Von Matussek, Matthias
Die Moneda strahlt im weißen Frühlingslicht, die Flügeltüren zum Präsidentenpalast, der Machtzentrale Chiles, stehen weit offen, und in den Innenhöfen bummeln Eltern mit ihren Kindern unter Kirschbäumen wie in einem rosafarbenen demokratischen Blütentraum.
Erst auf den zweiten Blick fällt jene Skulptur in der Ecke auf, die zwei verrostete Eisenplatten zeigt, wie Türen, durch die sich die Silhouette eines Mannes zwängt, einen Revolver in der ausgestreckten Hand. Der Putsch vom 11. September 1973, das politische Urverbrechen, meldet sich leise, doch es zwängt sich durch diesen Türspalt ans Licht wie ein Drama aus dem Urgrund des modernen Chile.
Wie feiert man einen Riss, der bis heute durch die Gesellschaft geht? Wie begeht man ein Jubiläum, das allen Biografien Rollen zugewiesen hat: Täter und Opfer und Mitläufer, Sieger und Verlierer?
Mit Polizeiknüppeln und politischen Eiertänzen. Der Bürgermeister des Stadtteils Recoleta lässt den Zentralfriedhof absperren, um Ehrungen an Allendes Grab zu verhindern. Es kommt zu Prügeleien mit Demonstranten. Kurz zuvor sagte der christdemokratische Senatspräsident Andrés Zaldívar seine Teilnahme an einer Moneda-Veranstaltung ab, sollte der Sozialist Salvador Allende dort gewürdigt werden. Koalitionspräsident Ricardo Lagos lenkte ein. Es werde nur ein "allgemeineres" Gedenken geben.
Erneut bricht die Wunde auf, die Chiles verordnete Konsens-Demokratie so gern verheilen ließe. Nun plant jedes politische Lager für sich und gegen die anderen, mit Großveranstaltungen im Stadion und Kolloquien in Unis.
Während all dem sitzt der greise Diktator Augusto Pinochet, 87, vorgeblich dement und damit unantastbar, auf seiner Hazienda und löffelt Diät-Suppe, nur noch ein Phantasma, doch eines, das sich schwer abschütteln lässt - noch immer funktioniert das Land im Wesentlichen nach der von ihm diktierten Verfassung.
Der politische Metabolismus des Landes kann sich nicht entscheiden: auswürgen oder schlucken? So wird beides versucht.
Da gibt es Täter, die sich immer als Sieger fühlen werden, wie Ex-Militär Christian Labbé, Bürgermeister des Stadtteils Providencia, der flaggen ließ, als Pinochet aus dem Londoner Hausarrest zurückkehrte. Ob eine Entschuldigung an die Opfer nicht mittlerweile angebracht wäre? "No", sagt Labbé. Das spanische "no" kann klingen wie ein Pistolenschuss.
Auf der anderen Seite sind da Opfer von gestern, die durchaus zu den Siegern von heute gehören, etwa Osvaldo Puccio, voller Optimismus vom Silberscheitel über die azurne Krawatte bis zum blank gewienerten Schuhwerk. Am nächsten Tag wird er seinen Botschafterposten in Brasília antreten, für das demokratische Chile.
"Wir müssen nach vorn schauen an diesem Jahrestag", sagt Osvaldo Puccio, 50. "Die Linke ist immer in Gefahr, ihre Identität in der Vergangenheit zu suchen." Man kann das praktische Vernunft nennen oder eine große Verdrängungsleistung. Wahrscheinlich ist es beides.
Dabei war Osvaldo Puccio mittendrin. Er zeigt hinauf zu den beiden Eckfenstern, zu Allendes Büro. Jurastudent Osvaldo war unter den 40 Getreuen, die mit Allende ausharrten an jenem 11. September, als die Ultimaten der Putschisten einliefen und die "freundlichen Panzerwagen, die den Palast schützen sollten, plötzlich nicht mehr freundlich waren".
"Allende hielt eine wahrhaft biblische Rede. Er gab mir die Hand und dankte mir. Ich war gerade 20 Jahre alt und unglaublich beeindruckt." Allende, der Freimaurer und Poet, hatte ein dramatisches Temperament, das sich besonders in diesen letzten Stunden zeigte. Als die Militärs gegen 14 Uhr in die bombardierte Moneda eindrangen, war er ihnen zuvorgekommen. Er hatte sich selbst erschossen.
