Von Matussek, Matthias
Wer die Wahrheit in diesem Land will, der muss graben", sagt Alvaro Luis Jacobo, der Archäologe und Forensiker. Er kommt an diesem kühlen Morgen verspätet zum Treffpunkt in einem Außenbezirk von Guatemala-Stadt und überspielt nur mühsam seine Nervosität. Grimmig überprüft er die blaue Plastikplane, die über den acht Särgen auf der Ladefläche seines Toyota-Pick-up festgezurrt ist, dann preschen wir los, die Ausfallstraße nach Norden, ins Quiché-Gebiet - wo das Massaker von Pasajoc stattfand.
Alvaros Nervosität hängt mit dem Anruf zusammen, den er an diesem Morgen erhalten hat. Der war knapp und klar: "Wir bringen dich um." Jedes der Skelette, das Alvaros Institut identifiziert, erzählt eine Geschichte von Folter und Hinrichtung. Jeder Tote belastet seinen Mörder und die Auftraggeber.
Rund 200 000 Opfer hat der 36-jährige Bürgerkrieg gekostet, und einer seiner eifrigsten Schlächter, General Efraín Ríos Montt, will nun wieder Präsident werden. Jener Ríos Montt, der nach seinem Putsch von 1982 in nur 16 Monaten Hunderte Dörfer niederbrennen ließ und Dutzende Massaker anordnete, in denen 17 000 "Subversive", meist Maya-Bauern, umgebracht wurden. Eines davon war in Pasajoc.
Efraín Ríos Montt: Trinker, Verschwörer, ein korruptes, frömmelndes Monster, neben dem der Fall Fidel Castro zur Heiligsprechung vorgelegt werden müsste. Absolvent der berüchtigten School of the Americas, in der noch alle lateinamerikanischen Knochenbrecher ihr Handwerk lernten, beteiligt bereits am CIA-Putsch 1954 gegen den linksdemokratischen Präsidenten Jacobo Arbenz.
Seine Abkehr vom Alkohol und fundamentalistische Erweckung erlebte er in der Church of California. Zurück in Guatemala, schloss er sich der Freikirche "El Verbo" ("Das Wort") an. Und dann wurde er nicht mehr müde zu verkünden, dass Gott ihm die Macht verliehen hat, zu richten über die Lebenden und die Toten. "Unsere Politik ist nicht die der verbrannten Erde", sagte er, "sondern der verbrannten Kommunisten." Besucher Reagan pries seine "große Integrität".
Nach der Unterzeichnung der Friedensabkommen 1996 ist ihm der geschmeidige Rollenwechsel in die Zivilgesellschaft gelungen, und heute kontrolliert der 77-Jährige mit seinem Frente Republicano Guatemalteco (FRG) die Mehrheit im Kongress. Seine Tochter ist dessen Vizepräsidentin, sein Sohn Finanzchef der Armee. Seine Geheimdienste arbeiten flächendeckend.
Guatemala, dieses Paradies aus blumengesäumten Kraterseen und Wäldern und imposanten Maya-Pyramiden, gehört wirtschaftlich 20 Familien und ihren Monopolen. Guatemala, das Totenhaus, ist Ríos Montts Latifundie, die neben den mittlerweile bekannten Massengräbern 3000 nicht identifizierte enthält. Es ist gefährlich, sich mit Ríos Montt anzulegen. Und er hat ein Ziel: Als Präsident wäre er gegen jede Strafverfolgung immun. Allerdings verbietet es Guatemalas Verfassung Putschisten, für das höchste Staatsamt zu kandidieren, weshalb der Oberste Gerichtshof gegen seine Einschreibung optierte.
Die Antwort kam prompt. Ríos-Montt-Vasallen karrten nach dem Urteil vor vier Wochen einige tausend Maskierte in die Innenstadt. Die machten mit Schlagstöcken in erster Linie Jagd auf Journalisten, denn die seien es, die Lügen über Ríos Montt verbreiteten. Alvaro, der mit acht identifizierten Leichen eines Militärmassakers und zwei Journalisten durchs Land fährt, hat also allen Grund zur Nervosität.
