04.08.2003

MITTELMEERGift im Paradies

Über 220 Millionen Urlauber zieht es dieses Jahr gen Süden. Doch das beliebteste Feriengebiet der Welt ist teilweise in schlimmem Zustand. Industrie und Landwirtschaft spülen Schadstoffe ins Wasser, der Siedlungsdruck nimmt zu. Experten sprechen von einem „dramatischen Notfall“.
Urlaub am Mittelmeer! Promenieren an der Côte d'Azur, Camping in Kroatien, Inselhopping auf den Kykladen - in diesem Sommer ist es mal wieder schöner denn je. 27 Grad hat das Wasser zurzeit, in der Adria sogar noch ein, zwei Grad mehr. So warm war es seit 3000 Jahren nicht, sagen Meeresforscher.
Den tropischen, schon seit ein paar Jahren steigenden Temperaturen scheint sich nun auch die Natur anzupassen. Aus dem Roten Meer kommen durch den Suezkanal die eleganten Gelbflossenbarrakudas und große, bunte, leckere Meerbarben. Von Afrikas Atlantikküsten haben sich Kugelfische Richtung Ägäis aufgemacht. Und wer vor Europas südlichsten Ufern taucht, vor der italienischen Insel Lampedusa, kann mit etwas Glück auf imposant schillernde Papageienfische stoßen.
Urlaub wie in der Karibik, nur ohne Jetlag und mit dem Bewusstsein, nicht nur im Wasser, sondern, irgendwie, auch in Kultur zu baden: Während Wissenschaftler über globale Klimaveränderungen dozieren und der Kieler Meteorologe Mojib Latif dieser Tage vor einem langfristigen Hitzeschub warnte, der den Mittelmeer-Tourismus "in 50 Jahren völlig zum Erliegen" bringe, träumen kulturbeflissene Sonnenfans von Hannibal, Odysseus und der schönen Aphrodite.
Oder von der Provence: Ihr Charme betörte Van Gogh, Cézanne und all die anderen Impressionisten, und dieses Jahr verführt er geschätzt 35 Millionen Gäste, ungeachtet der schlimmsten Waldbrände seit 15 Jahren, die vergangene Woche bei Fréjus wüteten und fünf Tote kosteten.
Venedig gar: Jährlich kommen 14 Millionen Besucher allein in diese Stelzenstadt, und "Spaghetti con le vongole" (Nudeln mit Venusmuscheln) gehören für sie dazu wie der Espresso auf dem Markusplatz - obwohl die Meerestiere ziemlich riskante Leckerbissen sind.
Die Sonne heizt das Wasser auf, sie gerbt das Land, sie erwärmt die Ewige Stadt Rom auf nächtliche 30 Grad und lockt fast eine Viertelmilliarde Touristen an Europas Badewanne. Die hat deshalb massive Umweltsorgen.
Das Mittelmeer ist eine verführerische Schönheit mit bedenklich vielen Problemzonen geworden. Vier Jahrzehnte Intensivtourismus haben insbesondere den europäischen Teil extrem belastet. Industrie und Landwirtschaft geben dem Wasser vielerorts den Rest.
Warum eigentlich können "vongole" aus Venedig so gefährlich sein? Weil manche dieser Venusmuscheln aus den Giftschlämmen von Porto Marghera stammen. Dieses gigantische Hafen- und Industriegebiet am nördlichen Rand der Lagune von Venedig wurde vor Jahrzehnten auf flache, künstlich aufgeschüttete Inseln gesetzt. Aus seinen Kohlehalden und Schrottbergen, Chemiefabriken, Kornmühlen und Treibstoffdepots münden metallene Abflussrohre und betonierte Abwasserkanäle in die Lagune - mit all ihrer toxischen Fracht.
