01.09.2003

KINOHör den Regen fallen

Deutschland war noch geteilt, aber neben allerlei Verklemmung gab es schon jede Menge sexuell und ökologisch Aufgeklärte - in jenen achtziger Jahren, deren Klima von drei neuen Filmen beschworen wird. Der wichtigste von ihnen heißt „Liegen lernen“. Von Heike Makatsch
Heike Makatsch, 32, moderierte Mitte der neunziger Jahre die Sendung "Bravo TV" und spielte Hauptrollen in Filmen von Detlev Buck ("Männerpension") und Doris Dörrie ("Nackt"). Sie lebt in London. -------------------------------------------------------------------
Liegen lernen" ist ein Film über die Liebe. Die erste große Liebe, den göttlichen Moment, den wir alle erleben, wenn sich die Seele das erste Mal völlig ungeschützt von einem anderen Menschen berühren lässt.
Der Film erzählt auch von der schwierigen Zeit danach, in der keine Begegnung mehr diese Kraft, Intensität und Reinheit zu haben vermag - und in der man weiß, dass die Vergangenheit nicht wiederholbar ist, aber noch kein Konzept hat von dem, was folgen soll: dem Erwachsensein.
Es ist ein Film über das Erwachsenwerden, diesen schmerzhaften Prozess der Desillusionierung und des Begreifens der Vergänglichkeit. Plötzlich scheint die Zeit nicht mehr zäh wie Kaugummi, sondern sie rast dem Ende zu: Erwachsenwerden als Erkenntnis, dass die Jugend vorbei ist. Schluck.
Und es ist ein Film über meine Generation, über die Menschen, die in den fahlen achtziger Jahren jung waren - und dann auch noch in Deutschland. Seit dem Bestseller "Generation Golf" von Florian Illies wissen wir ja alle, dass sich auch diese Generation definieren lässt, dass es etwas gab, was uns und nur uns ausgemacht hat.
Nun endeckt auch das deutsche Kino diese Zeit: Neben Benjamin Quabecks bereits Anfang Juli angelaufenem Generationenporträt "Verschwende deine Jugend" und Leander Haußmanns neuem Film "Herr Lehmann" (Start: 2. Oktober), der im Kreuzberg des Jahres 1989 spielt, ist "Liegen lernen" der dritte Film, der das Lebensgefühl der achtziger Jahre einzufangen versucht.
"Liegen lernen" gelingt das vielleicht am besten. Beim Anschauen überkam mich fast ein Schock des Zusammengehörigkeitsgefühls, ich fühlte mich ertappt und wiedererkannt. Und ich war gerührt von der Gewissheit, nicht mehr so allein zu sein. Der Film, der auf einem Roman von Frank Goosen beruht, beschreibt präzise, wie wir unsere deutsche Jugend miteinander erlebt haben.
Als Tina (Birgit Minichmayr) ihrem Freund Helmut (Fabian Busch) verkündet, sie sei schwanger, läuft er davon. Warum, weiß er eigentlich nicht. Es ist die Angst vor der Verantwortung, der Endgültigkeit, vor dem letzten Nagel des Sargs, in dem seine Jugend begraben wird. Bevor er sich jetzt, Ende der neunziger Jahre, diesem neuen Lebensabschnitt stellen kann, muss er seiner Jugendliebe noch einmal in die Augen schauen, Abschied nehmen von dem Jungen, der er einmal war.
Rückblende ins Jahr 1982: Helmut lebt in einer westdeutschen Großstadt, besucht die Oberstufe und verliebt sich zum ersten Mal richtig. In Britta (Susanne Bormann), ein Mädchen, das dafür geschaffen scheint, um mit ihm die gerade erwachten übergroßen Gefühle zu durchleben. Sie kommt aus einem "progressiven" Haushalt, samt selbst gebasteltem Tonschild an der Haustür, das die Vornamen der Familienmitglieder in kindlichen Buchstaben aufreiht.
Britta klärt Helmut über den amerikanischen Imperialismus auf und führt ihn in die sexuelle Liebe ein. Sie ist schön, intelligent, selbstbewusst und - manipulativ. Helmut lässt sich ohne Netz und doppelten Boden fallen, nicht ahnend, dass man sich von so viel Liebe vielleicht nie wieder erholt. Dann verschwindet Britta - wie viele von uns - für ein Jahr nach Amerika und kehrt nicht zurück. Jedenfalls nicht in Helmuts Leben.
Helmut verkraftet irgendwie die Trennung, aber in seinem Herzen baut er einen Schrein für Britta.
Er studiert Geschichte, trifft auf Gisela (Fritzi Haberlandt), zieht zu ihr in die WG (Gibt es heute eigentlich noch WGs, oder kenn ich mich nicht mehr aus?) und versucht sich an einer vernünftigen Beziehung. Alles scheint ordentlich. Der Sex lässt nach, und Helmut lernt den "Unterschied zwischen Liebe und Ficken" kennen. Letzteres tut er mit Barbara (Sophie Rois), Mitbewohnerin der WG und exzentrische Schauspielerin. Als Gisela deswegen weinend die Beziehung beendet, ist Helmut, unser Sensibelchen, kalt wie ein Fisch. Die Mauer um ihn herum ist dick, an die Seele kommt keiner mehr ran. Nach Britta ist sowieso alles nur noch ein Kompromiss.
Helmut lebt nun nach dem Motto "Einfach still halten, nichts tun, dann laufen einem die unglaublichsten Frauen über den Weg". Dass 1989 die Mauer fällt, interessiert ihn kaum, doch als er erfährt, dass Britta in Berlin gesichtet wurde, macht er sich auf den Weg in die Stadt des Techno, der Döner und der Aussteiger.
