11.08.2003

DER FREMDE FREUND

ERINNERUNGEN AN SEBASTIAN HAFFNER / VON JOACHIM FEST
Als mir sein Name erstmals begegnete, war es wie ein kleiner Paukenschlag. Im Sommer 1950 hatten Freunde mich nach London eingeladen, und der Zufall führte mich auf einer Abendgesellschaft mit David Astor, dem Eigentümer und Chef des "Observer" zusammen. Im Verlauf des Essens forderte der Gastgeber einige Anwesende auf, die drei eindrucksvollsten Persönlichkeiten zu nennen, denen sie je gegenübergestanden hatten. Mir sind die Namen von Charlie Chaplin, Otto Klemperer, Laurence Olivier und T. S. Eliot in Erinnerung geblieben, und zu jedem der Genannten war eine amüsante oder häufiger noch alberne Episode erzählt worden.
Der große Coup kam, als David Astor an der Reihe war. Jeder wusste, dass er mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten Umgang hatte, und folglich sahen alle seiner Wahl mit besonderer Spannung entgegen. Als wolle er die Ungeduld noch steigern, nannte Astor zunächst mit gespielter Umständlichkeit einige Namen, die seinen Rangvorstellungen nicht genügten, und lieferte auch die Begründung dafür. Dann fiel wie im Nebenhinein der Name "Winston Churchill", den er als "überragend" bezeichnete, wenn auch "überragend problematisch", wie er selber oft genug gesagt und geschrieben habe. Weiterhin, fuhr er fort, komme man trotz aller Einwände nicht darum herum, den "tyrannoiden" General de Gaulle zu erwähnen, der unerträglich sei und mitunter geradezu "widerwärtig", aber als Persönlichkeit eben doch einzigartig, "the greatest frog since the days of little Napoleon". Zuletzt, nach einer kurzen und, wie mir schien, vorbedachten Besinnungspause, sagte er in die erwartungsvolle Runde hinein mit einem kleinen Aplomb nur: "Dann noch Sebastian Haffner!", und setzte sich.
Einen Augenblick herrschte verwirrte Stille. Dann erschien auf den Zügen des einen und des anderen ein wissendes Lächeln, und einer der Anwesenden warf mit mokantem Tonfall "How interesting!" ein. David Astor sagte, als verstehe sich seine Entscheidung von selbst, kein Wort zur Begründung. Sichtlich setzte er voraus, dass jeder am Tisch wisse, wer der Genannte sei. Erst allmählich und als selbst meine Nachbarin, Susan Hibbert, einiges über Sebastian Haffner mitzuteilen wusste, ging mir auf, dass ich in der Gesellschaft der Einzige war, der mit dem Namen nicht das Geringste anzufangen wusste.
Die frappierende, womöglich nicht zuletzt als Pointe vorgebrachte Nennung veranlasste mich immerhin, noch in London einige Erkundigungen einzuholen. Weit kam ich nicht. Die nach dem Urteil David Astors eindrucksvollste Persönlichkeit neben Churchill und de Gaulle war nur als Mitarbeiter des "Observer" bekannt. Aber jeder, mit dem ich sprach, rühmte Haffners Scharfsinn, seine Brillanz und Vielseitigkeit. Auch war von seinem Einfluss "an höchster Stelle" die Rede, wo immer das sein mochte, und ein Oxford-Fellow wies mich darauf hin, wie ungewöhnlich dies für einen unlängst noch "feindlichen Ausländer" sei. Näheres zur Person wusste jedoch keiner meiner Auskunftsgeber vorzubringen. Nicht einmal die Tatsache, dass Sebastian Haffner eigentlich Raimund Pretzel hieß und den Decknamen erst in England angenommen hatte, um seine in Deutschland lebenden Verwandten nicht in Gefahr zu bringen, war bekannt.
Am Ende hatte ich einige zusammenhangslose Zufallskenntnisse beisammen. Danach war Haffner ein Journalist des "leichten Fachs", der in Berlin an einem Modejournal gearbeitet hatte und im Lauf der dreißiger Jahre nach England emigriert war. Nach der Veröffentlichung eines Buches, das der britischen Seite Empfehlungen zur Politik gegen Hitler-Deutschland erteilte, hatte David Astor ihn, der sich und seine Familie als stellungsloser ausländischer Journalist überaus mühsam durchschlug, zum "Observer" geholt. Dort erst, inzwischen Mitte dreißig, hat er, seinen eigenen Worten zufolge, politisch denken gelernt und alsbald auch Ansehen und Gewicht erlangt. Dank seiner natürlichen Autorität, verbunden mit einer ungewöhnlichen Fähigkeit zur "Clubbildung", hieß es weiter, habe Haffner nicht nur Arthur Koestler, Isaac Deutscher, George Orwell und viele andere Köpfe höchst unterschiedlicher Herkunft und Gesinnung bis hin zu Stafford Cripps zur Mitarbeit gewinnen können, sondern das Blatt in der Tudor Street auch zur führenden Wochenzeitung des Landes gemacht. Zwar stellten sich manche dieser Hinweise später als mindestens ungenau heraus, doch ließ ich die Sache auf sich beruhen. Allzu wichtig war sie mir nicht. Eine Zeit lang vergaß ich sogar den Namen "Sebastian Haffner", und nur die Äußerung David Astors blieb mir als Beispiel gelungener Verblüffungskunst und vielleicht britischer Lust am Absonderlichen im Gedächtnis.
Erst einige Jahre später begegnete mir der Name über einem Zeitungsartikel in der "Welt" aufs Neue, und kurz darauf lernte ich Sebastian Haffner auch persönlich bei einem der Debattier-Nachmittage kennen, die "Der Monat" in den Redaktionsräumen an der Schorlemer Allee veranstaltete. Robert Jungk war das eine oder andere Mal dabei, Friedrich Luft, Fritz René Allemann und François Bondy, Raymond Aron und natürlich Melvin Lasky. Aber zwei der Anwesenden waren unstreitig die Stars. Mit großem Respekt tauschten sie während der zuweilen scharfen Auseinandersetzungen bewunderungswürdig versteckte Bosheiten, sei es, dass sie über die wesensbedingte Kriegslaune totalitärer Regime aneinander gerieten, sei es über den sowjetischen Expansionismus oder den erborgten Staatsstatus der DDR und was dergleichen sonst noch zu den Themen jener Jahre gehörte.
Der eine war Sebastian Haffner, der die Rolle des Kalten Kriegers mit solcher schroffen Unnachsichtigkeit wahrnahm, dass ihn einer meiner Rundfunkkollegen stets "Sebastian den Schrecklichen" nannte. Als Gegenspieler trat Richard Löwenthal auf, dem es trotz aller Besonnenheit nicht selten die Sprache über Haffners Bereitschaft verschlug, den Kalten Krieg wenn möglich in heißer Form fortzusetzen. Bei Gelegenheit zur Rede gestellt, erwiderte Haffner, er habe den Beruf des Journalisten nicht zuletzt deshalb gewählt, um seiner Neigung zur Übertreibung "in aller Unschuld" nachgeben zu können; immer würden auch Gegenstimmen laut, die das Gleichgewicht herstellten, und überdies wisse er inzwischen, dass dem politisch Richtigen durch nichts so viel Gefahr drohe wie durch Zaghaftigkeit. Mit "Rix" Löwenthal war er beruflich verbunden, da beide vor einiger Zeit die Plätze getauscht hatten. Löwenthal, mehrere Jahre lang Deutschland-Korrespondent des "Observer", war nach London gewechselt und Haffner an seiner Stelle nach Berlin gegangen.
Allmählich erfuhr ich nun auch genauere Einzelheiten über Haffners Lebensweg, die unterdessen freilich mehr oder minder bekannt sind. Zu hören war zudem, dass die enge, im Lauf der Jahre ins Familiäre ausgeweitete Freundschaft mit David Astor nicht länger bestand. Politische Meinungsverschiedenheiten hatten die ehedem vertraute Herzlichkeit schon seit geraumer Zeit heruntergekühlt. Aber gewichtiger war offenbar, dass David Astor 1948, nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst, in die Redaktion des "Observer" zurückgekehrt war und als Eigentümer sowie Lenker des Blattes wie selbstverständlich wieder das letzte Wort haben wollte, das in den zurückliegenden Jahren Sebastian Haffner beansprucht hatte. Einige Zeit lang war der Konflikt dahingeschwelt. Dann hatte Haffner die stumme Spannung nicht ohne Starrsinn zur Entscheidung getrieben. Andeutungen darüber, wenn auch niemals mehr, ließ er mitunter bei einem gemeinsamen Freund im Grunewald verlauten, wo ich ihm seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre gelegentlich begegnete.