Die Lagune ist hier ein Geflecht breiter Wasserstraßen, auf denen sich Tanker und klobige Frachtschiffe aneinander vorbeischieben. Dazwischen schaukelt das kleine Motorboot der Umweltpolizei. Ispettore Gino Bonin, Chef von fünf kommunalen Schutzleuten, die für die venezianische Umwelt zuständig sind, dirigiert es näher ans Ufer, zeigt auf die Wasserlinie: Die graublauen Wellen färben sich rot, wenn sie gegen die Böschung schlagen.
Das ist kein Naturwunder, sondern eine chemische Reaktion. Der Untergrund, der hier jeden Tag, jede Sekunde partikelweise freigesetzt wird, besteht aus Klärschlämmen und Hochofenasche, aus Bauschutt und Fabrikabfällen: "Vieles, was hier ausläuft, ist hoch giftig", sagt Bonin.
Fünf Millionen Kubikmeter toxische Chemieabfälle liegen in der Lagune. Für einen großen Teil gibt es keine Entsorgungstechnik. Man könnte den brisanten Ballast allenfalls mit Betonmauern umschließen, "einsargen". Und jeden Tag kommt neues Gift hinzu, auch wenn nach dem Gesetz nicht ein Liter ungereinigt, unbehandelt ins Wasser gelangen darf. Aber das, sagt Gino Bonin, der Polizist, sei Theorie. In der Praxis werde "das Zeug weiter in die Lagune gepumpt, illegal eben".
Umweltschützer von Greenpeace und vom World Wildlife Fund (WWF) maßen im Wasser Extremwerte von krank machenden Metallen wie Kupfer, Zink und Blei. Sie fanden in einem Kanal mehr Quecksilber und in einem anderen mehr Chlorverbindungen als in irgendeinem anderen Gewässer auf Erden. Das inzwischen weitgehend verbotene Insektenmittel DDT ist im venezianischen Lagunen-Cocktail ebenso reichlich enthalten wie das seit der Umweltkatastrophe von Seveso gefürchtete Dioxin TCDD.
Natürlich ist es streng verboten, in den besonders belasteten Zonen der Lagune zu baden oder gar Fische und Muscheln zu fangen. Tatsächlich machen sich aber Hunderte von Kuttern regelmäßig dorthin auf, um Vongole zu ernten. Nirgendwo gedeihen die so prächtig wie in den Giftkanälen mit den immer warmen Industrieabwässern. "Ein paar tausend Euro" könne das dem Fischer pro Nacht bringen, schätzt Paolo Cacciari, Venedigs Umwelt-Chef: "Ein irres Geschäft - auch für die Händler."
Armes blaues Mittelmeer!
So wie an seiner nördlichsten Küste rund um Venedig sieht es an vielen Stellen aus. Das auf Prospektfotos stets strahlend klare Wasser ist vielfach zu einer dreckigen Brühe verkommen.
Im Süden pumpen Tunesiens staatliche Düngemittelkonzerne seit über 25 Jahren ihre toxischen Abfälle in den Golf von Gabès. Im Osten, an Israels Küsten, tragen von Chemiewerken verseuchte Flüsse giftigen Ballast ins Meer. Mindestens 70 Marinetaucher, die zum Üben in den Fluss Kishon geschickt worden waren, erkrankten an Krebs, 30 starben daran. Im Westen, an den beliebten Stränden Spaniens, treibt eine entfesselte Tourismusindustrie ganze Regionen in ein ökologisches Desaster.
Das Wasser des Mittelmeeres wird wärmer, salziger und in immer höherem Maße belastet. Die Luft wird schlechter, die Ozonwerte überschreiten im Sommer die Grenzwerte. Die Küsten erodieren, 85 Prozent des Waldbestandes sind schon weg.
Brände, oft vorsätzlich von Grundstücksspekulanten gelegt, fressen jährlich weitere 600 000 bis 800 000 Hektar. Die Landschaft wird vermüllt, zersiedelt und mit Beton und Asphalt versiegelt.
