04.08.2003

AUTOREN

Dunkle Mächte

Von Cziesche, Dominik

Der Ex-Minister Andreas von Bülow galt einst als Jungstar der SPD - als Galionsfigur von Verschwörungsfreaks hat er nun ein abstruses Buch zum 11. September geschrieben.

In seinen besten Jahren wirkte Andreas von Bülow sehr zufrieden mit sich und der Welt. Ein wenig schaute er aus wie John F. Kennedy. Mit sehr amerikanischem Lächeln. Einer perfekt sitzenden Frisur. Blauen Augen. Tüchtig, clever, smart: So schien er sich zu sehen, so sahen ihn andere.

Damals, in den siebziger und achtziger Jahren, hätschelte die SPD ihren Jungstar, Kanzler Helmut Schmidt berief ihn 1980 zum Bundesforschungsminister. Heute aber erinnert sich die Partei nur ungern an ihr einstiges Wunderkind Andreas von Bülow.

Denn seit er vor knapp einem Jahrzehnt aus der Spitzenpolitik ausstieg, hat sich Bülow, 66, vom Pragmatiker zum Verschwörungstheoretiker gewandelt, vom Stichwortgeber der "Tagesschau" zum scheinbar glaubwürdigsten Apologeten jener, die allerorten die Ränkespiele dunkler Mächte sehen. Seine Lieblingstheorie der vergangenen Monate: Die Anschläge vom 11. September seien keineswegs das Werk von Osama Bin Laden gewesen, sondern vermutlich eine skrupellose Intrige der US-Geheimdienste zur "Sicherung globaler amerikanischer Weltherrschaft".

Ende voriger Woche erschien seine wilde Geschichte als Buch ("Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Rolle der Geheimdienste"). Es gibt zwar schon mehrere Dutzend Konspirationsbeiträge zu den Terrorattacken. Doch anders als unbekannte Spökenkieker adelt der Ex-Minister geballten Unfug durch den Nimbus der Seriosität.

Dass viele der selbst ernannten Sachbuchautoren in der Belletristik besser aufgehoben wären, scheint die Verlage nicht zu stören, schließlich geht es ums Geschäft. Allein der frühere "taz"-Redakteur Mathias Bröckers hat von seinem ersten Verschwörungsbuch zum 11. September bislang rund 100 000 Exemplare unters Volk gebracht, die Fortsetzung seiner Terror-Thesen kam vergangene Woche heraus.

Publikum genug gibt es, schließlich hält es immerhin knapp ein Fünftel der Deutschen einer Forsa-Umfrage zufolge für möglich, dass die USA die Anschläge inszeniert haben könnten. Sie trauen US-Präsident George W. Bush alles zu, den etablierten Medien dagegen nichts. Die sind laut Bülow sowieso vom Geheimdienst unterwandert oder "gleichgeschaltet".

"Es gibt einen unglaublichen Hunger nach Interpretation, und dieser Hunger

wird in einer komplexen Welt, gerade auch nach dem 11. September, immer weniger gestillt", erklärt Heiner Keupp, Professor für Sozialpsychologie an der Uni München, den Erfolg der Theorien. Anlässe für Misstrauen hat die US-Regierung zudem genug geliefert: Spätestens seit der Irak-Feldzug mit Unwahrheiten über Massenvernichtungswaffen begann und Washington immer wieder Pläne über gezielte Desinformation der Medien wälzt, scheint vielen alles möglich. Nur: Bülow war in seinem früheren Leben alles andere als ein Paranoiker. Er galt als pragmatisch, professionell, "sachlichen Argumenten immer zugänglich", so sein früherer Staatssekretär Erwin Stahl. Gerade deshalb stieg der promovierte Jurist als Smart Guy der deutschen Sozialdemokratie schneller auf als andere.

Mit 23 kam er in die SPD; mit 32 in den Bundestag, mit 39 war er Staatssekretär im Verteidigungsministerium und mit 43 einer der jüngsten Minister im Kabinett von Helmut Schmidt. Ein "Macher", befand die "Zeit" damals. Links? Rechts? Der Pragmatiker scheute selbst in ideologischen Zeiten Ideologien. Er plädierte für Kernenergie, als die höchst umstritten war, für Rüstungsabbau, als Kalte Krieger regierten, und für Mikrotechnologie, als viele die noch für einen Jobkiller hielten.

Doch Anfang der neunziger Jahre schien seine Karriere zu stocken, und vermutlich da muss er begonnen haben abzudriften. Damals fungierte Bülow als SPD-Obmann in einem Bundestagsuntersuchungsausschuss, der die Verbindungen des DDR-Devisenhändlers Alexander Schalck-Golodkowski durchleuchten sollte. Ein damals inhaftierter Zeuge wandte sich an ihn und prahlte mit angeblichem Insiderwissen aus dem Reich der Geheimdienste. "Wir erkannten recht schnell, dass das alles nicht stimmen konnte", erinnert sich sein Ausschuss-Kollege, der SPD-Politiker Volker Neumann.

Bülow aber schien den abenteuerlichen Berichten mehr abzugewinnen, er übernahm als Anwalt sogar das Mandat des Mannes. Sein Zeuge bot eine Buddel-Expedition nach Schweden an, um Beweise aus mysteriösen Erdlöchern zu finden. Ausschussmitglieder schüttelten da nur den Kopf.

Am Ende der Legislaturperiode, 1994, stieg Bülow aus der Politik aus - und begann kurz darauf mit der Gespensterjagd. Er beklagte sich nun, im Schalck-Ausschuss habe er viel über die Stasi gehört, aber kaum etwas über die ebenso dunklen Machenschaften westlicher Geheimdienste.