An den Straßenrändern Indiofrauen mit langen Zöpfen und bunten Röcken, die Brennholz auf dem Rücken tragen. Sie haben Gesichter aus Stein. Es gibt kein einziges lachendes Gesicht auf dem weiten Weg durch die Berge. "Die Straßen waren übersät mit ausgebrannten Autos und verkohlten Leichen", sagt der Forensiker.
Zeugenaussagen, die die katholische Kirche gesammelt hat, sind wie mittelalterliche Höllendelirien: Bäume voller Kinderleichen, gepfählte Frauen, abgeschälte Gesichter. Bischof Juan Gerardi, der den Bericht präsentiert hatte, wurde zwei Tage später von Militär-Mördern erschlagen.
Die enge Straße hinauf in die Sierra von Quiché ist flankiert von Wahlwerbung für Ríos Montts Partei. Die blauweiße Buchstabenreihe FRG ist auf Bordsteine und Felsen gepinselt, die Serpentinen hinauf, wie beschriftete Leitplanken, die zu den Stätten des Grauens führen. Die Täter kehren zurück, diesmal mit den Gimmicks des gerade erst eingeübten Demokratie-Spiels.
Beim Friedensrichter in Zacualpa sind nur zwei Angehörige der von Alvaro identifizierten Toten aus dem unzugänglichen Bergflecken Pasajoc erschienen. Ausgebreitet werden zerfallene Kleidungsstücke, bunte Schals, Gürtelschnallen. Und dann die Knochen, aus beschrifteten Tüten. Die werden in die mit weißem Tuch ausgeschlagenen Särge gebettet. Man ist auf anrührende Weise bemüht um eine letzte anthropomorphe Ordnung, oben der Schädel, in den der Unterkiefer eingepasst wird, dann Rippen und Schenkelknochen, die vagen Umrisse eines Menschen.
"Wo ist der Strick?", fragt der 66-jährige Santos Benito. Der Strick ist nicht da, doch der Strick ist ihm wichtig. Es war der Strick, den er all die Jahre vor Augen hatte. Der Strick, mit dem sein einziger Sohn Agustín, damals 19, an den Balken gebunden wurde, weil er sich geweigert hatte, sich von Ríos Montts Militärs als "Patrullero" anwerben zu lassen. Sein Tod sollte langsam kommen. Santos und die Männer aus dem Dorf wurden gezwungen, ihn und zehn weitere mit Macheten und Knüppeln totzuschlagen.
"Wenn ich mich geweigert hätte, hätten sie mich umgebracht", sagt Santos in einem gutturalen Maya-Dialekt, der sich anhört wie eine Kette dunkler Schluchzer. Sein Gesicht ist von fatalistischer Reglosigkeit, entrückt wie ein Berg. "Ich habe versucht, meine Schläge nur zu simulieren."
Wer Santos' Geschichte nicht versteht, hat den Bürgerkrieg Guatemalas nicht verstanden, der Verräter schuf und Mittäter, der Familien zerriss. Santos hat es einfach nicht geschafft, seinen Überlebenswillen zu überwinden und sich gemeinsam mit seinem Sohn zu opfern. Sein Leben danach? "Es ist kein Leben", sagt er. Ríos Montts Schergen, so klingt es, haben ihm die Seele geraubt.
Nachdem die Protokolle im Büro des Friedensrichters unterzeichnet sind, schultert Santos den Sarg und macht sich gemeinsam mit einem Freund, dessen Frau und Kind von Ríos Montts Soldaten erschossen wurden, auf zum Gemeindefriedhof von Zacualpa.
Er findet einen Bestattungsplatz im hinteren Teil bei den namenlosen Erdhügeln, unter einem breitblättrigen Higuerillo-Baum, an dessen Stamm sich eine weiße Orchidee geklammert hat. Vielleicht wird er, wie es der Brauch ist, am Totensonntag einen Drachen über dem Grab aufsteigen lassen, um der Seele seines Sohnes in den Himmel zu helfen.