Rund 500 Meerestierarten sind vom Aussterben bedroht, darunter die Mönchsrobbe, die unechte Karettschildkröte, Wal- und Delfinarten. Auch das Seepferdchen wird in ein paar Jahren verschwunden sein.
Armes blaues Mittelmeer!
Es bedeckt trotz seiner rund drei Millionen Quadratkilometer weniger als ein Prozent der globalen Meeresfläche, muss aber 20 Prozent des internationalen Tankerverkehrs verkraften. Mit seinem Wasser werden die Motoren, Laderäume und Tanks Tausender Schiffe gewaschen sowie Ölbohrtürme gereinigt.
Bis zu einer Million Tonnen Teersubstanzen, schätzen Experten, bleiben jährlich zurück. Das ist gut 20-mal so viel wie vorigen November beim Untergang der "Prestige" an die spanisch-französischen Küsten gespült wurde. Europas Plantschbecken ist mit 38 Milligramm Teer pro Kubikmeter Wasser das schmutzigste Meer der Welt.
Immerhin, seit den achtziger und neunziger Jahren ist einiges geschehen. Flossen damals kommunale und industrielle Abwässer meist völlig unbehandelt ins Meer, so existieren heute an den meisten Küsten des Nordens und in etlichen arabischen Gegenden Kläranlagen. In Athen und Barcelona beispielsweise werden Toiletten nicht mehr gänzlich ungeklärt ins Meer entleert.
Weil Umweltverbände Giftmüllverklappungen und illegale Dioxin-Entsorgungen anprangerten, wurde eine Reihe extremer Missstände behoben. Die Behörden in vielen Anrainerstaaten haben seither die Einleitung besonders problematischer Stoffe verboten, die Entsorgung anderer Substanzen zumindest limitiert. Die Flüsse transportieren heute weniger Phosphate als vor 20 Jahren, weil die Hausfrauen überwiegend phosphatfrei waschen.
"Badewasser okay", bescheinigt der ADAC den meisten Stränden. Jährlich werden die Noten besser, das freut und beruhigt die Urlauber. Und so kommen immer mehr.
1960 verbrachten 135 Millionen Menschen ihre Ferien am Mittelmeer. Diese Saison werden über 220 Millionen erwartet, das wären schon wieder 10 Millionen mehr als 2001. In einem Vierteljahrhundert könnten 350 Millionen an die überfüllten Strände drängen, die letzten Zuwachsraten zu Grunde gelegt.
Es ist die Riviera der Filmstars, die sie suchen, wo Grace Kelly und Cary Grant lässig durch die Serpentinen kurvten, es ist die Dauerparty auf Ibiza, der Zauber Capris, das Kolosseum, aber auch der Ballermann. Wer auf sich hält, hat sowieso schon längst ein Haus im Süden.
Als einer der Pioniere gilt "Wetten, dass"-Erfinder Frank Elstner, der vor über 30 Jahren auf Mallorca siedelte. Ihm folgte die ganze Promi-Schleppe, Sabine Christiansen und Claudia Schiffer, Dieter Wedel und Boris Becker.
Jacques Chirac logiert regelmäßig in der luxuriösen Festung Bregançon an der Côte, Spaniens König Juan Carlos I. im Marivent-Palast auf Mallorca, derweil die jungen britischen Royals Harry und William gern auf dem spanischen Festland in Sotogrande an der Costa del Sol ihr Handicap verbessern.
Putins Töchter Mascha und Katja haben bei Berlusconi auf Sardinien genächtigt, Bushs Jenna auf der Yacht von Rapper Puff Daddy alias P. Diddy vor Saint-Tropez. Supermodel Heidi Klum netzte dieser Tage ihre aus der Fruchtgummi-Werbung bekannten Zehen im Tyrrhenischen Meer, Seite an Seite mit Lover Flavio Briatore. Sting hingegen preist die strandlose süditalienische Vulkaninsel Pantelleria in höchsten Tönen: "Kein Ort auf dieser Welt ist stärker."
