04.08.2003

HIRNFORSCHUNGJagdszenen im Schlafzimmer

Gewaltschläfer verprügeln, würgen oder vergewaltigen ihre Bettgenossen. Neurologen haben jetzt die Ursache der nächtlichen Amokläufe entdeckt.
Ihr Leben lang hatte die ältere Dame keinen Hang zur Gewalttätigkeit verspürt. Doch bei einem Urlaub mit ihrer besten Freundin drehte sie durch.
Plötzlich und ohne ersichtlichen Grund schlug sie mit Händen und Füßen auf die entgeisterte Gefährtin ein und versuchte, sie zu würgen. Der verbissene Zweikampf der beiden Frauen dauerte mehrere Minuten. Am Ende war das Opfer übersät von Blutergüssen und Schrammen.
Als der Spuk endlich vorüber war, erinnerte sich die rabiate Rentnerin an nichts. Wie hätte es auch anders sein sollen: Sie war mitten im Schlaf über ihre im selben Hotelbett liegende Freundin hergefallen. Hinterher besann sich die Angreiferin nur darauf, dass sie heftig geträumt und sich dabei gegen imaginäre Feinde zur Wehr gesetzt hatte.
Erquickender Schlummer und Gewalt schließen sich nach gemeinem Verständnis gegenseitig aus. "Wer schläft, sündigt nicht", versichert der Volksmund. Doch für eine Minderheit der Bettgenossen gilt die Annahme immanenter Friedfertigkeit nicht: Mehr als zwei Prozent der Schlafenden legen kanadischen und britischen Forschern zufolge mitten in der nächtlichen Ruhephase aggressive Verhaltensweisen an den Tag. Die Palette der Gewaltakte reicht von drohenden Schreien bis zu Hieben und Schlägen gegen die Bettgefährten.
Frauen haben unter den nächtlichen Attacken am meisten zu leiden, denn die Aggressivität der Schläfer geht in 80 Prozent der Fälle vom Manne aus: "Wenn er anfing, mitten in der Nacht zu fluchen, konnte ich darauf warten, dass er gleich die Fäuste schwingt", erzählt ein weibliches Opfer, das ein jahrelanges Martyrium an der Seite eines notorischen Gewaltschläfers hinter sich hat.
In ihrer Not suchen manche der unschuldig Verfolgten Zuflucht bei brachialen Selbstschutzmaßnahmen: Sie flechten ihre zum Toben neigenden Ehemänner Nacht für Nacht mit Riemen ans Bettgerüst - nur um in vielen Fällen zu erkennen, dass die in größter Not agierenden Wüteriche mitunter auch die dicksten Knoten knacken. Um die Gewalttäter selbst vor Schlimmerem zu bewahren, verschwinden nach und nach Bilder, Spiegel und gefährliche Möbelstücke aus den Schlafzimmern.
Das Erstaunliche: Es sind häufig gerade die im Wachzustand Friedfertigen und Sanftmütigen, die sich nachts in Fäuste schwingende, obszöne Ausdrücke schreiende Berserker verwandeln.
Vor allem Schlafwandler standen bisher im Verdacht, nächtens die Kontrolle über ihr Verhalten zu verlieren. Spektakuläre Kriminalfälle in der Vergangenheit haben dieses Vorurteil bestätigt: Ein 23-jähriger Kanadier etwa steuerte 1987 in einer somnambulen Episode sein Auto über 20 Kilometer weit zur Wohnung seiner Schwiegereltern und richtete dort ein Blutbad an. Der Täter war nach dem Geschehen vollkommen fassungslos; er wurde von den Richtern freigesprochen, weil Untersuchungen im Schlaflabor seinen Somnambulismus eindeutig belegten.
Doch in der Mehrzahl der Fälle gehören Schlafwandler zu den eher harmlosen Bettgenossen. Ihren Ausflügen in die nähere Umgebung liegt eine unvollständige Weckreaktion aus den traumlosen Tiefschlaftälern zu Grunde. Wenn sie automatenhaft und mit glasigen Augen durch die Wohnung tapern, folgen sie Bewegungs- und Verhaltensmustern, die sie aus dem Wachzustand gespeichert haben: Sie spülen in der Küche das Geschirr ab, sperren sich splitterfasernackt aus der Wohnung aus oder nehmen an der geöffneten Kühlschranktür wahllos Tierfutter oder Tiefgefrorenes zu sich.
Gefährlich sind sie eher für sich selbst als für andere, denn mit der "schlafwandlerischen Sicherheit" der Somnambulen ist es nicht weit her: Jeder Fünfte der nächtlichen Unruhegeister stolpert über Teppiche, läuft gegen Lampen und Wände oder wacht im Treppenhaus mit lädierter Nase auf.
Bei der rabiaten Rentnerin dagegen hatte etwas völlig anderes die Jagdszenen im Schlafzimmer ausgelöst. Die alte Dame hatte heftig geträumt und den Inhalt des Kopfkinos motorisch ausagiert - herkömmlicher Lehrmeinung zufolge eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn in jenen Schlafphasen, in denen Menschen träumen, ist die Körpermotorik lahm gelegt. Nur die zum Atmen notwendige Zwerchfellmuskulatur und die Augenmuskeln arbeiten. Gesunde haben es diesem natürlichen Schutzmechanismus zu verdanken, dass sie auch ihre wildesten Alpträume friedlich schlummernd durchleiden.
