04.08.2003

DATENSICHERHEIT„Schatzkarte für Terroristen“

Ein US-Student hat die verwundbarsten Stellen des Datennetzes ermittelt. Nun gilt er als Sicherheitsrisiko. Seine Doktor-arbeit soll nicht veröffentlicht werden - aus Angst vor Anschlägen.
Die Leidenschaft von Sean Gorman gilt den Lebensadern der Informationsgesellschaft. Ihr Blut besteht zwar nur aus Lichtblitzen; dennoch transportieren diese Adern das wichtigste Kapital des Online-Planeten: Daten.
Ausgerechnet wegen seiner Leidenschaft für Glasfaser-Netzwerke, die sich wie Spinnweben übers Land legen, musste sich Gorman aus ihnen ausklinken.
Schuld daran sind jene geheimnisvollen Männer, mit denen er vor wenigen Monaten in einem abhörsicheren Raum zusammensaß. Als Gorman ihnen von seiner Doktorarbeit erzählte, wurden ihre Mienen immer ernster.
Seit jenem konspirativen Treffen ist der Computer des 29-Jährigen weder ins World Wide Web eingeloggt noch ins interne Netz seiner Uni, der George Mason University nahe Washington. "Die Herren haben mir dringend dazu geraten", berichtet Gorman. "Sonst könnte jemand in das Computersystem einbrechen und die Daten meiner Doktorarbeit klauen."
Die Geheimdienstagenten wollten noch mehr: Gormans Arbeitsplatz befindet sich inzwischen in einem fensterlosen Raum mit Wänden aus schweren Betonplatten. An der Tür gibt es ein Schloss mit Zahlencode.
"Wo dieser Raum genau liegt, darf ich nicht verraten", sagt Gorman und drosselt instinktiv die Lautstärke seiner sonoren Stimme. Schließlich sei er kein normaler Geografiestudent mehr: "Ich bin jetzt ein Sicherheitsrisiko." Denn die Fragestellung seiner Doktorarbeit lautet, wissenschaftlich nicht ganz korrekt wiedergegeben: Angenommen, ich wäre ein Terrorist - an welchen Stellen müsste ich das Datennetzwerk zerstören, um Staat und Wirtschaft möglichst viel Schaden zuzufügen.
Gorman muss der Antwort sehr nahe gekommen sein - anders ist die hektische Reaktion der Sicherheitsbehörden nicht zu erklären. "Er sollte die Arbeit seinem Professor zeigen, seinen Doktortitel bekommen, und dann sollten sie das Werk schnell verbrennen", meint Richard Clarke, der den US-Präsidenten bis vor kurzem in Fragen des Cyberterrorismus beraten hat.
Das Glasfasernetz ist das Nervensystem jedes modernen Landes. Durch die Kabel fließen nicht nur E-Mails und andere Internet-Daten. "Die machen nur rund fünf Prozent des Gesamtverkehrs aus", erklärt Gorman. Der Großteil der Datenmenge ist noch weitaus sensibler: der Finanztransfer der Banken, die Verkehrsleitsteuerung, Signale für die Strom- und Wasserversorgung, geheime Militärinformationen. Alle diese Daten werden in Bits verwandelt und dann per Lichtblitz durch die Glasfasern gejagt.
Bislang konzentrierte sich die Sorge von Staat und Wirtschaft vor allem auf Computerviren, die Rechner lahm legen. Oder auf Hacker, die in die Systeme von Banken und Ministerien einbrechen. "Dabei wurde übersehen", erklärt Gorman, "dass die virtuelle Welt eine ganz reale, materielle Struktur hat: nämlich die Kabel selber - und die lassen sich notfalls auch mit einer Heckenschere zerschneiden."
Im Zimmer seines Professors - dem einzigen Ort, wo er noch Besucher empfangen darf - zeigt er zur Verdeutlichung eine grobe Skizze seiner Datenlandkarte auf einem Plasmabildschirm. "Wir haben uns verpflichtet, nicht mehr zu verraten", entschuldigt sich Gorman.
Auf den ersten Blick sieht das Bild aus wie ein Wust aus Lichterketten an einem Weihnachtsbaum: Die orangefarbenen Kerzen sind die Knotenpunkte des Glasfasernetzes, die schwarzen Kabel verbinden sie.
Gorman lässt die komplexe Struktur von seinem Laptop Schicht um Schicht abtragen, und das Chaos weicht klaren Mustern. Für fast jede Branche hat Gorman das dazugehörige Datennetz ermittelt, auf dem sich die jeweiligen Unternehmen austauschen: für die Stromversorger, Einzelhandelsketten, die Gasindustrie.
"Sie alle besitzen eigene Kapazitäten im Glasfasernetz und sind kreuz und quer verbunden", erläutert Gorman und liefert ein Beispiel: Wegen einer Großveranstaltung steigt in einer Stadt der Stromverbrauch. Über das Glasfasernetz fordert das Elektrizitätsunternehmen mehr Erdgas für sein Kraftwerk an. "Daraufhin öffnet die Leitstelle des Gasversorgers mit einem Computerbefehl, der natürlich auch über das Netz geht, die Leitung und lässt mehr Brennstoff zum Kraftwerk strömen."
Gorman wäre kein guter Geograf, wenn er diese Netzwerke am Ende nicht genau dort verortet hätte, wo sie auch in der Realität entlanglaufen: über Brücken, durch Tunnel, unter Bürgersteigen und in Kanalisationen. Bestes Beispiel sind die Brücken New Yorks, auf denen sowohl Autos als auch Daten von und nach Manhattan fließen.
