Von Brinkbäumer, Klaus; Buse, Uwe; Difraoui, Asiem El; Ehlers, Fiona; Emcke, Carolin; Fichtner, Ullrich; Goos, Hauke; Gorris, Lothar; Hoppe, Ralf; Hüetlin, Thomas; Kneip, Ansbert; Malzahn, Claus Christian; Osang, Alexander; Schnibben, Cordt; Smoltzczyk, Alexander; Supp, Barbara; Szandar, Alexander
Am 20. März waren die Truppen der Amerikaner und Briten von Kuweit aus in den Irak gezogen, und knapp drei Wochen später, kurz vor dem Sturz des Tyrannen, ist klar: Kein Krieg der Geschichte war so sehr ein Medienkrieg wie der im Irak. Die Journalisten waren Teil der Kriegsstrategie von George W. Bush und Saddam Hussein: Der Diktator wollte die Weltpresse nutzen, um mit Bildern von verstümmelten Kindern und verbrannten Frauen die Stimmung in den Ländern seiner Angreifer anzuheizen; darum sollte sein Informationsminister seine wichtigste Waffe sein. Der Präsident wiederum wollte die 500 seinen Truppen zugeordneten Journalisten nutzen, um Stimmung zu machen für einen Krieg, der aus der Nähe betrachtet nicht so schrecklich aussehen sollte, wie Kriegsgegner befürchteten.
Der Diktator wollte den Krieg in die Länge ziehen, und der Präsident wollte ihn so schnell wie möglich zu Ende bringen. Beide aus demselben Grund: Demokratisch kontrollierte Regierungen geraten umso mehr unter Druck, je länger ein Krieg dauert.
Bush und das Pentagon waren überzeugt von ihrem Blitzkrieg, und darum wollten sie Fernsehteams und Reporter dabeihaben, die schöne Bilder von der Front in die heimischen Wohnzimmer schicken.
Im Vietnam-Krieg hatten die Medien die Bilder des Grauens nach Amerika gebracht; deshalb bekamen die Amerikaner in den Kriegen danach nur noch zu sehen, was das Pentagon zeigen wollte. Während des Golfkriegs 1991 bestimmte das Pentagon, was Wahrheit war und was Lüge, das Pentagon wählte die Bilder und die Nachrichten und die Geschichten aus, aber das alles funktionierte nicht: Am Ende glaubte dem Pentagon niemand mehr, aus Misstrauen wurde Häme, und die Soldaten fühlten sich zu negativ dargestellt. Darum das "Embedded"-Programm in diesem Krieg.
Die Frontberichterstatter des Irak-Krieges überraschte die Auskunftsfreudigkeit der Soldaten und Offiziere, aber erst hinterher wurde ihnen klar, wie wenig sie - mittendrin - über diesen Krieg erfahren hatten.
Die Journalisten sind mit der 1. Division der Marines, mit der 101. Airborne und mit der 3. Infanterie-Division von Kuweit bis nach Bagdad vorgerückt. Seit dem 7. April sind die Panzer der 3. Infanterie-Division im Regierungsbezirk des Diktators und mit ihnen die Reporter. Sie treffen auf die Kollegen, die seit Kriegsbeginn von Bagdad aus über die Bombardements der Hauptstadt berichtet hatten. Die Amerikaner ziehen ihre Truppen jetzt nicht mehr zum Flughafen von Bagdad zurück. Sie bleiben in der Stadt.
Die Truppen der Alliierten sind so gut wie am Ziel, sie können mit ihrem Krieg und ihrer Presse zufrieden sein. Nun haben sie gewonnen, nun können sie ihre Orden abholen und in Ruhe die Heldengeschichten lesen - und nun beginnen sie, die Journalisten ins Visier zu nehmen. Aus Versehen? Mit Absicht?
8. April
+++ Bomben auf das Informationsministerium, das Hauptquartier der Baath-Partei, das Hauptquartier der Republikanischen Garde +++ 101. Airborne in heftige Gefechte bei Hilla verwickelt, etwa 80 Kilometer südlich von Bagdad +++ Britische 1. Panzer-Division kontrolliert 80 Prozent von Basra +++ 1. Marines-Division kämpft bei Amara und in Bagdad +++ 100 000 Iraker sollen angeblich die Nordfront bei Mossul und Kirkuk gegen die vorrückenden kurdischen Kämpfer halten +++ An der Grenze zu Syrien stehen amerikanische Spezialtruppen bereit, eine Flucht Saddams ins Nachbarland zu verhindern +++
Bagdad, bei der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 11.45 Uhr
Um 4 Uhr morgens begann der Kampf um die Brücken, die über den Tigris führen. "Er ist intensiver als alles, was wir bisher gesehen haben", sagt Captain Phillip Wolford. Er ist Chef der A-Kompanie der Task Force 4-64, einer der drei Eingreiftruppen der 2. Brigade. Seine 16 Panzer und rund 100 Soldaten sollen eine der Brücken erobern und sichern.
Die Iraker konnten sich auf die Schlacht vorbereiten, sie haben Schutzwälle gebaut und Schießstände, sie haben ziemlich gute Positionen für ihre Scharfschützen.
Und die Amerikaner werden hektisch. Sie werden beschossen, seit knapp fünf Stunden schon. Ein paar tausend Schuss wird Captain Phillip Wolford am Ende des Tages aus seinem Panzer abgegeben haben, es ist eine Orgie der Gewalt. Wolford gibt Befehle, und er feuert selbst mit dem Maschinengewehr, sie sitzen zu viert in seinem "Abrams"-Panzer.
Und dann stehen zwei Panzer der Task Force 4-64 auf der Brücke, und ein dritter steht dahinter. Und wenn die Panzer ihre Kanonenrohre nach rechts drehen, zeigen die auf zwei Türme, die über einen Kilometer entfernt sind: rechts das "Sheraton", links das "Palestine". Türme sind das, die keiner übersehen kann, "Türme wie früher die Twin Tower in New York", sagt ein Soldat hinterher. Das "Palestine" ist 17 Stockwerke hoch, und oben prangt die Aufschrift "Hotel Palestine". Durchs Fernglas kann das jeder Soldat erkennen.