Er war der beherrschende Gast dieser Gesellschaften. Was immer an solchen Abenden Konversation ist, endete augenblicklich, wenn er mit seiner hohen, immer etwas gepressten Stimme in die Unterhaltung eingriff. Nicht selten schien es, er wende sich nicht nur den Anwesenden zu, sondern plädiere vor dem eigenen Innern, um die Widerstandsfähigkeit eines fast absurd waghalsigen Einfalls zu erproben. Mit einem souveränen Überblick, der die Beweisführungen gern mit historischen Ereignissen schmückte und stützte, trug er zunächst die Lage vor, wog dann die materiellen wie die psychischen Kräfte der Parteien ab und zog anschließend mit einer seltsam kalten Flamboyance die politischen Folgerungen. Es waren starke, immer auch mit einem Sinn für große Wirkungen inszenierte Auftritte, wenn er das Wort nahm, und einmal, bei einer dieser Tischrunden, habe ich David Astor stille Abbitte dafür geleistet, dass ich seine Entscheidung für Sebastian Haffner häufig ironisiert hatte. Sie war nicht nur der Einfall eines Witzboldes.
Auch persönlich kam ich in dieser Zeit Sebastian Haffner etwas näher, und wie immer lieferten Nebensachen die Anknüpfungspunkte. Nicht nur glichen sich Herkunft und Beruf der Väter mitsamt den Maximen, die hier wie da in Geltung gestanden hatten, und eines Abends sprachen wir lange über Nutzen und Nachteil des preußischen "Pflicht"-Gebots, das den Satz einschloss, man dürfe sich niemals dem "genre sentimental" ergeben. Wir kamen bald auf die gemeinsame Vorliebe für Thomas Mann, und Haffner berichtete, er habe sein erstes Buch in England nicht zuletzt deshalb Fredric Warburg angeboten, um im gleichen Verlag wie Thomas Mann vertreten zu sein. Zu Beginn, setzte er hinzu, habe er sich übrigens kaum als Journalist gesehen. Sein Berufswunsch sei eine unklare Verbindung von Beamter und Schriftsteller gewesen. Die Beamtenlaufbahn hätten ihm die Nazis kaputtgemacht, in deren Dienst er nie treten wollte. Und von den Schriftstellerträumen blieb die Mitarbeit an einer Frauenzeitschrift. "Ja, ja!", meinte er achselzuckend, "das ist der Lauf der Welt: Man beginnt als Genie und endet als Redakteur für die Rätselecke."
Dennoch, fuhr er fort, erinnere er sich aufs Genaueste, wie glücklich er Mitte der dreißiger Jahre über sein Talent zu schreiben gewesen sei. Wann immer er mit einem einstigen Studienkollegen zusammentraf, habe er so etwas wie Mitleid empfunden. "Denn mir", ergänzte er, "eröffnete die Literatur (Mein Gott, was für ein großes Wort!) die Möglichkeit, neben dem ganzen Nazi-Schwindel herzuleben." Am Ende unserer Unterhaltung stellten wir sogar fest, dass ich in der gleichen Straße nahe dem Breitenbachplatz wohnte, in der er, nur drei Häuser entfernt, während der dreißiger Jahre zu Hause gewesen war.
Chruschtschows Ultimatum und den Bau der Berliner Mauer nahm Haffner, meinem Eindruck zufolge, ziemlich gelassen hin. Denn sie bestätigten alles, was er über die nicht nur ideologische, sondern strukturelle Aggressivität des Kommunismus je geäußert hatte. Überdies setzte die verlegene Ohnmacht, mit der Kennedy, Adenauer und sonst wer noch die Herausforderung ausgeschlagen und sich dem Gang der Dinge gefügt hatten, seinen Dauervorwurf über die "Untreue und Feigheit" des Westens ins Recht.
Viel tiefer aber und geradezu im Kern traf ihn im folgenden Jahr die SPIEGEL-Affäre. Einige Tage nach der Verhaftung Augsteins und während Adenauer sich noch den Kopf darüber zerbrach, wie man "einen Mann aus Tanger" herausholen könne, begegnete ich Haffner an meinem neuen Wohnort Hamburg, und er glühte sozusagen in präzeptoralem Zorn. Er verglich den Vorgang mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz, der den Zweiten Weltkrieg eröffnet hatte, und sagte außer sich, Adenauer habe mit diesem Handstreich seinem eigenen Volk den Krieg erklärt. Mein Lachen quittierte er mit dem Vorwurf, das sei die schlimmste Erfahrung dieser Tage: dass niemand ihm seine Empörung abnehme. Aber diesmal handle es sich um die Essenz. Auf meine Erwiderung, ich pflichtete ihm in der Sache durchaus bei und hielte nur seine Vergleiche und Metaphern für reichlich hochgeraten, meinte er, die Deutschen kämen nun mal mit der Demokratie nicht zurecht, immer stoße man "unter der schönen demokratischen Larve" entweder auf den "alten Rohrstock oder die gekrümmten Rücken". Er schien auffallend deprimiert und ließ weder die allgemeine Aufgebrachtheit noch die Demonstrationen, die überall stattfanden, als Hoffnungszeichen gelten. "Das mit der Obrigkeit sitzt zu tief", sagte er beim Auseinandergehen; er sei "auch mal Optimist gewesen". Aber wer das sei, falle in Deutschland "unweigerlich auf die Nase".
Ich habe ihn bald darauf zu der einen oder anderen Sendung des Fernsehens herangezogen, und als es 1964 zur Einführung der Dritten Programme kam, wurde alle 14 Tage ein Abend unter dem Titel "Die neue Bibliothek" literarischen oder politischen Neuerscheinungen gewidmet. Eine Gruppe ausgewählter Rezensenten beurteilte, was ihnen selber oder der Redaktion wichtig schien. Zu den regelmäßig herangezogenen Autoren zählten unter vielen anderen Johannes Gross und Arnulf Baring, Rüdiger Altmann, Günther Blöcker, Thomas von Randow, Harry Pross und eben Sebastian Haffner. Von den Rezensionen, die nicht selten ohne Manuskript, mit dem jeweiligen Buch in der Hand, in freier Rede vorgetragen wurden, ist kaum etwas erhalten. Aber eine bewegte und zugleich bewegende Besprechung Haffners über eine Werkauswahl Heinrich von Kleists habe ich damals vom Band abschreiben lassen.
Haffner begann mit einer Inhaltsangabe und bemängelte, dass die Auswahl kein persönliches Dokument enthalte, nicht einmal "das Unvergesslichste, was Kleist geschrieben hat": die Briefe mit dem Ausbruch trotzigen Todesjubels aus Stimmings Wirtschaft am Kleinen Wannsee. Denn das Leben Kleists, bemerkte er, sei zugleich dessen Werk, "dieses verpfuschte Leben mit dem ungeheuren Ende". Anschließend führte Haffner einige Arbeiten des Dichters an, die das lebenslange Motiv der "selbstzerstörenden Rache" abwandeln und, wie er ausführte, bis in die deutsche Geschichte gewirkt haben. Den aus dem Stegreif formulierten, zwischen Abwehr und Hingerissensein schwankenden Schluss der Besprechung muss man in ganzer Länge zitieren:
Ich glaube, man kann die ganze Nazi-Epoche Deutschlands viel besser verstehen, wenn man Kleist liest. Man hat immer gefragt, wie kommt es, dass das Volk Goethes und Schillers solche Judengräuel hervorbringt wie unter Hitler. Naja, das Volk Goethes und Schillers nicht. Aber es ist eben auch das Volk Wagners und Kleists, und zwar Kleists noch viel mehr als Wagners. Wenn Kleist Auschwitz gekannt hätte, die Massenmorde als Pointe einer verkorksten deutsch-jüdischen Liebesgeschichte: Der hätte das schreiben können, und zwar so, dass man nicht gewusst hätte, was man dazu sagen soll.
