25.08.2003

Das rosa Rathaus

Die Politik ist längst privat, das Private längst politisch. Doch wollen Wähler wissen, ob ihre Regierungschefs schwul sind? Müssen sie so etwas wissen? Ronald Schill attackierte den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust mit dem Vorwurf, er habe seinen Liebhaber zum Senator gemacht.
Der Mann, der angetreten war, um zunächst die Freie und Hansestadt Hamburg und anschließend die Bundesrepublik Deutschland zu verändern, könnte stolz sein, aber er ist nicht stolz. Der Mann sagt: "Irgendwas ist schief gelaufen, ja, irgendwas."
Seine Haare sind nass und dünn und kleben am Schädel, die schwarze Krawatte mit den Schmetterlingen hängt an ihm wie ein Putzlappen mit Knoten, und der Mann legt zwei Finger an die Oberlippe. Herpes hat er, ausgerechnet heute, Oralsex sei zu vermeiden, wird ihm der Herr Doktor von "Bild" deshalb raten, von "Hitler-Herpes" wird die "tageszeitung" schreiben.
Wie es eben so geht, wenn alle Tabus gefallen sind.
Es ist Dienstag, 16 Uhr, im Zimmer 134 des Hamburger Rathauses, einem kargen Zimmer mit Neonlicht und weißen Gardinen, mit kleinem Grundig-Fernseher und braunem Schreibtisch. Ein Kalender liegt darauf, zwei Fernbedienungen liegen da, ein Stempel, ein DIN-A5-Block und gelbe Zettelchen, und dann liegt da eine Mappe aus der Zeit vor der Veränderung: "Sitzung des Bundesrates - Senator Schill".
Das mit dem Verändern hat er hingekriegt, es ging ganz schnell, es ist erst vier Stunden her, es lief nur anders als geplant. Hamburg ist definitiv verändert jetzt. Die Bundesrepublik vermutlich auch. Stadt und Land sind allerdings nicht sicherer, nicht frei von Drogen, nicht beschützt von tapferen Polizisten in blauen Uniformen.
Das wollte der Mann.
Stadt und Land sind erschüttert. Denn der Mann hat eine Affäre ausgelöst, wie es sie noch nicht gab in Deutschland. Ein Senator, der sagt, dass sein Bürgermeister erstens schwul sei, zweitens eine Affäre mit einem anderen Senator habe, drittens diesen anderen Senator in seiner Wohnung, einer "Liebeshöhle", untergebracht habe und viertens diesen anderen Senator wegen dieser Affäre überhaupt erst zum Senator gemacht habe - das alles ist ein neues Niveau. Fünftens, das sagt der Bürgermeister, habe der eine Senator mit diesem Schmutz eine Erpressung versucht.
Ist das noch eine ganz normale Affäre? Eine Tragödie um Macht und Sex und Größenwahn, die Fortsetzung der "Affäre Semmeling" als Doku-Soap? Shakespeare an der Elbe?
Es könnte auch ganz einfach Politik im Jahr 2003 sein, ein neuer Stil der Berliner Republik. Es könnte die Folge dessen sein, was mit Bill Clinton und Monica Lewinsky, einer Zigarre im Oval Office und Sonderermittler Kenneth Starr begann. Dann würde die Affäre ums rosa Rathaus von Hamburg die Übernahme der Politik durch das Private bedeuten und den Beginn der totalen Durchleuchtung von Amtsträgern.
Ronald Barnabas Schill, 44, sitzt auf schwarzem Leder, er guckt auf ein düsteres Bild von Eduard Dreher, "Am Kai im Hamburger Hafen", er sagt: "Es gab Geräusche und innige Umarmungen beim Verlassen der Haustür und so was alles und Küsschen. Mich haben besorgte Bürger angerufen." Er sagt das sehr ruhig und sehr klar, und es ist keine Frage, dass dieser Mann immer noch glaubt, im Recht zu sein.
Der Montag der vergangenen Woche ist der erste Arbeitstag des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust nach den Ferien. Er war segeln vor Kroatien, mit dem Justizsenator Roger Kusch und drei anderen Freunden, er ist braun gebrannt, es war schön, aber nicht so schön, dass er es wiederholen würde, es war eng auf dem Boot.
Beust (CDU) hat schon am Wochenende über den Fall Wellinghausen nachgedacht. Der Fall Wellinghausen dreht sich um den Staatsrat Walter Wellinghausen, 59, einen Rechtsanwalt, den Mann hinter dem Innensenator Ronald Schill. Wellinghausen hatte sich im neuen Amt für einen Polizisten eingesetzt, den er einst verteidigt hatte. Und er soll Geld kassiert haben für einen Nebenjob bei einem Münchner Klinikbetreiber. Hamburg hat gebrodelt, während Beust segeln war, das "Abendblatt" hat beinahe täglich enthüllt, aber da war das Ganze noch eine Regionalposse, und das einzige Problem war, dass Wellinghausen nicht so leicht zu ersetzen ist. "Er hat 14 Stunden gearbeitet. Es gab hier einen Spruch: Du machst den Aktenschrank auf, und Wellinghausen sitzt schon drin", sagt Schill.
Es ist Montagmittag, als der Bürgermeister den Staatsrat in sein Büro bestellt. Beust, 48, rät dem Sünder zum freiwilligen Rücktritt, er müsse doch an seinen Ruf denken, wer würde sich von einem unfreiwillig Entlassenen verteidigen lassen?
Bausenator Mario Mettbach, Schills Parteifreund und einer, der vor anderthalb Jahren seine Freundin auch gleich zu seiner Referentin gemacht hatte, eilt herbei und versucht zu schlichten. Reicht nicht ein Disziplinarverfahren? Da kommt eine Vorabmeldung der "Welt" ins Haus, Schill wird darin zitiert, Schill droht mit dem Ende der Koalition. Und nun weiß Beust, dass er Wellinghausen entlassen muss. "Sonst hätte es geheißen, ich sei die Marionette von Schill", sagt er.
