Von Matussek, Matthias
Der Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago auf Kuba findet wie immer um fünf Uhr morgens statt, und wie immer scheitert er. Das Scheitern ist wichtig. Opfer sind wichtig. Märtyrer sind wichtig. Kulte kommen ohne Blut nicht aus, erst recht nicht revolutionäre.
Ein halbes Dutzend bulliger Fünfziger-Jahre-Limousinen nähert sich der Wache am Nordtor. Heraus springt Fidel Castro. Er überwältigt einen der Batista-Schergen, dann wird geballert. Hässliche Einschusslöcher zeigen sich auf der gelben Art-déco-Fassade der Kaserne, Revolutionäre sinken zusammen, andere flüchten.
Mit der Moncada-Attacke 1953 begann die Bewegung des 26. Juli, begann die kubanische Revolution. Über 69 Kombattanten fielen oder wurden ermordet. Fidel, verhaftet, rief im Gerichtssaal aus: "Die Geschichte wird mich freisprechen."
Zwei Jahre später wurde er amnestiert, sammelte seine Studententruppen um sich, kämpfte in der Sierra Maestra, bis er, am 8. Januar 1959, siegreich in Havanna einzog und die 23. Etage des Hilton in Beschlag nahm.
Doch nicht der Triumph ist der höchste Feiertag der kubanischen Revolutionsliturgie. Es ist der 26. Juli, der Tag der Niederlage. Und jedes Jahr wieder stehen die Toten auf.
An diesem Tag, 50 Jahre später, ist Fidel ein Kind. Alle Angreifer dieser revolutionären Karl-May-Festspiele sind Kinder. Es ist die jüngste Generation, die den Kampf der ältesten wiederholt, in einer endlosen Überlieferungsschleife.
Ein achtjähriges Mädchen mit glockenklarer Stimme verliest die Namen der Opfer. Die anderen rufen im Chor: "Presente!" - anwesend, wie im Schulappell. Die Toten sind unter uns. Dann regnet es rote Blüten von den Zinnen der Kaserne.
Immer wieder erstaunlich, wie perfekt totalitäre Regime Kinder zu Sprechmaschinen abrichten können, zu kleinen, niedlichen Begeisterungsmonstern. Sie sind Spielfiguren im düsteren Erinnerungstheater eines autoritären Greises, der im Dämmern seines Lebens die alten Schlachtfelder mustert.
Psychologen wüssten vielleicht Antworten. Fidels Plan damals, am 26. Juli 1953, war undurchdacht. Ein Alternativplan war nicht vorgesehen. Vielleicht will er mit diesen Repetitionen die strategische Scharte ausbügeln, denn für diese Aktion war er allein verantwortlich und Ché noch längst nicht an Bord.
In diesen Nächten treibt in den engen Straßen Santiagos der Karneval, der so viel älter ist als die Revolution, sein Maskenspiel. Doch die Revolution hält dagegen. In den düsteren Hauseingängen der Ernesto- Ché-Guevara-Wohnblocks konkurrieren die Nachbarschaften um die schönsten Revolutionsaltäre. Der mit Kerzen geschmückte Erdhügel an einer Hauswand gewinnt den ersten Preis. Für die Aktivisten symbolisiert der Hügel den Schützengraben der Ideen, die denen der kapitalistischen Welt so weit überlegen sind. Doch er sieht eher aus wie ein Grab für Träume, ein trister Haufen unter einer tristen Dritte-Welt-Kaserne.
Und immer wieder setzt sich der Karneval durch. In Santiago hat man sich mit dem düsteren Pomp dieses Jubiläums längst arrangiert. Die Beine der Tänzerinnen in den Straßen sind endlos, und auf dem Kopf tragen sie, im Flitterputz, die magische Jubiläumszahl 50 wie irgendwas Frivoles.
Fidel will das blutige Gedenken und das Santiago der Conga-Trommeln, die Stadt des jüngst verstorbenen Buena-Vista-Stars Compay Segundo will Tanz und Liebe, will Kettenkarussells und Bier und Salsa. Von allem gibt es reichlich in dieser Nacht.
