04.08.2003

KIRCHE „Legalisierung des Bösen“

Mit einer fundamentalistischen Philippika zieht der Vatikan gegen Schwule, Lesben und die Homo-Ehe zu Felde. Damit will der Papst nicht nur die Gläubigen wieder auf konservative Linie zwingen - er versucht auch christlichen Politikern vorzuschreiben, wie sie zu handeln haben.
Macht hat, wer das Leben anderer Menschen auch gegen deren Willen verändern kann. Welche Macht die katholische Kirche in der Bundesrepublik noch hat, das zeigte sie jüngst etwa am Fall einer lesbischen Religionslehrerin aus Trier.
Im Januar hatte die Katholikin Bianka Hering, 33, allen Mut zusammengenommen, weil endlich Schluss sein sollte mit Heimlichtuerei und Heuchelei: Im Standesamt heiratete sie ihre Freundin. Dann schickte die Homosexuelle einen freundlichen Brief an den Trierer Bischof Reinhard Marx. Sie bat um "eine persönliche Begegnung" und schrieb, sie hoffe, dass sie weiter Religion unterrichten dürfe.
Statt auch nur zu antworten, machte Marx kurzen Prozess: Seine Schulabteilung schrieb dem Hindenburg-Gymnasium, dass die Lesbe "bis auf weiteres nicht im Fach Katholische Religion eingesetzt" werden dürfe. Die Schule parierte.
Im kommenden Schuljahr wird die Lehrerin das Fach Ethik statt Religion unterrichten. Interessenten gibt es genug: Ausnahmslos alle 24 Schülerinnen und Schüler ihres Oberstufenkurses wählten Religion ab - und belegten Ethik. Gut möglich, dass die Kirche da gerade 24 Seelen für immer verliert: "Der Papst interessiert die Schüler doch kaum noch", so Hering. "Die sagen alle, der spinnt."
Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger hat noch weit mehr Macht als ihr Gegenspieler Marx. Als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, der ehemaligen Inquisitionsbehörde, legt Ratzinger, 76, verbindlich fest, was katholischer Glaube ist. Und wie aus heiterem Himmel ließ der konservative Bayer am vergangenen Donnerstag ein Donnerwetter gegen Schwule und Lesben los. Mit Zustimmung des Papstes wütet Ratzinger in einer 15seitigen Philippika gegen Homosexualität im Allgemeinen ("Anomalie", "gegen das natürliche Sittengesetz") und die Schwulen-Ehe im Besonderen. Homo-Lebensgemeinschaften, so der nach dem Papst mächtigste Kirchenfürst, seien "böse" und "schwere Verirrungen".
Wer so um sich schlägt, steht oft mit dem Rücken zur Wand. Ratzingers Thesen sind denn auch kein Angriff aus einer Position der Stärke - er hält wohl eher verzweifelt die Fahne hoch in einer belagerten Festung. Denn der Kirche laufen die Gläubigen davon, die Priesterschar ist verunsichert durch Affären um Kinderschänder im Talar, in den westlichen Gesellschaften verschwimmt die Identität der Kirche.
Doch zum Politikum wird Ratzingers Schrift nicht durch den kaum verhüllten Schwulenhass, sondern wegen der gar nicht verhüllten Order an Politiker: Jeder kirchentreue "Parlamentarier hat die sittliche Pflicht", gegen Gesetze anzukämpfen, die homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichstellen. Ein Katholik, der solchen Gesetzen zustimme, helfe bei der "Legalisierung des Bösen".
Das geht gegen deutsches Recht. Denn seit zwei Jahren dürfen Schwule und Lesben standesamtlich heiraten, mehrere tausend Paare haben das bislang getan. Vor allem aber hat es eine solche Schurigelei von katholischen Abgeordneten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren nicht mehr gegeben. Denn das schrieb fest, dass die Kirche in politischen Dingen keine verbindliche Kompetenz habe - und der Gläubige somit lediglich seinem Gewissen verpflichtet ist.
Eine massive Einmischung ist in Deutschland auch aus historischen Gründen tabu: Im Kaiserreich waren die Kirchen noch engstens mit dem Staat verflochten, Weimarer Verfassung und später Grundgesetz räumten damit auf - wenngleich die Kirchen noch viel Einfluss behielten: in Schulen, an Universitäten, in der Entwicklungshilfe.