Der Bürgermeister bestellt Schill und Wellinghausen für den nächsten Morgen, Dienstag, 9.30 Uhr, in sein Büro, denn er will Wellinghausen im Beisein seines Chefs die Entlassungsurkunde überreichen. "Ich wollte Herrn Wellinghausen fragen, ob er es sich überlegt hätte, selbst um die Entlassung zu bitten", sagt Beust, "falls ja, hätte ich ihm die Urkunde übergeben - falls nein, hätte ich sie ihm auch gegeben, sie lag fertig auf dem Tisch."
Es kommt Schill, allein. Beust rekonstruiert das Gespräch so:
Beust: "Wo ist denn Herr Wellinghausen?"
Schill: "Ich muss mit dir allein reden."
Beust: "Das geht ihn an, ich kann nicht allein mit dir reden."
Schill: "Es geht mir gar nicht um Wellinghausen, es geht um dich."
Beust: "Das ist ja interessant."
Schill setzt sich vor den Schreibtisch des Bürgermeisters, in einen grauen Lederstuhl. Wenn er nach rechts blickt, sieht er auf den Neuen Wall, wenn er nach links blickt, sieht er eine Modelleisenbahn.
Schill: "Hast du eigentlich schon mal an die Konsequenzen gedacht?"
Beust: "Ja, vermutlich stellt sich, wenn ich Wellinghausen entlasse - was ich tun werde - die Frage, ob es eine Regierungskrise gibt, ob die Koalition beendet wird oder nicht, ob es Neuwahlen geben wird oder nicht."
Schill: "Das Politische meine ich nicht, sondern das Persönliche."
Beust: "Was meinst du?"
Schill: "Man nennt dich den Bürgermeister der Herzen, du hast eine Zustimmungsquote von 70 Prozent, eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und der Presse. Das hast du dir mühsam erarbeitet und lange darauf hin gearbeitet. Willst du das eigentlich alles gefährden?"
Beust: "Ich verstehe nicht, was du meinst."
Schill: "Du hast hohe Maßstäbe an Herrn Mettbach angelegt, als es um seine Lebensgefährtin ging, Privates und Politisches nicht zu verquicken."
Beust: "Ja, das ist richtig."
Schill: "Ich werde publik machen, dass du diese Maßstäbe nicht einhältst."
Beust: "Ich verstehe immer noch nicht, was du meinst."
Schill: "Du hast deinen Lebensgefährten und langjährigen Intimfreund Kusch zum Justizsenator gemacht."
Beust: "Wie bitte?"
Schill wiederholt es.
Beust: "Das ist schlichtweg falsch, dummes Zeug."
Schill: "Du hast ihn dazu gemacht."
Beust: "Verlasse sofort mein Büro, ich will dich nicht mehr sehen, raus."
Schill bleibt sitzen, er schweigt. Es ist kalt hier drinnen, neben der Tür sind die Knöpfe für die Raumlufttechnik.
Beust: "Ich sagte: raus!"
Schill: "Überleg es dir gut, heute Abend, Prime Time, bundesweit."
Das ist der Satz, den Beust als Erpressung deutet.
Beust: "Raus, ich kann dich nicht mehr sehen!"
Und dann ist Schill weg. Und der Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg sagt, er habe "tief durchgeatmet und nur gedacht: Jetzt ist aber Schluss".
Früher, in der Bonner Republik, gab es das Kartell des Schweigens", sagt Heinrich Oberreuther, Politikwissenschaftler der Uni Passau, "und heute gibt es ein Karussell der Geschwätzigkeit. Das Private gehört zum Politischen und das Politische zum Privaten."
Aber wie reagiert man nun auf so etwas? Was sagt man zu Ole von Beust, was zu Schill, was sagt man überhaupt zu Schwulen in Spitzenämtern, wie soll man reden, wie schreiben, wenn all die Polit-Floskeln nicht mehr taugen? Natürlich wissen alle, die in Berlin genauso wie die in den Landeshauptstädten, dass sie bloß souverän mit dem Thema umgehen müssten.
Wenn es nur nicht so heikel wäre. So glitschig, so gefährlich.
Es sind die Tage der Scheinheiligkeit. "Bild" lässt den Bürgermeister "über Homosexualität" reden, ganz allgemein, aber nicht über seine. Und alle Hamburger Zeitungen und die "Tagesthemen" schlachten Schill, und sie preisen Beust. So stark wie nie sei er, so souverän, ein echter Anführer, schreiben die Leitartikler.
Sind die Vorwürfe, so schmutzig und indiskutabel sie vorgebracht sind, nicht zumindest im Kern vielleicht doch ein Problem? Hat da ein Bürgermeister seinen Freund, vielleicht auch nur einen Freund protegiert, hat er einen Mann zum Senator gemacht, mit dem er, wie auch immer, privat verbunden ist? Diese Frage stellt, 800 Kilometer entfernt, die "Süddeutsche Zeitung", ein wenig schwurbelig stellt sie auch der "Tagesspiegel", sonst fragt kaum einer.
Und die Unionsspitze lobt zwar den Hamburger Bürgermeister Beust für den Rauswurf des nun plötzlich vollkommen unberechenbaren Rechtspopulisten Schill - aber das Thema Homosexualität?
Welches Thema?
Dabei wussten die meisten Christdemokraten seit langem von der Homosexualität des Hanseaten Beust. Auch Reporter waren eingeweiht. Aber sie alle hielten sich an jene Regel, die bereits zu Bonner Zeiten galt, nämlich über Privates nur zu berichten, "wenn das Amt Schaden zu nehmen droht". "In der Politik hat keine Emotion und keine Leidenschaft Platz, außer der Leidenschaft für die Vernunft", sagte Helmut Schmidt. Das war der Kodex, und er galt mal mehr und dann wieder weniger.