Das Grausamkeitstheater des Bürgerkriegs hat die verschiedensten Themen durchgespielt: ideologische, rassistische und religiöse. Die CIA und die Militärs ermunterten die Bildung fundamentalistischer Sekten als Kampfformationen gegen den Katholizismus, der nicht nur wegen seiner Befreiungstheologen als subversiv galt, sondern wegen seiner Devotionalien und Riten als ein notorischer Indioverbündeter.
Im Innenhof der Kirche von Zacualpa gibt es eine Mönchszelle, deren Wände mit Kreuzen und Fotos katholischer Padres bestückt sind. Ríos Montts gestiefelte Bibelexperten ließen die Priester an Haken aufhängen und zu Tode foltern. Heute ist die Zelle eine Gedenkstätte. Vor einem roten Maya-Tuch, mitten unter ihnen, hängt der mitleidende Jesus in Agonie. Auch er ist verstümmelt, ein Arm ist abgeschlagen.
Guatemala, dieser vielschichtige Alptraum, liegt über drei tektonischen Platten. Jeden Tag registrieren Seismologen kleinere Beben. Der Boden, auf dem nun Wahlkampf gemacht wird, schwankt, und am Tag nach Agustíns Bestattung gibt es eine gewaltige politische Erschütterung: Das Verfassungsgericht hat den Einspruch kassiert und Ríos Montts Einschreibung als Präsidentschaftskandidat genehmigt.
"Diese Tage beweisen", sagt die Maya-Aktivistin Rigoberta Menchú hinter der doppelten Sicherheitsschleuse ihrer Stiftung in Guatemala-Stadt, "dass das Rechtssystem eine Geisel der Mafia von Ríos Montt ist." Sie hat den General wegen Völkermordes angezeigt.
Es war Rigoberta Menchús Geschichte, die die Welt auf das guatemaltekische Drama aufmerksam machte. Sie verlor ihre Eltern, viele Geschwister. 1992 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Zurzeit versucht sie, Maya-Kandidaten für die Kongresswahl zu gewinnen. Viel Erfolg hat sie nicht. Von bisher 158 offiziellen Kandidaten stellen die Mayas gerade mal 6, und das, obwohl sie die Bevölkerungsmehrheit bilden. "Bisher überwiegt die Angst."
Doch es ist nicht nur das. Die Wahrheit Guatemalas ist komplizierter als die Rigoberta Menchús, in der es nur edle linke Mayas und reaktionäre hellhäutige "Ladino"-Militärs gibt. Die Wahrheit ist, dass Ríos Montts Armee auch eine Maya-Armee war und dass er bei nicht wenigen der pragmatischen Campesinos durchaus populär ist, auch deshalb, weil er ihnen für ihre Mitwirkung als Patrulleros 5000 Quetzales (rund 580 Euro) versprach.
Ríos Montt, der Gottesmann, hat Chancen. Rund 18 000 evangelikale Kirchen gibt es mittlerweile in Guatemala, die meisten mit dem Versprechen auf sofortige Erlösung von Schulden, Eheproblemen, Drogensucht, Gesichtsakne - nur durch "El Verbo", durch das erlösende Wort allein. Jeden Tag kommen neue Kirchen hinzu, viele in Maya-Gebieten. Das bedeutet eine gewaltige Basis. Nicht zuletzt das: Ríos Montt und das Militär haben den Bürgerkrieg gewonnen, und wer paktiert nicht gern mit dem Sieger?
Geschichte ist rückwärts gewandte Projektion, und der Lichtkegel wandert und verändert alles, ständig. Und natürlich ist sie ungerecht. Bei den ersten Wahlen nach dem Friedensschluss von 1996 kam die Partei der Ex-Guerilla auf 9 von 133 Sitzen im Kongress. Ríos Montts Leute dagegen, die seinerzeit für 80 Prozent der Massaker verantwortlich waren, gewannen haushoch. Allerdings hat der siegreiche FRG unter Ríos Montts Statthalter, Präsident Alfonso Portillo, das Land in den vergangenen vier Jahren weitgehend dem organisierten Verbrechen überlassen, und der Widerstand gegen seine Regierung wächst.