Bei einem kleinen Teil der Schläfer freilich, so erkannte der US-Schlafforscher Carlos Schenck von der University of Minnesota in Minneapolis schon vor einigen Jahren, funktioniert die Funkstille in den Muskeln nicht. Obwohl sie gelähmt sein müssten, zucken und schlagen sie während der Träume so heftig und gewalttätig mit den Gliedern, dass Mediziner früher fälschlicherweise glaubten, sie seien wach oder litten unter epileptischen Anfällen.
Erst neuerdings haben Schlafforscher von der Universität München erkannt, warum die von der Natur als Selbstschutz vorgesehene Bewegungssperre nicht in allen Fällen greift: Bei speziellen Untersuchungen des Gehirns von Gewaltschläfern fand die Neurologin Ilonka Eisensehr heraus, dass es sich bei dem nächtlichen Unruheleiden um eine Vorform des Parkinsonismus handelt. Involviert sind in das nächtliche Spukgeschehen offenbar dieselben für die Bewegungssteuerung zuständigen Stamm- und Mittelhirnbereiche, in denen es bei Parkinson-Kranken zu immer schwerer wiegenden Ausfallerscheinungen kommt. So war die Anzahl der Zellen, die den Botenstoff Dopamin in bestimmte Hirnabschnitte transportieren, bei unter die Lupe genommenen Gewaltschläfern um rund 50 Prozent vermindert.
Anders als Schlafwandler neigen die bewegungsaktiven Träumer viel häufiger zu unverständlicher Gewalt. Sie prügeln im
Schlaf auf ihre Bettgenossen ein, zerren sie an den Haaren oder nähern sich mit sinistrer Entschlossenheit ihrem Hals. In anderen Fällen inszenieren sie groteske Schattenkämpfe, treten mit den Füßen gegen die Wand, zerschmettern Spiegel und Bilder oder springen wie Comicfiguren in den splitternden Kleiderschrank. Häufig, so berichten Mediziner, brechen sie sich dabei Knochen und Gelenke.
Nach dem Ende des Amoklaufs im Bett erinnern sich die Schlaf-Verhaltensgestörten so gut wie nie an die Hiebe und Knüffe, die sie ausgeteilt haben. Stattdessen berichten sie von angsterfüllten Träumen, in denen es für sie um Leben und Tod ging: Männer fühlen sich bei diesem nächtlichen Horror nach Angaben des Regensburger Schlafmediziners Göran Hajak häufig von Monstern, Amok laufenden Chefs oder wilden Tieren bedroht - Frauen berichten nach dem Aufwachen eher von unheimlichen Schatten.
Auch sexuelle Eskapaden sind nach neuesten Erkenntnissen der Forscher in diesem Zwischenreich zwischen Traum und Realität möglich. Auffällig gewordene Frauen beispielsweise, die Christian Guilleminault von der kalifornischen Stanford-University untersucht hatte, masturbierten fast jede Nacht so intensiv und lüstern, dass ihre Wolllustgeräusche ihre Familien geweckt hatten - in einem Fall alarmierten Nachbarn sogar die Polizei.
Einige männliche Träumer unter Guilleminaults Patienten hatten ihre Frauen jahrelang im Schlaf zum Sex gezwungen. Weder Betteln noch Gegenwehr half den Opfern: Ihre drängenden Männer erschienen den Sleepsex-Opfern "unerreichbar" und "weit entfernt"; der "gläsern wirkende Blick" der Partner hatte den Widerstrebenden noch zusätzliche Furcht eingeflößt.
"Sexuelle Übergriffe im Schlaf sind häufiger als bisher vermutet", resümierte das Fachblatt "Medical Tribune" die Ergebnisse des Stanford-Forschers. Zu den Vergewaltigungen oder Beinahe-Vergewaltigungen durch die Schlafmachos war es vor allem im Morgengrauen gekommen - wenn die Tiefschlafphasen kürzer wurden und sich in den Köpfen der Schlummernden heftige Traumgewitter entluden (siehe Grafik).
Schlaf-Verhaltensgestörten könnten die Ärzte in den meisten Fällen mit einfachen Mitteln helfen. Mit geringen täglichen Dosen des Beruhigungsmittels Clonazepam oder mit dem leichten Antiepileptikum Carbamazepin finden neun von zehn der Gewaltschläfer zum lange entbehrten friedlichen Schlummer zurück. "Die Leute sind überglücklich, dass sie sich wieder beruhigt ins Bett legen können", berichtet Eisensehr.
Doch die Gewaltakteure haben häufig Hemmungen, Außenstehende in die düstere Nachtseite ihres Wesens einzuweihen. Sie schämen sich wegen der Exzesse und quälen sich mit Schuldgefühlen oder Depressionen. Bei den von Guilleminault untersuchten Frauen verstrichen im Schnitt siebeneinhalb Jahre, bis die Schlaftäter oder ihre Angehörigen einen Arzt ins Vertrauen zogen. In einem Fall hatte sich eine Ehepartnerin sogar zwölf Jahre lang in die frühmorgendlichen Sexattacken ihres weggetretenen Mannes gefügt.
Nur eine der verfolgten Frauen hatte den Übergriffen auch etwas Tröstliches abgewonnen: Der Wachsex mit ihrem Mann, einem streng religiös erzogenen Kirchenmitglied, war für sie schon lange nicht mehr befriedigend gewesen. Den Schlafsex mit ihm fand sie dagegen aufregender - auch wenn ihr vom Liebesleben mit dem ungestümen Träumer häufig Blutergüsse und Würgemale zurückblieben. Schlafmediziner Hajak: "Es ist unglaublich, wie viel manche Bettpartnerinnen aushalten." GÜNTHER STOCKINGER
* Julian Sands in "Gothic", Großbritannien 1986.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 32/2003
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