08.09.2003

„Jeder Tag ist eine Erzählung“

Christa Wolf über den Alltag in der DDR, ihre Karriere als Schriftstellerin, die Entstehungsgeschichte ihres monumentalen Buches „Ein Tag im Jahr“ und die neue Gelassenheit im Alter
Wolf, 74, lebt in Berlin-Pankow; bekannt wurde sie mit ihrem Buch "Nachdenken über Christa T." (1968). Umstritten war 1990, nach der Wende, ihre Stasi-Erzählung "Was bleibt" - ihre neuen Aufzeichnungen lassen die Jahre 1960 bis 2000 Revue passieren.
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SPIEGEL: Frau Wolf, der letzte Satz Ihres Buches "Ein Tag im Jahr", das diesen Monat erscheinen wird, lautet: "Licht aus."* Von Goethe sind, am Ende seines Lebens, die Worte überliefert: "Mehr Licht!" Warum ein so rabenschwarzes Ende bei Ihnen?
Wolf: Da interpretieren Sie zu viel hinein. Die 41 Jahrestage, die ich in diesem Buch beschreibe, folgen bewusst dem Verlauf eines einzelnen Tages - der Alltag ist das Gerüst. Und die meisten dieser 41 Eintragungen enden eben mit dem Einschlafen, da gibt es manchmal ähnliche Formulierungen, hier heißt es ganz banal am 27. September 2000: "Licht aus."
SPIEGEL: Sie haben 1960 damit begonnen, jeweils an diesem Tag für sich Bilanz zu ziehen, diesen Tag mit all den Verrichtungen, Gedanken, Träumen, Erinnerungen zu protokollieren. Nun ist daraus ein Buch von mehr als 650 Seiten geworden. Sind Sie stolz darauf - oder eher selbst überrascht?
Wolf: Stolz scheidet aus. Das ist bei mir nicht angelegt, nicht für meine Arbeiten. Erstaunt bin ich schon darüber, dass jetzt ein so dickes Buch dabei herausgekommen ist. Ich habe lange gezögert, ob es überhaupt zur Veröffentlichung geeignet ist.
SPIEGEL: Wie kam es zu dieser eigenwilligen Idee, sich Jahr für Jahr am gleichen Tag hinzusetzen und darüber zu schreiben?
Wolf: Das geht auf eine Idee von Maxim Gorki zurück, der 1935 einen Aufruf in der Zeitschrift "Iswestija" veröffentlichte, mit dem er die Schriftsteller der Welt ermunterte, einen "Tag der Welt" zu beschreiben, jeder für sich - und das war eben der 27. September. Einige der Texte, die daraus entstanden sind, kennt man. Ob aber damals eine Anthologie daraus wurde, weiß ich gar nicht. Jahrzehnte später hat die Zeitschrift daran erinnert und den Aufruf für das Jahr 1960 wiederholt.
SPIEGEL: Und da waren Sie dabei?
Wolf: Das hat mir sofort Lust gemacht, also habe ich mich hingesetzt und über diesen Tag geschrieben, den 27. September 1960. Zu einer Weltbewegung ist das offenbar nicht geworden - für mich selbst aber war das fortan eine Pflichtübung. Es entstand eine Mischung zwischen Sucht und Auftrag. Irgendwann kann man dann nicht mehr aufhören. Jetzt mache ich weiter.
SPIEGEL: Sie führen auch sonst Tagebuch. Konkurriert das Projekt damit?
Wolf: Es konkurriert nicht. Das übrige Tagebuch, das ich schon viel länger führe und auch viel ausführlicher, ist intimer. Da schreibe ich je nach Anlass zur Selbstverständigung. Während der 27. September eben ein festes Datum ist. Da geht es mir auch sehr um den Zeithintergrund, um Zufälliges.
SPIEGEL: Aber bei einigen Jahren haben Sie das Datum nicht ganz eingehalten.
Wolf: Das stimmt. Es kommt vor, dass mir am 27. September nicht einfällt, dass es sich um "den" Tag handelt. Manchmal fällt es mir erst am Abend oder am nächsten Morgen ein. Dann wird das nachgetragen. Einmal habe ich diesen Tag erst auf einer anschließenden Bulgarien-Reise beschrieben, im Rückblick. Aber zumeist fange ich doch am 27. September schon mit den Aufzeichnungen an. Das zieht sich dann in die nächsten Tage hinein.