1998 veröffentlichte er sein erstes einschlägiges Buch über angebliche dunkle Geschäfte der Dienste mit Rauschgiftbaronen und Terroristen - Schmöker-Stoff auf James-Bond-Niveau. Was er nun zum 11. September nachlegt, ist ebenso abstrus, aber raffiniert angerichtet. 270 Seiten voller Konjunktive: hätte, könnte, sollte - aber vielleicht war alles auch ganz anders.

Geheimdienste sind für so etwas ein praktisches Sujet, weil sie prinzipiell auch den größten Blödsinn nicht dementieren. Und so kann Bülow völlig furchtlos phantasieren.

Die aus Hamburg kommenden Attentäter, so schreibt er etwa, seien nach Angabe von Hochschullehrern, Vermietern und Arbeitgebern gar nicht radikale Muslime gewesen. Blanker Unsinn, etliche Zeugen erinnern sich deutlich an die extrem fundamentalistische Lebensweise der Studenten. Auch Bülows Behauptung, 7 der 19 Entführer seien noch am Leben, entspringt der Phantasie. Und dass Todespilot Mohammed Atta nach den Anschlägen seinen Vater angerufen haben soll, wie Bülow verbreitet, ist selbst innerhalb seines Konstruktes unsinnig: Oder hätten dunkle Geheimdienstmächte, die Atta angeblich verschwinden ließen, ihn noch telefonieren lassen?

Allein mehr als 20 Seiten widmet Bülow der Vermutung, das World Trade Center sei vielleicht zusätzlich gesprengt worden, gut viereinhalb Seiten befassen sich mit der These, ins Pentagon sei an jenem Dienstagmorgen gar kein Flugzeug gestürzt. Und die vielen Zeugen dafür? "Da weiß man nicht", orakelt Bülow, "wer das ist."

Elegant nutzt er sogar eindeutige Spuren in Richtung al-Qaida, um seine These zu stützen - der Trick: Wenn Beweise nahezu perfekt seien, müssten sie ja wohl gefälscht worden sein. Todespilot Mohammed Atta etwa mailte schon aus Deutschland Flugschulen an. Er trainierte mit seinen Freunden in Terrorcamps. Er lauschte mit ihnen in Moscheen blutrünstigen Predigten; von der Clique existiert sogar ein Video. Weit mehr als 100 Aktenordner füllen allein die in Deutschland gesammelten Belege.

Gefälscht, gefälscht und noch mal gefälscht, unterstellt Bülow. Die deutschen Ermittler seien an der Nase herumgeführt worden. Oder noch schlimmer: Ein Drittel des Führungspersonals der hiesigen Sicherheitsbehörden, mutmaßt er, "trägt wie bei der Stasi zwei Hüte", arbeitet also geheim für die Amerikaner.

Selbst Hollywood sei womöglich in den größten Fake aller Zeiten verwickelt. Schließlich könnte die "neu und enger geknüpfte Verbindung des Pentagon zur Filmtechnik" geholfen haben, Bekenner-Videos der Qaida nachzustellen.

Auch die Telefonate, die Passagiere aus den entführten Maschinen mit Angehörigen führten und bei denen von Arabern die Rede ist, könnten durch Stimmenimitatoren der Dienste gefälscht sein, schreibt er. Nach Bülows Bezichtigungen dürften einige hundert von der gigantischen Verschwörung geahnt oder gewusst haben - und seither schweigen sie alle eisern.

Der Mann spinnt sein Garn immer nach derselben Methode: Mit unbewiesenen Behauptungen möbelt er nebensächliche Details auf und präsentiert sie im Konjunktiv, damit ihn niemand festnageln kann. Angetan hat es ihm etwa eine israelische Schifffahrtlinie, deren Angestellte Wochen vor dem Anschlag aus dem World Trade Center ausgezogen seien. Transportunternehmen seien "nicht selten Tarnfirmen von Geheimdiensten" - also wussten Geheimdienstler, womöglich vom Mossad, vorher Bescheid. Und warum? Selbstverständlich weil sie den Anschlag selber planten.

Seine Quellen für so etwas? "Viel aus dem Internet", sagt Bülow. Seine Aufgabe sei es schließlich, so der Autor, Spuren nachzugehen, so weit sie sichtbar seien - dabei verläuft er sich freilich schon vor der eigenen Haustür: So schreibt er, die Attentäter und einige ihrer Helfer hätten bei einer Computerfirma in Wentorf an der früheren deutsch-deutschen Grenze gearbeitet. Fuhren die Studenten also für 15 Mark Stundenlohn dorthin? Wohl kaum, raunt Bülow: "Es soll anonyme Hinweise aus Geheimdienstkreisen geben, wonach es sich bei dem Unternehmen um eine Briefkastenfirma gehandelt haben könnte."

Soll? Könnte? Alles Unsinn. Gearbeitet haben die Attentäter tatsächlich in einer Hamburger Dependance der Wentorfer Firma, und das Örtchen liegt sowieso nahe der Hansestadt. Das Unternehmen ist auch keine Briefkastenfirma, sondern residiert unübersehbar in einem Backsteinbau. Und dort beschäftigt es leibhaftige Angestellte.

Bülow ficht Kritik kaum an. Er müsse ja nicht seine Thesen beweisen, sondern die Ermittler weltweit sollten doch mal sagen, warum er, Andreas von Bülow, Unrecht habe: "Ich habe ja nicht die Beweislast. Die Beweislast hat die amerikanische Regierung." DOMINIK CZIESCHE

* Bei seiner Vereidigung als Bundesforschungsminister am 6. November 1980.

DER SPIEGEL 32/2003
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