Die Kämpfe werden heftiger, und Captain Phillip Wolford bittet um Unterstützung aus der Luft.
Wolford, 35 Jahre alt, Kontaktlinsenträger, seit 14 Jahren verheiratet, Vater von drei Kindern, ist einer der vielen Soldaten in der 3. Infanterie-Division, die nie etwas anderes werden wollten als Soldat. Es sind Tage wie dieser, der 8. April 2003, die Phillip Wolford erleben wollte, als er sich entschloss, Soldat zu werden.
Sein Vater war in Vietnam, er war einer dieser vielen Soldaten, die niemals über das sprachen, was sie erlebt hatten. Phillip Wolford sagt, dass genau dies ihn zur Armee gebracht habe: Er wollte wissen, wie es ist, er las Bücher, sah sich Filme an, als Kind spielte er Krieg. Und jetzt ist er hier.
Die Kämpfe werden noch heftiger, und ein Aufklärer meldet, dass es irgendwo auf der anderen Seite des Tigris einen irakischen Späher gebe, einen so genannten forward observer, einen vorgeschobenen Beobachter, dessen Job es sei, den Kämpfern die Ziele vorzugeben.
Forward observer sind wichtige Männer im Bodenkampf: Sie dirigieren, sie korrigieren, jede Armee versucht deshalb, die gegnerischen forward observer zu erwischen.
"Wir waren unglaublich in Sorge", sagt Jules Crittenden vom "Boston Herald", eingebettet bei der A-Kompanie der Task Force und als einziger Reporter an diesem Morgen in einem Panzer am Schauplatz. "Alle versuchten herauszukriegen, wo dieser Späher saß - ehrlich gesagt, ich suchte auch nach ihm. Wir hatten alle die Sorge, dass uns eine Artilleriesalve erwischen würde, und natürlich wollten wir nicht, dass das passiert."
Zwei andere Reporter, Chris Tomlinson von der Nachrichtenagentur AP und Greg Kelly vom TV-Sender Fox, sind an diesem Morgen im Neuen Präsidentenpalast und hören die Funksprüche im Tactical Operations Center der 2. Brigade mit.
Und dort geht Colonel David Perkins, der Kommandeur der 2. Brigade und Vorgesetzter von Captain Wolford, zu Tomlinson, jedenfalls erzählt Tomlinson das so, und Perkins sagt, dass sie die Air Force herbeirufen würden. Perkins weiß, dass irgendwo auf der anderen Seite das "Hotel Palestine" liegt, er weiß nur nicht genau, wo, und vom Palast aus sieht er die Türme nicht. Seine Satellitenkarten, so erzählt Tomlinson, sind zehn Jahre alt, die einzelnen Gebäude sind darauf nicht markiert.
Es wird hektisch.
Perkins, der Kommandeur von 4400 Soldaten, der Colonel, der mit seinen Leuten gestern das Zentrum Bagdads erobert hat, bittet Tomlinson, den Journalisten, um Hilfe. Wegen der anstehenden Luftangriffe. Kann der AP-Reporter nicht seine Kollegen anrufen und herausfinden, wo exakt das "Palestine" ist? Tomlinson versucht es. Er ruft das AP-Büro in Doha und will erreichen, dass die Kollegen im Hotel große Transparente aus den Fenstern hängen, auf denen "Press" oder "TV" steht.
Denn der Krieg ist jetzt in der Stadt. Sie sitzen nicht mehr im Hotel. Sie sitzen jetzt an der Front.
Bagdad, "Hotel Palestine", 11.50 Uhr
Die Journalisten haben die Luftangriffe überstanden.
Und den Sturm auf Bagdad.
Was sie nun sehen, ist die letzte Schlacht dieses Krieges, davon sind sie überzeugt.
Rund hundert Journalisten wohnen im "Hotel Palestine", ein paar von ihnen sind erst gestern hierher gekommen, als die Amerikaner das "Hotel Raschid" angriffen.
Das "Palestine" ist kein besonders gutes Hotel, die Zimmer sind klein und teuer, das Essen ist kalt und teuer, die Bar ist grell und teuer. Aber das "Palestine" ist Bagdads Nachrichtenbörse, weil sie alle hier sind: die Agenturen, die großen Fernsehsender und die Kriegsfotografen.
Viele von ihnen haben den ganzen Morgen auf den Balkonen verbracht. Sie filmten und fotografierten, einige schauten auch einfach nur zu, denn die Balkone des "Palestine" sind die Haupttribüne des Krieges: Von hier sieht man die Brücke, auf der drei amerikanische Panzer stehen, und man sieht die Iraker in ihren Stellungen.
"Ich habe den ganzen Morgen Fotos gemacht", sagt AFP-Fotograf Patrick Baz. Da seien Hubschrauber am Himmel gewesen, das Ganze habe vom Hotel aus wie ein Hollywood-Krieg ausgesehen. Und alle hier sind sicher, dass die Amerikaner wissen, dass die Journalisten hier in diesem Hotel sind. "Sie konnten uns genauso sehen, wie wir sie sehen konnten", sagt Baz.
"Die Kämpfe waren intensiv von 6 Uhr bis 11.20 Uhr, dann wurde es ruhig", sagt Caroline Sinz von France 3.
Darum sind die meisten jetzt in ihren Zimmern. Geschichten schreiben, Fotos senden, mit den Redaktionen daheim telefonieren.
Nur im 14. Stock dreht der spanische Kameramann José Couso noch.
Und eine Etage darüber, im 15. Stock, sitzt Taras Protsyuk, Kameramann für Reuters, auf dem Balkon jener Suite, die die Nachrichtenfirma gemietet hat. Protsyuk, gebürtiger Ukrainer, hat seine Kamera aufgebaut, aber er dreht nicht.