SPIEGEL: Kann man den Verlauf eines Tages überhaupt parallel protokollieren?
Wolf: Man kann einen Tag nicht vollständig beschreiben. Dann müsste man einen zweiten "Ulysses" schreiben. Das wird einem jedes Mal wieder bewusst, wenn man über einen Tag schreiben will.
SPIEGEL: Wo ist für Sie die Grenze der Diskretion? Wo endet das private Tagebuch?
Wolf: Das ist ganz schwer zu formulieren. Bei der Veröffentlichung achtet man natürlich darauf, nicht zu intim zu werden und auch andere Menschen nicht bloßzustellen - da geht das Tagebuch weiter als "Ein Tag im Jahr".
SPIEGEL: Trotzdem kommt viel Alltägliches vor: "Gerd holt die Wäsche ab", oder: "Zu Hause essen wir Reste".
Wolf: Ja. Mich fasziniert der Alltag unglaublich, und ich finde es sehr bedauerlich, dass man ihn fast vollständig vergisst. Wenn ich meine eigenen Aufzeichnungen heute lese, stelle ich fest, dass ich kaum noch etwas wüsste - abgesehen von einigen hervorstechenden Ereignissen. Und auch an die erinnert man sich manchmal falsch. Für mich ein Grund, das alles aufzuschreiben. Im normalen Tagebuch schreibe ich über diese Alltagsdinge kaum.
SPIEGEL: Sie sprechen einmal vom "erzählerischen Potenzial" des Alltags. Was meinen Sie damit?
Wolf: Mir ist aufgefallen, dass ich auch in meinen erzählerischen Texten gern der Struktur eines Tages folge - vom frühen "Juninachmittag" bis hin zu "Störfall" und "Wüstenfahrt": Mit "Juninachmittag" habe ich sogar meinen Ton, meinen Schreibstil gefunden - das ist die Beschreibung eines Alltags in einer Familie, nah an den wirklichen Ereignissen. Im Grunde könnte man aus jedem Tag eine Erzählung machen, die hat dann eine wohlüberlegte Prosastruktur. Bei diesen Aufzeichnungen dagegen durfte ich auch die Pilze falsch würzen, Gerds Hand halten, da spare ich bewusst Banales nicht aus und genieße es. Ich brauche das auch, weil die Alltagsbeobachtung einen schult und immun macht gegen eine berufsspezifische Alltagsblindheit.
SPIEGEL: "Erfinden ist meine Stärke nicht", sagen Sie einmal im Gespräch mit Ihrem Mann Gerd. Muss ein Schriftsteller nicht auch erfinden können?
Wolf: Doch. Mein Roman "Leibhaftig" verwertet Notizen, die ich bei einem Krankenhausaufenthalt in den achtziger Jahren gemacht hatte. In diese Erinnerungen habe ich dann aber vieles Erfundene hineingewoben - Personen, Ereignisse, die Deutung der schweren Krankheit als Hadesfahrt.
SPIEGEL: In diesem wie auch schon in anderen Erzählbüchern von Ihnen wird der kranke Körper zum Kriegsschauplatz gesellschaftlicher Widersprüche. Ist das ein Leitmotiv Ihrer Arbeit oder sogar eine existenzielle Metapher?
Wolf: Zunächst ist es eine reine Erfahrungstatsache - ich war ziemlich oft krank, und auf Konflikte, auch unausgetragene, reagiere ich häufig körperlich, das fängt an mit Schlaflosigkeit bis hin zu schlimmeren Störungen. Geist, Seele, Körper sind doch eine Einheit. Jede Zelle des Körpers reagiert, wenn in der Gesellschaft etwas nicht stimmt. Daraus hat sich bei mir schon so etwas wie ein Leitmotiv entwickelt.
SPIEGEL: Hat sich der von Ihnen häufig geschilderte Konflikt zwischen dem Traum von sozialer Gerechtigkeit und dem, was Sie in den Aufzeichnungen "eiserne Zustände" nennen, oder der Konflikt zwischen schöpferischer Freiheit und staatlicher Zensur - haben sich auch diese prinzipiellen Spannungen bei Ihnen immer wieder körperlich entladen?