Sie sehen schon, ich bin nicht ausgesprochen pro Kleist ... Aber natürlich, Kleist hatte bei aller fürchterlichen Verkorkstheit ungeheures Genie, und zwar ein Genie, das immer wieder wider Willen mitreißt: "Und bohrten gleich zwölf Kugeln Dich jetzt in Staub, nicht halten könnt' ich mich, und jauchzt und weint und spräche: Du gefällst mir!" Na also, wer da nicht kapituliert! Es ist ja an sich was Furchtbares, jauchzt und weint ist schon hysterisch. Und das nun bei einer drohenden Hinrichtung - aber dann als Pointe (Natalies Liebesbekenntnis): "Du gefällst mir!" Diese preußische Nüchternheit als Äußerstes, da kann man auch wieder nur jauchzen und weinen und sagen: "Du gefällst mir!"
Das geht mir immer wieder so. Ich weiß, wenn ich mich mit Kleist einlasse, dann flirte ich mit der Hölle. Ich tue es nicht gern ... Wenn ich es aber tue, dann kommen mir eher als bei dem edlen Schiller und dem weisen Goethe und dem prächtigen Lessing leider die Begeisterungstränen. Aber zustimmen tue ich eher den Jahrhunderten, die bestimmt kommen werden: Wenn die Menschheit sich nicht wie Kleist zum Selbstmord verführen lässt; wenn Leute diese Welt bevölkern, die überhaupt nicht mehr verstehen werden, was wir an diesem Verrückten fanden und die über Kleist die Achseln zucken werden.
Schon damals schien mir, die Huldigung decke so viel von Kleist wie von Haffner auf: von der Bereitschaft des eher für seine advokatorische Nüchternheit bekannten Kritikers beispielsweise, sich poetisch überwältigen zu lassen, auch von seiner fast reflexhaften Neigung zur historischen Spurenlese sowie seinem Angerührtsein durch den noch im Delirieren herzbewegenden Preußenton Heinrich von Kleists. Und in jeder dieser wie in manchen weiteren Auffälligkeiten natürlich von des einen Abgründen und des anderen Faszination gerade davon.
Unverkennbar war jedenfalls, dass alle exzentrischen, in irgendeine Bodenlosigkeit reichenden Eigenschaften, die so oft mit dem Herausragenden einhergehen, eine unwiderstehliche Macht auf Haffner ausübten. Er komme, sagte er einmal auf Befragen, nicht los vom eigenartig Verwachsenen so vieler außerordentlicher Menschen, die die Welt krank, verdreht und zugleich interessant machten: ein ewiges Rätsel, dessen Reiz in seiner Unauflösbarkeit liege. Ein andermal, als er über manche Absonderlichkeiten im Charakter Bismarcks fast schwärmerisch zu reden begann, hielt ich ihm entgegen, er solle es mit der Bejubelung nicht übertreiben; schließlich sei es die Normalität im Öffentlichen wie im Privaten, die wir alle benötigten; das Monströse hingegen errege nur unser Interesse. Er widersprach jedoch und meinte, "nur" dürfe ich nicht sagen.
Überhaupt sah Haffner die Welt mit Vorliebe als Bühne voller Shakespearescher Charaktere. Die moderne, vom Marxismus angestoßene Lehre von der Geschichte als Sozialwissenschaft hielt er für nichts anderes als "verführerischen Unfug". Nie habe die Historie sich einem Gesetz gefügt, sagte er: Sie sei immer von Menschen gemacht worden. Aber "Herren der Geschichte" seien die Menschen dennoch nicht. Und "groß" nenne man einen Akteur dann, wenn er aus den vorgegebenen Möglichkeiten mit Geschick, Einfallsreichtum, Zähigkeit und was sonst noch eine Anteil weckende Szene zu machen gewusst habe. Als Rudolf Augstein seine ziemlich abwertende Biografie über "Preußens Friedrich" veröffentlichte, bekannte Haffner während eines Streitgesprächs im offenen Affront gegen Augstein und den Zeitgeist, er sei "ein Bewunderer großer Männer", und unter den zahlreichen Biografien über Winston Churchill ist seine schmale Skizze über den Mann, der "England aufs Spiel setzte, um Hitler zu besiegen", noch immer ein Musterfall historisch einfühlsamer Verehrung.
Über Jahre trug sich Haffner mit der Absicht, eine Biografie Hitlers zu verfassen. Denn Hitler habe, sagte er einmal, nicht nur das Bild der Welt von Grund auf verändert, sondern auch seinem persönlichen Lebensweg eine nie vorhergesehene Richtung gegeben. Individuelle Beweggründe solchen Gewichts zählten nach wie vor zu den überzeugendsten Motiven für einen Biografen. Leider scheue er, fuhr Haffner fort, die unendlichen Mühen der Quellenarbeit, die Langwierigkeit des Vorhabens sowie den dauernden Zwang, den das Material jenem freien Gedankenspiel antue, das er so liebe. Das größte Hemmnis für ihn sei aber, dass er im Blick auf das Ganze keinen Vorgang und bei den führenden Akteuren keinen Charakterzug entdecken könne, "die mir Spaß machen".
Das Gespräch fand in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre statt, als ich auf Vorschlag eines renommierten amerikanischen Verlags mit dem Gedanken umzugehen begann, eine Hitler-Biografie zu schreiben. Haffner redete mir freundschaftlich zu, vorausgesetzt allerdings, dass ich mir zutraute, "die Sache materiell und vor allem seelisch" durchzustehen. Er hatte auch sogleich einen dramaturgischen Vorschlag zur Hand: Das Leben Hitlers, meinte er, verlaufe bekanntlich anfangs im Leeren, steige dann steil in fast schwindelnde Höhen und stürze nach kurzem Schwanken auf dem Scheitelpunkt ebenso steil wieder ab. "Ich habe mir", ergänzte er, "Hitlers Weg stets in Form einer Leiter vorgestellt: ein paar Stufen jäh nach oben, dann gleich wieder lotrecht abwärts. Und nach dem Ende ist da erneut die Leere des Beginns und Hitler in die Anonymität zurückgekehrt, die so etwas wie sein wirkliches Zuhause war. "Na", setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, "vielleicht ein bisschen zu literarisch für Ihr Vorhaben."
In den annähernd fünf Jahren, die über der Arbeit an dem Buch vergingen, spielte es sich ein, dass Sebastian Haffner alle paar Monate von Reinbek, wo er damals wohnte, zu mir nach Flottbek kam, um ein oder zwei inzwischen fertig gestellte Kapitel abzuholen. Gleichzeitig brachte er das jeweils Gelesene zurück und trug sein Urteil oder einige Anregungen dazu vor. Natürlich waren ihm viele Einzelheiten, zumal soweit sie Hitlers Aufstiegsjahre betrafen, unbekannt. Anderes, wie die Revolution von 1918 mit dem "Verrat" der Sozialdemokratie oder die "bayerische Provinzfinsternis von 1923", war ihm zu "schonend" dargestellt. Nur zögernd jedenfalls nahm er meine Auffassung hin, dass die Biografie, die mir vorschwebe, nicht der Ort sei, politische Kontroversen auszutragen.
Viel häufiger waren, zumal in den übergreifenden Fragen, die Übereinstimmungen. Keineswegs, meinte Haffner in einer der frühen Unterredungen, als es noch um allgemeine Erwägungen ging, sei Hitler das gewissermaßen zwangsläufige Ergebnis der deutschen Geschichte, wie der "gutmeinende Unverstand unserer Tage" behaupte. Ein andermal, im Verlauf eines ausgedehnten Abendgesprächs, einigten wir uns nicht ohne Vorbehalt des einen wie des anderen darauf, dass es ein großer Irrtum sei, Hitler als Klassenpolitiker zu betrachten. Seine neue, ungeheuer mobilisierend wirkende Idee sei es gerade gewesen, den zeitgenössischen Klassengedanken aggressiv zurückzuweisen und als der Verkünder der "Volksgemeinschaft" aufzutreten. Das sei das Zauberwort gewesen, meinten wir, und führten immer neue Belege dafür an, wie die Macht dieses Wortes alle gegnerischen Kräfte gelähmt habe.
