01.09.2003

AUSLANDSEINSÄTZEAlpträume und Herzflattern

Kosovo, Bosnien, Afghanistan - und bald Irak? Deutsche Polizisten sind weltweit in Krisenregionen im Einsatz. Viele kriegen danach ihr Leben nicht mehr in den Griff.
Sechs Monate Einsatz in Bosnien hatte Polizeihauptmeister Hans-Jochen Buthmann aus Itzehoe schon hinter sich, als er sich für die Mission im Kosovo meldete. Er hatte zerstörte Häuser gesehen, ausgebrannte Panzer, Granattrichter. Er hatte sich an die Bilder des Krieges gewöhnt - glaubte er.
Dann kam dieser Tag, den er nicht vergessen kann: Buthmann wurde zum Feldlazarett der deutschen Kfor-Truppen in Prizren gerufen, seinem Einsatzort im Kosovo. Ein Junge lag blutüberströmt in einem Auto. Er war beim Fußballspielen auf eine Mine getreten. Buthmann nahm das Kind auf den Arm. Ihm fehlten die Beine, die Gedärme quollen aus dem Bauch, ein Auge hing aus dem Kopf. Mit dem anderen schaute ihn der Junge an, dann starb er in seinen Armen.
Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen. Buthmann hatte gehofft, in Deutschland bald wieder das seelische Gleichgewicht zu erlangen. Doch dann verließ ihn seine Frau, nach zwölf Jahren Ehe: "Das war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird."
Es ist ein hoher Preis, den deutsche Polizisten zuweilen zahlen, wenn sie in Krisenregionen zum Einsatz kommen. Viele Beamte kehren traumatisiert zurück und kriegen ihr Leben nicht mehr in den Griff; zwei waren so verzweifelt, dass sie sich das Leben genommen haben. Das Maß an Gewalt, mit dem die Polizisten konfrontiert werden, macht ihnen schwer zu schaffen. Viele würden erst im Einsatzgebiet feststellen, so Buthmann, "dass Krieg das Grauen pur ist".
Mehr als 450 deutsche Beamte sind im Rahmen von Uno- und EU-Einsätzen in Krisengebieten stationiert, im Kosovo, in Bosnien und Afghanistan, sie übernehmen Ordnungsaufgaben und helfen beim Aufbau des Sicherheitsapparats. 3600 Beamte waren es insgesamt, seit das Engagement im Ausland 1994 begonnen hat. Durchaus denkbar, dass es bald noch deutlich mehr werden: Politiker wie der SPD-Außenexperte Gernot Erler oder FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt haben bereits vorgeschlagen, deutsche Polizisten oder Ausbilder auch in den Irak zu schicken.
Für solche Einsätze wählen der Bundesgrenzschutz und die Länderbehörden die Polizisten aus - alles Freiwillige - und trainieren sie für den Einsatz. Drei Wochen dauert der Vorbereitungskurs in den Polizeifortbildungsinstituten in Essen, Lübeck und Swisttal-Heimerzheim. Ob jemand der Brutalität des Krieges tatsächlich gewachsen ist, ist vorher freilich kaum abschätzbar. "Es gibt regelmäßig Kollegen, die mit psychischen Problemen zurückkommen", sagt Helmut Janiesch, ehemaliger Chef der Polizeitruppe der Westeuropäischen Union im bosnischen Mostar: "Die zittern, weinen, klagen über Schlafstörungen und Alpträume - und werden meist ein bestimmtes Erlebnis nicht los." Manchmal treten die Symptome erst Jahre nach der Rückkehr auf. Janiesch hat im Februar 1996 in Mostar selbst erlebt, wie aufgebrachte kroatische Bosnier Polizeistreifen angriffen und wie sich die Ordnungshüter im Hauptquartier verschanzten. Die Szene hat ihn jahrelang verfolgt. Nachts wachte er schweißnass auf, bekam Herzflattern, wenn ihn Fernsehbilder an das Erlebte erinnerten: "Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt."
