Von Dahlkamp, Jürgen und Mascolo, Georg
Zwischen der ersten Ahnung und der letzten Gewissheit lagen für den Schriftsteller Günter Wallraff am vergangenen Dienstag zwei Stunden: Um vier Uhr nachmittags hatte er den Sprecher der Birthler-Behörde, Christian Booß, am Handy erwischt. "Wallraff", meldete er sich. Die Verbindung brach ab.
Bis sechs versuchte es Wallraff alle zehn Minuten: er, seine Frau Barbara, eine Mitarbeiterin. Doch der Teilnehmer war nicht mehr erreichbar. Da wusste Wallraff, dass er seinen wichtigsten Rückhalt im Kampf gegen die Stasi-Vorwürfe verloren hatte. Das Amt.
Nur 24 Stunden später machte die Stasi-Unterlagenbehörde in seinem Fall eine Kehrtwende, die so scharf war, wie es nur Notmanöver sein können: Die bisherige Feststellung, es gebe keine hinreichenden Erkenntnisse auf eine IM-Tätigkeit des prominenten Enthüllungsautors ("Ganz unten"), "kann nicht aufrechterhalten werden", teilte Behördenchefin Marianne Birthler mit. Das habe eine gründliche Überprüfung nun ergeben.
Ein Desaster - für Wallraff, der vor allem mit Hilfe der Behörde jahrelang abstritt, woran kaum noch ein Zweifel bestehen konnte: dass er von 1968 bis 1971, lange bevor er seine Bestseller schrieb, mit der Stasi paktiert haben soll (SPIEGEL 36/2003). Aber es ist auch ein Debakel für Birthlers Haus. Denn die Volte offenbart jahrelanges Versagen im Umgang mit dem politisch hoch brisanten Fall. "Wir haben einen Fehler gemacht", räumt Birthler ein. Und mehr als das: Durch den Versuch, diesen Fehler kleiner aussehen zu lassen, droht der Schaden jetzt noch größer zu werden.
Der ist auch so schon immens: In der Bundesregierung ist von "Schlamperei" die Rede. Einen "unglücklicheren Auftakt" jener Stasi-Debatte, die mit der Freigabe der Spitzeldatei "Rosenholz" jetzt anstehe, könne man sich gar nicht denken.
Der Ex-DDR-Bürgerrechtler und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz attestiert der Behörde sogar schon einen "veritablen Vertrauensverlust". Es sei der "fatale Eindruck" entstanden, die Stasi-Ermittler schonten Westler wie Wallraff und schössen nur gegen Ostdeutsche.
Anstatt aber nun rücksichtslos offen zu legen, warum sich ihr Haus so vergaloppiert hat, ließ die Berliner Behörde erst mal Nebel aufsteigen: Sie nannte Fehler - der anderen. Schon die Stasi habe bei Wallraffs Registriernummer ein R eingetippt, wo ein Schrägstrich hingehört hätte. Und später habe sich auch die CIA einen "Eingabefehler" geleistet, als sie die nach der Wende erbeutete Rosenholz-Datei für eine Computerauswertung eingelesen habe. Dabei habe der Dienst eine Zahl aus Wallraffs Eintrag falsch übernommen.
Das kann alles sein. Aber dass deshalb ihre Beamten wichtige Unterlagen "erst vor einigen Tagen" Wallraff zuordnen konnten, wie Birthler behauptet? Merkwürdigerweise hatten andere deutsche Behörden, die mit dem Fall zu tun hatten, damit überhaupt keine Schwierigkeiten - sie identifizierten Wallraff schon vor Jahren mit denselben Daten als IM "Wagner". Etwa die Bundesanwaltschaft. Oder das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), dessen Leute Wallraffs Rosenholz-Eintrag bereits Anfang der Neunziger bei den Amerikanern abschreiben durften.