Der Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann trat 1965 zurück, weil ihm die Gattin abhanden gekommen war: Der Regierungschef hatte sein Gretchen für eine Jüngere verlassen, und darum weigerte die Gattin sich, bei einem Empfang für die Queen die First Lady zu spielen. So etwas ging nicht damals.
Dann stolperte Willy Brandt. Als der DDR-Spion Günter Guillaume im April 1974 verhaftet wurde, legte ausgerechnet das Bundeskriminalamt ein Dossier über die Liebeseskapaden des Kanzlers an. Womöglich habe ja Guillaume diese Affären an die DDR-Führung übermittelt, all die Geschichten, die in einem Sonderzug und eigentlich überall spielten, wo Brandt unterwegs war. Womöglich sei Brandt ja dadurch erpressbar und das Land in Gefahr. Sagten die Ermittler.
Herbert Wehner sagte Brandt, aus den Frauengeschichten müsse er schon selbst herauskommen. Kam der aber nicht. Als Brandt auf einer SPD-Klausur seinen Rücktritt erklärte, schrie Helmut Schmidt ihn an: "Wegen dieser Lappalien kann ein Bundeskanzler sein Amt nicht aufgeben!"
Und dann, 1983 war das, und es geschah
zu Unrecht, entließ der Verteidigungsminister Manfred Wörner den Vier-Sterne-General Günter Kießling. Der galt in Wörners Augen als Gefahr für die Sicherheit der Republik, weil er angeblich homosexuell und damit "erpressbar" sei. Später stellte sich heraus, dass Wörner einen ganz und gar Heterosexuellen abserviert hatte.
Anderswo in Europa geht es seit Jahrzehnten leichter zu. Fröhlicher. Der frühere italienische Außenminister Gianni De Michelis lotterte Anfang der neunziger Jahre durch Roms Discotheken und bot seine Erfahrungen in einem Führer für Nachteulen feil. Griechenland erfreute sich an der Spannweite des Busenwunders Mimi, am meisten Freude hatte Ministerpräsident Andreas Papandreou.
Großbritannien hingegen nahm die Dinge verkniffener. Das Callgirl Christine Keeler stürzte 1963 den Verteidigungsminister und löste eine Regierungskrise aus. Der verheiratete Kulturminister David Mellor musste 1992 zurücktreten, weil er einer Schauspielerin die Zehen gelutscht und damit den Begriff "toe job" geprägt hatte. Zwei Jahre später wurde der konservative Abgeordnete Stephen Milligan gefesselt und tot in seiner Wohnung gefunden. Bekleidet war er lediglich mit Damenstrümpfen, eine Plastiktüte verhüllte das Gesicht, und in seinem Mund steckte eine Orange: tödlicher Sex, what a story!
Den vorerst letzten libidobedingten Rücktritt legte Ronald Davies hin, 1998 noch Minister für Wales. Davies ließ sich in einem Londoner Park von fremden Männern ansprechen - kurz darauf wurde er, ein Messer am Hals, um Handy und Brieftasche erleichtert. Eine Geschichte? Natürlich, gibt es eine bessere?
Die Frage ist, wann sich die Grenzen verschoben, wann Privates nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr komplett privat war.
Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl lebte zusammen mit seiner Vertrauten Juliane Weber und seinem Fahrer in einer Art Wohngemeinschaft im Bonner Vorort Pech. Hanns Martin Schleyer, Präsident der Arbeitgeberverbände, warnte Kohl: "Helmut, du musst das Zigeunerlager auflösen, samt der Marketenderin." Stammtischgeflüster in Bonn war das, mehr nicht, Privatsache halt.
Genau wie der Ministerpräsident, über dessen junge Liebhaber noch heute alle nur flüstern.
Genau wie Franz Josef Strauß, der einerseits heftig auf sein Recht auf Privates pochte, andererseits aber einen Rivalen mit der Geschichte klein halten wollte, dass jener eine Ehefrau und außerdem eine Freundin habe und die Freundin wiederum einen Vater, der Tiere liebe und letzteres leider mehr, als normal sei. Auch das schrieb niemand, was dem seligen Strauß gar nicht recht war.
In den achtziger Jahren gab es dann den Konsens in Bonn, dass jeder Politiker ganz allein entscheiden durfte, wie viel er von seinem Privatleben preisgab. Dann kamen die Neunziger, es kam Berlin, es kamen die Medien, die Amerikanisierung der Politik, das Rattenrennen um Zitate, Sendeminuten, Prominenz.
Und genau das ist das Zauberwort: Prominenz. Wer gewählt werden will, wer in den Ausschuss, in den Vorstand, ins Kabinett und zu Sabine Christiansen will, muss prominent sein. Der braucht, der sucht wie Rudolf Scharping die "Bunte", der testet Autos für den Boulevard und verkauft Fotos von der neuen, jüngeren Freundin, denn dem hilft die Homestory, und der streut die Gerüchte zur eigenen Person irgendwann selbst.
War es ein Fehler, Herr von Beust, im Wahlkampf Reporter und Fotograf in Ihre Wohnung zu lassen und sich als einsamer Wolf zu stilisieren? Ole von Beust nimmt die Krawatte zwischen die Finger, dann sagt er: "Damals nicht. Ich war Oppositionsführer und wollte ins Rathaus und bekannt werden. Heute würde ich das nicht mehr machen, heute bin ich bekannt."
Edmund Stoiber brüstete sich in Wahlkampfreden, er sei "seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet" - ein Plus im Duell mit dem in 25 Jahren dreimal geschiedenen Kanzler. Der hat dafür die Jüngere und sagt immer: "Doris sagt immer ..."