Doch nicht nur das. Mit Hilfe des magischen Begriffs der Gemeinschaft habe Hitler eine Revolution in die verkrustete Gesellschaft des Reiches gebracht. Im Grunde fürchteten die Deutschen die Revolution. Aber die Umwälzung, zu deren Wortführer sich Hitler machte, empfand keiner als Schrecken, sondern nahezu jeder, von oben bis unten, als Aufbruch und sogar "Verbrüderungsfest". Wie wenig sich Hitler, trotz aller anachronistischen Züge, der altvergangenen Welt zugehörig fühlte, gehe auch daraus hervor, dass er nicht wiederhergestellt habe, was vom Gang der Geschichte einmal entmachtet oder beseitigt worden war. Im Gegensatz zu allem, was zumal die linken Ideologen behaupteten, versicherte Haffner, habe Hitler das "Kernstück" aller modernen Revolutionen, den Prozess der gesellschaftlichen Gleichschaltung, der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zusehends an Fahrt gewann, mit äußerster Ungeduld weitergetrieben.
Auf den Hinweis, dass Hitler diesen Prozess zumindest hinter Fachwerkkulissen verborgen und doch auch eine Anzahl altertümlicher Vorlieben gehabt habe, erwiderte Haffner: Vielleicht sei alles nur Trickserei gewesen. Aber das mindere Hitlers Genie in keiner Weise: Mit dem Traditionstheater, das er landauf, landab veranstaltete, habe er die konservativen Helfershelfer aus dem Spiel gekegelt. Und mit seinem Sozialismus, der viel weniger Theater enthielt, als heute gesagt wird, und eines seiner ernst gemeinten Vorhaben war, sei die Linke von den Kommunisten bis hin zur Sozialdemokratie ausgeschaltet worden. Er erinnere sich sehr gut an das Frühjahr 1933, sagte er: "Es war, als hätte sich plötzlich die Erde aufgetan und diese nicht endenden revolutionären Heerhaufen, die noch gestern Furcht verbreitend durch die Straßen gezogen waren, einfach verschluckt."
Auf den Einwand, dass alle politischen Gegenmächte von rechts bis links versagt hätten, erwiderte Haffner, die Linke habe vier Generationen lang ein wildes Kampfgeschrei angestimmt. "Als Hitler auftrat, war es plötzlich aus damit." Er hat aller Welt offenbar gemacht, dass die Rhetorik von den "Völkersignalen" und dem "Letzten Gefecht" nur ein "Maulheldentum" war, das "schon von Marx herkam". Für Hitler sei die ganze Weltrevolution nicht mehr als ein "Polizeiproblem" gewesen. "Ein bisschen kläglich für die Revolutionäre, denken Sie nicht?", schloss er.
So kamen wir von einem zum anderen, und natürlich gab es häufig auch Meinungsverschiedenheiten. Haffner versicherte beispielsweise, die Mehrheit der Wähler habe schon 1933 Hitlers Kriegspläne befürwortet, die Stimmen, die er gewann, seien stets auch ein Votum gegen den "schlappen Pazifismus" der Epoche gewesen. Doch nach meinem Empfinden handelte es sich da, wie vielfach sonst, um eine der Stimmungsthesen, die Haffner mit Vorliebe gegen die Quellen ausspielte. Im Ganzen aber argumentierte er scharfsinnig und nicht selten bis zum Bruchpunkt. Als ich ihm einmal vorhielt, dass er sichtlich gern am Abgrund entlangbalanciere, meinte er: "Ach wissen Sie, unsereins fällt doch nicht tief!" Fraglos besaß er den historischen Blick, einen Sinn für die Pfade abseits des akademischen Zunfttrotts sowie stilistisches Empfinden und gab mir manchen nützlichen Anstoß.
Leider viel zu selten. Denn zu meiner nie verwundenen Bekümmerung fiel die Arbeit an dem Hitler-Buch in die Jahre von, wie ich es damals nannte, "Haffners Durchgängerei". Meist begannen unsere Unterredungen bei den schwierigen Fragen der Organisation der Stoffmassen, gingen dann etwa zu den politischen Kräfteverhältnissen der Weimarer Jahre über und von dort zu einigen biografischen Zuordnungen. Doch ehe ich mich's versah, waren wir bei dem, wie Haffner behauptete, gezielten Abbau der demokratischen Institutionen der Bundesrepublik, bei der "Springer-Presse" oder dem "neuen Faschismus", der, seiner Überzeugung nach, die von einer offiziell reumütigen Nation akzeptierte Form des Nationalsozialismus sei. Im Tod des Studenten Benno Ohnesorg erkannte er den Beginn einer Welle von Intellektuellenpogromen, "so was wie die Reichskristallnacht, weil die Akademiker von heute, anders als ihre Väter und Vorväter, einigermaßen verlässliche Demokraten" seien.
Bei nahezu jedem Zusammentreffen wartete Haffner mit neuen Alarmnachrichten auf. In dem Modernisierungsprozess der Bundesrepublik entdeckte er die absichtsvolle Zerstörung vorhandener Sozialstrukturen, um die Massen fügsamer zu machen, gewahrte eine "Strategie" der Entmachtung des Parlaments zur Vorbereitung der Diktatur, stieß auf verborgene "Gleichschaltungsprozesse" und meinte, wer immer sich dem Weg zum "monopolistischen Machtstaat" widersetze, sei "zur Vernichtung" vorgemerkt. Er, dessen Stilempfinden stets gegen die unscheinbarste Anwendung irgendeines Politjargons rebelliert hatte, verwendete tatsächlich die verbrauchtesten marxistischen Formeln sowie Vokabeln, die durch die Hitler-Jahre einen eigenen Schreckensklang hatten. Das Unschuldsprivileg ging sehr weit. Es war haarsträubend.
Eine Zeit lang versuchte ich, der unvermeidlich aufsteigenden Gereiztheit während unserer Treffen durch politikfremde Themen vorzubeugen. Einmal, als wieder ein Empörungsgrund gleichsam in der Luft lag, überfiel ich ihn schon an der Wohnungstür mit der unvermittelten Frage, wie viel Rubato die Musik Mozarts erlaube und vertrage. Da Haffner ein Mann des breiten Interesses war und beim "Observer" mitunter Musikkritiken verfasst hatte, ließ er sich ohne weiteres Zureden aufs Lebhafteste darüber aus und skizzierte mit einem Fingerklimpern einige Interpretationsunterschiede zwischen Backhaus, Rubinstein sowie Emil Gilels, den er für den bedeutendsten Pianisten der Zeit hielt. Ein andermal brachte ich den Märchenton in Thomas Manns Werken bis hin zum "Erwählten" zur Sprache, wobei Haffner geistvollerweise die politische Essayistik des Schriftstellers, angefangen von den "Betrachtungen eines Unpolitischen" bis hin zu den Reden der Kriegs- und Nachkriegsjahre, nicht ausnahm: Es sei alles Märchenprosa, meinte er, wie immer, wenn deutsche Dichter an die Politik gerieten. Unvergesslich bleibt mir, wie er bei jeder Erwähnung eines zeitgenössischen Gedichts fragte, ob von einem "richtigen" oder einem "modernen" Gedicht die Rede sei; er habe sich diese Unterscheidung vor Jahren zu Eigen gemacht und sei aufs Beste damit gefahren.
Aber irgendwann war er dann wieder bei den "Chimären, seinen lieben lasterhaften Hausgenossen", wie ich zu sagen pflegte. Er nahm die Ironie solcher Einwürfe mit der altmodischen Höflichkeit, die ihm eigen war, wenn auch mit einer leicht besserwisserischen Miene hin. In den historischen Streitpunkten jedoch war er jederzeit frei von ideologischen Voreingenommenheiten, und als ich einmal mein Erstaunen darüber zum Ausdruck brachte, welche Freiheit des Urteilens er, ganz im Gegensatz zu seinen "Befangenheiten" hinsichtlich des politischen Geschehens, im Blick auf die Vergangenheit zeigte, erwiderte er wie abschließend und in fast feierlichem Ton: "Die Geschichte ist die Geschichte."