Lauter Gegensätze vereint das Mittelmeer mit seinen 21 Anrainerstaaten. Es ist Idyll und Giftküche gleichermaßen - VIP-Paradies und Ökopflegefall.
Gutachten stellen seinen Zustand nur fragmentarisch dar. Weder wird überall gemessen, noch nach einheitlichen Kriterien. Mit ihren Wasserproben ermitteln Wissenschaftler meist nur den Anteil von Fäkalbakterien, Streptokokken oder Salmonellen, die Durchfall und Erbrechen beim Badenden auslösen können.
In die Wertung geht womöglich auch ein, wie viel Müll am Strand liegt, nicht aber, wie viel Quecksilber oder Ölschlamm, Reste von Insektiziden oder Krebs erregende Industriechemikalien im Wasser treiben. Hoch belastete Küstenstreifen werden in der Regel gar nicht untersucht, weil sie ja nicht als Badezonen ausgewiesen sind. Generell gilt: Das Wasser rund um die Inseln ist sauberer, das Küstenterrain, vor allem an den Mündungen großer Flüsse, verdreckter als der Durchschnitt.
Oft liegen Top-Strände und Schmutzwasserzonen aber auch nahe beieinander. Peter Rey, Leiter des Hydra-Instituts für angewandte Hydrobiologie, das für den ADAC regelmäßig die Badegewässerqualitäten vergleicht, hat aus Tausenden von Mittelmeerstränden für den SPIEGEL an den italienischen, französischen und spanischen Urlaubsküsten besonders saubere und besonders riskante gefiltert.
130 extrem problematische Regionen haben Forscher und Umweltpolitiker in den letzten Jahren katalogisiert, darunter viele beliebte Urlaubsgebiete: das türkische Antalya, die Küsten vor Kretas Hauptstadt Heraklion, vor Athen und Patras, die Deltaküste der Rhône in Frankreich, die spanische Küste bei Valencia, Strandabschnitte von Albanien und Zypern, Ägypten, Malta und Kroatien.
An der Küste vor Augusta und Melilli etwa, in Siziliens Provinz Siracusa, beträgt der Quecksilbergehalt das Zwanzigtausendfache des gesetzlichen Limits. Die Zahl der missgebildeten Kinder der Küstenbewohner ist drei- bis viermal so hoch wie im italienischen Durchschnitt.
So diagnostizierten denn auch Umweltexperten vergangenen Dezember auf einer Uno-Konferenz im sizilianischen Catania den aktuellen Zustand des Mittelmeeres als "dramatischen Notfall". Das Ökosystem werde durch "die ungebremste Urbanisierung der Küsten" und "die unkontrollierte Entwicklung des Massentourismus" überfordert. Das Problem verschärfe sich durch eine nach wie vor "skandalös unzureichende" Abwasserreinigung.
Fast alle Regierungen geben wichtigen Betrieben großzügige Ausnahmegenehmigungen, mit denen sie weiter ihren Müll im Meer versenken dürfen. Wo Wirtschaft und Gewerkschaften einträchtig für Arbeitsplätze und gegen hohe Umweltabgaben oder strenge Vorschriften einstehen, haben Ökoargumente wenig Überzeugungskraft. So kommt es, dass bis zu 80 Prozent aller Abwässer aus urbanen Gebieten, wie Fachleute vom WWF schätzen, mangelhaft oder überhaupt nicht behandelt ins schöne blaue Mittelmeer fließen.
Diese Art der Entsorgung war über Jahrtausende kein Problem. Die Natur wurde spielend damit fertig, denn das Mittelmeer ist eigentlich ein geniales, sich permanent selbst reinigendes System.
In jeder Sekunde fließen 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser durch die 23 Kilometer breite und 800 Meter tiefe Meerenge zwischen dem europäischen Gibraltar und dem nordafrikanischen Ceuta. Das entspricht 440 Niagara-Fällen oder dem 680fachen dessen, was der Rhein pro Sekunde im Jahresschnitt in die Nordsee pumpt.