Preisfrage: "Muss ich, wenn ich einmal die Tür aufmache, jederzeit alle hereinlassen?" Ole von Beust fragt so, und das Problem ist: Wem gehört das Privatleben öffentlicher Figuren? Und wenn sie mit Teilen ihres Privatlebens öffentlich auftreten, gehört ihnen trotzdem der Rest?
Gerhard Schröder klagte, als über angeblich gefärbte Haare am Kanzlerkopf berichtet wurde. Als die "Märkische Oderzeitung" Gerüchte über angebliche Eheprobleme der Schröders in Umlauf brachte, wurde dem Hessen Roland Koch eine ziemlich interessante Frage gestellt: Gestehen Sie dem politischen Gegner zumindest den Schutz der Privatsphäre zu? Koch sagte nicht Ja, er sagte nicht Nein, er sagte: "Ein Bundeskanzler, der es für notwendig hält, über die Tönung seiner Haare Prozesse zu führen, provoziert offenbar die Journalisten, sich näher mit privaten Dingen zu beschäftigen."
Damit sagte Koch: Selbst schuld.
So wie Schill ist natürlich noch keiner aufgetreten. So drastisch. Aber man kann auch leise sein und genauso gemein. Der CDU-Politiker Matthias Wissmann fragte 1998, wer denn die rot-grüne Wirtschaftspolitik bestimme: der Kanzler, der Kanzleramtsminister, der Wirtschaftsminister, der Finanzminister oder vielleicht dessen Ehefrau? Da sprach die SPD-Bundestagsabgeordnete Ingrid Matthäus-Maier von "Herrn Wissmann, der ja ein ausgewiesener Spezialist für das partnerschaftliche Zusammenleben von Mann und Frau ist".
Das nennt man "Outing", und das ist eine dieser Vokabeln, die Politiker von heute lernen sollten.
Herr von Beust, es ist eine seltsame Frage, aber man muss sie in diesen Tagen stellen: Sind Sie schwul?
Ole von Beust trinkt Wasser, er trägt ein blaues Hemd, er ist blond, er sieht ziemlich hanseatisch aus. Er antwortet: "Jeder hat ein Recht auf Privatheit, und ich möchte darauf auch künftig wieder zurückgreifen."
Herr von Beust, hatten oder haben Sie ein Verhältnis mit Ihrem Justizsenator?
Beust antwortet: "Ich war niemals intim mit Herrn Kusch. Ich bin auch niemals über Nacht in der Wohnung am Hansaplatz geblieben. "
Bevor Ole von Beust im September 2001 an die Macht kam, galt er, ähnlich wie Christian Wulff in Niedersachsen, als ewig chancenlos. Mit dem lausigen Ergebnis von 26,2 Prozent wurde er Bürgermeister, aber dafür musste er sich mit der Schill-Partei einlassen, und die stellte mit ihren 19,4 Prozent der Stimmen den Zweiten Bürgermeister: Ronald Schill.
Als Erster Bürgermeister begab sich Beust wenig in die Niederungen der Alltagspolitik, das überließ er seinen Senatoren, er versuchte zu repräsentieren und der mitunter etwas sterilen Stadt so etwas wie Glamour zu verleihen. Und er kümmerte sich intensiv darum, die Olympischen Spiele oder die Bambi-Verleihung nach Hamburg zu bekommen, denn er gefällt sich in der Rolle des Stadtpräsidenten.
So kam es, dass sich Beust die Aussetzer seines Koalitionspartners sehr lange mit sehr viel Geduld ansah: Auf der Innenministerkonferenz forderte Schill zu prüfen, ob man in Deutschland das Gas vom Moskauer Geiseldrama einsetzen dürfe, jenes Gas, das 129 Geiseln getötet hatte; im Bundestag, es war während der Debatte um die Folgen der Flut vom Sommer 2002, hetzte Schill gegen Flüchtlinge, bis ihm das Mikro abgedreht wurde.
Bei den Bürgern ist Beust ziemlich beliebt. Er ist charmant, er ist schlau, er kann reden, und er hat kluge Leute um sich geschart. Seine Vertrauten sind der Chef der Senatskanzlei Volkmar Schön und der Wirtschaftssenator Gunnar Uldall. Auch mit dem Finanzsenator, Wolfgang Peiner, berät er sich oft.
Ole von Beust ist Hamburger durch und durch. Carl-Friedrich hieß er früher mal, aber die Großmutter nannte ihn "Ole Popp" ("Alte Puppe"), daher kommt der "Ole". Ole von Beust wuchs in den Hamburger Walddörfern auf, er wurde mit 22 Vorsitzender der Jungen Union Hamburg, er studierte in Hamburg Jura, er ließ sich in Hamburg als Rechtsanwalt nieder und war mit 23 Jahren damals jüngster Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. Er war mal ein Junger Wilder.
Und schwul?
Beust sagt, dass er eigenbrötlerisch veranlagt und gern allein sei. Er sagt: "Ich finde es schön, wenn ich abends in meine Wohnung komme und niemand fragt mich: Schatz, wie war dein Tag?"
1979 traf sich Beust mit zwei Redakteuren von "Bild". Wollen Sie heiraten und Kinder haben, fragten die. "Ich will schon heiraten - nur hat das noch etwas Zeit - und drei Kinder", sagte Beust.
Heuchelei? Oder eine andere Zeit?
Es ist Donnerstag, 15 Uhr, im Büro des Ersten Bürgermeisters. Er sagt: "Ich möchte mich nicht durch die Unterstellungen von Herrn Schill dazu zwingen lassen, über meine Sexualität zu reden. Das wäre eine späte Belohnung, die ich ihm nicht gönne." Und dann sagt er: "Es gibt keinen Rechtsanspruch der Wähler, etwas über die sexuelle Präferenz der Gewählten zu wissen."
An jenem Dienstag, nach Schills Drohung, bespricht sich Beust kurz mit seinen Vertrauten. Er sagt, er wolle Wellinghausen entlassen und Schill gleich mit.
