28.07.2003

NAHOSTMit Jetlag in den Frieden

Nach 27 Jahren Haft ließ Israel einen palästinensischen Attentäter frei - seine Landsleute feiern ihn als neuen Mandela.
Die Tür zu Ahmed Dschabaras Wohnung steht offen, er genießt es, sich in offenen Räumen aufzuhalten. 27 Jahre lang war er in israelischen Gefängniszellen eingesperrt, und dort hat er es zum am längsten einsitzenden palästinensischen Häftling gebracht.
Dann, im vergangenen Monat, wurde Dschabara, 67, plötzlich entlassen - 23 Jahre vor dem Ende seiner 50-jährigen Haftstrafe. Mit dem Gnadenerweis wollte Israel günstige Voraussetzungen für den Versöhnungsgipfel von Akaba schaffen. Seither wohnt der Ex-Häftling, den Palästinenser unter dem Kampfnamen Abu Sukkar kennen, in einer Luxusresidenz mitten in Ramallah. Seine Nachbarn sind jetzt reiche Exil-Palästinenser, Geschäftsleute oder Gäste der palästinensischen Führung.
In dem kühlen, modern eingerichteten Apartment sitzt Dschabara fremd wie ein Kunde in einer Musterwohnung. Der dunkelblaue Anzug, den ihm seine Frau aus ihrem Heimatdorf Turmus Aja im Westjordanland mitgebracht hat, hängt lose an ihm herab wie ein geborgtes Kleidungsstück. Er ist von einem Leben auf einmal in einem ganz anderen angekommen, und er kämpft mit dem Jetlag.
Palästinenserpräsident Jassir Arafat zahlt persönlich die Miete für den Kampfgefährten, und wie immer nahm er bei der Begrüßung den Mund zu voll: "Willkommen, Bruder, du bist unser Nelson Mandela." Ehrenhalber berief er den Entlassenen sofort in den Fatah-Revolutionsrat und machte ihn zu seinem Sonderberater für Gefängnisfragen.
Denn der ins Abseits gedrängte Palästinenserführer weiß genau, dass die Geschichte des Marathon-Häftlings viele Sympathien in der Bevölkerung weckt. 6000 Palästinenser sitzen noch immer in israelischer Haft, Hunderte von ihnen ohne Anklage oder Prozess.
Fast täglich demonstrieren Palästinenser für die Freilassung ihrer Söhne, Väter, Brüder oder Ehemänner. Vorige Woche drohten die Extremisten von Hamas und Islamischem Dschihad gar mit einem Ende des Waffenstillstands, falls die Gefangenen nicht unverzüglich freigelassen würden. "Wir sind alle im Gefängnis, ich auch", brüstet sich Arafat, sein Freund Abu Sukkar führt inzwischen viele Demonstrationen an.
Wenn er durch die Straßen zieht, wird er wie ein Volksheld gefeiert. Passanten umarmen ihn, laden ihn zu Hochzeiten ein. Taxifahrer bieten ihm Freifahrten an, in Restaurants soll er auf Kosten des Hauses essen.
Ein Volksheld? Sicher, aber auch ein Terrorist. 1975 hatte Dschabara eines der grausamsten Attentate jener Tage verübt: In einem Kühlschrank versteckten er und ein Komplize eine mit einem Zeitzünder versehene Bombe. Den Sprengsatz stellten sie vor einem Haushaltswarenladen in der Jerusalemer Innenstadt ab. Die Explosion riss 15 Menschen in den Tod, über 70 wurden verletzt. "Jahrelang sah ich noch die zerfetzten Körper vor mir, die in unseren Laden geschleudert wurden", erinnert sich Jehuda Warschawski, dessen Vater die Eisenwarenhandlung gehörte.
Jizchak Rabin, damals Premier, erklärte dem palästinensischen Terror den Krieg: "Es gibt nur eine Sprache, die sie verstehen - die Sprache des Schwertes." Mit Diplomatie und Aussöhnung näherte sich Rabin den Palästinensern erst 20 Jahre später.
Als die Jagd auf den Kühlschrank-Bomber begann, war Abu Sukkar längst nach Beirut zu Arafat geflüchtet. Die Angst vor dem Geheimdienst der Israelis trieb ihn weiter - in die Türkei, nach Bulgarien, Jugoslawien, Deutschland und in die USA. Erst nach 14 Monaten fühlte sich der Abgetauchte sicher genug, zurückzukehren - ein Fehler, wie sich schnell erwies. Als er am 20. September 1976 von Jordanien aus die Grenze passierte, schnappten ihn die Israelis.
Bei den Verhören sei er gefoltert worden, klagt Abu Sukkar heute. "Sie schlugen mich und zwangen mich, mich nackt auf eine Cola-Flasche zu setzen." Vor dem Militär-Tribunal leugnete er die Tat hartnäckig.
Heute hingegen gibt Abu Sukkar den Anschlag zu, verteidigt ihn aber noch immer und zeigt kein Mitgefühl mit den Opfern: "Die Welt hatte uns Palästinenser vergessen, wir wollten, dass sie auf uns aufmerksam wird." Genutzt, räumt er widerwillig ein, hätten die Terrortaten wenig. Gewalt und Gegengewalt, aber auch die jüngste, knapp drei Jahre währende Intifada hätten den Palästinensern nur noch mehr Drangsal beschert.
Dass der bewaffnete Kampf gescheitert sei, mag er nicht öffentlich eingestehen. Doch seine Verteidigung der Gewalt ist schwach und formelhaft. "Was konnten wir denn sonst tun?", wehrt er sich. "Das war der einzige Weg, um die Israelis an den Verhandlungstisch zu bringen. Sollten wir ihnen denn Blumen streuen?"
Gleichwohl sei er jetzt "für den Frieden, aber für einen wahren Frieden". Noch vom Gefängnis aus habe er die Extremistengruppen bedrängt, sich für eine Hudna, einen Waffenstillstand, einzusetzen. "Es gibt schon zu viele Opfer auf beiden Seiten, wir müssen aufhören zu kämpfen", so der PLO-Mann.
Bevor sich die Gefängnistore für ihn öffneten, legte ihm der Direktor ein Papier mit den Bedingungen seiner Haftentlassung vor: "Hier, unterschreib!" Dschabara musste versichern, Israel nur mit vorheriger Erlaubnis zu betreten, den Friedensprozess zu unterstützen und nie wieder eine Waffe gegen Israel zu erheben. Abu Sukkar unterschrieb.
ANNETTE GROßBONGARDT
Von Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 31/2003
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