Oberflächennahes, planktonreiches Atlantikwasser strömt mit zwei bis drei Kilometern pro Stunde ins Mittelmeer und kann durch den Gezeitenstrom bis zu zehn Stundenkilometer schnell werden. In der Tiefe herrscht ein Gegenstrom: Große Massen des wegen seines höheren Salzgehalts schwereren Mittelmeerwassers fließen mit ein, zwei Stundenkilometern Richtung Atlantik.
Durch Verdunstung entstünde im Mittelmeer, trotz seiner vielen großen Zuflüsse, innerhalb eines Jahres ein Niveauunterschied zum Atlantik von etwa einem Meter, wenn nicht der ständige Zustrom frischen Ozeanwassers diesen Verlust ausgliche. Sonst würde die beliebte Wanne austrocknen, was wegen ihrer enormen Ausmaße allerdings über tausend Jahre dauerte. Denn das Mittelmeer ist nicht nur 3890 Kilometer lang und bis zu 1850 Kilometer breit, es ist vor allem im Vergleich zur Nordsee extrem tief: 1500 Meter im Schnitt, maximal 5121 Meter.
Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen hat eine lange Geschichte. Schon in der Bronzezeit begannen die Anwohner, ihre Küsten zu entwalden. Kupferbergbau und Metallschmelzen brauchten Holz. Später haben die Griechen Bäume für den Hausbau gehauen, auch die Venezianer brauchten Unmengen Holz. Denn Venedig steht auf Millionen von Pfählen im Meer. Keiner kam in all den Jahrhunderten auf die Idee, neue Pinien oder Zedern zu pflanzen. Schutzlos erodierten die Böden, Milliarden Tonnen Humus und Sand wurden ins Meer geschwemmt.
Und alles, was der Mensch fallen ließ, wegwarf oder vernichten wollte, landete früher oder später sowieso im Meer. Kritisch wurde die Sache aber erst vor etwa 30, 40 Jahren, durch das Wirtschaftswachstum vor Ort und die Reiselust von Millionen Schwärmern aus dem Norden.
Europas Süden, der jahrhundertelang "Gastarbeiter" in alle Welt schicken musste, weil daheim Hunger herrschte, blühte auf. Handel, Handwerk und Industrie florierten vor allem an den Küsten. Große Unternehmen siedelten sich dort gern an, weil sie ihre Rohstoffe bequem und billig übers Meer transportieren konnten. Und wo es Jobs gibt, zieht es auch die Leute hin. In vielen Mittelmeerländern wanderten Bauern aus dem Landesinnern ab.
Insgesamt knapp 250 Millionen Einwohner hatte die Region 1960, davon wohnte annähernd die Hälfte in Küstennähe, etwa 120 Millionen. Heute sind es 450 Millionen, davon 250 Millionen an den wassernahen Rändern. Alles in allem, mit Spül-, Dusch-, Putz- und dem Brauchwasser der Wirtschaft, erzeugen sie jährlich 3,8 Milliarden Kubikmeter Abwässer.
Die kritische Masse Mensch ist längst erreicht. Dennoch hält die Zuwanderung an. Bleibt sie in etwa konstant, wird die Einwohnerschaft des mediterranen Raums in den kommenden 25 Jahren auf 520 bis 600 Millionen steigen.
Hinzu kommen die Urlauber, und das sind ökologische Extremfälle. Der Wasserverbrauch eines Touristen an der Costa Brava oder Costa del Sol beträgt etwa 440 Liter, fast doppelt so viel wie der eines Einheimischen. Im Luxusresort mit Pool und Golfplatz fließen pro Tag und Touri sogar 800 Liter durchs Abflussrohr. Erschwerend kommt hinzu, dass wie in Italien reichlich Trinkwasser aus porösen, schlecht gewarteten Leitungen versickert.