Er ruft Angela Merkel an, und die fragt:
"Ist das das Ende der Koalition?" Er antwortet: "Ich weiß es nicht. Es ist mir im Moment auch egal. Das ist eine Frage der Ehre, so kann man mit mir nicht umgehen." Angela Merkel stimmt zu.
Dann ruft Ole von Beust Dirk Fischer an, den Landeschef seiner Partei, und seinen Vater und den Justizsenator Kusch. Dem sagt er, dass er den Grund der Entlassung nennen müsse; "völlig klar, das macht nichts", antwortet Kusch. Und um 11 Uhr folgt eine Pressekonferenz, die schon Minuten nach ihrem Ende als legendär gilt. Es ist ein wenig wie damals, als Giovanni Trapattoni, Trainer von Bayern München, "Was erlauben Strunz?" brüllte und mit "Ich habe fertig" endete. Es ist genauso absurd. So unvorstellbar.
Es ist nur nicht so lustig.
Denn Schill erscheint zwei Minuten vor Ole von Beust, und er setzt sich nach vorn. Der Bürgermeister tritt auf, er lässt den Stuhl neben sich frei, er blickt Schill nicht an, er gibt Schill nicht die Hand. Von einem Blatt liest Beust seine Erklärung ab, er spricht abgehackt, verschluckt Wörter, reißt den Kopf vor und zurück. Er sagt, Schill habe ihn erpresst und sei charakterlich nicht dazu geeignet, Senator zu sein.
Nicht einmal dazu?
Und dann geht Beust und lächelt, und als er weg ist, wartet Schill. Minutenlang sitzt er still und allein dort vorn, so lange, bis ihn eine Journalistin endlich fragt, was er zu sagen habe. Und nun erzählt er von "Geräuschen, die auf Liebesakte schließen lassen". Nein, das ist nicht Trapattoni, das ist etwas, was es noch nicht gegeben hat.
Schill sagt: "Ich habe Ole von Beust gesagt, dass dieses Messen mit zweierlei Maß meinem Gerechtigkeitsgefühl widerspricht, und ihn daran erinnert, dass er seinen Lebensgefährten Roger Kusch zum Justizsenator gemacht hat. Seinen Lebensgefährten, der am Hansaplatz in seiner Wohnung wohnt und mit dem er früher ein homosexuelles Verhältnis unterhielt und nach wie vor ein homosexuelles Verhältnis unterhält."
Einige im Raum kichern. Einige greifen zum Mobiltelefon. Die meisten schweigen einfach und starren nach vorn, und dort sitzt Schill und kennt keine Scham mehr, keine Privatsphäre, denn jetzt ist alles Politik oder nichts mehr.
Er sagt: "Ja, ich habe mich mit Ole von Beust geduzt und mit ihm viel über Privates gesprochen." Er sagt: "Er hat an mir vorbei eine einsame Entscheidung getroffen." Er sagt: "Ich bin menschlich enttäuscht." Dann sagt er: "Die Politik hat sich heute auf so schmutzige Weise gezeigt. Sie ist ein noch schmutzigeres Geschäft, als ich es mir vorgestellt habe."
Einem Reporter wird das zu viel. "Was ist denn mit Ihrem Sexualleben, Herr Schill?", fragt er.
"Ich bin nie in Konflikte geraten mit meiner Amtsführung", sagt Schill.
Das ist das Ende, und vermutlich weiß Beust jetzt, dass er sich verschätzt hat: dass Politik und Privates nicht mehr zu trennen sind, dass das Gesetz des Stillschweigens, der Diskretion nicht mehr funktioniert, vielleicht, weil Homsexualität kein Tabu mehr ist, vielleicht, weil öffentliche Menschen, ganz egal ob schwul oder nicht, in diesen Zeiten automatisch ein öffentliches Privatleben haben.
Und vielleicht fragt sich Ole von Beust, ob er es so hätte machen sollen wie Klaus Wowereit.
Als Klaus Wowereit, heute 49, am Mittag des 10. Juni 2001 den großen Saal des Berliner Hotels "Maritim Pro Arte" betrat, stürzten sich die Journalisten auf ihn. An jenem Sonntag wollte die Berliner SPD das Regierungsbündnis aufkündigen und Wowereit zum Spitzenkandidaten für die Neuwahlen machen, das war ziemlich aufregend. Noch aufregender waren aber natürlich die Gerüchte.
Drei Tage zuvor hatte Wowereit, der sich selber einen "Kuschellinken" nennt, im Landesvorstand seiner Partei gesagt: "Liebe Leute, die meisten von euch wissen es sowieso - ich bin schwul." Das sollte reichen, dachte Wowereit, aber dann erreichte ihn die Warnung, dass eine Boulevardzeitung in seinem Privatleben recherchiere.
Und darum schleuderte Wowereit im Hotel Maritim diesen einen Satz ins Volk, der nicht im Manuskript stand: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
"Eine Schlammschlacht hatte begonnen", so erklärt Wowereit seinen Schritt. Sicher ist das nicht: Die großen Zeitungen der Stadt ließen dementieren, dass sie dem Sozi auf der Spur waren. Sicher ist allerdings, dass dieser eine Satz aus Wowereit einen Star gemacht hat, weil dieser eine Satz der perfekte Werbespruch war: spontan, ehrlich, einprägsam. Wowereit durfte in Talkshows, und Europas und Amerikas Zeitungen schrieben über den mutigen Kandidaten, und da konnte Hetero Frank Steffel von der Union noch so eifrig Gattin Katja vor die Kameras zerren, es half ihm nichts.
Natürlich hat Wowereit seinen Freund, den Arzt Jörn Kubicki, längst in die Berliner Gesellschaft eingeführt. Und natürlich ist die Stadt sehr stolz auf diesen glamourösen Regierenden. Und wenn ein alter Konservativer wie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm mäkelt, dass auch mal etwas anderes als bunte Paraden gefeiert werden müsse, nämlich "ein Fest für Familien", dann kündigt Wowereit die Patenschaften für Drillinge an und kommt schon wieder ins Fernsehen.