Wolf: Das ist keine Frage. Das hat sich bei mir auch körperlich manifestiert. Bei den Auseinandersetzungen um die Ausschlüsse von neun aufsässigen Autoren aus dem DDR-Schriftstellerverband im Jahr 1979 litt ich stark unter Schlafstörungen. Dinge wie das kulturfeindliche Plenum der SED 1965, bei dem praktisch die ganze Defa-Produktion eines Jahres verboten wurde, oder die Biermann-Ausbürgerung 1976 - all das versetzte mich in eine Dauerspannung, auf die ich auch manche körperlichen Attacken zurückführe.
SPIEGEL: Marcel Reich-Ranicki schrieb 1969 über Ihre Heldin Christa T.: Sie sterbe an Leukämie, leide aber an der DDR. Sie haben diese Deutung seinerzeit zurückgewiesen. War sie nicht doch richtig?
Wolf: Die Deutung war falsch, weil viel zu eng. Christa T. leidet an einer bestimmten Zeitströmung, die es in der DDR, aber auch anderswo damals gab: an diesem mechanischen, auf Masse gehenden Anpassungsdenken, an diesem bedenkenlosen Eintauchen in das, was wir heute "Mainstream" nennen. Eine Christa T. hätte in der Bundesrepublik auch gelitten.
SPIEGEL: Dort wurde der Einheitsbrei nicht von einer Einheitspartei diktiert.
Wolf: Natürlich nicht. Dafür wirkten indirekte, verinnerlichte Zwänge auch in Richtung eines anders gearteten Konformismus. Dieses Buch war in der Bundesrepublik ein Bestseller.
SPIEGEL: Christa T., die gegenüber dem Kollektiv subjektive Authentizität beansprucht und dadurch aneckt, nimmt, wie Sie schreiben, die Ungewissheit darüber, "wer sie war", mit ins Grab. Wissen Sie, die Autorin, eigentlich, wer Sie gewesen sein werden, wenn die letzte Stunde naht?
Wolf: Ich schreibe mich immer noch darauf zu. Eines der Motive dafür, dass ich jetzt diese Aufzeichnungen aus 41 Jahren herausbringe, ist die Hoffnung, dass einige Selbsterkenntnis darin enthalten ist, und damit auch für den einen oder anderen der Anlass zur eigenen Selbstbefragung.
SPIEGEL: Sie gehen mehrfach sehr streng mit sich selbst um, etwa wenn Sie Ihre innere Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer, speziell von Autoritäten, kritisieren oder die eigene Verkrampftheit konstatieren. Haben Sie keine Angst, dass Sie dies angreifbar macht und alte Vorwürfe wie den, Sie seien doch eine "Staatsdichterin" gewesen, wiederbelebt?
Wolf: Doch - diese Bedenken hatte ich, deswegen habe ich auch mit der Veröffentlichung gezögert. Aber meine Familie und Freunde haben mir Mut gemacht und zur Veröffentlichung geraten - nach dem Motto: Greifst du in ein Wespennest, so fasse zu und stehe fest. Ich habe ja schon mehrere Wellen solcher Angriffe erlebt und bin inzwischen gelassener.
SPIEGEL: Erfolg macht gelassen. Auch Ihre schwierigen und traurigen Bücher, zuletzt der Roman "Leibhaftig", schaffen es auf die Bestsellerliste. Wie erklären Sie sich das? Sind Sie selbst eine Art Mainstream-Phänomen?
Wolf: Na, unter "Mainstream" verstehe ich doch etwas ganz anderes. Vielleicht spricht die Leser die Direktheit der von mir dargestellten Konflikte an, auch die Ungeschütztheit, mit der ich darüber schreibe, auch eine gewisse Dringlichkeit des Tons. Aber es ist nicht meine Sache, für meine Leser zu sprechen.
SPIEGEL: Fliegt Ihnen dieser eigentümlich dringliche Ton so zu, wenn Sie das
richtige Thema gefunden haben und loslegen?
Wolf: Nein, das ist schwere Arbeit. Bei "Kindheitsmuster" habe ich 54 Anfänge ausprobiert.
SPIEGEL: Gehört zu Ihrem Erfolg vielleicht auch, dass der Leser weiß: Hier werde ich von bestimmten Dingen, etwa harten Sex- und Gewaltszenen, verschont? Wird da eine altbürgerliche Schamhaftigkeit honoriert?
Wolf: Ich glaube nicht, dass mein Leser von den wirklichen Problemen dieser Zeit verschont bleibt. In "Kassandra" und "Medea" gibt es durchaus auch Gewalt und erotische Szenen. Das Wort "Sex" mag ich allerdings überhaupt nicht.