Sie denken, dass sie sicher sind.
Tigris-Brücke, bei der Task Force 4-64, 11.55 Uhr
"Ich sehe den forward observer", sagt einer der Panzerkommandanten, Sergeant Shawn Gibson, über Funk, dort drüben, auf der Ostseite des Tigris, sei der Kerl, der den irakischen Schützen die Ziele diktiere. Gibson sitzt in einem der drei Panzer, die die Journalisten vom "Palestine" aus auf der Brücke stehen sehen. Captain Phillip Wolford, sein Kompanieführer, ist in einem Panzer etwas weiter hinter dem "Abrams" von Gibson.
Wie schnell geht es dann?
Es gibt zwei Versionen.
Captain Phillip Wolford sagt, er habe sofort den Befehl gegeben zu feuern. "Ohne zu zögern, so ist die Regel", sagt Wolford.
Sergeant Shawn Gibson aber sagt, dass er seinen Vorgesetzten den irakischen Späher gemeldet habe, und erst zehn Minuten später habe er den Befehl zu feuern erhalten.
Chris Tomlinson, der AP-Reporter, versucht noch immer vom Tactical Operations Center der 2. Brigade aus seine Kollegen im AP-Büro zu erreichen.
Die Männer in den Panzern sind schneller.
Sergeant Gibson schießt, er feuert mit der Bordkanone eine 120-Millimeter-Granate zum Hotel hinüber.
Er schießt auf den Balkon, auf dem er den Mann mit dem Fernglas gesehen hat.
Bagdad, "Hotel Palestine", 11.57 Uhr
Die Journalisten glauben nicht, dass sie angegriffen werden. "Ich habe überhaupt nicht reagiert, ich habe gar nicht registriert, was passiert ist", sagt Patrick Baz von AFP, "ich dachte, es sei das Gebäude nebenan gewesen."
Und dann kommt die Panik.
Die Schreie, die fliehenden Menschen, die Hilferufe. Und natürlich, gerade hier, gibt es auch welche, die sofort das tun, was sie gelernt haben: drehen, fotografieren, auf Sendung gehen.
Getroffen wurde der Balkon im 15. Stock. Taras Protsyuk, der Kameramann von Reuters, liegt bewusstlos auf dem Rücken. Kollegen rennen zu ihm, öffnen mit Gewalt seinen Mund, versuchen es mit Beatmung. Sie bringen Protsyuk in ein Krankenhaus, aber er stirbt.
Eine Etage tiefer treffen die Splitter und Trümmer den spanischen Kameramann José Couso. Er hat tiefe Wunden in den Beinen und im Gesicht, er wird ins Krankenhaus gebracht, er stirbt.
Drei Mitarbeiter von Reuters werden verletzt: der Techniker Paul Pasquale, der Büroleiter Samia Nakhoul und der Fotograf Faleh Kheiber.
Tigris-Brücke, bei der Task Force 4-64, 12 Uhr
Es hätte nicht passieren dürfen, es ist passiert. Und die Kommandeure der Task Force 4-64 können es nicht fassen.
Lieutenant Colonel Philip de Camp greift sich das Funkgerät in seinem Panzer - er steht ein paar hundert Meter von dem Panzer, aus dem geschossen wurde, entfernt - und schreit: "Wer beschießt gerade das 'Palestinian Hotel'?" Er sagt tatsächlich "Palestinian", also "Palästinenser-Hotel".
Und dann richtet sich de Camp direkt an Captain Phillip Wolford. "Did you just fucking shoot the ,Palestinian Hotel'?", fragt er, "hast du verdammt noch mal das ,Palästinenser-Hotel' beschossen?"
Wolford schweigt. Er braucht ein paar Minuten.
Dann sagt er: "Ja, ja. Wir hatten einen Späher dort oben entdeckt."
Und de Camp sagt: "Ihr dürft nicht auf das Hotel schießen. Das ist ernst."
De Camp fährt mit seinem Panzer zum Schauplatz und spricht für ein paar Minuten persönlich mit Wolford.
Und der AP-Reporter Chris Tomlinson sagt im Tactical Operations Center der 2. Brigade zu Colonel David Perkins, dass es nun wohl zu spät sei.
"Ich weiß, ich weiß", sagt Perkins, "ich habe gerade den Befehl gegeben, dass unter gar keinen Umständen mehr irgendjemand auf das ,Hotel Palestine' schießen darf, selbst wenn wir von dort beschossen werden."
Es ist einer dieser Fehler, die alles zunichte machen können, den Triumph, die Nachrichten, das Image. Und die Presseoffiziere im Oberkommando reagieren nicht gut. Brigadier General Vincent Brooks sagt, dass die Soldaten im Panzer nur auf Feuer geantwortet hätten, das aus der Lobby des Hotels gekommen sei. Warum haben sie dann auf die 15. Etage gezielt?
Das weiß Brooks nicht.
Colonel David Perkins, der Kommandeur der 2. Brigade, sagt, dass nicht seine Soldaten das Hotel in Bedrängnis gebracht hätten, sondern der Kerl, der von dort Granaten abgefeuert habe. Welche Granaten? "Es gab keine andere Wahl, als das Feuer zu erwidern und unsere Männer zu beschützen."
Außerdem, so Perkins, seien die Journalisten gewarnt worden, dass es gefährlich sei, im von Irakern besetzten Teil Bagdads zu bleiben. Wer nicht "embedded" ist, wer nicht akkreditiert ist bei den alliierten Truppen, wer sich nicht ihrem Oberkommando unterstellt, der lebt gefährlich im Krieg.
Es klingt nicht sehr souverän. Es klingt ziemlich kalt.
Die Offiziere müssten ja nur die Wahrheit sagen: dass sie einen furchtbaren Fehler gemacht haben.
