08.09.2003

GLETSCHERHoffen auf Hannibal

Tote Bergsteiger, alte Flugzeuge, Dolche vom Neandertaler - die abtauenden Alpengletscher geben skurrile Fundstücke aus der Vergangenheit frei.
Es war nachmittags, am 4. Januar 1941, als der Wehrmacht-Flieger vom Typ Junkers Ju 52, von starken Fallböen bestürmt, in den Osttiroler Alpen zur Notlandung ansetzte. Hart ging die Maschine auf einem Schneefeld, dem Umbal Kees, nieder. Zehn Mann retteten sich, der Funker (Diagnose: "Austritt von Gehirnmasse") starb. Dann verschwand das Flugzeug im ewigen Eis.
Bis Harald Stadler kam.
Am 15. August, bei warmem Wind und gleißendem Sonnenschein, erschien der Innsbrucker Professor für Vor- und Frühgeschichte mit Schneebrille in 2650 Meter Höhe an der Unglücksstelle. Wrackteile ragten aus der tropfenden Gletscherzunge.
In den folgenden Tagen gelang es der Bergrettung Prägraten, den halbwegs intakten Propeller, Teile der Tragflächen sowie drei Motoren in einem Hubschrauber zu Tal zu bringen. Auch die persönliche Habe der Besatzung lag im Schmelzwasser: Essgeschirr und Zahnbürsten, Haargel, alte Zeitungen, ein Fläschchen mit Pitralon. Es duftete noch nach Rasierwasser.
Der Trümmer-Coup auf dem Dach Europas war kein Zufall. Stadler leitet an der Universität Innsbruck einen neu gegründeten Sonderbereich "Gletscher-Archäologie". Im Hochsommer, wenn es in den Alpen taut, fragt er bei Bergwachten und Skihütten gezielt nach Fundstücken. "Gletscher sind Tresore", sagt er, "der Klimawandel hat sie geöffnet."
Eingeschneite Schmetterlinge und 10 000 Jahre alte Baumstämme gehören bereits zum Archiv des Forschers. Derzeit untersucht er den Fall eines erfrorenen Mannes, der 1854 in Osttirol verunglückte. "Vermutlich ein Wilderer", sagt er, "neben dem Toten lag ein Vorderlader, ein Klappmesser und eine silberne Spindeluhr."
Beflügelt wird die neue Art der Geschichtsforschung durch die rasante globale Erwärmung. Das ewige Eis, "Kryosphäre" genannt, schrumpft. Fünf Prozent der Schweiz bestehen aus Permafrostboden - aber nicht mehr lange. 75 Kubikkilometer Gletscher lasten auf den Alpen. Szenarien gehen davon aus, dass sie bis zum Jahr 2100 nahezu völlig abgetaut sind.
So schwitzt der Berg verblüffende Artefakte aus. Bei Schwarzsee, im Kanton Wallis, entdeckten Paläontologen einen Lagerplatz von Neandertalern, übersät mit Knochendolchen. Am Theodulgletscher bei Zermatt kamen römische Münzen ans Licht. Anfang letzter Woche taute erneut ein Weltkrieg-II-Flugzeug aus dem Eis, diesmal auf deutscher Seite, am Watzmann.
Die Rekordhitze habe eine "dramatische und ungewöhnliche Situation" erzeugt, meint der Schweizer Glaziologe Wilfried Haeberli. Zuweilen sei die Frostgrenze auf fast 5000 Meter gestiegen. Beschleunigt wurde die Schmelze noch durch Staub aus der Sahara, der sich wie roter Ruß auf die Schneefelder legte. Im Mittelalter hieß dieser Staub "Blutregen".
So tropft und rinnt es - und zwar weltweit. Von Patagonien bis zum Tibet-Pla-
teau nimmt das Gebirgseis rapide ab. "Die Gletscher in den Pyrenäen sind schon zu
drei Vierteln verschwunden", erklärt Haeberli, der als Leiter des "World Glacier Monitoring Service" auf vier Kontinenten Gletschermessungen durchführt. Stark betroffen seien auch die großen Permafrostflächen in Sibirien.