Ist es gut so? Ist das Land also tolerant und frei, ist es gelassen, in allen Schichten, allen Parteien? Oder steht Wowereit nur für Berlin, so wie Bertrand Delanoë, sein Kollege in Paris, gleichfalls ganz selbstverständlich schwul sein darf?
Als die CDU-Chefin Angela Merkel nach der Wahlniederlage im Herbst 2002 nicht besonders laut anmerkte, die CDU müsse glaubhaft machen, dass sie "allen Lebensformen" positiv gegenüberstehe, empörten sich die rechten Gralshüter. "Wir dürfen das konservative Tafelsilber nicht verscheuern", mahnte Schönbohm.
Konrad Adenauer kümmerte sich nicht um Gerüchte über die Homosexualität seines Außenministers Heinrich von Brentano. Da gab es noch jenen Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch, der "Unzucht zwischen Männern" unter Strafe stellte, doch der Alte knarzte: "Also wissen Se, solange der misch nit anpackt, isset mir ejal."
Es hat also vermutlich mit Selbstbewusstsein zu tun, aber sicherlich auch mit der Wählerklientel, wie die Parteien mit ihren Homos umgehen.
Die angeblich Liberalen von der FDP überlassen das heikle Thema ihrer Jugendorganisation, 30 Eifrige wirken im Bundesarbeitskreis "Schwule und Lesben". Parteichef Guido Westerwelle, 41, Mitbegründer der Julis, ließ sich in dem inzwischen in vierter Auflage erschienenen Lexikon "Out!" der 600 berühmtesten Lesben, Schwulen und Bisexuellen porträtieren, und auch Interviews für schwule Medien gibt er schon mal. Ansonsten aber sagt er nur eines: "Privatsache."
Der Kollege Volker Beck, 42, weiß, dass er seine Karriere durchaus auch, vielleicht sogar vor allem seiner Homosexualität zu verdanken hat. Klar, sagt der Mann mit der freundlichen Stimme, "ohne dieses Ticket wäre ich vielleicht nie so weit gekommen".
Beck, der im Alter von 20 Jahren sein Coming-out hatte, ist der Vorzeigeschwule der Grünen. Zunächst arbeitete er als Schwulenreferent der Bundestagsfraktion, 1994 wurde er Parlamentarierer. Er kenne, sagt er ein bisschen kokett, "inzwischen einige schwule Bundestagsabgeordnete" - doch nur er selbst und der SPD-Kollege Johannes Kahrs geben es zu. Sogar im Abgeordneten-Handbuch, in dem die Herren von der Union "verheiratet, katholisch, drei Kinder" vermerken, steht bei Beck: "schwule Lebensgemeinschaft".
Und Beck rät "jedem schwulen Politiker, diesen Schritt zu gehen. Jeder, der der Homosexualität regelrecht überführt wird, erweckt selbst den Eindruck, dass Homosexualität ein Makel ist".
Doch was darf, was muss das Volk über die Menschen wissen, die es wählt? Gehört die Sexualität der Herrschenden zu den Dingen, über die wir, die Wählenden, das Wesentliche kennen müssen? Und kennen wollen?
Volker Beck geht da sehr viel weiter als Ole von Beust und versteht das Interesse des Publikums am Sex der Politiker. Denn, so Beck, "Hetero- und Homosexualität prägen natürlich soziales Verhalten, soziale Kontakte". Und darum, so folgert Beck, müsse es Gleichbehandlung geben, auch im Affärenfall: "In puncto Transparenz muss für Homo- und Heterosexuelle das Gleiche gelten."
Homosexualität, das sagt der Politikwissenschaftler Oberreuther, sei jenes Tabuthema, bei dem das Recht auf Privatheit am meisten respektiert wird: "Wenn aber Homosexualität der Untergrund ist, auf dem politischer Filz gedeiht, muss es erlaubt sein, dies zum Thema zu machen."
Ob sie sich liebten, ob sie sich nicht liebten, Bürgermeister Beust hat einen seiner "langjährigsten Freunde" (Beust) in ein Senatorenamt gehievt. Vor 28 Jahren, im Wintersemester 1975/76, lernten die beiden sich kennen, da saßen sie gemeinsam im Strafrechtseminar an der Uni Hamburg, "Vorsatz und Vorsätzlichkeit von Unterlassungsdelikten" war das Thema. Eine Affäre, sagt Kusch, hatten sie auch damals nicht, "ich wusste von ihm, dass er schwul war, aber ich wusste es von mir selber noch nicht - ob er es wusste, ob er hellseherische Fähigkeiten hat, weiß wiederum ich nicht".
Und als der Kandidat Beust 2001 die Wahl mit dem Versprechen gewann, den Filzteppich von 44 Jahren SPD-Herrschaft aus den Behördengängen zu reißen, soll der fähigste aller Kandidaten für sein Justizressort ausgerechnet sein Kumpel Kusch gewesen sein.
Jener Kusch, der immer mal wieder mit Beust in den Urlaub düst, zum Skifahren, nach Sylt, zum Segeln. Jener Kusch, der im Hamburger Szeneviertel St. Georg für 1100 Euro in dieser 150-Quadratmeter-Wohnung lebt, die Beust gehört. Jener Kusch, der die Freundschaft mit Ole von Beust als "sehr eng" bezeichnet, "sicherlich die dauerhafteste, die ich pflege". Und schon das hat ja irgendwie mit Filz zu tun, mit jener Sorte jedenfalls, die Freunde an Posten kommen lässt und andere Menschen nicht.
Und deshalb müsste es in dieser Affäre nun darum gehen, ob Kusch tatsächlich der beste Mann für diesen Posten war.