Sie waren schlecht vorbereitet, das ist im Grunde die ganze Geschichte.
Er habe ganz einfach nicht gewusst, dass in diesem Hotel Journalisten wohnen, sagt Captain Phillip Wolford, der Kompanieführer des Schützen. Das "Committee to Protect Journalists" fordert eine Untersuchung durch das Pentagon, aber die gibt es nicht. In einer internen Untersuchung der U. S. Army wird Captain Phillip Wolford freigesprochen. Und sein Kommandeur Philip de Camp schlägt ihn für den Silver Star vor wegen "der glorreichen Schlachten" um die Brücke des Boulevard des 14. Juli.
Bagdad, auf dem Parkplatz vor dem "Hotel Palestine", kurz nach 12 Uhr
Vor wenigen Minuten erst ist das Hotel von dem amerikanischen Panzer getroffen worden, und schon steht draußen auf dem Hotel-Parkplatz Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf.
"Die Situation ist unter Kontrolle. Unsere Panzer sind im Einsatz und auch Saddams Fedajin. Wir werden sie zurück in ihre Panzer drängen und dann ganz aus der Stadt. Sie feuern auf zivile Wohnungen. Und sie haben das ,Palestine' beschossen. Sie sind hysterisch."
Wäre es nicht Zeit aufzugeben, fragt ein englisch sprechender Journalist.
"Sie werden aufgeben, oder sie werden in ihren Panzern verbrennen."
Er blickt über den Rand seiner Brille, er lächelt. Es ist ein anderes Lächeln diesmal. Es ist so ein Lächeln, das sagt: Ich weiß, dass ihr wisst, dass ich weiß. Es ist ein verzweifeltes Lächeln. Es sagt auch: Ich kann nicht anders.
Sie haben keine Angst?
"Überhaupt nicht. Gar nicht. Und auch Sie, Sie müssen keine Angst haben. Wir werden sie attackieren und zerstören. Machen Sie sich keine Sorgen."
Wieder dieses neue Lächeln.
Ein Reporter macht ihn darauf aufmerksam, dass drüben auf der anderen Seite des Flusses amerikanische Panzer zu sehen sind.
"Ich mache Sie", sagt Informationsminister Sahhaf, "darauf aufmerksam, dass Sie sich nun etwas weit weg bewegen von der Realität."
Sahhaf hat viele Sätze in diesem Krieg gesagt, dies war sein letzter öffentlicher.
Schon um 11 Uhr haben Radio und Fernsehen den Sendebetrieb eingestellt, einige Mitarbeiter des Informationsministeriums sind gar nicht mehr zur Arbeit erschienen.
Zusammen mit ein paar Journalisten macht Sahhaf noch eine Begehung des "Hotel Palestine". Dann steigt er in sein Auto, einen weißen Pick-up, und fährt weg.
Bagdad, im Stadtteil Sajuna, 13.30 Uhr
Margo Chatschaturian, eine armenische Hausfrau, gießt gerade heißes Spülwasser in die Plastikschüssel, als sie ein merkwürdiges Surren hört. Wie ein Ventilator, der heißläuft. Flapp-flapp-flapp-flapp-flapp. Es wird lauter.
Im Haus nebenan schlägt eine Bombe ein.
Margo heißt mit vollem Namen Margaret Marie Chatschaturian. Sie ist Mitte fünfzig, eine kleine, feste Person, freundliche Augen, Angestellte in einer Kosmetikfirma. Ihr Mann James importiert Elektrospulen für Stromgeneratoren. Die Chatschaturians sind Armenier, vermögende Leute, sie wohnen eigentlich im Westen Bagdads, im wohlhabenden Viertel Amin. Aber als dort vor drei Tagen die ersten Granaten einschlugen, packten sie zwei Autos voll und fuhren zu Margos Schwager. Emanuel Baba, genannt Amu, ist der ehemalige Trainer der irakischen Nationalelf. Hier, in Amu Babas Haus, im Stadtteil Sajuna, im Südosten von Bagdad, seien sie sicher, entschied James.
Margo Chatschaturian versteht nichts vom Krieg. Aber sie begreift jetzt, dass James sich geirrt hat. Der Krieg ist hinter ihnen her, er jagt sie und ihre Familie durch die Stadt, die seit Jahrzehnten ihre Heimat ist.
Die Explosion reißt das Nachbargebäude in zwei Stücke. Haut den vorderen, flachen Teil weg, der zerfetzte Rest des Daches stürzt ein, Margo hört ein grauenvolles Knirschen, als die Eisenträger nachgeben, Erde, Gesteinsbrocken, Möbelreste fliegen 30, 40 Meter weit.
Krachend fährt die Druckwelle in die umliegenden Häuser: Margo Chatschaturian torkelt in der Küche, der Kessel mit dem heißen Spülwasser fliegt ihr aus der Hand und scheppert über den Boden, die Wände zittern und knacken bedrohlich, und weil alle Fenster mit einem Schlag zerplatzen, prasselt ein Splitterregen durchs Haus. Eine Staubwolke hängt in der Luft, gelblich, weißlich.
Sie rennt ins Wohnzimmer, wo der Kinderwagen steht - Sami, ihr Enkel, schreit, blutet an der linken Wange und am linken Arm, wo ihn Splitter getroffen haben. Margo hebt den Säugling aus dem Wagen, drückt das Kind an ihre Brust, redet beruhigend auf Sami ein, während sie seine Arme und Beine betastet, ob etwas gebrochen ist.