Osvaldo Puccio landete mit Zigtausenden in einem der Lager, wurde gefoltert, mit Scheinerschießungen terrorisiert, bis er dann ins Exil durfte, in die DDR. Als sich Pinochet 1988, nach 15 Jahren Diktatur, schließlich einem Referendum stellte, unterlag er nur knapp. Er blieb Chef des Heeres, während sich die chilenische Gesellschaft vorsichtig zur Demokratie zurücktastete. Sehr vorsichtig.
Konfrontationen mit den Verbrechern blieben weitgehend Privatsache. Auf einer Konferenz traf Puccio, mittlerweile Botschafter in Österreich, einen ehemaligen Peiniger wieder. Er behandelte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit, die ganze Woche über. Schließlich verlor der andere die Nerven. "Ich verstehe, dass du Politiker bist, aber jetzt mal unter uns Machos", sagte er, "hat nicht wenigstens deine Frau dir geraten, mir die Fresse zu polieren?"
Puccio lacht, wie nur ein Sieger lacht. "Ich kann meinen Enkeln von Allende erzählen, während die anderen ihren Pinochet rechtfertigen müssen."
Allerdings ist Allende jenseits der Opferverbände und alten Haudegen eine verblassende Erinnerung. Die Ikone der Linken, der Märtyrer aus einer Zeit, die noch in politische Alternativen aufgeteilt war statt in Marken und Märkte, ist kaum zu finden bei den Straßenmalern und Posterverkäufern auf der Plaza de Armas. Britney Spears, Fußballspieler, die Augen müssen sich lange durchwühlen, bis sie ein Konterfei des bebrillten Träumerpräsidenten entdecken.
Das heißt: Historisch hat auch Allende verloren. Und die Welt insgesamt ist merkantiler, unpoetischer und dümmer geworden. Denn trotz aller Fehler hatte die Unidad Popular, Allendes Volksfront, damals eine demokratische Alternative zur kapitalistischen Räuberei gesucht, bis sie vom politischen Ganoventum jener Jahre gestoppt wurde.
Die Sicht auf den Putsch ist in unzählige Perspektiven zersplittert: Man könnte Leopoldo Núñez, Anwalt am Verfassungsgericht, das in einem alten Patrizierhaus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht ist, zu den Mitläufern zählen. Er war jung, er hatte Angst vor der Radikalrhetorik der Linken, sein Vater war rechts, ein kleiner Angestellter.
Núñez, 47, hofft, dass er zu keiner der Gedenkveranstaltungen eingeladen wird. Er ist Anhänger des 11. September, sagt er, aber nicht des 12., nicht des Terrors, der Morde, der Foltereien, der Todesmärsche. "Die Verfassung funktionierte nicht mehr, die Linke hat die Revolution nach kubanischem Vorbild gepredigt, und die Rechte hat's ihr geglaubt - der Putsch war unvermeidlich."
Für Núñez, den Anwalt, ist Politik eine Rechenaufgabe, und "die Rechten rechnen einfach besser". Doch auch das kapitalistische Turbo-Programm der Pinochet-Jahre hatte durchaus Mängel. "Wir haben keinen echten Markt mehr in Chile", sagt Núñez, "sondern nur noch Monopole." Und es seien dieselben Medienhäuser, dieselben Konzern-Konglomerate der Zeit nach dem Putsch, welche die Wirtschaft bis heute bestimmen.
Das kleine chilenische Wirtschaftswunder der neunziger Jahre ist längst verebbt: Auch wenn Chile im lateinamerikanischen Vergleich noch gut dasteht, sind soziale Themen wie Arbeitslosigkeit, mangelnde Ausbildung und die weiter aufklaffende Spanne zwischen ganz Reich und ganz Arm in den Vordergrund gerückt.