Vor allem aber: Mit den Gästezahlen potenzieren sich die ökonomischen Aktivitäten, denn gerade darauf bauen ja die Urlaubsländer. Noch mehr Pils und Pizza müssen erzeugt und herangekarrt, noch mehr Schwimmbäder und Golfplätze gebaut werden.
Jährlich lassen sich sonnenhungrige Nordländer ihre Flucht in den Süden über 130 Milliarden Euro kosten. Zwei Drittel davon, rechnete der WWF aus, gehen an die zehn größten Reiseveranstalter. Und die heizen das Geschäft immer weiter an.
In Italien und Spanien, in Griechenland und der Türkei, überall werden neue Ferienzentren hochgezogen, Campingplätze planiert, Flaniermeilen mit Boutiquen und Bierstuben für die vergnügungssüchtigen Kohorten auf die Strände gesetzt. Dabei sind von insgesamt 46 000 Kilometer Küstenlinie bereits 25 000 verbaut. "Wenn das so weitergeht, werden weite Teile der Region zerstört", warnt der WWF-Ökologe Peter de Brine.
Selbst wer direkt vom Mittelmeer lebt, kümmert sich wenig um dessen Zustand. Gefördert mit EU-Geldern, dezimieren die Fischer durch immer aufwendigere Technik die immer kleiner werdenden Bestände. Bei der Intensivfischerei mit Echolot und kilometerlangen Netzen bleiben große Mengen von Tieren in den Maschen, die nicht gefangen werden dürfen, etwa, weil sie noch zu klein sind oder weil die von der EU verordneten Fangquoten für diese Arten schon ausgeschöpft sind. Tot oder sterbend geht dieser "Beifang" wieder über Bord, Millionen von Tonnen.
En passant reißen die Grundschleppnetze auch die für viele Meeresbewohner lebenswichtigen Seegraswiesen mit sich. An Spaniens Südostküste beispielsweise sind 40 Prozent der gesamten Seegrasflächen schwer beschädigt oder vernichtet.
Wenn sich nicht einmal die Fischerzunft ums Meer sorgt, warum sollten das dann Landratten tun, etwa die Schweinezüchter von Parma?
"Triangolo della puzza" ("stinkendes Dreieck") wird die Region genannt. Riesige Schweinemastbetriebe mit jeweils 3000 bis 5000 Tieren liefern den Rohstoff für die berühmten Parmaschinken - und auch jede Menge Jauche.
Gesetze regeln präzise deren risikofreien Verbleib. Erst soll sie in Becken geklärt, dann endgereinigt und schließlich, vorsichtig dosiert, etwa Wiesen düngen. Die Praxis ist jedoch ganz anders.
"Nachts", sagt Massimo Becchi von der Umweltorganisation Legambiente, "füllen sich hier in der ganzen Gegend viele kleine Kanäle mit Schweinegülle." Von dort gelangt sie in das Flüsschen Croscolo. Das ist auch am Tage schwarz und schaumbedeckt und stinkt und mündet schließlich in Italiens größten Fluss, den Po. Die dunkle Croscolo-Ladung lässt sich, im Kontrast zum hellen Po-Wasser, gut verfolgen.
Menschenleer sind die malerischen weißen Sandstrände am anderen Po-Ufer. Baden ist verboten, Fischen mag keiner. Nur Touristen angeln hier und freuen sich, wenn zwei Meter lange Welse am Haken zappeln.
Die ahnungslosen Hobbyfischer kommen meist als Tagesausflügler aus den Urlaubsfabriken von Ravenna und Rimini. Dort, ganz in der Nähe jener berühmten "Teutonengrills", wo der Massentourismus am Mittelmeer einmal angefangen hat, fließt mit dem Po auch die Schweinejauche aus Parma in die Adria. Verdünnt, natürlich.
Man riecht sie gar nicht mehr.
RÜDIGER FALKSOHN,
HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Rüdiger Falksohn und Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 32/2003
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