Einig waren wir uns, was das Tagesgeschehen betraf, lediglich im Blick auf die militanten Umtriebe an den Universitäten. Beide kannten wir Ulrike Meinhof und empfanden sogar eine gewisse persönliche Sympathie für sie. Aber den Aufruhr, mit dem sie und ihre Freunde von sich reden machten, hielten wir übereinstimmend für "bloße Kinderei", und Haffner verschärfte sein Urteil gelegentlich noch durch eine unüberhörbare Verächtlichkeit. Von Andreas Baader meinte er bei Gelegenheit, wie lange einer wohl das Leben als "Gespensterbahn auf dem Brezelmarkt" betrachten könne, war aber schon mit dem nächsten Satz wieder bei seinen Obsessionen: Diese jungen, ahnungslosen Leute seien in ihrer Aktionsbesessenheit die "Steigbügelhalter des heraufziehenden Faschismus", meinte er, und, sich noch steigernd: die "Papens der Gegenwart - nicht mehr im Gehrock, sondern, wie sich's inzwischen gehört, in Jeans". Doch dann wieder empfahl er mir den Lehrer von Baader, Ensslin und Rabehl, Herbert Marcuse, als "erhellende Lektüre". Dieser Philosoph, sagte er, sei nicht nur einer der bedeutendsten Gesellschaftsdenker des Jahrhunderts. Aus der "Distanz, die allem Urteilen gut tut", sei er durchaus mit Kant, Hegel oder Schopenhauer zu vergleichen, ihnen "in gewisser Hinsicht sogar überlegen", da er die ganz und gar "undeutsche Gabe" besitze, den herrschenden Verhältnissen nicht den geringsten Tribut zu leisten. Ich muss wohl sehr bestürzt, womöglich gar bekümmert gewirkt haben. Jedenfalls fügte Haffner begütigend hinzu: "Na, vielleicht nicht ,überlegen'. Was Kant angeht, wenigstens eine Stufe darunter!"
Vermerkt werden sollte wohl die Episode, die gleich zu Beginn unserer Gespräche über das Hitler-Buch beinahe zum Bruch geführt hätte. Eines Tages überraschte Haffner mich beim Betreten der Wohnung mit der in hoher Besorgnis vorgebrachten Mitteilung, der "Aufmarsch der faschistischen Kommandos" sei nach zuverlässigen Informationen nahezu beendet. Täglich könne der Befehl zum Losschlagen erfolgen, und er empfehle mir nicht nur äußerste Wachsamkeit, sondern auch den gelegentlichen Wechsel des Aufenthalts und der Übernachtungsstätten. Fassungslos wollte ich wissen, wer denn den Befehl erteilen werde und an wen? Und wie es sich mit Willy Brandt verhalte, mit Wehner, Helmut Schmidt, Adolf Arndt? Ob die alle mit von der Partie seien? Auch Lambsdorff und Augstein? Mit großem Ernst wies Haffner mich zurecht: Ich solle nicht spotten! Er habe dergleichen schließlich schon einmal erlebt und wisse, dass es in Deutschland Fachleute gebe, die ein Unrechtsregime hinter ein paar perfekt gezimmerten demokratischen Kulissen verbergen könnten.
Das Treffen endete in ziemlicher Verstimmung. Haffners Humorlosigkeit tat ein Übriges, und bald schleppte sich das Gespräch im Mühsamen, einigermaßen Verlegenen dahin. Anders als üblich, beschlossen wir den Tag nicht mit einem Abendessen. Der Abschied war kühl, und als Haffner in der Folgezeit länger als gewohnt nichts von sich hören ließ, rief ich ihn an. Ich wollte das Gespräch mit einem Scherz eröffnen: "Lieber Herr Haffner, hat in Reinbek der Faschismus schon die Macht ergriffen? Hier in Flottbek jedenfalls herrschen bis zur Stunde noch die bekannten scheindemokratischen Verhältnisse." Am Ende ließ ich davon ab. Engere Freunde Haffners versicherten mir, die Bemerkung werde zu einem unheilbaren Bruch führen.
Nach dem Erscheinen der Hitler-Biografie bewies Haffner, trotz der gelegentlich aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten, jene Vornehmheit, die sein Wesen war. Er veröffentlichte gleich mehrere, überaus beifällige Besprechungen, die dem Gegenstand immer neue Gedanken abgewannen. Der einzige Vorbehalt, der ein paar Rückstände unserer Kontroversen aus den vergangenen Jahren widerspiegelte, betraf eine, wie er meinte, dann und wann bemerkbare, "Unentschiedenheit des Verfassers": Ich sei zu wenig Partei, ergänzte er in einem längeren Gespräch vom September 1973, zu sehr auf Seiten des Bestehenden gegen die "Nazi-Rabauken". Im Grunde sei meine Darstellung ein typisches Produkt deutscher Gelehrsamkeit auch insoweit, als sie weithin unpolitisch und ohne ein ständig präsentes Gegenbild argumentiere. Während der nochmaligen, im Zusammenhang absolvierten Lektüre sei ihm erstmals bewusst geworden, wie merkwürdig visionslos meine Vorstellung von der Gesellschaft sei.
Meine Entgegnung, man müsse lediglich die Visionäre des Jahrhunderts Revue passieren lassen, um von ihren Rezepten abgestoßen zu sein, wehrte er kaum ab und zeigte unerwartet großes Verständnis: Er habe diesen Einwand, sagte er, auch nirgendwo geschrieben oder sonst wie öffentlich gemacht. Mitunter beschleiche ihn sogar der Verdacht, man müsse genau so, im Bunde mit der vernünftigen Ordnung und den guten Regeln sein, um eine halbwegs begreifbare Hitler-Biografie zu schreiben. Doch behalte er diesen Verdacht gern für sich. Nicht verheimlichen hingegen wolle er seine Einwände gegen die "Zwischenbetrachtungen", die ich im Fortgang der Lebensbeschreibung eingeschaltet hätte. Denn sie sagten nichts über die Person Hitlers, sondern lieferten nur Anmerkungen zur inneren Verfassung der Epoche, zu ihrer Typologie, den Strategien der bestimmenden Figuren und anderes mehr. Sie sollten, erweitert und gelegentlich durchaus zugespitzt, gesondert veröffentlicht werden. In einer Biografie seien sie ein entbehrliches, auch schriftstellerisch störendes Zugeständnis an den "ins Soziologische vernarrten Zeitgeist".
Begreiflicherweise war ich sehr verblüfft, als einige Jahre darauf Haffners "Anmerkungen zu Hitler" herauskamen. Denn zweifellos waren sie mindestens ebenso "historisch" und "unpolitisch" wie meine Darstellung sowie ganz und gar "visionslos". Einige Zeit vor der Veröffentlichung des Buches hatte sich Haffner telefonisch gemeldet und gesagt, ich solle etwas früher als alle Welt erfahren, dass er nun doch noch, wenn auch "unter Schmerzen", mit dem "schrecklichen Hitler-Thema zu Stuhle gekommen" sei. Das Hauptverdienst daran gebühre Helmut Kindler, der ihn zu der Sache überredet habe. Aber ein bisschen dürfe auch ich mir das Zustandekommen des Buches zugute halten. Nicht nur hätten ihn unsere Gespräche immer wieder zur Sicht auf Hitler angestoßen. Vielmehr könne man nach dem Erscheinen meiner Biografie beim Leser auch eine Kenntnis von Person und Politik des Mannes voraussetzen, die es zuvor nicht gegeben habe. Die sei aber für seine verspielt essayistischen Stücke notwendig. Im Grunde habe er es sich ziemlich einfach gemacht: Er setze sich gewissermaßen auf den Zaun meines Buches und pfeife ein paar Töne dazu. Glücklich sei er darüber, dass er an dem "Leiter-Schema" festgehalten habe, das ich mir nicht zu Eigen machen wollte oder konnte.
Ein paar Wochen darauf kam er nach Frankfurt und übergab mir ein gewidmetes Exemplar. Als Autor sei er nach wie vor nicht unzufrieden, sagte er dazu, aber der Verkauf sei überaus schleppend; die Öffentlichkeit wolle entweder nichts mehr von dem Thema oder nichts von ihm wissen. Vielleicht habe er im "Stern" oder sonst wo zu viele "Knallfrösche" direkt unter den Nasen der Leute springen lassen. Aber schwerer wiege wohl, dass ihm zum Bücherschreiben die darstellerische Breite fehle. Man brauche dafür einen "langen Atem"; er hingegen könne nur "hecheln".