Ihre Söhne Edmund und Nicolas stürzen aus dem Garten ins Haus. Sie sehen aus wie Gespenster, ihre Gesichter weiß vom Mörtelstaub, aber sie sind unverletzt. Amu Baba humpelt herein, er saß ebenfalls im Garten, bei seinen Kanarienvögeln, er hustet, aber auch ihm ist nichts passiert. James poltert die Treppe runter, unverletzt sind auch Nora, die Tochter, und die Cousine Dina, sie haben ihre Putzeimer umgestoßen, das Wischwasser bildet eine schlierige Pfütze auf dem Marmorboden. Nur Edmunds Frau, Anahid, hat eine Fleischwunde am Bein. Edmund verbindet die Wimmernde. Margo beruhigt Micky, der wie wahnsinnig kläfft, ein grauer, kleiner Mischlingsrüde. Dann trägt sie den kleinen Sami ins Badezimmer, um die Wunden auszuwaschen.
James lässt sich auf einem Sessel im Wohnzimmer nieder, er zittert, ihm ist schlecht, der Schock. Nach und nach kommen die anderen hinzu, keiner ist ernsthaft verletzt; aber was jetzt?
Sie sehen sich um. Überall Glassplitter, die Wände haben Risse.
"Packt alles ein", sagt James. "Wir fahren zurück nach Amin."
Bagdad, im Gebäude des TV-Senders al-Dschasira, 14.30 Uhr
Die Amerikaner kommen jetzt auch vom Norden her, sie rollen aus allen Himmelsrichtungen in die Hauptstadt des Diktators. Starke Panzerverbände sind gegen 12 Uhr die Raschid-Straße, auf der anderen Seite des Tigris, entlanggerollt, dann sind sie rechts abgebogen auf die Sinak- und die Dschumhurija-Brücke, und die halten sie seitdem. Von den Brücken aus kann man beide Ufer unter Feuer nehmen, seit 14 Uhr haben sie auch ein paar Mal das Gebäude des arabischen TV-Senders al-Dschasira beschossen. Etwa 20 Menschen befinden sich im Haus, die meisten sitzen im Pausenraum, manche in den Büros. Tarik Adschub, der Kameramann, ist auf der Dachterrasse. Es ist staubig hier oben, acht mal acht Schritte, in der Mitte steht eine Art Zelt aus Aluminiumstangen und einer alten Militärplane, am Dachrand sind ein paar Sandsäcke gestapelt. Von hier aus überblickt man das Tigris-Ufer nach Nordwesten und Südosten, außerdem die beiden Brücken. Adschub dreht für einen Drei-Minuten-Bericht: Vormarsch der Amerikaner. Er hat eine Splitterschutzweste angelegt, schwarz und schwer, er hasst das Ding.
Sein Chef und Freund Diar al-Umari, der Leiter des Büros, kommt die schmale Treppe hinauf aufs Dach, er winkt Adschub zu sich.
"Komm jetzt runter", befiehlt er.
"Was ist mit der Kamera?", sagt Adschub, "wir können sie doch nicht hier lassen."
"Komm runter", wiederholt al-Umari gereizt, er schiebt den anderen vor sich her.
Bagdad, Platz der Gerechtigkeit
Für den General Ali al-Mussawi, der seit Kriegsbeginn auf dem Platz der Gerechtigkeit den Zivilschutz des Viertels organisiert, ist dieser 8. April "der Tag der großen Konfusion". Gegen 8 Uhr hat sich der irakische Informationsminister zum letzten Mal per Staatsfunk gemeldet: "Die US-Panzer werden zu den Särgen der GIs." Mussawi weiß, Sahhaf lügt. Trotzdem bewundert er den Minister: "Das waren patriotische Lügen. Sahhaf war noch da, als alle anderen Bonzen schon abgehauen sind."
Gegen Mittag fährt er nach Hause, wechselt die Generalsuniform gegen eine ohne irgendwelche Rangabzeichen und kehrt auf seinen Posten zurück. Auf dem Adli-Platz ist kaum noch Verkehr. Nur wenige Autos und ein paar Fußgänger sind unterwegs. "Das war die Republikanische Garde in Zivil. Darunter waren viele Offiziere, die erkenne ich an den Pistolen." Mussawi versucht, einen der Garde-Offiziere nach der militärischen Lage zu fragen: "Ich gehe jetzt nach Hause, wenn dir das nicht passt, knalle ich dich ab", ist die Antwort.
Der General möchte auch nur noch heim - er bleibt dennoch: "Ich bin Offizier, ich tue meine Pflicht." Befehle bekommt er keine mehr. Gegen 18 Uhr lässt auch Mussawi sich endlich nach Hause fahren. Seine Hoffnung auf eine ehrenhafte Niederlage hat sich nicht erfüllt.
Bagdad, im Stadtteil Sajuna, 15.10 Uhr
Los jetzt. James Chatschaturian drängt zum Aufbruch. Vielleicht kracht gleich noch eine zweite, eine dritte Bombe vom Himmel. Der Krieg verfolgt sie, er hat sie aufgespürt in dieser ruhigen Wohnung, die bisher sicher war. Die Chatschaturians schleppen alles zu ihren Wagen: Decken, Lebensmittel, die Tasche mit den Pässen, den Beutel mit dem Gold. Amu Baba verlangt, dass seine Kanarienvögel mitkommen, er hat neulich erst zwei Vögel hinzugekauft. Also schleppen Edmund und Nicolas die neun Käfige mit insgesamt 17 Vögeln zu dem weißen Nissan-Pick-up. Die jungen Männer zurren mit einer Schnur die Käfige mit den aufgeregt tschilpenden Vögeln auf der Ladefläche fest. Margo trägt das Baby, den kleinen Sami. 9 Menschen und 17 Vögel auf der Flucht vor dem Krieg.
James steuert den Pick-up, er fährt voran, langsam, vorsichtig, Nicolas folgt im blauen Mercedes 200 E, Edmund steuert den weißen Mercedes 190. Von Sajuna aus sind es etwa 20 Minuten zu ihrem Haus im Stadtteil Amin.
Die Straßen in Sajuna sind menschenleer. James will auf den Zubringer zur Stadtautobahn abbiegen, aber das geht nicht.
