18.08.2003

NACHRUFGerhard Mauz

Einen "Glücksfall für den SPIEGEL" hat ihn Rudolf Augstein genannt, einen Mann, der für die politische Kultur dieses Landes etwas getan hat, "was ich nicht vergleichen könnte mit irgendeinem in diesem Lande". Das war 1990, und Gerhard Mauz war gerade 65 geworden und seit mehr als einem Vierteljahrhundert Gerichtsreporter des SPIEGEL.
Schon damals galt er als eine Legende, eine Institution, er wurde der "Nestor" der Gerichtsberichterstattung genannt - was ihn fuchsteufelswild machte, nicht nur der Anspielung auf sein Alter wegen. Denn zu einem Denkmal versteinern wollte er nie. Er war der Auffassung, "dass man bei allem Tun nur versucht, sich selbst zu finden. Wenn dies dann auch anderen nützt, ist es ein Glück, für das man nichts kann".
Gleichwohl hat er, ohne es zu wollen, Erfolg gehabt wie kaum ein Journalist. Junge Leute sind Richter und Anwälte geworden, weil sie Mauz gelesen, ja verschlungen hatten. Andere wurden Journalisten, weil sie schreiben können wollten wie er. Denn in seinen Geschichten ging es nie nur um Mord und Totschlag, sondern vor allem um die Selbstgerechtigkeit der Menschen gegenüber Mitmenschen. Es ging um die Brüchigkeit der Gesetze, die Mauz nur als Spielregeln verstanden wissen wollte, und das mühsame Üben - die Sprache ist da sehr genau - von Gerechtigkeit.
Er hat nicht geschulmeistert - aber gelehrt, dass in jedem Angeklagten, selbst wenn ihm das Grässlichste vorgeworfen wird, man sich immer auch selbst begegnet und der Fähigkeit zu jeglicher Straftat.
Er hat seine Meinung nicht durchsetzen wollen. Er hat für sie geworben und gebeten, Angeklagte nicht zu verachten. Mauz hat nie die Opfer vergessen, wenn er den Weg eines Täters zur Tat beschrieb. Denn welchen Sinn sollten all die Grausamkeiten haben, die Menschen sich zufügen, wenn nicht den, wenigstens daraus zu lernen, was sich nicht wiederholen darf.
Gerhard Mauz war nicht ohne Stolz Schwabe, 1925 in Tübingen als Sohn des Psychiaters Friedrich Mauz geboren. In Esslingen gibt es noch heute die Apotheke, über der sein Großvater als Armenarzt praktizierte. Er liebte die Gegend auch deshalb, weil er dort seinen Namen nicht buchstabieren und riskieren musste, mit "Maunz" angesprochen zu werden.
1939 nahm sein Vater den Ruf nach Königsberg an, und der Junge erfuhr, was es heißt, Sohn eines Ordinarius und Klinikchefs und großer Bruder zweier spätgeborener Schwestern zu sein. Noch vor dem Abitur wurde er eingezogen, und das Grauen der letzten Kriegstage brannte sich in sein Gedächtnis ein. Oft erzählte er, wie er zwei junge Polen hätte erschießen sollen und sein Hauptmann ihm die Waffe wegnahm: "Komm, Junge, das ist nichts für dich, das erledige ich."
Wie wird man Gerichtsreporter?, wurde auch Gerhard Mauz oft gefragt. Teil seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Vater war sicher die Entscheidung, Psychologie und Strafrecht zu studieren. Und dass er in den Journalismus geriet, ist den Lebensumständen nach dem Krieg geschuldet. Er schlug sich als freier Mitarbeiter beim Rundfunk durch, wurde angesichts seiner Bildung und seines Sprachgefühls Lektor beim Fischer Verlag und landete bei der "Welt", wo er als erstes Meisterstück Reportagen über die Sturmflut in Hamburg 1962 ablieferte.
Ein Jahr später ereignete sich das Grubenunglück von Lengede und mit ihm die erste moderne Medienschlacht in Deutschland. Mauz hatte dem Wirt der Bahnhofsgaststätte das Telefon abgeschwatzt und in seinem Uralt-Käfer installiert. Acht Tage und Nächte lang gab er Berichte an die "Welt" durch, knapp 50 Schritt vom Bohrloch entfernt. "Mauz stand an der vordersten Front eines erbitterten Kampfes der modernen Massenmedien", hieß es im SPIEGEL. Augstein war fasziniert.
Schon bei der "Welt" schrieb Mauz über Prozesse, gefördert von Claus Lafrenz und Hans Zehrer, die sein einzigartiges Talent als Schreiber und als Rechercheur erkannten. 1964 holte ihn der SPIEGEL als Justiz- und Kriminalreporter.
Wer seine Reportagen heute liest, Hunderte, Aberhunderte sind es, vor dem entfalten sich Dokumente der Zeitgeschichte: der Frankfurter Auschwitz-Prozess, das Majdanek-Verfahren, der "Schatten des Richters Rehse", das Contergan-Unglück, der Bestechungsskandal in der Bundesliga, die RAF-Prozesse, der Memminger Abtreibungsprozess. Das Wiederaufnahmeverfahren Hetzel ging durch ihn als "Kälberstrick-Fall" in die Wissenschaft ein. Gescholten, ja beleidigt wurde er, wenn er Mainstream und Zeitgeist widerstand wie im Fall "Weimar" oder im Montessori-Prozess - und schließlich Recht behielt. Doch darauf kam es ihm nie an.
Das alles ist das eine. Der andere Gerhard Mauz ist nicht nur für mich der uneigennützigste und liebenswürdigste Kollege und Mentor, dem unendlich Dank gebührt. Ich habe ihn verehrt und bewundert. Und als er mich 1989 für den SPIEGEL als Nachfolgerin abwarb, kam ich mir vor wie eine Bungee-Springerin.
Jetzt sind die beiden Großen des alten SPIEGEL tot, Augstein und sein Gerichtsreporter. Gerhard Mauz starb im Alter von 77 Jahren am vergangenen Donnerstag in Reinbek bei Hamburg. GISELA FRIEDRICHSEN
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 34/2003
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