Eine ähnliche Erfahrung hat auch Uwe Mainz, zuständig für die Auslandseinsätze für Polizisten aus Nordrhein-Westfalen, in Pristina gemacht. Dort erlebte der Kriminaloberrat, wie eine Explosion einem Serben Arm und Fuß abgerissen hatte und der Mann um sein Leben rang. Der albanische Arzt habe sich endlos Zeit gelassen mit der Behandlung, berichtet Mainz. Der Krankenwagen sei so langsam gefahren, dass der Serbe auf dem Weg ins Krankenhaus starb: "Am Abend, als wir darüber sprachen, haben die Polizisten geweint."
Frustrierend ist für die deutschen Ordnungskräfte zudem die Erfahrung, wie schnell sie bei ihrer Arbeit an Grenzen stoßen. Ein norddeutscher Beamter hat im Kosovo mitbekommen, dass US-Soldaten Fahnder an ihrer Arbeit hinderten, weil die Spuren bei Mordermittlungen immer wieder in die Nähe von ehemaligen UÇK-Kommandanten führten. "Wenn man sieht, wie die schlimmsten Mafiosi dort offensichtlich den Schutz der Amerikaner genießen, dann kriegt man eine Riesenwut", sagt er.
Dass Straftaten auf Grund politischer Rücksichtnahme nicht verfolgt werden, sei für deutsche Polizisten "schlimmer als der Krieg an sich", glaubt die Psychologin Angelika Schrodt. Viele Polizisten gerade in Bosnien und im Kosovo seien mittlerweile so resigniert, dass sie den einzigen Sinn ihrer Aufgabe darin sähen, "die Gegner daran zu hindern, sich gegenseitig zu zerfleischen", sagt eine Polizistin.
Der Stress, die Angst, die Frage nach dem Sinn des Einsatzes: Nicht jeder hält das durch; Janiesch kennt "mehrere Fälle, die wegen Alkoholproblemen nach Hause" geschickt wurden. Andere mussten die Heimreise antreten, weil Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet worden waren.
So geriet ein Bundesgrenzschutz-Beamter in Bosnien in Verdacht, an der Einschleusung von Prostituierten beteiligt gewesen zu sein. Ein thüringischer Polizist betrieb in Bosnien-Herzegowina einen schwunghaften Handel mit zollfreien Zigaretten und Schnaps. Ein Beamter aus Nordrhein-Westfalen musste gehen, nachdem er in Nazi-Manier gegrüßt hatte. Derzeit ermittelt die Uno gegen 34 deutsche Beamte - so viel wie nie zuvor.
Nach der Rückkehr in die Heimat werden die Polizisten nicht selten noch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Manche Ehefrau stellt während der Abwesenheit - der Einsatz dauert in der Regel neun Monate und kann um drei Monate verlängert werden - fest, dass sie ganz gut auch ohne ihren Mann klarkommt. "Die Trennungsquote nach Auslandseinsätzen", sagt Kriminaloberrat Mainz, "ist außergewöhnlich hoch."
Außerdem erschwert es die Wiedereingliederung, dass die Polizisten im Ausland viel Freiheit und einen vergleichsweise großen Handlungsspielraum genossen haben. "Mancher Heimkehrer will sofort wieder weg", berichtet Josef Scheuring von der Gewerkschaft der Polizei. An die langweilige Normalität deutscher Amtsstuben können sich die so genannten Mission-Junkies nur schwer wieder gewöhnen. Nordrhein-Westfalen erwägt deshalb, die Pause zwischen Auslandseinsätzen von einem auf drei Jahre zu verlängern. "Damit wollen wir den Druck zur Wiedereingliederung verstärken", sagt Mainz.
Andere Beamte ziehen es vor, gleich ganz den Dienst zu quittieren. Burkhard Plichta, 38, zum Beispiel hat nach 19 Jahren als Polizist und drei Auslandsmissionen in Bosnien und im Kosovo vor zwei Jahren gekündigt. "Wer Massengräber gesehen hat", sagt er, "dem fällt es einfach schwer, beim Bagatellunfall auf dem Supermarkt-Parkplatz den zerkratzten Seitenspiegel wieder ernst zu nehmen."
ANDREA BRANDT, ANDREAS ULRICH
Von Andrea Brandt und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 36/2003
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