SPIEGEL: Warum nicht?
Wolf: Liebe ist für mich eine Einheit von Gefühl und körperlicher Erotik - das Wort Sex reißt das auseinander. Das gefällt mir nicht - einer meiner altmodischen Züge.
SPIEGEL: Wie erleben Sie den wachsenden Exhibitionismus dieser Tage, die öffentliche Selbstentblößung im Dieter-Bohlen-Stil?
Wolf: Mir ist das fremd. Es geht dabei doch nur noch um Quote, Geld und Ruhm - da muss man ja alle Grenzen niederreißen. Wie weit das noch getrieben wird, werden wir sehen.
SPIEGEL: Sie haben lange von einem "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und bürokratischem Sozialismus geträumt - noch bei der legendären Rede am 4. November 1989. Wenn Sie sehen, wie bei den aktuellen Reformdebatten der deutsche Sozialstaat in Frage gestellt wird - erscheint Ihnen dann nicht manchmal die alte Bundesrepublik als der dritte Weg, den Sie gesucht haben?
Wolf: Das glaube ich nicht. Der "rheinische Kapitalismus" war zum Teil eine Antwort auf die Herausforderung aus dem Osten. Im Hinblick auf diese "alte Bundesrepublik" gibt es übrigens auch eine Westalgie. Und der Sozialabbau, den wir erleben, demontiert ja viele dieser sozialen Errungenschaften unter dem Druck der Globalisierung.
SPIEGEL: Helfen die Rezepte vom alten Karl Marx weiter - etwa die Vergesellschaftung der Produktionsmittel?
Wolf: Nein, das hatten wir ja schon.
SPIEGEL: Was denn dann?
Wolf: Keine Ahnung - aber wir werden uns, fürchte ich, noch wundern, was da noch alles den Bach runtergeht. Wir im Osten haben erlebt, wie unerwartet Veränderungen plötzlich eintreten können.
SPIEGEL: An einer Stelle beschreiben Sie Einkaufspassagen als Labyrinth, das Sie als "Abwärtsspirale" erleben. Dann folgt der Satz: "Die Moderne als das Zeitalter der Hölle ... mein Thema". Kassandra sieht am liebsten schwarz?
Wolf: Unsinn. Die "Hölle" ist ein Thema, weil der "Himmel" literarisch langweilig ist, ein Thema zum Gähnen.
SPIEGEL: Die "Entfremdung", von der in derselben Passage die Rede ist, zeigt sich, folgt man Horkheimer und Adorno, vor allem auch in der so genannten Kulturindustrie, zu der das Fernsehen gehört. Ihre Aufzeichnungen bekennen sich erstaunlich oft zum Fernsehkonsum. Heißt das: Man kann Entfremdung auch ein bisschen genießen?
Wolf: Ich verfüge über genug Gegengift - durch Lesen und Schreiben. Nein, es geht doch meistens nur um spätabendlichen Krimi-Genuss. Ich lese ja auch viele Krimis. Das zeigt einen Hang zu modernen Märchen: hier das Böse und dort das Gute, das am Ende obsiegt. Ich finde TV-Krimis nicht so schlimm wie viele Show-Sendungen.
SPIEGEL: Zum Beispiel die aktuellen Ostalgie-Abende?
Wolf: Dass das so kommen würde, hätte man sich ausrechnen können. Es ist die andere Seite der Medaille: Erst war die DDR reduziert auf Unrechtsstaat, jetzt wird, was man Anfang der neunziger Jahr demontierte, als Kuriositätenkabinett vorgeführt. Die Ostalgie-Welle ist genauso eine oberflächliche Verfälschung der Wirklichkeit wie das Klischee vom Stasi-Staat. Das beweist: Die DDR ist noch kein abgegoltenes Thema.
SPIEGEL: Drei Jahre, von 1959 bis 1962, haben Sie, unter dem Decknamen "Margarete", als IM der Staatssicherheit über Personen und Debatten aus der Literaturszene berichtet. Danach wurden Sie selbst jahrelang von der Stasi observiert, abgehört, bedroht, schikaniert. Ihre Opfer-Akte ist gewaltig. Wie ist es, wenn man sich selbst in den Stasi-Akten wiederbegegnet?