Fedajin, Kämpfer der Regierungspartei, haben einen Lkw quer gestellt, den Zubringer verbarrikadiert und sich mit Maschinengewehren dahinter verschanzt. Einer der Männer kommt auf sie zu. Margo schreit auf.
Aber der Fedajin winkt sie nur nervös weiter.
Sie fahren geradeaus weiter, ein kleiner Umweg, aber es sind höchstens noch sieben, acht Minuten zu ihrem Haus.
Margo betet stumm: Gott im Himmel, du hast uns vor der Bombe beschützt, beschütze meine Familie auch weiterhin, das Kind, das ich in meinen Armen halte, es hat niemandem etwas getan, wir danken dir für deine Güte.
Da vorn, etwa hundert Meter weiter, müssen sie rechts auf die Baladija-Straße abbiegen, dann noch einmal rechts, dann sind sie da. Margo blickt aus dem Fenster: ein freier Platz, die Erde ist aufgewühlt. Was Margo Chatschaturian übersieht, sind die Köpfe der Fedajin, die sich auf dem freien Feld eingegraben haben. James fährt weiter, auf die Kreuzung zu, als die Amerikaner das Feuer eröffnen.
Es sind Marines, 2. Bataillon des 23. Regiments, sie kommen vor allem aus Las Vegas und Salt Lake City - sie nennen sich "The Sinners and the Saints", Sünder und Heilige, eine Anspielung auf die Spielstadt Las Vegas und die Mormonen-Metropole. Die US-Soldaten halten seit etwa zwei Stunden den Gebäudekomplex an der Kreuzung Maschat- und Baladija-Straße. Ihnen gegenüber verschanzt in Gräben und hinter Sandsäcken liegen die Iraker. Es ist heiß an diesem Nachmittag und totenstill, als die drei Wagen der Chatschaturians langsam auf den Gebäudekomplex zusteuern. James Chatschaturian in dem weißen Pick-up voran, gefolgt von Nicolas und Edmund. Sie fahren etwas mehr als Schritttempo, James will vor dem Gebäude rechts abbiegen.
Doch dann knallen Schüsse.
Die Marines zielen auf die Fahrer.
James Chatschaturian im weißen Pickup wird dreimal getroffen: in die Wange, in die Stirn, in die Brust, er lebt nur noch Minuten.
Sein Sohn Nicolas im blauen Mercedes stirbt auf der Stelle, getroffen in Mund, Hals und Brust. Margo, neben Nicolas auf dem Beifahrersitz, drückt das Baby in den Fußraum, kauert sich darüber. Die drei jungen Frauen auf dem Rücksitz, Nora, Dina, Anahid, die eine Fleischwunde am Bein hat, ducken sich. Ein lautes Krachen direkt neben dem Wagen, Nora spürt heftige Stiche in ihrer linken Schulter, es sind Granatsplitter. Sie tastet zu ihrer Schulter, die ist ganz warm und nass. Kugeln durchsieben eine Tüte mit Lebensmitteln, Nudeln und Milchpulver rieseln auf die Frauen.
Nur Dina ist unverletzt. Sie springt aus dem Wagen. Sie trägt ein weißes T-Shirt, darunter einen Büstenhalter, sie reißt sich das Shirt vom Leib, schwenkt den weißen Stoff über ihrem Kopf und schreit. "No more killing!", schreit sie, so laut sie kann, in die Richtung, aus der die Schüsse kamen, "Peace! Peace! We are civilians!"
Margo drückt die Autotür auf, krabbelt ebenfalls aus dem Wagen, schreit, ihre Stimme überschlägt sich: "We have a baby! We are women! Peaceful people!"
Stille. So plötzlich, wie das Schießen begonnen hat, hört es wieder auf. Margo und Dina stehen neben dem Wagen. Margo stolpert zu dem Pick-up vor, fällt gegen die Heckklappe, auf der Ladefläche die neun Vogelkäfige mit 17 panischen Kanarienvögeln, Margo taumelt zur Fahrerkabine, sieht ihren Mann, Blut läuft aus seinem Mund, aber er lebt noch.
"Die - Jungfrau - Maria ...", sagt James noch, dies sind seine letzten Worte.
Etwa 30 Meter weiter hinten steht der dritte Wagen, der weiße Mercedes. Margos Sohn Edmund lebt. Er ist so tief wie möglich hinter das Lenkrad gerutscht, er weiß nicht, was er machen soll. Er muss jetzt alle retten, aber wie? Vorsichtig gibt er Gas, fährt vor bis neben den Wagen seines toten Bruders, er streckt den Kopf aus dem Wagenfenster, ruft Dina zu, sie sollen sofort bei ihm einsteigen. In diesem Moment setzt das Schießen wieder ein.
18 Schüsse peitschen ins Auto. Acht Kugeln durchschlagen die Windschutzscheibe des weißen Mercedes 200 E, fünf die Motorhaube, zwei das Dach, drei die Holme. Edmund stirbt schnell.
Auf der Ladefläche des Nissan-Pick-up, verteilt auf neun Käfige, flattern 17 Kanarienvögel auf und ab.
Bagdad, al-Dschasira-Zentrale, 16.58 Uhr
Eine Panzergranate rast direkt vor dem Gebäude des Fernsehsenders al-Dschasira in den Fußweg; Sand, Schilf, Schlamm spritzen weithin. Zwei Minuten später kracht eine Bombe in das Nebengebäude, die Detonation zerstört einen der letzten regierungseigenen Stromgeneratoren und erschüttert das Dschasira-Haus. Der Kameramann Tarik Adschub ist im Büro seines Chefs Umari.
"Die Kamera", Adschub springt zur Tür, "ich muss aufs Dach, die Kamera wieder einrichten ..."
Er rennt hinaus.
"Bleib hier", brüllt Umari.