"Der Bürgerkrieg geht weiter", sagt Sergio Morales, der auf internationalen Druck von der Regierung eingesetzte Ombudsmann für Menschenrechte. "Nur ist es jetzt ein Krieg aller gegen alle, unideologisch, anarchisch." Heute gebe es in Guatemala zwölf Morde täglich, mehr als während des Bürgerkrieges.
Schon um neun Uhr morgens drängen sich Familien in den Korridoren seiner Behörde. 16 000 Anzeigen bearbeiten seine Leute jährlich. Nur die wenigsten beziehen sich auf die blutige Vergangenheit, die meisten auf den täglichen Terror aus Entführungen und Erpressungen durch Polizei und Militär.
"Die Mafiosi haben den Staat völlig unterwandert", sagt Morales. Er schätzt ihre Zahl auf bis zu 20 000. Hunderte Tonnen Drogen passieren das Land auf dem Weg zu den US-Abnehmern, unter Mithilfe von Militärs. Selbst die beschlagnahmte Konterbande landet bald wieder auf dem Markt. "Heute sind die Gewinne der Mafia größer als der gesamte Staatshaushalt."
In den Umfragen zur Wahl liegt der neoliberale Ex-Bürgermeister der Hauptstadt, Oscar Berger, deutlich vor seinen linken Mitbewerbern Alvaro Colom und dem Ex-Guerillero Rodrigo Asturias, Sohn des guatemaltekischen Literaturnobelpreisträgers Miguel Angel Asturias. Doch wenn es der Kandidat Ríos Montt in eine Stichwahl schafft, ist alles möglich.
Ríos Montt selbst ist nicht zu sprechen. Dafür führt sein alter Kampfgefährte und Vizekandidat Edin Barrientos vor, mit welchen Themen der FRG Jagd auf Stimmen machen wird - und fährt mitten hinein in einen surrealen Asturias-Roman. Er empfängt uns im "Portal de los Angeles", der Engelspforte, einem Luxusrestaurant hoch über dem nächtlichen Lichtermeer der Stadt. Seine Tochter trägt ein silbernes Herz, über Barrientos gepunkteter, breiter Krawatte baumelt ein großes Kreuz. Im Revers steckt das Parteiabzeichen.
"Ich bin ein einfacher Maisbauer mit gerade mal sieben Hektar Land", sagt Barrientos treuherzig. "Deshalb verstehe ich die Campesinos und ihre Sorgen, und die verstehen mich." Das sagt er hier, wo die Elite den Schampus sprudeln lässt, und er sagt es so, als meinte er das wirklich ernst. Ein Maisbauer in der Engelspforte?
Die Drogen? Die seien doch wirklich das Problem der USA, der Abnehmer. Dann folgen, bunt durcheinander, Attacken gegen das Großkapital, Bekenntnisse zu Gott und zur Tradition der Mayas, sympathisierende Ausführungen über Kurt Waldheim, eine Art nationalsozialistische, romantische Rhetorikbrühe, die schwer erträglich ist. Aber womöglich gewinnträchtig?
Wer Guatemalas Geschichte verstehen will, muss graben.
Nachdem die Märkte für Kaffee und Zucker zusammengebrochen sind, besteht eine Hauptdevisenquelle aus Touristen, die die mächtigen Maya-Pyramiden im Dschungel von Tikal bestaunen, deren archaische Himmelstreppen noch längst nicht freigelegt sind bis zu ihren Fundamenten.
Die Mayas nennen Tikal den "Ort der Stimmen". Schaudernd lassen sich die Touristengruppen von den Blutopfern der Mayas erzählen. Und vom Ballspiel, das für die Verlierer regelmäßig mit dem Tod geendet haben soll. Nach der jüngeren Archäologie, sagt Hugo, einer der Führer. Nach den Massengräbern, die auch hier im Petén-Gebiet gefunden wurden, fragt keiner. Das Schweigen am Ort der Stimmen, die Stille im Totenhaus Guatemala - sie ist wohl der wirksamste Wahlhelfer des blutigen Predigers Ríos Montt.
DER SPIEGEL 34/2003
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