Die meisten deutschen Politiker reagierten denn auch harsch auf die Einmischung aus Rom. "Die Kirche geht entschieden zu weit, wenn sie Minderheiten zur Diskriminierung freigibt", so FDP-Chef Guido Westerwelle. Und tatsächlich strotzt Ratzingers Papier vor Zynismus. Er verlangt von Schwulen, auf ihre Sexualität zu verzichten - und verbreitet dann scheinheilig, der Christ möge ihnen gleichwohl "mit Achtung, Mitleid und Takt" begegnen. Also etwa so wie Aussätzigen.
Da schüttelt es selbst führende Katholiken: Winfried Kretschmann, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und grüner Fraktionschef in Baden-Württemberg, glaubt, es sei "geradezu meine Aufgabe als Christ, Homosexuelle in die Mitte der Gemeinschaft zu holen".
SPD-General Olaf Scholz verbat sich umgehend Befehle aus Rom an Parlamentarier: "Der Papst wird das deutsche Gesetz zur Homo-Ehe dadurch nicht aushebeln können." Das sei "ein schlimmer und unglaublicher Vorgang", sekundiert Wilhelm Schmidt, Kirchenbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion, "es ist auch der Versuch, ein imperatives Mandat auszuüben".
Selbst Spitzenpolitiker der Christenunion wollen nicht parieren: Bei einer Telefonkonferenz einigten sich CDU-Chefin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber darauf, erst mal zu schweigen. Ratzingers Aufruf, das Gesetz zu attackieren, wollen sie ignorieren. "Wir werden nichts unternehmen, um die Gesetzeslage in Frage zu stellen", heißt es in der Unionsführung.
Immerhin aber hat Ratzinger in seiner ehemaligen Heimat Bayern noch Getreue von vorgestern. "Ich begrüße die Erklärung", tönte der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis: "Das ist keine Ein-
mischung in die Politik, denn katholische
Abgeordnete haben ohnehin die Pflicht, sich entsprechend der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu verhalten."
Doch selbst nach den Regeln der Theologie schießt Ratzinger ein Eigentor. Gemäß katholischer Lehre ist der Mensch die Krone der Schöpfung Gottes. Auch dem Vatikan ist klar, dass Homosexualität eine Veranlagung ist - mithin von Gott geschaffen. Und wenn es dem Höchsten gefallen hat, einige Menschen so zu polen, die Kirche aber Homosexualität für etwas Widernatürliches hält - dann unterstellt sie ihrem Gott eine ziemliche Schlamperei. Und noch schlimmer: Dass der Chef Böses schafft, widerspricht katholischer Auffassung. Was also?
Es ist zudem keineswegs ausgemacht, dass alle deutschen Bischöfe an der Seite ihres Oberhauptes stehen - auch wenn sie erst mal schwiegen. Seit Jahren tobt unter ihnen ein Kampf zwischen Modernisierern und Konservativen; zuletzt zeigte der Streit um den Ökumenischen Kirchentag Ende Mai in Berlin, wie weit sich die beiden Denkschulen auseinander gelebt haben.
Die Konservativen um den Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner wettern gegen einen "großen Desorientierungs- und Verwirrungsschub" in der Gesellschaft und warnen vor "Konturlosigkeit" der Kirche, wenn die sich zu tolerant gebe. Die Liberalen um den Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann kontern, ihre Gegenspieler würden "den Teufel an die Wand" malen. Was einst "Meinungsverschiedenheiten im eigenen Lager" (Lehmann) waren, ist längst zum Streit um "die Substanz des Glaubens" (Meisner) geworden.
Beide Seiten suchen das richtige Rezept gegen die Krise, denn noch nie ging es der katholischen Kirche in Deutschland so schlecht. Austritte, Imageverlust und Finanznot möchte Lehmann bekämpfen, indem er die Kirche moderner, toleranter und damit attraktiver macht. Meisners Leute hingegen setzen auf den Rückzug in die Vergangenheit - und mit Ratzingers Schwulen-Edikt wird klar, welche der beiden Fraktionen aus römischer Sicht für die richtige Verteidigungsstrategie steht.
Dass auch Ratzinger und der Papst selber ihr Papier als Teil eines Kampfs gegen die Moderne sehen, verrät ein Passus: Die Homosexualität sei schon an sich ein "beunruhigendes Phänomen" -"noch bedenklicher wird es in den Ländern, die homosexuellen Lebensgemeinschaften eine rechtliche Anerkennung bereits gewährt haben oder gewähren wollen".