Die Wiederbegegnung mit Britta ist der Anfang des Abschieds von der Zeit, in der jeder noch Träume hatte und dachte, sie würden wahr. Britta ist eiskalt geworden. "Nie wieder ein Bauernhaus betreten", hat sie sich nun geschworen. Kein Buch soll mehr in den Regalen stehen. Weil ihre Eltern sie mit zu viel Dogma zugestopft haben, will sie nun ein sinnentleertes Leben führen.
Trotzdem muss sich Helmut später noch von Brittas Geist befreien. Seine Freundin Tina - endlich eine, die er mag und auch ernst nimmt - stellt ihn vor die Wahl: ganz oder gar nicht.
So weit ist "Liegen lernen" die subjektive Geschichte eines individuellen Lebens- und Liebesverlaufs. Doch die Darstellung des gesellschaftlichen Klimas nimmt den Zuschauer um die Dreißig mit auf eine Zeitreise. Als wohne man dem obligatorischen Ausflug der eigenen zwölften Klasse nach Ost-Berlin noch einmal bei.
Das geteilte Deutschland als Museumsreise: grüne Parkas und gefärbte Windeln um den Hals, selbst aufgenommene Kassetten in eigens dafür vorgesehenen Schatullen - in Kostümen, Ausstattung und Maske rekonstruiert der Film sehr liebevoll und präzise, wie Deutschland vor nicht allzu langer Zeit aussah.
Ich hatte es selbst vergessen, jetzt fiel es mir mit Wucht wieder ein. Über die Grenze in den Osten, linkes Ohr freimachen. U-Bahn fahren durch die stillgelegten Ostbahnhöfe, in denen es zu spuken schien. Nicht wissen, wo man die zwangsumgetauschten 25 Mark ausgeben sollte.
Die Ost-Berliner Kids standen immer an den Grenzübergängen und bekamen von uns den Rest des Geldes (Rücktausch gab's nicht) und manchmal auch eine Jeans geschenkt. Helmut jedoch versäuft das Geld, kauft sich acht Bier auf einmal, eine Mark zweiundzwanzig das Stück. All das mag nebensächlich klingen, ist es aber nicht. Es ist unsere Identität - die Erlebnisse, die Bilder, die uns geprägt haben.
Deutschland war geteilt in Ost und West, und auch in Westdeutschland gab es zwei unvereinbare Spezies von Menschen. Die knochenharten Biedermänner und Verdränger, die die deutsche Vergangenheit so zudeckten, wie sie ihre Klopapierrollen mit selbst gehäkelten Mützchen schmückten. Der deutsche Spießer hatte es noch nicht gelernt, sich mit Ikea zu tarnen. So wächst Helmut auf: mit Blumentapete und zu fest um die Rouladen gewickelten Fäden.
Kein Wunder, dass Britta für ihn wie ein Wesen vom anderen Stern daherkommt. Sexuell befreit, ökologisch verantwortlich, politisch gebildet und geschichtlich bewandert: Das waren die Deutschen, die dafür sorgten, dass ein Bündnis wie die Grünen - damals noch eine fast radikale Alternative zu den etablierten Parteien - Regierungspartei werden konnte. Eine Reaktion auf die Verdrängungsstrategien der Nachkriegszeit.
Genauso hatte ich es damals erlebt, bin in die Wohnungen der Eltern von guten Freunden eingeladen worden und zum Teil fast nach hinten umgekippt. Muff, Spießertum und Engstirnigkeit schlugen einem entgegen. Aber zur gleichen Zeit, beim Nachbarn nebenan, malten engagierte Menschen Banner gegen die Stationierung der Cruise Missiles, weil sie damals noch an eine Veränderung in der Politik durch kräftiges Mitmischen glaubten.
Die neunziger Jahre beschreibt der Film als eine Zeit der Resignation: Man wollte mal viel, und jetzt ist gar nichts mehr wichtig. Helmut schläft teilnahmslos mit Frauen, spult immer den gleichen "Scheiß" ab, ziellos. Alles ist schal, verblasst gegen das, was mal war. Wenn er jetzt nicht aufpasst, wird er so wie sein Vater, der zu Beginn des Films allein im Keller zu einem Oldie der sechziger Jahre tanzte: "Listen to the rhythm of the falling rain ..." Der junge Helmut beobachtete ihn dabei und bekam eine erste Ahnung davon, was es heißt, alt zu werden. Und zu wissen, dass die beste Zeit hinter einem liegt.
Um das zu verhindern, gilt es, sich auf das Abenteuer "Erwachsenwerden" einzulassen. Es gilt, sich von dem Irrglauben zu befreien, dass man von nichts mehr umgehauen werden kann, wenn man die Liebe einmal in Vollendung erlebt zu haben glaubt. Und es gilt zu erkennen, dass es immer wieder Neues zu entdecken gibt.
Wohl nur wenige Menschen, egal ob männlich oder weiblich, werden sich nicht in Fabian Buschs Helmut wiedererkennen. Man identifiziert sich mit seiner anfänglich naiven Liebesfähigkeit ebenso wie mit der Angst vor Bindung, als er Tina davonläuft. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe mich bei "Liegen lernen" oft schief gelacht. Und den Film dennoch ernst genommen. Hendrik Handloegten hat einen Film geschaffen, der sich ganz warm anfühlt. Und nicht mehr aus dem Kopf verschwindet.
Von Makatsch, Heike

DER SPIEGEL 36/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.