Wohl auch deshalb - man hat eigene Sorgen - interessiert sich außerhalb der Opferverbände kaum jemand für die Wiedergutmachungsvorschläge von Präsident Lagos, die Núñez "linkes Facelifting" nennt: Beschleunigung von Prozessen, Zahlungen an Folteropfer, "nichts, was nicht auch die Vorgänger schon versprochen hätten".
Geschichte arbeitet mit bizarren und tragischen Übermalungen. Chiles 11. September wird wohl auf immer verschwinden hinter dem 11. September vor zwei Jahren, an dem Terroristen im Herzen New Yorks mordeten. Doch womöglich hilft die gleichzeitige Erinnerung an beide Tage, die Demokratie-Rhetorik amerikanischer Präsidenten zu entziffern.
Der terroristische Kältesturz unter Pinochet, der das Land an die 3200 Tote kostete und Zigtausende Folteropfer, wäre ohne die Mithilfe der USA nicht möglich gewesen. "Kein Abschnitt der amerikanischen Geschichte, auf den wir stolz sind", bemerkte US-Außenminister Colin Powell unlängst. Von den direkt Beteiligten, von seinem Amtsvorgänger Henry Kissinger, war Vergleichbares bisher nicht zu hören.
Den Anfang bildete wohl Nixons Wut-Stakkato über Allendes Wahlsieg, das sich CIA-Direktor Helms notierte: "Vielleicht sind die Chancen nur 1:10, aber rettet Chile! ... zehn Millionen Dollar - mehr, wenn nötig ... die besten Leute, die wir haben ... in 48 Stunden will ich einen Aktionsplan."
Es war neben allen wirtschaftlichen Interessen - Allende enteignete US-Firmen - eine Frage des Prestiges. Im globalstrategischen Schachspiel punkteten gerade die Roten in Vietnam, da durfte der chilenische Flügelbauer nicht desertieren.
Belegt sind vor allem die drei Kidnapperkommandos, die während Kissingers Ägide als Chef des "40er Komitees" auf den Weg geschickt wurden, also jenes Ausschusses, der die schmutzigen Geheimdienstoperationen beaufsichtigte. Die Agenten sollten den Allende-treuen General René Schneider entführen und damit den Putsch vorbereiten.
Der Plan misslang, Schneider wurde ermordet, und der erhoffte Effekt blieb aus. Die ökonomische Zersetzungspolitik hatte mehr Erfolg. Drei Jahre nach Allendes Amtsantritt war das Land wirtschaftlich am Ende und politisch zerfallen. Am Tag des Putsches schickten CIA-Mitarbeiter jubelnde Telegramme nach Washington: "Allende liegt in seinem eigenen Blut ... eine ziemliche Sauerei." Und vor der Moneda stapelten sich die Leichen.
Um diese Leichen geht es nach wie vor. Fälle wie jener des amerikanischen Studenten Charles Horman, dessen Frau Joyce bis heute die Hoffnung, Kissinger vor Gericht zu sehen, noch nicht aufgegeben hat. Ihr Mann war ins Stadion verschleppt und dann erschossen worden. Sein Schicksal wurde weltbekannt durch den Hollywood-Film "Missing".
Doch kaum einer spricht von denen, deren Konterfeis derzeit in den Räumen der Splitterpartei Christliche Linke hängen. Kinder von Ermordeten sind hier im Zentrum Santiagos seit dem 18. August im Hungerstreik, um endlich "Gerechtigkeit" zu erkämpfen. Über den Matratzenlagern die Schwarzweißfotos von Vätern, Brüdern, Schwestern, die verschwanden oder zu Tode gefoltert wurden. Alberto Rodríguez war gerade auf die Welt gekommen, als sein Vater umgebracht wurde. "Ich kann es einfach nicht mehr ertragen, dass die Täter frei herumlaufen."
Das Problem der Kinder in den Räumen der Christlichen Linken ist die Opferrolle, von der sie nicht mehr loskommen. Auch diesen Hungerstreik mit seinen vagen Forderungen werden sie verlieren. Es scheint fast so, als wollten sie, in einer merkwürdigen Reinheit der Seelen, auf immer Verlierer bleiben, um nicht aufzugehen in der chilenischen Konsens-Gesellschaft.