Denn die Dämme katholischer Moralvorstellungen brechen zurzeit allerorten: Selbst in einst finster katholischen Ländern wie Italien und Spanien werden Schwu-
len-Ehen politisch diskutiert. In einigen US-Bundesstaaten werden entsprechende
Regelungen erwartet, und die Kanadier wollen eine landesweite Regelung. Konkreter Anlass für Ratzingers Vorstoß waren, so Vatikan-Insider, die zahlreichen Homo-Gesetze und Initiativen in Europa (siehe Grafik).
In Ratzingers Glaubenskongregation wurde bereits seit einem Jahr an dem Papier gearbeitet. Deutsche Bischöfe waren daran zwar nicht direkt beteiligt - doch Meisner hat mit seiner Weltsicht bei Besuchen in Rom keineswegs hinter dem Berg gehalten. Und er ist dort Mitglied der einflussreichen Bischofskongregation.
Der Kölner Kardinal warf der Bundesregierung schon vor, sie betreibe "Förderung von aus christlicher Sicht unsittlichen Verhaltensweisen" und zerstöre damit das "ohnehin brüchige Wertefundament". Wie er tickt, zeigte nach den Anschlägen vom 11. September, dass er die muslimischen Terroristen recht gut versteht: "Wenn unsere Gesellschaft Gott lästert, Frauen nackt in Zeitungen abbildet, wenn Kinder abgetrieben, wenn Homosexuelle getraut werden, dann bedeutet das in den Augen vieler Muslime: Das sind doch keine Menschen mehr - das sind Tiere."
Auch das muntere Treiben in den eigenen Reihen dürfte Männer wie Meisner und Ratzinger quälen: Der Anteil schwuler Priester gilt Experten als ausgesprochen hoch. Das Milieu in den Priesterseminaren ist ideal, und später wird der Zölibat als Erklärung dafür akzeptiert, warum man sich so gar nicht für Frauen interessiert.
20 bis 25 Prozent der Priester seien schwul, schätzt Titus Neufeld, selbst homosexuell, katholischer Priester und Hochschuldozent. Mindestens. Eine US-Umfrage unter 1200 Priestern ergab, dass in der Gruppe der 25- bis 35-Jährigen 47 Prozent homosexuelle Erfahrungen gesammelt hatten.
1990 quittierte Neufeld seinen Dienst und baute kurz danach ein geheimes Netzwerk mit auf. Mittlerweile gehören rund 150 aktive Geistliche den "Katholischen Schwulen Priestergruppen Deutschlands" an. Sie treffen sich ebenso regelmäßig wie heimlich, um Erfahrungen auszutauschen. "Gerade die Kirche bot mir die Gelegenheit, meine Homosexualität auszuleben", sagt ein Priester.
Insider höhnen deshalb, die größte transnationale Schwulen-Organisation sei doch die katholische Kirche selber. Bang fragte sogar das konservative Katholen-Blättchen "Die Tagespost" im März, wann der Tag komme, "an dem der Klerus - von wenigen Ausnahmen abgesehen - durchgehend homosexuell" sei. "Wenn sich alle outen und dann rausgeworfen würden", sagt Norbert Katzenbach von der Ökumenischen Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche", "könnte der Vatikan den Laden dichtmachen." DOMINIK CZIESCHE,
MICHAEL FRÖHLINGSDORF, CLEMENS HÖGES, HORAND KNAUP, CHRISTOPH SCHULT, ULRICH SCHWARZ, PETER WENSIERSKI
AUSZÜGE DER RATZINGER-ERKLÄRUNG
"Diese Erwägungen haben auch zum Ziel, die katholischen Politiker in ihrer Tätigkeit zu orientieren und ihnen die Verhaltensweisen darzulegen, die mit dem christlichen Gewissen übereinstimmen, wenn sie mit Gesetzentwürfen bezüglich dieses Problems konfrontiert werden."
"Die Ehe ist heilig, während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen."
"Die homosexuelle Neigung ist objektiv ungeordnet, und homosexuelle Praktiken gehören zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen."
"Die Legalisierung von homosexuellen Lebensgemeinschaften würde ... dazu führen, dass das Verständnis der Menschen für einige sittliche Grundwerte verdunkelt und die eheliche Institution entwertet würde."
"Das Einfügen von Kindern in homosexuelle Lebensgemeinschaften durch die Adoption bedeutet faktisch, diesen Kindern Gewalt anzutun."
* Beim lesbisch-schwulen Stadtfest in Berlin am 22. Juni. * Bei einer der ersten Trauungen am 1. August 2001.
Von Cziesche, Dominik, Fröhlingsdorf, Michael, Höges, Clemens, Knaup, Horand, Schult, Christoph, Schwarz, Ulrich, Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 32/2003
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