25.08.2003

HAUPTSTADTVerstörender Gesang

Der Bau des Berliner Holocaust-Mahnmals hat endlich begonnen - der Beton wenigstens ist von erstklassiger Qualität.
Der Geruch von frisch aufgeworfenem Erdreich erfüllt die Luft, Bagger planieren den terrassenförmig angelegten Untergrund. Dort wo bis November 1989 der Todesstreifen verlief und zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Bunker Reichspropagandaminister Joseph Goebbels Schutz bot, machen sich Bauarbeiter mit Spaten und Hacke an die Feinarbeit - fast sieht es aus wie auf jeder anderen Baustelle.
Jenseits der Behrenstraße streunen Touristen zwischen den grellbunt angemalten Berlin-Bären umher, und auf der kleinen Aussichtsplattform zeigt sich ebenso wie vor den diversen Schautafeln: Auch das jüngste Bauprojekt im Regierungsviertel ist dabei, eine touristische Attraktion zu werden - über die sich munter weiter streiten lässt.
Während ein Psychoanalytiker aus Köln im Lärm der Bauarbeiten den "ästhetischen Rang" des Holocaust-Gedenkens lobt, schimpft ein offenbar aus Berlin stammender Vater über Geldverschwendung und Gigantomanie: "Was für ein Blödsinn", belehrt er seinen Sohn, "die sollten das Geld lieber denen geben, die jetzt noch unter der Geschichte zu leiden haben." Das Holocaust-Mahnmal in der Hauptstadt nimmt nun konkrete Formen an.
Es wurde auch Zeit: Fast drei Jahre dämmerte die eingezäunte Brache zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz vor sich hin. Nur eine große Informationstafel erinnerte daran, dass hier das gigantische Mahnmal mit dem sanft gewellten Schwung eines Kornfeldes entstehen soll - jenes Großprojekt der deutschen Vergangenheitsbewältigung, über das seit 1988 immer wieder grundsätzlich diskutiert wird. Am vorvergangenen Wochenende nun, vier Jahre nach der endgültigen Entscheidung des Deutschen Bundestags, hat sich der Architekt Peter Eisenman höchstpersönlich bei der Firma Geithner Bau im märkischen Joachimsthal für einen Prototyp der anthrazitfarbenen Beton-Stelen entschieden, die ab sofort in Serienfertigung gehen. Überschwänglich lobte Eisenman, 71, die "perfekte Oberfläche", die scharfen Quaderkanten und die gleichmäßige Farbauftragung: "Ich habe in Berlin nie besseren Beton gesehen." Die Fachleute der Firma, die schon das neue Bundeskanzleramt zur uneinnehmbaren Festung machten, gaben stolz zurück: "Wir von der Beton-Seite können dem Architekten fast jeden Wunsch erfüllen."
Etwa 8000 Kubikmeter des Baustoffs sollen bis Ende 2004 verarbeitet, etwa 30 Stelen unterschiedlicher Höhe - von 20 Zentimetern bis zu 5 Metern - pro Woche fertig gestellt werden. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf knapp 28 Millionen Euro. Am 8. Mai 2005, zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Nazi-Regime, soll das Mahnmal der 2751 Stelen samt dem unterirdischen "Ort der Information" feierlich eröffnet werden.
Verwundert reibt sich jetzt mancher die Augen: "Ach ja", erinnerte sich Eckhard Fuhr in der "Welt" stellvertretend für viele, "gebaut werden muss das Mahnmal ja auch noch." Man hatte es fast vergessen. Und es ist ja wahr: Die jahrelange, leidenschaftliche Debatte über die Frage, ob der Völkermord an den Juden überhaupt in angemessener ästhetischer Form darzustellen sei, zumal in Gestalt eines monumentalen Denkmals mitten in der Hauptstadt, konnte durchaus den Eindruck erwecken, der Streit selbst sei das eigentliche Mahnmal: der kritische Diskurs als Denkmal seiner selbst. Wer in diesen Tagen die Baustelle betritt, spürt nichts mehr vom moralischen Pathos der Grundsatzdebatte. Von Anfang an wurde das "weithin sichtbare Zeichen" der mahnenden Erinnerung, so Denkmals-Initiatorin Lea Rosh, eben auch als "zentrale Kranzabwurfstelle" kritisiert, als "megalomaner Trauerkitsch", der eher der moralischen Entlastung diene als einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem bis heute unfassbaren Massenmord. Einst vehemente Befürworter wie Walter Jens, Günter Grass und Simon Wiesenthal wurden zu scharfen Kritikern des Mahnmals, und während linke Intellektuelle wie Wolf Biermann gegen das Projekt plädierten, avancierte die konservative "FAZ" zur vehementen Fürsprecherin - dieselbe Zeitung, die zu jener Zeit noch Martin Walsers Paulskirchen-Rede von der "Moralkeule" namens Auschwitz und der "Instrumentalisierung unserer Schande" verteidigte. Heute hält Architekt Eisenman die Walsersche Polemik gegen politisch korrekte "Meinungssoldaten", gut dialektisch, für ein entscheidendes Moment bei der Durchsetzung des Holocaust-Mahnmals: Die skandalisierende Rede habe das Projekt "gegen seinen Willen" provoziert.
Provokation ist Eisenmans eigentliches Zauberwort, nicht Schande oder Schuld. "Verlockend" und "verstörend" soll sein Stelenfeld wirken, ein ebenso pittoresker wie verunsichernder, letztlich ein "therapeutischer" Ort. Wer die schnurgeraden Wege zwischen den unterschiedlich hohen und leicht geneigten Stelen entlanggehe, der solle wie einst Odysseus die "Sirenengesänge" vernehmen, den schwankend polyphonen Klang zwischen Gut und Böse, zwischen Faszination und Abgrund.
"Wachsenden Zuspruch" bei einstigen Kritikern will die Geschäftsführerin der "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas", Sibylle Quack, inzwischen festgestellt haben. Am Ende soll das Mahnmal - jedenfalls nach Eisenmans Willen - ein stiller Ort sein: "The silence makes you speak", hofft er auf eine "Sprache nach dem Holocaust".
Am Ende also wird es doch wieder um Worte gehen. REINHARD MOHR
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 35/2003
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