Schließlich eroberten die "Anmerkungen zu Hitler" aber doch alle Bestsellerlisten. Als ich Haffner nach den Gründen für den Erfolg fragte, antwortete er mit einem Witz, den seine spätere Frau, Christa Rotzoll, darüber machte. Das Buch, behauptete sie, sei deshalb so verspätet eingeschlagen, weil den Lesern erst im Nachhinein aufgegangen sei, dass man darüber mitreden könne, selbst wenn man es so wenig oder falsch verstehe, wie alles, was Haffner je geschrieben habe. Den Hinweis, dass mir in Erinnerung an manche unserer Gespräche, zumal in der zweiten Phase meiner Arbeit, erhebliche Auffassungsänderungen aufgefallen seien, nahm er mit einem kleinen Kopfschütteln hin. Als ich die Bemerkung nachschob, er schreibe an einer Stelle sogar, wer die Bundesrepublik mit dem Regime der Hitler-Jahre in eins setze, wisse nicht, wovon er rede, und auch in seinen Kolumnen zur aktuellen Politik äußere er sich seit einiger Zeit nach meinem Eindruck weit ausgewogener und ohne den hektisch-verzweifelten Ton vergangener Jahre, unterbrach er mich fast ungehalten: "Na und?", warf er ein. "So was passiert, solange man lebt. Es ist sogar ein Beweis dafür, dass man da ist. Und niemand wird mir doch vorhalten wollen, dass ich noch nicht unter der Erde bin."
Dennoch ließ er die Rolle des einzelgängerischen Querkopfs, die er so lange Zeit mit provokanter Laune gespielt hatte, im Fortgang der Jahre zusehends hinter sich. Er war so gern "umstritten" gewesen. Nun verzichtete er mehr und mehr auf die Widersprüche und unvermittelten Auffassungsbrüche, mit denen er das Publikum immer wieder aus der Fassung und einige seiner Freunde zur Verzweiflung gebracht hatte. Und mit der Berechenbarkeit wuchs zugleich sein Ansehen.
Als ich ihn Anfang 1988, kurz nach seinem 80. Geburtstag, in Berlin besuchte, meinte er mit einem dünnen Lächeln, ihm drohe "das Schlimmste", was einem Unruhestifter wie ihm widerfahren könne: Er werde auf ein Postament gestellt, und unter ihm wimmle eine Legion ungerufener Geister, die ihn immer noch etwas höher stemmten: "Die Würdigungen, die mir von allen Seiten zuteil wurden", sagte er, "waren überaus freundlich. Lauter Nettigkeiten! Ganz unverdient! Und nicht einer aus der Gratulantenschar hat die ziemlich krassen Irrtümer erwähnt, die mir im Gang der Jahre unterlaufen sind, zu schweigen von den Kobolzen, die ich sozusagen geschossen habe!"
Ich wandte ein, dass ein hoher Geburtstag nicht der Anlass für kritische Vorhaltungen sei, doch unterbrach er mich fast ungeduldig: Diese Art Pietät, meinte er, habe für ihn etwas ungemein Kränkendes; als sei er "raus aus der Partie". Als ich beharrte und sagte, er dürfe die Empfindlichkeiten nicht, wie früher manche seiner Auffassungen, ins Exzentrische treiben, wurde er plötzlich belehrend: "Sie denken zu kurz!", verwies er mich. "Und zu freundlich!" Er selber habe einen weit schrecklicheren Verdacht: "Die Leute haben die Entgleisungen, die doch zu meinem Leben gehören, nie richtig wahr- oder gar ernst genommen. Aber das, was richtig war und Bestand haben sollte, auch nicht. Weg ist das eine wie das andere." Und dann, nach einem kurzen Blick ins Leere: "Man kann auch sagen, es ist alles umsonst gewesen!"
Die Äußerung bekam erst einige Monate später ihre volle, Haffner tief erschütternde Bedeutung. Im Frühjahr 1989 berichtete ich ihm von dem überraschenden Zulauf, den ein von mir gehaltener Vortrag über "Die ungelöste deutsche Frage" in einem halben Dutzend Städte gefunden hatte. Erstaunt, mit einem leichten Befremden in der Stimme, fragte er, ob ich mir noch immer Hoffnungen machte; auch er sei, wie jeder wisse, viele Jahre lang ein "Vereinigungsmatador" gewesen. Jetzt liege seine Flinte gewissermaßen im Korn. Schon der Titel meines Vortrags sei grundfalsch. Tatsächlich sei die so genannte deutsche Frage "gelöst", nur ein paar Träumer redeten noch davon. Den Hinweis auf das außerordentliche Publikumsinteresse tat er mit dem Satz ab, die Deutschen seien nun mal "Wolkenkuckucksheimer".
Nicht lange darauf brach mit dem Fall der Mauer für Haffner eine Welt zusammen. Das ganz und gar Verrückte sei eingetreten, kam er mir im Dezember 1989 in Berlin entgegen, er fühle sich "lächerlich" gemacht und müsse mit der "entsetzlichsten Niederlage" zurechtkommen, die ihm je widerfahren sei. Zeitlebens habe er die Politik nach rationalen Kriterien betrachtet - wenn man so will, als eine Art Tauziehen. Die Spielregeln erlaubten den Beteiligten beinahe alles: das Vertrauen in die rohe Kraft, Irreführung, das Ausnutzen einer gegnerischen Schwäche, Hinterlist. Nur eines sei immer außerhalb des Denkbaren, man könne fast sagen, "verboten" gewesen: dass die eine Partei einfach ihr Ende des Seils aus der Hand lasse, weil sie den Spaß verloren hat. Eben das werfe er Gorbatschow vor. Was jetzt ende, sei die Möglichkeit politischen Urteilens: "Ich bin überflüssig. Das hat nicht einmal Hitler erreicht. Aber der Herr Generalsekretär, den alle Welt so sympathisch und umgänglich findet - dem ist es gelungen."
Ich verstünde, hielt ich ihm entgegen, kein Wort. Immer seien wir uns einig gewesen, dass alle Geschichte unberechenbar sei. Anders als die derzeit herrschende sozialhistorische Schule hätten wir weder Gruppen noch Strukturen als die ausschlaggebende Schubkraft historischer Prozesse angesehen. Alles, was die Geschichte an Reizen biete, habe für uns immer damit zu tun gehabt, dass sie von Menschen gemacht wird. Er sei sogar, weit mehr als ich, der Anwalt der Einzeltäter gewesen. Nun habe wieder mal einer von ihnen die Szene betreten und auf vielleicht verrückte, jedenfalls unkalkulierbare Weise ins Spiel eingegriffen - und schon verlange ausgerechnet er, Sebastian Haffner, die Beachtung von Regeln. Von welchen Regeln rede er überhaupt? In allen unseren Kontroversen hätte ich mich stets mit ihm in der Einsicht verbunden gefühlt, dass die einzige Regel geschichtlicher Abläufe die Regellosigkeit sei.
Während ich noch weiterredete, unterbrach er mich unvermittelt. "Sie haben ja Recht", sagte er, "ja, ja - lassen Sie's endlich gut sein!" Und etwas später reichte er als eine Art Erklärung nach, er sei nur ratlos. Die letzten Monate hätten ihm beigebracht, dass er im Grunde nichts mehr zu sagen habe. Er besitze nicht die geringste Vorstellung davon, wie es weitergehen solle. "Oder", hängte er nach kurzem Besinnen an, "wie es überhaupt weitergehen könnte." Auf dem Rückweg kam mir der Gedanke, dass Haffners Verlegenheit vielleicht einen unauflösbaren Widerspruch zum Vorschein brachte: Ausgangspunkt seiner Geschichtsauffassung war, dass alles Geschehen am Ende, trotz unendlicher Wirrheiten, mit der Rationalität eines Schachspiels ablaufe. Gleichzeitig jedoch bewunderte er die "großen Männer", deren Ruhm nicht selten gerade daher kam, dass sie Methoden und Ziele jenseits aller Vernunft verfolgten und zuzeiten sogar das Brett mitsamt den Figuren umstießen.