Kuba, in diesen Tagen eine Zauberinsel, in der die guten Geschichten gegen die bösen ankämpfen und das Leben gegen den Tod. Einst war die Insel der hoffnungsvolle, jugendfrohe Einspruch gegen einen rechten Caudillo, jetzt wird sie von einem linken auf ein düsteres Finale hinabgesteuert.
Manövriert in die völlige Isolation, störrisch, unerbittlich, besonders seit den Prozessen gegen die 75 Dissidenten, die im April zu drakonischen Haftstrafen verurteilt wurden, und seit den Hinrichtungen der drei Männer, die versucht hatten, mit einer gekaperten Fähre von der Insel zu entkommen. Alte linke Parteigänger wie der Literaturnobelpreisträger José Saramago wenden sich mit Grauen ab, Susan Sontag schrieb Appelle, selbst García Márquez distanziert sich lau.
Rein äußerlich sieht Kuba aus wie der nasse Traum von Hamburgs Innensenator Schill: Die Schulmädchen tragen Uniform, an jeder zweiten Straßenecke steht ein Polizist, Junkies gibt es nicht, und die Vaterlandsliebe (Patria o Muerte) ist unübertreffbar plakatiert.
Kuba ist Law and Order, doch nur einer bestimmt, was das genau ist. "Der Einzige, der demokratische Rechte auf Kuba genießt, ist Fidel Castro", sagte der Essayist Rafael Rojas.
Wie tief die Insel moralisch unter Castros nicht endender Ägide gesunken ist, zeigt der Rummel um die Spitzel, die die Dissidenten ans Messer geliefert haben. Sie werden tatsächlich als Helden durch die Insel gereicht, nicht ohne Absicht: Es ist gefährlich, den Comandante nicht zu lieben.
Die Fahrt zum Ferienhotel, in dem sie untergebracht sind, führt durch die Ausläufer der Sierra Maestra, über blutgetränkte Erde, in der alle paar Kilometer Heldengedenkstätten errichtet sind. Unvermutet jedoch taucht ein riesenhaftes Clownsgesicht auf. Und dann - tatsächlich - betongegossene Dinosaurier in den Hügeln. Kuba dieser Tage - der Jurassic Park des Sozialismus.
Die Verräter, die ausgerechnet ihre wehrlosen Opfer "Würmer" nennen, erwarten die ausländischen Journalisten am Pool. Einer der lebhaftesten von ihnen ist der 81-jährige Néstor Baguer, fragil, im Rollstuhl, aber durchaus animiert. 43 Jahre lang arbeitete er für die Stasi. Wusste seine Frau davon? "Welche?" Er lacht. "Ich habe eine Peruanerin und eine aus Panama. Kubanische Frauen waren mir zu teuer." Baguer, der Held, ist gut aufgelegt.
Baguer war Präsident der Unabhängigen Journalistenvereinigung Kubas. Ja, er hat Regimekritiker um sich versammelt. Er war im Ausland als kritische Stimme geachtet. Jetzt schüttet er sich aus über die Dummheit der Amerikaner. Hat er denn sein ganzes Journalistenleben lang gelogen? "Was ist schon Wahrheit?"
Warum er sich gerade jetzt als Kronzeuge enttarnte? "Weil die Revolution in Gefahr war und die imperialistischen USA einen Angriff auf Kuba vorbereiteten." Nur weil ein paar Dissidenten in der US-Vertretung Häppchen aßen? Das kann er nicht im Ernst glauben, Baguer, der intelligente Gast, der auf den Partys unter ihnen war. So was sagt man nur, wenn man ein zynisches Schwein ist.
Eine andere, womöglich noch perversere Heldin ist "Tania". Sie hat, ausgerechnet, eine Organisation für Menschenrechte geleitet. Nun sagt sie geringschätzig: "Die meisten sind doch nur zu uns gekommen, um auszureisen." Dann zeigt sie stolz die beiden Medaillen, die sie für Mut und Wachsamkeit erhalten hat.