Schon bald profilierte sich Beusts Mann als Schill der Schwarzen, als einer, der genauso maßlos sein kann wie Richter Gnadenlos und genauso verbohrt. Er ließ in der Justizvollzugsanstalt Vierlande den Automaten von der Wand schrauben, aus dem sich Junkies seit 1996 saubere Spritzen holen konnten. Ein Saubermann? Der Stoff kommt weiter in den Knast, aber jetzt hängen dort alle wieder an den gleichen dreckigen Nadeln. "Eine lebensgefährliche Ideologie" bescheinigt deshalb Klaus Behrendt, Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen im Klinikum Nord, dem Senator, denn diese Politik sei "unverantwortlich".
Kusch, Spitzname "lächelnde Guillotine", wollte die Häftlinge im Gefängnis "Santa Fu" zusammenrücken lassen: Zwei Mann pro Acht-Quadratmeter-Zelle, das gab der Senator als Ukas aus, Richter kanzelten ihn dafür ab. Schon im August 2002 notierte das "Hamburger Abendblatt", Kusch mausere sich zur Schwachstelle Nummer eins in Beusts Regierungsmannschaft. Damals ging es um einen Besuch bei Joe Arpaio, dem Chef des berüchtigten Wüstenknastes von Arizona; Kusch ließ sich dort neben Häftlingen knipsen, die rosa Unterwäsche tragen müssen.
Dann holte der Mann, dessen Karriere so "makellos wie ein Taufkleid" sein soll ("Bild"), die Ehefrau eines "Bild"-Redakteurs als Abteilungsleiterin in seine Behörde. Kusch "gilt inzwischen sogar bei CDU-Mitgliedern als nicht salonfähig", lästert einer aus der Justizministerkonferenz.
Zum Außenseiter macht sich Kusch in solchen Runden selbst, immer dann, wenn dieser seltsame Zorn aus ihm rausmuss. So war es zum Beispiel im vergangenen Jahr in Berlin, bei einem Treffen der Justizminister, bei dem es um die bevorstehende Wahl der Bundesrichter ging. Jeder in der Runde kennt die Marotte von Herta Däubler-Gmelin, bei Sitzungen ihre Notizen gleich in ihren Mini-Laptop zu hacken - aber der Hamburger blaffte die Bundesministerin an, sie solle das unterlassen. Worauf Däubler-Gmelin ziemlich kühl lächelte und weitertippte. "Erschreckend unsouverän" sei der junge Mann gewesen, sagt sie.
Und schon wegen dieser Eskapaden müssen sich Beust und sein Kumpel heute Fragen gefallen lassen. Fragen sind das, die - da ist die Republik eben noch längst nicht so liberal, wie sie gern wäre - einem heterosexuellen Regierungschef, der eine Bekannte in ein Spitzenamt gehievt hat, ganz selbstverständlich gestellt würden. Fragen wie diese: Warum wurde Roger Kusch Senator? Wie eng ist die Verbindung? Kann der Regierungschef allen Mitarbeitern gegenüber noch gleich objektiv sein - wenn dieser eine Mitarbeiter in der Wohnung des Chefs residiert?
Die sexuelle Präferenz sei Privatsache, so hielt es Beust, so hielt es Kusch, es war in all den Jahren ein heikles Manöver. Die lokale Presse nannte Beust einen "überzeugten Junggesellen", auf eine "First Lady" müsse Hamburg wohl verzichten. Alle kannten die Wahrheit.
Und dann kamen die Gerüchte.
"Ein Prozess lässt sieben Promis zittern", so beschrieb "Bild" ein Gerichtsverfahren gegen einen Sozialarbeiter, der einen Minderjährigen an einen Freier vermittelt hatte. Teile der Akte, vor allem die Namen der Prominenten, waren geschwärzt worden. "So etwas habe ich noch nie erlebt", schimpfte der Verteidiger des Angeklagten, Uwe Maeffert. Denn der Betreiber von "Haralds Hotel", jenem über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Etablissement, wo Schwule auch mal stundenweise Zimmer mieten, hatte Ole von Beust als Gast genannt.
Ein Aufschneider? Beust sagt, er sei dort nie gewesen.
Bekannt war bei der Polizei auch ein Besuch von Ole von Beust und Roger Kusch in der "Wunderbar", einem stadtbekannten Schwulentreff. Nach einem Mord im Milieu war die Bar das Ziel einer Razzia - "wenn ihr etwas eher gekommen wärt, hättet ihr Beust und Kusch getroffen", sagten Gäste den Polizisten. Privatsache? In Schills Innenbehörde wurden diese Geschichten kolportiert, Bürgermeister Beust hörte die Gerüchte.
Und ignorierte sie.
"Man kann sich gegen Gerüchte nicht wehren", sagt er. "Wenn ich all die Gerüchte über Alkohol und Affären glauben würde, dann müsste das Rathaus doch Sodom und Gomorrha sein", sagt er.
"Manchmal übersteigt die Infamie die Phantasie", sagt Roger Kusch.
Es ist Donnerstag, es ist 12 Uhr in der Innenbehörde an der Hamburger Drehbahn, und in Zimmer LuV 308 sitzt der Justizsenator. Rosen stehen auf dem Glastisch, viel Chrom und schwarze Ledermöbel gibt es hier, der Chef trägt schwarzen Anzug, weißes Hemd, eine grünlich-gelbe Krawatte. Und er wundert sich über die Wucht, die diese Affäre bekommen hat.
"Der Blick durch ein Schlüsselloch, hinter dem man schwulen Sex vermutet, ist wohl immer noch spannender als der durch eines, hinter dem es heterosexuell zugeht", sagt er. "Ich hatte nichts zu kaschieren, ich habe aus Respekt gegenüber den Wählern nie über mein Privatleben geredet", sagt er. "Die CDU wird getragen von Menschen, die sich belästigt fühlen, wenn sie gegen ihren Willen mit sexuellen Dingen konfrontiert werden", sagt er.