"Bin gleich wieder da", ruft Adschub. Er trägt noch die kugelsichere Weste. Adschub läuft über die Dachterrasse. Die Kamera stand am Rand bei den Sandsäcken, das Stativ ist durch die Explosion umgefallen, Adschub hebt die Kamera aus dem Staub, als ihm ein Granatsplitter durchs Armloch seiner Weste fährt.
Der Splitter reißt ein Loch in Adschubs Brustkorb, etwa so groß wie eine Kinderhand. Adschub wird zurückgeschleudert, mehr als drei Meter weiter, mit dem Rücken gegen eine Zeltstange. Dort bleibt er liegen, versucht zwar noch, sich an der Zeltstange aufzurichten - später werden seine Kollegen die blutigen Handabdrücke auf dem Aluminiumrohr sehen -, doch wahrscheinlich reicht dafür seine Kraft nicht mehr aus. Tarik Adschub, 32, verblutet.
Umari findet seinen Freund und Kollegen etwa um 17.10 Uhr. Gemeinsam mit zwei anderen Männern trägt er den Toten hinunter, sie legen ihn auf den Fußboden im Aufenthaltsraum, fast alle weinen. "Ich habe ihn gebeten, nicht hochzugehen", sagt Umari gepresst, mehr zu sich als zu den anderen. Er denkt daran, was seine Frau seit Kriegsbeginn ständig zu ihm sagt: Wenn wir sterben, dann alle zusammen.
Katar, im Centcom der US-Truppen
Das Oberkommando der US-Truppen, mitten in der Wüste von Katar in einer Containerstadt zu Hause, stellt sich wie jeden Tag der Weltpresse. Für Brigadier General Vincent Brooks wird es heute eine schwere Stunde. Er könnte jetzt an dem dunkelhaarigen kleinen Mann rechts vor ihm vorbeischauen. Aber Brooks ist Soldat. Er geht an die Front: "Bitte, Hassan."
"Hassan Baschidi von al-Dschasira. Heute hat Ihr Flugzeug das Dschasira-Büro in Bagdad getroffen." Zu diesem Zeitpunkt weiß man in Katar noch nicht, dass es wohl ein Granatsplitter und kein Flugzeugangriff war. "Einer unserer Kollegen ist bei dem Angriff getötet worden. Das Büro von Abu-Dhabi-TV ist ebenfalls getroffen worden, ebenso wie das ,Hotel Palestine', in dem viele Journalisten wohnen. Bedeuten diese Angriffe, dass Sie Ihre Angriffe auf Bagdad verstärken und keine Journalisten mehr gebrauchen können, die über das Blutvergießen berichten? Danke."
Vincent Brooks: "Nun, Hassan, wenn ich darf, lassen Sie mich zuerst sagen, dass wir den Tod von Korrespondenten bedauern und auch der Familie Ihres Kollegen unser Beileid ausdrücken, genauso wie den Familien der anderen Journalisten, die ihr Leben in diesem Konflikt verloren. Wir bedauern das zutiefst. Wir sind uns sicher, dass wir nicht auf Journalisten zielen. So etwas tun wir nicht."
Frage: "Heute ist der Tag der Journalis ten. Drei Angriffe, drei getötete Journalisten in wenigen Stunden. Warum befehlen Sie Ihren Kräften nicht, die Gebäude zu verschonen, in denen Journalisten ihrer Arbeit nachgehen?"
Vincent Brooks: "Erstens kennen wir nicht jeden Platz, an dem Journalisten auf dem Schlachtfeld tätig sind. Wir kennen nur die Journalisten, die mit uns agieren. Und wir haben immer gesagt, dass das Gebiet der Kampfhandlungen wirklich ein sehr gefährlicher Ort ist. Es sollte niemanden überraschen, dass der Krieg schließlich nach Bagdad gekommen ist."
Bagdad, Maschat-Straße
Weg hier, die Chatschaturians können hier auf der Straße nicht bleiben, Dina ist die Erste, die das begreift, die erkennt, dass sie auf dieser breiten, menschenleeren Straße völlig ungeschützt sind, hinter sich die irakischen Soldaten, vor sich, ebenfalls unsichtbar, die Amerikaner. Aus den Motorhauben der Autos steigt Rauch. Dina hört das Baby schreien, eigentlich nur noch krächzen. Es riecht nach Benzin und Metall. Dina hat plötzlich Filmszenen vor Augen, in denen die Autos explodieren.
Das Kind. Sie müssen hier weg. Wohin? Wie die Chatschaturians sind an diesem Tag Tausende Bagdader Familien auf der Flucht vor einem Krieg, der sie retten soll vor der Willkür des Diktators, der sie aber der Willkür der Maschinengewehre ausliefert.
Dina schaut sich um. Hinter ihnen, links an der Palestine Road, stehen zweistöckige Häuser, aber bis dort sind es zehn Minuten, mindestens.
Schaffen sie nie.
Also geradeaus und quer über die Kreuzung. Dorthin, wo die Schüsse herkamen, zu jenem Wohnkomplex, in dem sich die Amerikaner verschanzt haben, vielleicht gibt es da ja nicht nur Menschen, die schießen, sondern auch jemanden, der hilft.
Bis zu den Häusern sind es knapp 80 Meter, 50 Meter bis zur Kreuzung, dann nochmals 30 Meter bis zu den Gebäuden. Margos Lippen sind zerbissen. Aber sie trägt das Baby, sie krümmt sich schützend über den kleinen Körper.
Dina stützt Nora, deren linke Schulter ein einziger Fleisch- und Blutbrei ist. Amu Baba hilft der humpelnden Anahid. Vier Frauen, ein Säugling, ein Fußballtrainer: die Überlebenden der Familie Chatschaturian. Zurück bleiben die Toten der Familie: James, Margos Ehemann, und die beiden Söhne.
Das Kind hat aufgehört zu schreien. Kein Laut ist zu hören, kein Mensch zu sehen. Noras Gesicht ist so weiß, dass es leuchtet. Sie verliert das Bewusstsein, als sie mitten auf der Kreuzung sind. Dina kann sie halten und behutsam zu Boden lassen. Nach ein, zwei Minuten kommt Nora wieder zu sich.