Das Erstaunliche an diesem Pack ist das völlige Fehlen von Scham. Und das System, das sie belohnt, zeigt damit, wie durch und durch verrottet es ist. Tania gibt sich weiter als Menschenrechtlerin: Sie habe sich dafür eingesetzt, dass ihr Opfer Raúl Rivero für die nächsten 20 Jahre eine Zelle "mit Blick auf eine Landschaft" bekommt, damit er weiter dichten kann.
Warum sie denunzierte? "Aus Liebe zu meinem Vaterland und aus Liebe zum Comandante." Natürlich. Am Abend, beim Festakt vor der Kaserne, wird sie ihm nahe sein, als Ehrengast. An diesem Abend verkündet der 76-Jährige den neuen Kurs vor 10 000 Parteisoldaten in roten T-Shirts. Es ist der Weg in die Sackgasse.
Erstaunlich: Selbst das Gros der Auslandsjournalisten hat sich die roten Fünfziger-Jahre-Durchhalte-T-Shirts übergestreift. Als wäre das Ganze tatsächlich ein Spiel. Als wäre der Alte tatsächlich cool, ein geschichtsträchtiges Relikt in geschichtsloser Zeit, ein Poster: Castro, der große Cohiba-Paffer. Die merkwürdigsten Fans schwärmen von ihm. Ex-Unternehmerpräsident Hans-Olaf Henkel erzählt in Talkshows gern von seinen Zusammentreffen mit dem ewigen Kämpfer. Spielberg war völlig angetan.
Er versteht es ja immer noch, das Ideal gegen den Konsumismus und die totale Merkantilisierung der Welt aus der Tasche zu zaubern und sich als Stimme der Dritten Welt gegen die Ausplünderung durch die Erste zu geben. Wie viel wirkungsvoller wäre sie nur, wenn sie die moralische Autorität eines, sagen wir, Mandela hätte.
Die internationale Revolutionsprominenz ist geschrumpft an diesem Abend vor der Kaserne. Sie besteht aus dem Achtziger-Jahre-Sandinisten Daniel Ortega und der zeitlosen Margot Honecker. Und aus Elián, dem kleinen Jungen, mit dem die Mutter einst von der Insel flüchtete. Die Mutter ertrank. Und Elián, der sich nach Florida gerettet hatte, entschied sich gegen Disneyworld und für den Sozialismus - mit Nachhilfe durch die US-Justiz. Entschied sich auch für seinen Papa, denn der war zurückgeblieben. Das war Castros größter Propagandaerfolg der letzten Jahre: ein kleiner Junge.
Der Comandante ist pünktlich, wie immer, und hinter der Bühne stehen die Leibwachen und halten mit angespannten Zeigefingern die Koffer zu, aus denen im Ernstfall kugelsichere Teflon-Schilde knallen oder Waffen. Sie müssen kräftige Finger haben, denn der Comandante liebt die endlose Beschwörung. Die Stimme ist heiser. Sie war es, wie sein Freund García
Márquez schrieb, schon damals, in seiner Triumphrede von 1959, die sieben Stunden dauerte und in Kaffeehäusern und auf Straßen und Balkons gehört wurde und eine neue Ära beschwor.
Diese hier ist kürzer. Und sie macht alle Hoffnungen zunichte. Zögernd, räuspernd, stockend beginnt der Alte, setzt neu an. Dann liest er ab, was das Moncada-Programm erreicht hat. Die Analphabetenrate ist unter einem Prozent. Kostenloser Gesundheitsdienst. Lebenserwartung von 76,15 Jahren. Lauter Erfolge, "ohne ein einziges humanitäres Prinzip zu verletzen". Wie kann einer so Recht haben und gleichzeitig so Unrecht?