Eis-Preziosen kann daher auch das ferne Ausland aufweisen. In den kanadischen Rocky Mountains wurde 1999 ein Indianer mit Umhang und Hut im Schneematsch entdeckt; er war 550 Jahre zuvor gestorben. Und in den Anden stieß ein Suchtrupp auf Fluggäste, die 1947 mit einem Jet der British South American Airways abgestürzt waren. Sie hatten Haut wie Pergamentpapier.
Am höchsten aber ist die Funddichte in den Alpen. Schon vor 50 000 Jahren zogen Urmenschen im Bärenpelz durch dieses Gebirge. Kimbern und Teutonen turnten durch die schroffen Gipfel, gefolgt von deutschen Kreuzrittern und später dem Geheimrat Goethe, der den Brenner in der Postkutsche bezwang.
Schrott und Abfall der Wanderer blieben liegen - und manchmal auch sie selbst. Mindestens zehn Leichen hat die dies-jährige Sommerglut in den Hochgebirgen zwischen Frankreich und Österreich freigelegt. Mal war es ein Eishockeyspieler, der in den Stubaier Alpen umkam, mal ein rustikaler Niemand ohne Personalausweis, dessen Baumwollsocken ihn vage ins 19. Jahrhundert datieren.
Auch Elli M. aus Tübingen gehört zu den Opfern. Am 9. September 1956 war die junge Frau und Mutter einer kleinen Tochter bei Kaprun zur Kraxeltour gestartet. Mitte Juli fand ein Bergführer in 3100 Meter Höhe einen Hut, rote Stofffetzen, ein Steigeisen, dann Schuhe - und schließlich die Knochen der Verunfallten. Tochter Heidi, heute 49, übergab die konservierten Leichenreste der 26-jährigen Mutter der ewigen Ruhe.
Voller Schmerz ist auch die Geschichte von Aloisia Persterer aus Lienz, deren erfrorener Freund vor wenigen Wochen in Osttirol aus dem Schmelzeis lugte. 1949 war der Mann nach einer Wanderung verschwunden. Aloisia blieb mit einem unehelichen Kind zurück. Ausgebüxt, lautete damals der Verdacht. Doch der Mann war in eine Gletscherspalte gestürzt. In seiner Tasche lagen die Verlobungsringe.
Die Archäologen nehmen solche Tragödien zwar zur Kenntnis, aber eigentlich haben sie es lieber etwas älter. Neidisch schauen sie nach Italien, etwa ins Pustertal in Südtirol. Dort lag die 2800 Jahre alte Hose eines kleinwüchsigen Mannes aus der Eisenzeit. Und gleich nebenan, in den Dolomiten, schmolz die Sonne ein Militärcamp der österreichisch-ungarischen Kaiserjäger samt Waffen und Schützengräben aus dem Schnee.
Der Gletscherprofi Stadler nennt Funde wie diesen "einen wesentlichen Aspekt der Neuzeit-Archäologie". Um die Suche in den alpinen Schneefeldern zu effektivieren, bemüht er sich nun um den Einsatz von luftgestütztem Radar: "Wir brauchen Hubschrauber vom Typ ,Black Hawk''."
Mit solch leistungsfähigem Gerät ließen sich vielleicht sogar Spuren der wohl kühnsten Militäraktion der Antike finden: der Alpenüberquerung Hannibals.
Im Jahr 218 vor Christus war der karthagische Feldherr mit 50 000 Soldaten und 37 Kriegselefanten über Spanien nach Frankreich gezogen und über die französischen Alpen gestiegen, um Rom in den Rücken zu fallen. Rammsporne und Pfauenfedern trugen seine Dickhäuter, ihre Stoßzähne waren mit eisernen Klingen verlängert. Die Mehrzahl der Tiere überstand den Gipfelmarsch nicht.
Viele Historiker sind sicher, dass zwischen dem Isère-Tal und dem Kleinen Sankt Bernhard noch Überreste dieser Furcht erregenden Rüsseltiere im Eis liegen. "Wir hoffen auf Hannibal", sagt Stadler, "ein Elefantenknochen wäre die Sensation." MATTHIAS SCHULZ
* An der Absturzstelle am Umbal Kees.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 37/2003
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