Und was war da nun mit dem Bürgermeister, Herr Kusch?
Beust holte Roger Kusch Ende 2000 als Sicherheitsberater nach Hamburg. Der promovierte Jurist Kusch (Titel der Doktorarbeit: "Der Vollrausch") war gerade aus dem Kanzleramt hinausgebeten worden, wo er seit 1995 das Referat Innere Sicherheit geleitet hatte.
Es gibt eine Menge Geschichten über die beiden, und die Geschichte, mit der sie kontern, diese Geschichte von der platonischen Männerfreundschaft kann durchaus die wahre Geschichte sein - es ist aber auch die einzige Geschichte, mit der sie sich im Amt halten können.
Silvester 2001 verbrachten beide gemeinsam auf einer Feier über den Dächern Hamburgs. Es gibt Zeugen, die sie knutschend gesehen haben wollen. "Definitiv nicht", sagt Kusch. "Nein", sagt Beust, "es kann sein, dass ich ihn zum Prost Neujahr umarmt habe, das hätte ich mit Ihnen vielleicht auch gemacht." Und er lacht. Es gibt Geschichten wie die aus der ständigen Vertretung der Hansestadt in Berlin, wo die beiden genächtigt haben sollen. "Es kann sein, dass wir mal gleichzeitig dort übernachtet haben, aber nicht zusammen", sagt Beust.
Warum aber dann diese Wohnung? Trotz all der Gerüchte?
Ole von Beust sagt, er habe die Wohnung zur Altersvorsorge gekauft, bis dahin habe er nur zwei kleine Lebensversicherungen gehabt. Sein Kumpel, handwerklich begabt, sei bei der Besichtigung dabei gewesen und habe sich als Mieter angeboten. "Er zahlt pünktlich, ich werde niemals auf Eigenbedarf klagen müssen, er ist ganz einfach ein guter Mieter", sagt Beust. Ob es politisch geschickt war? Klug?
"Hinterher ist man klüger", sagt Beust, "wir haben damals darüber geredet, ob es problematisch ist, und ich habe gesagt: Es gibt keine Interessenkollision. Wie sehr will ich mein Privatleben nach Gerüchten ausrichten?"
War es das also? Ole von Beust hat viel eingeräumt, und mit dem Satz "Das ist alles, absolut alles" hat er sich festgelegt. Er weiß, dass ein Foto, das ihn eng umschlungen mit Kusch zeigt, oder die glaubhafte eidesstattliche Versicherung eines Zeugen die Regierung der Hansestadt stürzen würde. "Das kann nicht passieren", sagt er, "weil da nichts war."
Müssen Politiker im Jahr 2003 so etwas aushalten? Ja, vermutlich müssen sie. Klar: Die Medien sind aggressiver geworden. Und das Image zählt mehr als Konzepte, und deshalb drängen die Darsteller der Macht in die bunten Blätter und TV-Shows, mit ihren Scheidungen und Hochzeiten, ihren Homestorys über Koch-Rezepte und Lieblingssofas. Wer kann da noch die Grenzen ziehen?
Es ist kein Wunder, dass der Respekt vor dem Privaten flöten geht, wie der US-Soziologe Richard Sennett ("Die Tyrannei der Intimität") beklagt. Sennet glaubt, "dass jede Person in gewissem Maße ein Horrorkabinett ist und dass daher zivilisierte Beziehungen nur so weit gelingen, wie die hässlichen kleinen Geheimnisse eingeschlossen bleiben". Darum fordert Sennett mehr Distanz und mehr Diskretion - die Rückkehr des Privaten.
Müssen die Wähler aber nicht gerade deshalb die privaten Geheimnisse der Regierenden kennen - bevor sie diesen Horrorkabinetten die Macht in die Hand geben? Wenn es in der Politik zum Beispiel um Homo-Ehe geht, ist dann nicht gerade die Sexualität der Politiker Politik?
Und Ronald Schill, der Mann, der das rosa Rathaus beschrieben und damit Maßstäbe gesetzt hat, der sicherlich Hamburg und vielleicht das ganze Land verändert hat, sitzt auf seinem Stuhl und sagt, er habe das alles gar nicht gewollt. Er habe Ole von Beust ja nicht erpresst, dieser eine, der entscheidende Satz mit der "Prime Time, bundesweit" sei gar nicht gefallen.
"Ich wollte nur den Rauswurf Walter Wellinghausens verhindern", sagt Schill, "und deshalb wollte ich Ole von Beust biblisch-moralisch ermahnen: Nur wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein."
STEFAN BERG, KLAUS BRINKBÄUMER,
JÜRGEN DAHLKAMP, PER HINRICHS, SEBASTIAN KNAUER, CORDULA MEYER, ANDREAS ULRICH, CHRISTOPH SCHULT
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Private oder politische Affäre?
"Halten Sie es prinzipiell für statthaft, wenn ein führender Politiker ein öffentliches Amt mit einem Intimpartner besetzt, der als fachlich geeignet gilt?"
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Hamburger für ihren Bürgermeister
"Der Erste Bürgermeister Ole von Beust hat Innensenator Ronald Schill wegen fehlender charakterlicher Eignung aus seinem Amt entlassen. Hat er damit richtig gehandelt?"
"Sollen sich homosexuelle Politiker outen, um nicht erpressbar zu sein?"
"Sollten nach dem Eklat so schnell wie möglich Neuwahlen stattfinden?"
* Am 26. März 1984 bei Kießlings Verabschiedung in Neustadt (Hessen).
Von Stefan Berg, Klaus Brinkbäumer, Jürgen Dahlkamp, Per Hinrichs, Sebastian Knauer, Cordula Meyer, Andreas Ulrich und Christoph Schult

DER SPIEGEL 35/2003
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