Ich stand Haffner in den folgenden Jahren nicht mehr nahe genug, um zu beurteilen, ob und wie konsequent er sich aus der Welt zurückzog. Er blieb der "fremde Freund", als den ich ihn einmal bezeichnet hatte. Dann und wann telefonierten wir, einige Male besuchte ich ihn in Berlin, wohin er inzwischen umgezogen war. Ende 1994 erhielt ich überraschend einen Brief von David Astor, der irgendeine Auskunft über den deutschen Widerstand gegen Hitler erbat und ein persönliches Treffen vorschlug. Bald darauf sind wir uns bei einem Aufenthalt in London begegnet, er war ein nachdenklicher, vielseitig informierter Auskunftgeber mit verlässlichem Gedächtnis. Gewiss, sagte ich, erinnere er sich nicht mehr an die Begegnung aus dem Jahre 1950. Doch wüsste ich gern, ob er es für möglich halte, Churchill, de Gaulle und Sebastian Haffner in gleichsam einem Atemzug als die drei eindruckvollsten Persönlichkeiten benannt zu haben, denen er begegnet sei.
David Astor lachte und fand seine Zusammenstellung von einst "ziemlich originell". Zwar erinnere er sich an den erwähnten Abend nicht, sagte er, doch halte er die Bemerkung keineswegs für ausgeschlossen. Tatsächlich habe er Haffner grenzenlos bewundert und nie davon abgelassen, auch nicht, als ihre Wege zwar nicht auseinander liefen, doch nicht mehr ganz so selbstverständlich nebeneinander hergingen. "Und nichts davon war verloren", fuhr Astor fort, "als Sebastian die Trennung betrieb und mir in den frühen fünfziger Jahren wie aus heiterem Himmel einen Brief schrieb, den ich einmal als ,Kündigungsschreiben aus lauter Umarmungen' bezeichnet habe. Jedenfalls versicherte er mir sozusagen im gleichen Satz, dass er mir Liebe und Dank schulde, aber die Sachen hinwerfe, weil er ,klare Verhältnisse' brauche. In Wahrheit war alles wirr und emotional und machte die Dinge zwischen uns noch unklarer. So deutsch, lautete die einzige Erklärung, die ich damals fand oder mir zurechtmachte, war er nach der langen Zeit in England immer noch: dass er von ,klaren Verhältnissen' redete, während er alles durcheinander brachte!" Dennoch habe er sich die Jahre ihrer Freundschaft stets zurückgewünscht, setzte David Astor hinzu, sie seien für ihn nicht nur die erfolgreichste, sondern auch die persönlich "glücklichste Zeit" gewesen, und beides käme so selten zusammen.
Unmittelbar nach meiner Rückkehr rief ich Haffner an, erzählte ihm von der Bewunderung, die David Astor noch immer für ihn empfinde. Haffner schwieg unausdenkbar lange und sagte dann nur: "So?" Als er weiter stumm blieb, fügte ich hinzu, dass Astor gesagt habe, wie sehr er sich die Jahre ihrer Freundschaft zurückwünsche, eine offene Verstimmung habe es ohnehin nicht gegeben. Mein Eindruck sei, dass David Astor sehr glücklich wäre, wenn sie sich nun, als alte Männer, wieder versöhnten. Während ich innehielt, verharrte Haffner wiederum für einige Zeit schweigend und brachte neuerlich nicht mehr als das trockene, unendlich entfernt klingende "So?" hervor. Als ich später Astor berichtete, wie der verlorene Freund seinen Wiederannäherungsversuch aufgenommen habe, wurde ich auch von ihm mit einer dieser Vergeblichkeits-Sentenzen abgefunden, die ich dann und wann schon von Haffner gehört hatte: "Ja, so ist es wohl! Man bekommt nichts zurück."
Im Blick aufs Ganze gleicht das Leben Haffners einem Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. Er selber hat seine zahlreichen Meinungsbrüche auf die Vorurteilslosigkeit zurückgeführt, zu der er von früh auf zu Hause und "draußen auf den Straßen von Berlin" erzogen worden sei. Die Schülerjahre habe er zwischen Prenzlauer Berg und Alexanderplatz verbracht und später, infolge einer Versetzung des Vaters, in Lichterfelde. Auf diese Weise habe er zwei überaus unterschiedliche Milieus kennen gelernt: eine ehrgeizige, sozial hungrige Kleinleutewelt mit einem hohen Anteil jüdischer Mitschüler auf der einen Seite und auf der anderen eine Klasse von Bürgersöhnen, deren Väter vornehmlich Offiziere, höhere Beamte und mittelständische Unternehmer waren. Er habe sich, hat Haffner gern gesagt, unter den einen so gut aufgehoben gefühlt wie unter den anderen und deshalb die "Modetorheit der Epoche", das Denken in sozialen Feindschaften, niemals mitgemacht.
Ein kurzer Zusatz darf nicht fehlen. Während der Jahre in Berlin-Mitte, hat Haffner sich erinnert, sei er "ziemlich links" gewesen und in Lichterfelde umstandslos nach "rechts" übergegangen. Der Wechsel habe ihm nicht zu schaffen gemacht. Er war wohl weitaus beweglicher in seinen Überzeugungen, als er je zu erkennen gegeben hat, und womöglich war die oftmals radikale Vehemenz seiner Äußerungen nicht zuletzt der Versuch, im Wald des Lebens das Misstrauen gegen sich selbst wegzupfeifen. In den rund fünfzig Jahren seiner journalistischen Tätigkeit hat er sich irgendwann einmal jede umlaufende Meinung zu Eigen gemacht, den Nazi-Wahn ausgenommen. Er hat die imperialistische Karte bis zum Bruch mit David Astor gespielt und anschließend die des Kalten Kriegers, der für einen "Partisanenaufstand" in der DDR plädierte; er stritt für die Wiedervereinigung und für eine europäische Friedensordnung auf der Grundlage der deutschen Teilung, verglich den "widerwärtigen" Ulbricht mit Hitler und nannte ihn einige Jahre später einen "Politiker ersten Ranges", bezeichnete die Bundesrepublik als Bastion der Rechtsstaatlichkeit und dann als ein Gemeinwesen, das nach "Peitschenleder" und "Pogrom" roch. Richard Löwenthal hat Haffners Schwanken als Ausdruck einer Künstlernatur gedeutet, die vom Augenblick beherrscht und für alle Festigkeit im Grundsätzlichen zu leicht erregbar gewesen sei. Tatsächlich war Haffner von größerer Reizbarkeit, als es je den Anschein hatte, man kann auch sagen: Das Konvulsivische war seine Natur, die Gelassenheit dagegen eine für den zivilisierten Umgang mit der Welt erlernte Tugend.
Manche meinten sogar, ein Element von Schauspielerei sei auch dabei, die Lust an der Maskerade, an der Verblüffung ringsum, wenn er die Rolle des grämlich besorgten Pantalone mit der des erzürnten Dottore und manchmal sogar des Arlecchino im Bürgerrock vertauschte. Nicht selten hatte man den Eindruck, Haffner begrüße jeden politischen Szenentausch schon deshalb, weil er dadurch die Maske abwerfen und das alte Textbuch loswerden konnte, das ihn allmählich zu langweilen begann. Insofern war die SPIEGEL-Affäre von 1962 tatsächlich, wie man gesagt hat, seine "größte Stunde". Denn damals zog er, nach annähernd zwanzig Jahren, nicht nur eine neue Karte, sondern warf gleichsam das ganze abgegriffene Blatt auf den Tisch.
In seinen letzten Jahren kehrte zusehends die Beherrschtheit von einst zurück, die "Pragmatische Lektion", die ich einmal in einer öffentlichen Diskussion sein großes "Mitbringsel aus England" genannt habe. Dann verwunderte er sich über seine Ausfälle von einst und bat manchmal wohl auch, ihm das Gespräch darüber zu ersparen. Nur mitunter fiel er in die alten Durchgängereien zurück wie etwa 1991 bei der feierlichen Umbettung Friedrichs II. nach Sanssouci. Zeitlebens war er "fritzisch gesinnt" gewesen und hatte den König gern "den Großen" genannt, weil er Mut, Unerschütterlichkeit und Haltung auch im Unglück bewiesen hatte. Nun aber verlangte er in grellen Einwürfen vom ohnehin "zu groß gewordenen Deutschland" eine Entscheidung darüber, ob es wieder die "Pickelhaube" aufsetzen und "Deutsches Reich" spielen oder endlich in der Gegenwart ankommen wolle. Wer auf die Untertöne achtete, mochte schon das klingende Spiel beim Aufzug der Garde wahrnehmen und das Echo von Marschtritten unter einem Himmel, über den alle Gespenster der Vergangenheit irrlichterten, während aus Millionen Kehlen der Schrei kam: "Zu Befehl!" Er war wieder zu seinen teuren Hausgenossen, den Chimären, zurückgekehrt und erwiderte auf eine entsprechende Vorhaltung, er werde sich freuen, wenn ich Recht behielte. Doch zu seinem Leben gehöre nun mal, nie mehr ganz sicher zu sein.