Als die Staatsschützer von dieser Dienstreise aus den USA zurückkehrten, machten sie einen Bericht, kurze Sätze, klare Sprache, deutliche Worte, darin der Hinweis: "Das BfV geht von einer sicheren Identifizierung von Günter Wallraff als IM Wagner aus." Auch der Vermerk, dass Wallraff als "A-Quelle" in Rosenholz stehe. A wie "abschöpfen". Und eine Kopie schickten die Geheimen bald weiter - an die Stasi-Unterlagenbehörde. Trotzdem: Die Birthler-Beamten wollen erst vor Tagen erkannt haben, was Wallraff als "Wagner" für die Stasi gemacht haben soll.
Richtig ist: Die Stasi-Nachlassverwalter durften diese Rosenholz-Erkenntnisse zunächst nicht herausgeben, die Lieferanten vom Verfassungsschutz standen bei den Amerikanern im Wort, das Material unter Verschluss zu halten. Doch mit ihrem Geheimwissen hätte die Behörde immerhin taktisch klug operieren können, als 1998 ein erstes belastendes Stasi-Dokument über Wallraff an die Öffentlichkeit drang.
Bereits dieses Papier, 1976 von einem Stasi-Mann über Wallraff verfasst und von der Behörde nach der Wende aus Schnipseln zusammengeklebt, "hätte man als IM-Unterlage interpretieren müssen", meint Birthler heute. Erschrocken über die Indiskretion gab die Behörde stattdessen eine Ehrenerklärung für Wallraff ab.
Mit der hätte es den Aktenhütern nun aber spätestens im Frühjahr mulmig werden müssen. Schon da ordneten sie mehrere Einträge aus der Sira-Datei, dem elektronischen Posteingangsbuch der Stasi, Wallraff zu - jeder Eintrag stand für eine angebliche Lieferung an den Osten.
Wallraff bestreitet nach wie vor, für die Stasi gearbeitet zu haben. Für die Behörde aber hätte mit der Sira-Zuordnung - zumindest nach ihrer sonst geltenden Logik - kein Zweifel mehr bestehen dürfen, ob Wallraff belastet war.
Tatsächlich sahen das auch Experten dort so. Schon damals machte auf den Fluren das böse Wort die Runde, "die Uhr tickt gegen Wallraff". Denn irgendwann würden die Amerikaner Rosenholz freigeben, und dann würde man die alte Linie nie und nimmer halten können.
Aber man hielt sie doch.
Vollends zum Fiasko wurde die Operation Wallraff nämlich im August. Die Rosenholz-Daten waren nach einer weiteren Intervention der Bundesregierung bei den Amerikanern seit sechs Wochen frei. Jetzt wusste die Birthler-Behörde nicht nur Bescheid, sie durfte auch Bescheid wissen. Und egal, ob Wallraff nun tatsächlich von 1968 bis 1971 für die Stasi gearbeitet hat oder ob sich Ost-Berliner Geheimdienstler, wie er vermutet, nur mit erfundenen Karteivermerken wichtig machen wollten: Nach den gängigen Maßstäben der Behörde konnte es endgültig keinen Persilschein mehr geben.
Als in dieser Situation die Zeitungen des Springer-Verlags, dem Wallraff einst mit Enthüllungen über "Bild" zugesetzt hatte, die Sira-Einträge zum Thema machten, kam es dennoch zur nächsten Panne: Ein Sachbearbeiter wiederholte die alte Formel, es gebe keine Hinweise auf Wallraff, die verlässlich und belastend seien. Eine Verwaltung, gesteht Birthler heute ein, tue sich eben manchmal "schwer damit, einmal getroffene Entscheidungen nachträglich zu korrigieren".
Das galt nun auch für die Spitze der Behörde: Zwar war der neue Freischein von der Leitung nicht autorisiert, wurde aber nicht kassiert - ein gravierender Fehler, und immer noch nicht der letzte. Denn Behördensprecher Booß ließ sich in einem Fernsehinterview für den NDR über Sommerloch-Themen zu einem gefährlichen Satz hinreißen. Die Papiere im Fall Wallraff? Das seien doch "olle Kamellen", sagte Booß.
Nur dass die "ollen Kamellen" jetzt ganz anders schmeckten, das sagte er nicht.
JÜRGEN DAHLKAMP, GEORG MASCOLO
DER SPIEGEL 37/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.