Wo ein Strang verlegt ist, fügen die Telekommunikationsfirmen der Einfachheit halber noch einen nächsten hinzu. "Das ist effizient, macht das Netz aber auch verwundbar", warnt Gorman und verdeutlicht dies anhand einer Karte von New York. Auf dem Bildschirm zeichnen sich rote Linien ab. Sie schlängeln sich über den Hudson ins Zentrum Manhattans und verästeln sich dann so wild wie die Arterien in einer Lunge. Hätten ihm die Geheimdienste das nicht verboten, könnte Gorman nun auf die Adresse einer Bank klicken, die sich am Wegesrand eines dieser Datentaue befindet - und augenblicklich würde offenbar, wie sie an das Datennetz angebunden ist.
Genau das hat er vorgeführt, als er seine Arbeit vor den Sicherheitschefs einer großen US-Bank präsentierte. Per Mausklick öffnete er ein Fenster auf dem Computer, und die Namen von 25 Telekommunikationsprovidern erschienen, über die diese Bank ihren Geld- und Wertpapiertransfer abwickelt. "Milliardensummen, Tag aus, Tag ein", so Gorman.
Peinlich berührt schaute die Truppe von Bankern drein, als Gorman offenbarte, dass er sein Kartenwerk allein aus frei zugänglichen Quellen wie dem Internet oder von Kartografie-Unternehmen zusammengestellt hatte. Die perplexen Finanzmenschen schlugen vor, ihm den Laptop beim Hinausgehen sicherheitshalber abzunehmen.
Die Brisanz seiner Arbeit steckt jedoch nicht nur darin, dass damit das Datennetz exakt lokalisiert werden kann. Gorman hat zudem eine Software geschrieben, mit der sich für jeden in seiner Karte ausgewiesenen Ort berechnen lässt, welche Folgen ein Anschlag dort hätte. "So können wir ein Ranking der verwundbarsten Stellen im Datennetz erstellen."
Wer sich an einem x-beliebigen Glasfaserkabel zu schaffen macht, wird meist nur einen begrenzten Schaden anrichten. "Das Netzwerk ist ja dafür ausgelegt, bei einer lokalen Unterbrechung genügend Ausweichwege bereitzuhalten", erklärt er.
Doch auch ein einzelner Störfall kann unangenehme Folgen haben: Ein bei Bauarbeiten durchtrenntes Kabel der Flugsicherung am New Yorker LaGuardia Airport beeinträchtigte tagelang den Luftverkehr. Und der Brand in einem Eisenbahntunnel in Baltimore im Jahr 2001 verursachte erhebliche Verzögerungen im Internet-Verkehr der Region.
Nicht zuletzt der Terroranschlag auf das World Trade Center war ein Anschauungsereignis: Erst sechs Tage nach dem Anschlag konnte die Börse an der Wall Street ihre Arbeit wieder aufnehmen - beim Einsturz des Wolkenkratzers waren auch viele Glasfaserkabel im Untergrund gekappt worden.
Wer den Datenverkehr noch effektiver stören will, müsste an mehreren, geschickt ausgewählten Punkten angreifen. "Wo genau, das ließe sich mit meiner Software ganz gut ausfindig machen", sagt Gorman. So könnten gleichzeitig der Verkehr, die Stromversorgung und der Geldtransfer für Tage zusammenbrechen. Die Schäden würden schnell in die Milliarden gehen.
Dass von der George Mason University, einer idyllisch in eine Parklandschaft eingebetteten Hochschule, Gefahr für die nationale Sicherheit ausgehen könnte, hatte zuerst die "Washington Post" erkannt: Eine "Schatzkarte für Terroristen" lagere dort an der School of Public Policy.
Bis zu den Anschlägen vom 11. September hatte sich kaum jemand für die Forschungsarbeit von Sean Gorman interessiert, weder Geheimdienste noch seine Kommilitonen. Auf Partys hatte er längst aufgegeben, von seiner Doktorarbeit zu erzählen. "Ich wollte die Leute nicht langweilen", erinnert er sich.
Drei Wochen nachdem er an der George Mason University mit seiner Forschungsarbeit begonnen hatte, stürzten die Türme des World Trade Center ein; auf einmal redete jeder über die Sicherheit der Nation.
Das fürsorgliche Augenmerk in der eigens gegründeten Super-Sicherheitsbehörde Department of Homeland Security richtete sich bald auch auf die Infrastruktur des Datenverkehrs. Im Dezember 2001 etwa tauchte ein Video mit dem lächelnden Konterfei Osama Bin Ladens auf. "Das Bluten der Wirtschaft geht weiter", sagte er darin in Anspielung auf die Schäden des Angriffs, "aber sie braucht weitere Schläge." In bildhaftem Arabisch orakelte er darüber, "die Gelenke" dieser Wirtschaft ausfindig machen zu wollen. Waren damit auch die Glasfaserkabel gemeint?
Die Weltpolitik hat Gormans Studentenidylle reichlich auf den Kopf gestellt. Plötzlich hält er Vorträge, und seine Zuhörer sind keine Akademiker mehr, sondern Chefs aus großen Konzernen. Dem plötzlichen Rummel versucht er, sooft es geht, zu entkommen. Er setzt sich dann in seinen Jeep und fährt zum Potomac, wo sein Ruderboot liegt.
Noch immer passiert es ihm dabei, dass er auf dem Weg zum Fluss in eine falsche Straße biegt. Sein Orientierungssinn sei nicht gerade gut ausgeprägt, gesteht er: "Weil ich mich häufig verlaufen habe, war ich schon als Kind so fasziniert von Karten." GERALD TRAUFETTER
Von Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 32/2003
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