Tatsächlich war zu fragen, welche Bedeutung das Trauma von 1933 für ihn gehabt hat, und als wir in einem unserer letzten Gespräche darauf kamen, erwiderte er, er habe die Weimarer Republik nie geliebt und auch nichts zu ihrer Verteidigung getan. Wie jedermann in diesen "seltsam unernsten Jahren" habe er nur leben und vergnügt sein wollen; aber einen "Knacks" hätten sie alle dennoch mitbekommen. Ich erinnerte ihn an die fünfziger und frühen sechziger Jahre und sagte: "Da war kein Knacks!" Vielmehr habe er damals, wenn auch oft mit reichlich wilder Übertreibung, das Notwendige gesagt. Erst in der Folgezeit habe er dann die Bodenhaftung nicht nur verloren, sondern geradezu triumphierend preisgegeben. Ich kennte niemanden, der sich einen Vers darauf machen könnte. Er saß in seinem gewaltigen Ohrensessel, klein, eingesunken und zerbrechlich wirkend. Was er am Körper hatte, schien durchweg ein paar Nummern zu groß. Statt zu antworten, sprach er von den "Malheuren des überlebten Alters", und als die Krankenschwester kam und ihn ins Esszimmer hinübertrug, mühte er sich unausgesetzt, den inzwischen mächtig hervortretenden Kopf auf dem ins Zwergenhafte verkümmerten Rumpf aufrecht zu halten. "Wer hat schon auf alles eine Antwort?", nahm er das Gespräch wieder auf. "Ich glaubte das mal zu haben. Aber jetzt nicht mehr!" Er habe seinen Frieden gemacht, sagte er, vielleicht nach zu vielen Seiten; und gleich darauf bekräftigend: "Bestimmt nach zu vielen Seiten!"
Sogar mit diesem Land, setzte er etwas später hinzu, habe er keine wirklich offenen Rechnungen mehr. Die Institutionen der Bundesrepublik seien einigermaßen stabil, es herrsche Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und ein Geist der Liberalität, den er den Deutschen niemals zugetraut hätte. Manchmal denke er sogar, er sei tatsächlich angekommen. "Obwohl ...", wollte er fortfahren, unterbrach sich aber sogleich. "Über die ,Obwohls' wollen wir jetzt nicht reden. Wir haben es lange genug getan."
Anschließend sprachen wir über Literarisches, noch immer bewunderte er Thomas Mann über die Maßen, las aufs Neue Fontane, Stendhal, Tolstoi - "richtige" Romane, wie er sich gern erinnern ließ, keine "modernen". Er sei nun einmal hoffnungslos konservativ. Auch in der Musik habe er sich wieder seinen Lieben von ehedem zugewandt. Nie werde er ganz verwinden, den mehrfach geplanten Essay über das Ende der Musik nicht geschrieben zu haben: "Fünfhundert Jahre!", sagte er. "Und eine unendliche Zahl überwältigender Werke mit immer neuen Glückserlebnissen - immerhin! Ich selber habe meinen Anteil gehabt." Aber im Schöpferischen sei es mit der Musik jetzt vorbei: "Der Topf ist leer." Gustav Mahler und Richard Strauß markierten "den Tod der Musik und ein bisschen die Verklärung". Schönberg und alle, die ihm folgten, spielten sich noch als Erben auf. In Wirklichkeit aber gehörten sie "nicht zur Familie". Sie seien schon jenseits der Schattenlinie und Opfer des "schrecklichsten Lobes", das die Musikkritik zu vergeben habe: Verfasser "interessanter Werke" zu sein. Beim Abschied spottete er wie schon einige Male über die "Verehrung, die mir neuerdings entgegenschlägt - und manchmal mitten ins Gesicht".
Das Puzzle hat keine Lösung, sagte ich am späteren Abend zu einigen Freunden, mit denen ich verabredet war, und ließ es dabei. Die Runde sprach darüber, ob die Vergangenheit für Haffner nicht von größerem Gewicht sei als alle Gegenwart. Am ehesten sei er ein ins Politische verschlagener Historiker, einigte man sich. Ich selber ging einen Schritt weiter und behauptete, dass er mehr noch ein Schriftsteller sei, der sich mit so viel Intuition wie dramatischem Sinn ein Bild von der einstigen wie von der derzeitigen Welt zurechtmache: Es sei alles ein gewaltiger Romanstoff, und das Gewesene bedeute ihm womöglich mehr als das Treiben ringsum, weil es den einzigartigen Vorteil besitze, keine Überraschungen zu bieten und die Tragödie von der Eröffnung über die Peripetie bis hin zum Sturz wie vorgesehen zum Abschluss zu bringen. Erst was abgetan sei, setze den Autor, als den Haffner sich verstehe, ganz in sein Recht. Bezeichnenderweise ergänze er seine Bemerkung, dass der Mensch keineswegs der Herr der Geschichte sei, gern durch den Zusatz: "Aber der Historiker - der ist es in gewissem Sinne!" Aller Stoff sei für ihn nicht mehr, wie das berühmte Wort lautet, Jubel und Jammer, sondern Spielmaterial von Erkenntnis und phantasievoller Gedankenverkettung.
Aber diesem Bedürfnis Haffners, dachte ich am folgenden Tag, stand sein Auftrittsverlangen im Wege. Er drängte lebenslang immer auch ins Rampenlicht und war nicht der Mann, sich mit dem bloßen Nachdenken zu begnügen. Erst das Scheinwerferlicht, in dem er sich als der Schauspieler, der er auch war, mit Sicherheit und erkennbarem Behagen bewegte, hat der Verehrung, die er in den letzten Jahren fand, den übermächtigen Charakter verschafft. Eigenartig zu denken, überlegte ich auch, was seine Landsleute an ihm so sehr schätzten: an vorderster Stelle gewiss seine rhetorische Brillanz. Dann aber auch die Radikalität seiner Auffassungen mitsamt der Neigung, selbst im Abseitigen weiterzulaufen. Die Vorliebe für das Denken in sozusagen freier Luft und ohne die Kettengewichte der Realität an den Füßen. Zuletzt immer wieder die großen Brüche mit dem Ableugnen oder Vergessen dessen, was gestern war. Alles zusammen macht zu einem Gutteil jene "deutsche Labilität" aus, von der so häufig gesprochen worden ist. Sebastian Haffner hat sie, kritisch wie kaum ein anderer, beschrieben. Fast ebenso oft ist er selber ihr erlegen.
Nazi-Deutschland
ist das Lebenstrauma und -thema von beiden: Sebastian Haffner (1907 bis 1999) und Joachim Fest. 1973 veröffentlichte Fest, nach dem Vorlauf der 1963 publizierten Studie "Das Gesicht des Dritten Reiches", sein bisher erfolgreichstes Buch "Hitler. Eine Biografie". Während er es schrieb, interessierte sich ein Kollege brennend für Kopien des entstehenden Manuskripts: Haffner, der 1938 Deutschland verlassen hatte und 1954 von London nach Berlin zurückgekehrt war. 1978 wurden Haffners "Anmerkungen zu Hitler" ein Bestseller, wie zuvor Fests Hitler-Biografie. Die Gespräche zwischen ihnen verliefen, wenn es um deutsche Vergangenheiten seit Mozart und Bismarck ging, meist einvernehmlich; heftig gestritten haben sie dagegen, sobald die deutsche Gegenwart und Zukunft zur Diskussion standen - etwa ob eine "Wiederkehr Hitlers" (Haffner) drohe, wie die SPIEGEL-Affäre oder der Fall der Berliner Mauer einzuschätzen seien. Das hier abgedruckte Haffner-Porträt von Fest belegt mit vielen bisher unbekannten Details auch diese Auseinandersetzungen und damit wichtige Aspekte deutscher Zeitgeschichte. Fest, 76, plant, unter dem Arbeitstitel "Begegnungen", noch weitere Porträt-Essays dieser Art - in Wahrheit sind es Bruchstücke jener Autobiografie, die er en bloc nicht schreiben will.
Von Joachim Fest

DER SPIEGEL 33/2003
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