DER SPIEGEL



KINO

Wer auf dem Wal reitet

Von Jenny, Urs

Das Mädchen Pai ist nicht Pippi Langstrumpf, aber - in dem neuseeländischen Film "Whale Rider" - ein besonders hübsches und aufgewecktes Maori-Kind.

Was das ferne, dünn besiedelte Neuseeland dem Auge an Naturherrlichkeiten zu bieten hat, war in den letzten Jahren im Kino - etwa beim "Herrn der Ringe" - mit Lust zu sehen. Die Kinder dieser Natur, die ersten Einwohner der Landes, die Maori, kamen da allerdings nicht ins Bild.

Sie traten auch in Jane Campions "Piano" nur als geheimnisträchtige Randfiguren in Erscheinung, und der neuseeländische Film "Die letzte Kriegerin" zeichnete die Maori - ähnlich den marginalisierten Einheimischen anderer Weltgegenden - als entwurzeltes und durch Alkoholismus verrohtes Völkchen von Slum-Bewohnern. Der Regisseur Lee Tamahori immerhin tat das mit so effektvoller Power, dass er den jüngsten James-Bond-Film inszenieren durfte; auch als Neuseeländer und Halb-Maori steht man ja in Her Majesty's Service.

Nun konnte man kürzlich, mit einer gewissen Verwunderung, lesen, dass in Neuseeland zum ersten Mal ein richtiger Spielfilm in der Maori-Sprache gedreht worden sei, die doch offenbar nur noch ein paar tausend Menschen tatsächlich sprechen, und zwar - was die Verwunderung zum Kopfschütteln steigerte - handle es sich bei diesem Film um eine wie auch immer maorisierte Version von Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Internationale Festival-Aufmerksamkeit scheint sie bisher nicht so recht erregt zu haben.

Ins Kino kommt bei uns (da es sich um eine deutsche Co-Produktion handelt) nun aber ein Film, der es auf die liebenswürdigste und gewinnendste Weise ernst meint mit dem Vorsatz, uns ahnungslosen Antipoden etwas vom Wesen der Maori nahe zu bringen, weshalb er die Ureinwohner - außer beim Rezitieren ihrer sakralen Litaneien oder Heldenlieder - ein durchaus manierliches Englisch sprechen lässt. "Whale Rider" heißt der Film, und der Wal ist gewissermaßen sein Totemtier.

Natürlich hatte man - auch in dem malerisch weltabgeschiedenen Fischerdorf des Films, wo die Maori offenbar noch ziemlich unter sich leben - nicht erwartet, den phantastisch tätowierten Figuren zu begegnen, die einem aus Ethno-Bilderbüchern entgegenspringen. Und man nimmt gern zur Kenntnis, dass es beim Häuptling zu Hause fließendes Wasser, einen Kühlschrank und eine Badewanne gibt wie anderswo auch. Dass aber von Konflikten, sozialen Spannungen oder gar Armut in dieser farbensatten Schönwetter-Maoriwelt rein gar nichts zu sehen ist, macht einen stutzig, auch wenn sich zur Erklärung sagen lässt: Der Film wird aus der Sicht eines einsam-phantasievollen zwölfjährigen Mädchens namens Pai erzählt und macht sich dessen dem Träumerischen und Märchenhaften geneigten Blick zu Eigen. Pais Urahn sei, so sagt die Legende des Ngati-Kanohi-Stamms, wo der Film spielt, vor mehr als tausend Jahren nach dem Kentern seines Kanus auf einem Wal reitend in Neuseeland angekommen; deshalb spürt Pai - wie ihr Großvater, der amtierende Häuptling und spirituelle Führer des Stamms - in sich eine tiefinnere Verbundenheit mit den Walen.

Für diesen eindrucksvoll würdigen, dickköpfigen Großvater (Rawiri Paratene) ist die geliebte Enkelin Glück und Unglück zugleich: Sonnenschein seiner späten Tage und ständige, schmerzende Erinnerung daran, dass ihre Mutter und ihr Zwillingsbruder, der naturgemäße Thronfolger, bei ihrer Geburt den Tod fanden und dass ihr Vater danach die Stammesgemeinschaft hinter sich ließ, um in der Fremde, im fernen Deutschland, einzelgängerisch als Bildhauer Karriere zu machen.

So ist der Patriarch gezwungen, unter den Burschen des Dorfs durch Härtetests und rituelle Exerzitien den geeignetsten Nachfolger zu ermitteln. Während er sich aus Traditionstreue prinzipiell nur einen "Schwanzträger" in dieser Rolle vorstellen kann, kapiert der Zuschauer rasch, dass die gewitzte und ehrgeizige kleine Pai den dösköpfigen Kandidaten überlegen sein wird. Wie viele Hindernisse zu überwinden sind und wie schließlich die Wale selbst auftauchen und ihre Stimme für Pai erheben müssen, damit der sture Opa sich den Zeichen der Zeit beugt - das ist der Film. Und weil er in der elfjährigen Keisha Castle-Hughes eine ernste, anmutige, großäugig strahlende Heldin gefunden hat, glaubt man ihm und ihr gern auch das Unglaubliche.

Dass weitaus die meisten der etwa 400 000 Maori längst proletarisierte Stadtmenschen sind, steht auf einem anderen Blatt. Dies ist die schöne Geschichte eines tapferen, von seiner großen Berufung beseelten kleinen Mädchens, das sich unbeirrbar nach oben kämpft. "Whale Rider" folgt einem Roman des Autors Witi Ihimaera, 59, der vor 30 Jahren als erster Maori überhaupt einen Roman (auf Englisch) veröffentlicht hat. Die Regisseurin Niki Caro, 36, bleibt mit einer Kunst, die nichts von sich hermacht, angenehm unverkitscht bei der Sache und fügt hübsche Details folkloristischer Maori-Traditionspflege - vom zärtlichen Nasenreiben bis zum grässlichen Augenrollen - in den Fluss ihrer Erzählung ein.

Es ist ein Märchen, natürlich, ein vorsätzlich optimistisches, und es illustriert das Paradox des Fürsten von Lampedusa: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist. URS JENNY


DER SPIEGEL 34/2003
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