11.08.2003

GENERATIONENDummes Gequatsche

Mit dem Vorschlag, Senioren die Hüftprothesen wegzusparen, hat ein junger CDU-Mann zumindest eines erreicht: Ihn kennt jetzt jeder.
Vergangenen Mittwoch wusste Philipp Mißfelder aus dem Bochumer Stadtteil Höntrop, dass er es geschafft hatte. Noch vor dem Frühstück hatte sich der 23-jährige Jurastudent am Kiosk versorgt. "Jetzt Krieg der Generationen?", titelte die "Bild"-Zeitung und stellte darunter sein Foto: "Der Chef der CDU-Nachwuchsorganisation ,Junge Union' (JU) hat mit seinen radikalen Forderungen einen schweren Generationenkonflikt in Deutschland heraufbeschworen."
Respekt. Binnen wenigen Tagen hat Mißfelder vollbracht, was anderen Politikern in jahrelanger Gremienarbeit versagt bleibt: den eigenen Namen in die Schlagzeilen und Hauptnachrichten "praktisch aller" (Mißfelder) Medien in Deutschland zu befördern. Dass er für seinen Vorschlag, alte Menschen nicht länger auf Kosten der Allgemeinheit mit künstlichen Hüftgelenken auszustatten ("Früher sind die Leute auch auf Krücken gelaufen"), viel Kritik erntete, hält er für unwichtig. "So viel Aufmerksamkeit hätte ich doch sonst nur gekriegt, wenn ich Yvonne Catterfeld geküsst hätte", sagt Mißfelder - offenbar ein Fan der Schönen aus der RTL-Soap "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten".
Sicherheitshalber hat der Nachwuchsstar ("Ich bin übrigens der jüngste JU-Vorsitzende aller Zeiten") das von ihm ausgelöste Medienecho penibel verzeichnet. Kam er früher allenfalls auf Parteitagen in die Nähe einer Fernsehkamera, durfte er nun mit Ulrich Wickert in den "Tagesthemen" minutenlang über "christlichen Grundsatz", "Generationengerechtigkeit" und - holla - "Systemwechsel in nahezu allen Sozialversicherungssystemen" plaudern.
"Bild", bei deren Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß sich Mißfelder einst Ratschläge für sein politisches Fortkommen einholte, widmete der Berichterstattung über den "Milch-Bubi" täglich fast eine Seite - Aufreger-Lektüre für zwölf Millionen Leser.
Ob Sozialministerin Ulla Schmidt ("unethisch") oder CSU-Chef Edmund Stoiber ("Das ist unter aller Sau") - die Daheim- gebliebenen drängte es, den Sparvorschlag zu Lasten der Alten ausgiebig zu kommentieren. Selbst der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, 73, meldete sich aus dem Off. Mißfelder vertrete "eine Ideologie, die die solidarischen Strukturen unserer Gesellschaft zerstört". Der Berliner Oberarzt Michael de Ridder findet den Vorschlag schlicht "dumm" (siehe Interview).
"Wer Aufmerksamkeit will, muss zuspitzen", resümiert Mißfelder befriedigt. Entsprechend halbherzig fiel seine Entschuldigung aus, die Mitte vergangener Woche der CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer aus ihm herausschüttelte. Es tue ihm "Leid, dass ich Gefühle verletzt habe". Sonst aber sieht sich Mißfelder unbeirrt im Recht: "Ich habe es geschafft, ein wichtiges Thema auf die Tagesordnung zu setzen."
Zumal doch die Erfahrung lehrt, dass "dummes Gequatsche" (Hessens CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg über Mißfelder) noch keinem "pubertären Polit-Funktionär" (wieder Boddenberg) geschadet hat, wenn der in der Politik etwas werden will. Der heutige FDP-Chef Guido Westerwelle schaffte es als 22-Jähriger Mitte Juni 1984 zum ersten Mal in die "Tagesthemen" - mit einer Verbalattacke gegen die damalige schwarz-gelbe Regierung. Und auch Gerhard Schröder nutzte, zunächst als Juso-Chef, später als Provinzfürst in Niedersachsen, die Hitzemonate gern, um ein Donnerwetter gen Hauptstadt zu schicken.
"Das sind Jugendsünden, die irgendwann vergessen sind", analysierte Marketingprofi Westerwelle. Die Steigerung des eigenen Bekanntheitsgrades dagegen ist ein bleibender Wert.
Dennoch erfüllt es Mißfelder mit leichter Bitterkeit, dass ihm in seinem Kampf gegen die Alten nicht einmal die Jungen so recht folgen wollen. Wie groß war da die Freude, als vorigen Dienstag die CDU-Frau Katherina Reiche, 30, seinen Vorschlag "mutig" nannte - und wie herb die Enttäuschung, als sich Reiche am Tag darauf dann distanzierte. Ihre angebliche Solidaritätsbekundung, erklärte sie plötzlich, sei so nie gefallen.
Reiche, Schatten-Familienministerin des knapp gescheiterten Kanzlerkandidaten Stoiber, schien es kurz vor ihrer Eheschließung am vergangenen Freitag klüger, im Generationenkrieg abzurüsten. Inhaltlich aber, versichert Mißfelder nach einem Telefonat mit seiner Parteifreundin, bleibe sie seiner Meinung.
ALEXANDER NEUBACHER
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 33/2003
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