Und weiter. Wie in Zeitlupe, so kommt es Dina vor.
Niemand schießt.
In dem Haus, das die Chatschaturians als Erste erreichen, sind an der Vorderfront und im Erdgeschoss kleine Geschäfte, sie sind jetzt leer, die Rollläden und Eisengitter sind heruntergelassen. Die Chatschaturians wanken, ratlos, da sieht Margo einen Mann, der ihnen entgegeneilt. Er ist groß, stark und dick und trägt eine gelbe Ghalabia, ein langes, hemdartiges Gewand.
Der Mann heißt Hassan Nassir Hussein, seine Familie und er leben in einer kleinen Erdgeschosswohnung an der Rückseite des Gebäudes, und Hussein hilft ohne Zögern. Er hebt Nora, die einer Ohnmacht nahe ist, auf wie ein Kind, geleitet die Familie in seine Wohnung. Anahid wird aufs Sofa gelegt, ihr Blut sickert in den rot geblümten Bezug, Nora wird auf eine Matratze gebettet. Hussein rennt los, jemanden mit einem Auto zu suchen.
Allah will, dass man Menschen hilft, die in Not sind.
Hussein kommt schnell zurück, im Schlepptau einen amerikanischen Sanitäter, der hinter dem riesigen Araber aussieht wie ein Schulkind. Der Sanitäter verbindet Anahid, versorgt Noras Schulter mit Kompressen. Hussein ist wieder losgelaufen, nun bringt er den Fahrer eines Krankenwagens. Nora wird ins Ibn-Anafis-Krankenhaus gebracht.
Zwei der drei Wagen der Chatschaturians, die verlassen auf der Kreuzung stehen, werden noch in derselben Nacht geplündert, die Diebe brechen die Radios heraus, finden das Gold, die Papiere, sie schnappen sich sogar die Käfige mit den Kanarienvögeln. Doch an den weißen Mercedes, den Edmund zuletzt fuhr, hat ein Unbekannter einen großen Zettel unter die Scheibenwischer geklemmt, darauf steht, arabisch: Wisset, dass Allah das Plündern und Stehlen verbietet.
Die Plünderer lassen die Finger von diesem Wagen.
Bagdad, im Kindi-Hospital
Die Scheiben des Krankenhauses klirren von nahen Explosionen. Im Kindi, einem der fünf großen Krankenhäuser Bagdads, reduziert der Krieg die Belegschaft immer weiter, täglich kommen weniger Schwestern, weniger Pfleger, weniger Ärzte zum Dienst, der keinerlei Regeln mehr folgt. Im Ärztehaus wohnen jetzt fünf Arztfamilien. Dr. Hamid al-Aradi, der Chefarzt, operiert ohne Pause inmitten des Schlachtfelds, das Bagdad in diesen Stunden ist.
Der Krieg überfällt die Notaufnahme, an diesem Dienstag sind es 142 Verletzte, die hereinkommen, so viele waren es noch nie.
Dr. Mohammed Baschir, der Leiter der Notaufnahme, teilt sie auf wie ein Arzt aus alter Zeit auf dem Schlachtfeld: Er kümmert sich nicht mehr um die Leichtverletzten, er kümmert sich nicht mehr um die zum Tode Verurteilten; er konzentriert sich nur noch auf die Schwerverletzten, die vielleicht noch zu retten sind. Es sind zu viele, viel zu viele, und es sind kaum noch Ärzte da, die Medikamente werden knapp, es fehlt sauberes Wasser, saubere Wäsche, es fehlt an allem.
Falludscha, im Polizeigefängnis
Wieder werden François Calas, der verschleppte Leiter der "Ärzte ohne Grenzen", und sein Mitgefangener aus der Zelle geholt, in einen Bus gesteckt und nach Ramadi gekarrt, diesmal 100 Kilometer westlich von Bagdad.
Am 2. April ist der Franzose, der den Ärzten im Kindi-Hospital mit seiner Hilfsorganisation zur Seite steht, festgenommen worden. Der Vorwurf: Er betreibe Spionage für die Amerikaner, er benutze schließlich ein Satellitentelefon. In den ersten drei Nächten war er im berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib nahe des Flughafens eingesperrt, hörte in seiner dunklen Zelle den anschwellenden Kriegslärm und zählte die Sekunden zwischen Mündungsknall und Einschlag.
Die Intervalle wurden immer kürzer, bis die Wärter ihn, seinen Kollegen Junis und andere Gefangene in einen fensterlosen Transporter stopften und nach Falludscha brachten, 50 Kilometer westlich von Bagdad
Nun also Ramadi. Calas lernt die Verliese des Saddam-Regimes kennen.
Alle Gefangenen haben ihre Kleider und Utensilien zurückerhalten, einer sogar seinen Privat-Revolver. Nur François Calas muss weiter in dem Gefängnispyjama und den Schlappen herumlaufen. Ein Wärter sagt. "Ihr werdet bald frei sein." Ein anderer: "Manche werden bald freikommen." Und alle sollten ihre Decken mitnehmen.
Es ist sehr eng im neuen Gefängnis. Die Gefangenen sind gereizt. Calas denkt: "Was, wenn die Wärter verschwinden und uns zurücklassen?"
Die Vorstellung, irgendwann nach Ende des Krieges gefunden zu werden, verdurstet, mit zerschundenen Fingern vom Kratzen an der Mauer. Unter einem Berg von anderen Körpern. Nicht daran denken. Nicht denken.
KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE,
ASIEM EL DIFRAOUI, FIONA EHLERS, CAROLIN EMCKE, ULLRICH FICHTNER, HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP, CLAUS CHRISTIAN MALZAHN, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK, BARBARA SUPP, ALEXANDER SZANDAR
DER SPIEGEL 36/2003
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