Ein Opfer, das sein Opfertum völlig von sich abgespalten hat, so, dass es vorführbar und akademisch wird, ist Pedro Matta. Ein ruhiger Mann, der in einer ruhigen Gegend Santiagos wohnt. Kleiner Bungalow mit getrimmtem Rasen, auf dem ein Cockerspaniel tollt. Das Wohnzimmer hat Platz für eine braune Ledercouch, ein Bücherregal und das große, weiße Holzmodell eines säulenumgebenen Bürgerhauses - das Folterzentrum der Villa Grimaldi.
"In den ersten Tagen wurde bei den Verhören ja noch viel improvisiert", sagt Matta, 54. So zum Beispiel: Man fesselte die Handgelenke der Opfer mit Gitarrensaiten und hängte sie auf, man trieb ihnen Holzspleiße unter die Fingernägel, riss ihnen die Zähne aus, verbrannte sie mit Kerosin-Fackeln, führte den weiblichen Gefangenen Ratten in die Vagina ein.
All das war der Welt bekannt, selbstverständlich auch US-Außenminister Kissinger. In seinen Memoiren - wer schreibt nicht gern seine eigene Geschichte? - gibt er sich besorgt. "Ein beträchtlicher Teil meiner Unterhaltung mit Pinochet war den Menschenrechten gewidmet, die ein ernstes Hindernis zu engeren Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Chile darstellten."
Allerdings gibt es nun auch dieses 1999 aufgetauchte Memorandum desselben Gesprächs. Dort verspricht er Pinochet, er werde bei einem Treffen der Organisation Amerikanischer Staaten "die Menschenrechte in allgemeinen Formulierungen abhaken ... Nach meinem Dafürhalten sind Sie das Opfer aller linken Gruppen der Welt, und Ihre größte Sünde war die, dass Sie eine Regierung stürzten, die im Begriff war, kommunistisch zu werden."
Gegen Kissingers "allgemeine Formulierungen" wiederum Mattas präzise Erinnerungen: "Bei einem herkömmlichen Produktionsprozess werden Teile hinzugefügt, um am Ende ein für die Gesellschaft nützliches Produkt zu bekommen - in der Villa Grimaldi dagegen wurden Teile des Körpers entfernt, um menschlichen Schrott zu produzieren." Die "parrilla" zum Beispiel, ein eisernes Bettgestell, durch das Strom gejagt wurde. Matta greift mit der Pinzette nach einem kleinen Zinn-Mann, legt ihn auf ein Miniaturbett. Er könnte Matta heißen. Ein Gegenstand.
Heute verdient sich Matta seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen. Am 12. September wird er in New York City mit Joyce Horman an einer Konferenz über Chile und die Verfolgung der Täter teilnehmen.
Ein Überlebender, dem zuzuhören sich lohnen wird, besonders wenn am Tag zuvor, dem 11. September, wieder mal ein US-Präsident vom heiligen Auftrag der amerikanischen Nation spricht, Freiheit und Demokratie und humanitäre Werte gegen den Terror zu verteidigen "und die Welt zum Frieden zu führen".
Im Chile von heute sind es dagegen eher die Sonden der Kunst, die den Durchbruch zu neuen Verständigungen schaffen könnten. Ernesto Ottone hat in seiner Kulturfabrik am Ende der Avenida Moneda Lager-Bilder von Guillermo Núñez ausgestellt.
Den Weg dahin hat Ottone blockiert durch Hürden und Stacheldraht - erschwerte Wahrheitsfindung also in einem Land, in dem die großen Medienmonopole über die Grausamkeiten der Pinochet-Ära bis vor kurzem nur selten berichteten.
In nur anderthalb Monaten hat Ottone 18 000 Besucher gehabt. Die meisten von ihnen waren in seinem Alter, Anfang 30 oder jünger, die Generation der Pinochet-Ära, die heute die Mehrheit der Bevölkerung bildet. "Sie wollten Bescheid wissen, und sie wollten reden und alles von der jeweils anderen Seite erfahren."
Das könnte den Beginn bilden für einen wahren Konsens im Chile von heute, der nicht auf Einschüchterungen und Verdrängungen beruht, sondern auf Mut und Neugier auf die Wahrheit.
DER SPIEGEL 37/2003
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