New York ins Exil.
Dort wurde er ein Star. Die Studenten in Berkeley erhofften sich Aufklärung über das Rätsel, weshalb Arbeiter lieber angeln gingen, als die Revolution zu machen. Weshalb sie im allgemeinen Entfremdungszusammenhang des Spätkapitalismus ganz zufrieden wirkten, solange die Baseballspiele pünktlich übertragen wurden.
Marcuses Bücher hießen "Triebstruktur und Gesellschaft" oder "Der eindimensionale Mensch". Es war gut geschriebener Marxscher Materialismus fürs Außen- und Freudsche Seelenanalyse fürs
Innenleben. Das intellektuelle Wellness-Programm. Mit Marcuse lag man immer richtig, und Begriffe wie "repressive Toleranz" wurden zum Universalschlüssel für jede Lebenslage.
Seine Kollegen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer konnten mit den Rebellen auf dem Campus nicht viel anfangen. Vor allem, wenn sie ihre Brüste zeigten. Marcuse dagegen erzählte von Black Panthers, Hells Angels und sonstigen Randgruppen, von denen die Revolution zu erwarten sei. Das klang schon besser. Die Studenten liebten ihn.
Es sind etwa 70, die vorigen Freitag hinter der Urne über den Friedhof schreiten. Die Familie. Einige, für die Marcuses Vortrag in der Freien Universität 1968 der Höhepunkt ihrer Jugend war. Von der PDS Petra Pau und Berlins Kultursenator Thomas Flierl, dessen Vater ein Freund der Marcuses war. Der wegen angeblicher Stasi-Verstrickungen gekündigte Ex-Rektor der Humboldt-Universität, Heinrich Fink. Im Zug läuft auch eine ältere Frau mit blondierten Ringellöckchen. Es ist Angela Davis, die Ikone der Schwarzenbewegung und eine der Doktorandinnen Marcuses. Davis ist heute Professorin für "Bewusstseinsgeschichte" in Santa Cruz.
An der Grabstätte liegt ein Gebinde des Regierenden Bürgermeisters. Berlin hat Marcuse ein Ehrengrab eingerichtet. Er empfinde dafür keine Dankbarkeit, sagt Peter Marcuse, der Sohn, in seiner Ansprache: "Es ist nur richtig, dass der Nachfolger des Staates, der ihn ins Exil getrieben hat wie so viele seiner Landsleute, Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Marxisten, Linke, Kommunisten, Andersdenkende, ihn nun in Ehren willkommen heißt."
Die Familie spricht das Kaddisch-Gebet der Trauernden: "Jitgadal we-jitkadasch schmei rabah ..." Ein Urenkel schwenkt dazu eine pinkrosa Comic-Katze mit blauen Pfoten, wie sie nur die Bewusstseinsindustrie der USA ersinnen kann. Aber der Junge ist selig und sieht seinem Ahnen ähnlich, wie aus dem Gesicht gefallen.
Keine weiteren Reden bitte. Marcuses Asche ist heimgekehrt. Weit entfernt vom strengen Hegel, dafür gleich vis-à-vis von Rudi Strahl, einem Schriftsteller, auf dessen Grabstein geschrieben steht: "Lasst uns die nächste Revolution in einem August beginnen". ALEXANDER SMOLTCZYK
* Oben: am 13. Mai 1968 im Audimax der Freien Universität Berlin; unten: am vergangenen Freitag auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 30/2003
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