Nun knöpft er sich die Europäer vor, die angeblich auf Betreiben des "Faschisten Aznar" aus Protest gegen die Dissidentenprozesse humanitäre Hilfe einstellen wollen. "Wir werden fortan aus Gründen der nationalen Würde jede europäische humanitäre Hilfe ablehnen." Die Europäer seien es, die zu lernen hätten.
Da ist das desolate spanische Bildungssystem. Die Überschwemmung Englands mit Drogen. Die fehlende soziale Sicherheit in den kapitalistischen Ländern. Und die Parteisoldaten rufen begeistert: "Fidel, zieh die Schrauben an!" Er lächelt. "Ich werde sie noch ein wenig anziehen."
Mit wütenden Schlägen zerhämmert er noch die letzte Beziehung, die das ausgepowerte Kuba mit der Außenwelt verbindet. Mit mir, heißt das, kämpft ihr auf verlorenem Posten, aber immerhin werden wir glorreich untergehen. Moncada, die Fortsetzung.
Nur: Wollen das die Tänzerinnen in Santiago, die Mädchen mit den hellen Stimmen, die Kids mit den Baseball-T-Shirts wirklich? Castro schließt mit den Worten "Ewiger Ruhm denen, die in den Kämpfen der vergangenen 50 Jahre gefallen sind". Und 10 000 Papierfähnchen werden geschwenkt und erzeugen ein gespenstisches Rascheln, wie das Wispern von Toten.
Das Fernsehen hat die Rede in alle Teile des Landes übertragen. In Havannas Vedado-Viertel sitzt einer, der den Kasten ausgeschaltet ließ. Es ist Vladimiro Roca, dessen Vater einst die KP Kubas mitbegründet hat.
Roca kam 1997 für fünf Jahre ins Gefängnis, weil er Kritik am KP-Parteitag geübt hatte. Auch hat er das Bürgerbegehren unterzeichnet, das mehr als die geforderten 10 000 Unterschriften für eine demokratische Verfassungsänderung erreichte und das Castro in Rage gebracht hatte.
"Die Dissidentenprozesse waren seine Rache", sagt er. "Er will uns weiter von der Welt isolieren." Und dann setzt er wohlbedacht hinzu: "In vielem ähnelt er Hitler."
Die Moncada-Attacke sei wie Hitlers gescheiterter Putsch von 1923 gewesen, der seine Bewegung erst begründet hat. Und nun ist dem Alten am Ende seiner Tage wie Hitler das Schicksal seines Volkes egal. Er steuert auf ein katastrophales Ende zu, ein großes Finale.
Roca wirkt ganz unaufgeregt, als er das sagt. Ob er nicht befürchte, für solche Äußerungen wieder ins Gefängnis zu kommen? "Wenn er mich dort haben will, braucht er keine Gründe", sagt er lächelnd. "Ich habe mich entschlossen, genau das zu sagen, was ich denke."
Was ist mit den von Castro beschworenen Erfolgen, die er in der Rede nannte? Mit dem Gesundheitssystem, dem Schulsystem? Roca lacht: Es gibt einen italienischen Schlager, der heißt "Parole", Geschwätz. "Er sollte Verbandsmull für Krankenhäuser besorgen, statt Gräben gegen einen Feind auszuheben, der nie kommt."
Schon vor der Revolution hatte Castro versprochen, die demokratische Verfassung von 1940 wieder einzuführen. Und sobald er an der Macht war, hat er alle demokratischen Kontrollen eliminiert. So entmündigt man ein Volk, so schafft das System Figuren wie Tania, die oft auf dieser Terrasse saß und von Roca bewirtet wurde.
"Wenn es heute freie Wahlen gäbe, dann käme Castro auf zehn Prozent. Höchstens." Davor kann einer, der seit über 40 Jahren an die Macht gewöhnt ist, schon Angst haben. Roca dagegen macht den Eindruck eines Menschen, der völlig ohne Angst ist.
Der Chef, der Comandante, er müsste Roca beneiden.
DER SPIEGEL 32/2003
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