Wolf: Wenn Sie mein Buch "Akteneinsicht" gelesen hätten, wüssten Sie, wie bewusst unergiebig meine Informationen waren - im Gegensatz zu einer verbreiteten Berichterstattung, auch im SPIEGEL. Das Deprimierendste bei der Lektüre unserer Stasi-Akten war die Reduzierung unserer Person auf das Objekt der Observierung. Bedauernswert die Menschen mit Beton in den Adern, die wochenlang im Auto vor meiner Haustür stehen mussten, fähig zur Instrumentalisierung jedes menschlichen Kontakts. Etwas vollkommen Absurdes.
SPIEGEL: Im September 1993 notieren Sie, die IM-Episode werde wohl immer "ein wunder, auch ein dunkler Punkt" in Ihrem Leben bleiben. Verschiedentlich protokollieren Sie depressive Stimmungen mit Schuldgefühlen. Um welche Schuld ging es da genau?
Wolf: Ich neige zu Schuldgefühlen. Aber von einzelnen Fehlentscheidungen abgesehen, habe ich mich, glaube ich, mir gemäß verhalten. Wer keine Fehler macht, werfe den ersten Stein.
SPIEGEL: Nennen Sie uns Ihren größten Fehler?
Wolf: Das werde ich Ihnen nicht sagen.
SPIEGEL: Im Jahr 1990 äußerten Sie Angst vor einer Total-Demontage der DDR, vor allem auch der DDR-Literatur. Heute verfügen Sie über eine schöne 12-bändige Werkausgabe und hohe Startauflagen - haben Sie nur Glück gehabt, oder war die Angst nach der Wende doch übertrieben?
Wolf: Der Befund ist differenziert. Sehen wir von mir einmal ab. Auch von nach wie vor erfolgreichen DDR-Autoren wie Christoph Hein, Volker Braun, Günter de Bruyn. Bei den Salzburger Festspielen habe ich kürzlich vier bedeutende Kolleginnen aus der DDR wieder ins Bewusstsein rufen wollen. Davon ist Inge Müller fast unbekannt, Maxie Wander zurzeit wenig gelesen, Brigitte Reimann gegenwärtig, besonders durch ihre Tagebücher, aber die bedeutende Autorin Irmtraud Morgner ist fast vergessen. Ihre Bücher, die dem Zeitgeist strikt zuwiderlaufen, werden nicht mehr verlegt.
SPIEGEL: Das passiert auch guten westdeutschen Schriftstellern - ist also kein Beweis für DDR-Demontage.
Wolf: Zugegeben.
SPIEGEL: Nicht allein der Phantomschmerz DDR macht Ihnen immer wieder zu schaffen. Im Jahr 1966 erleben Sie entsetzt, nach dem Schuss eines Jägers, den "letzten Satz des Rehs in die Luft" und denken über den ewigen Konflikt zwischen der Sehnsucht nach weicher Menschlichkeit und der unvermeidlichen Härte beim Verfolgen von Zielen nach. Mussten Sie sich für Ihre Autorenkarriere zuweilen deformieren und übertriebene Härte entwickeln?
Wolf: Gegen Deformation habe ich mich, auch durch Schreiben, gewehrt. Vielleicht habe ich auch Glück gehabt - zum Beispiel mit meiner Familie. Was die Sache mit dem Reh betrifft - meine Reaktion darauf war auch Zweifel an meiner früheren, von Brecht hergeleiteten Überzeugung: "Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein". Was bleibt denn, so fragte ich mich, wenn man auf Freundlichkeit in der Gegenwart verzichtet? Man kann Freundlichkeit nicht in die Zukunft verschieben. Was einem der Tag hier und heute zutreibt, dem muss man versuchen, gerecht zu werden, so menschlich wie möglich.
SPIEGEL: Frau Wolf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Die Krise als Chance
Christa Wolfs Aufzeichnungen vom 27. September 1990 über die Reaktion auf ihr Buch "Was bleibt" (Auszüge)
Die Veröffentlichung von "Was bleibt", das nun manche als einen Versuch lesen, mich selber unter die in der DDR "Verfolgten" einzureihen, andere als Beleg für meine "familiäre" Verquickung mit dem Regime der DDR als "Staatsdichterin". Muß man böswillig sein, um dieser Lesart zu verfallen? Oder einfach ahnungslos? Kann man einen Text so mißverstehen? Hätte ich ihn jetzt nicht herausgeben sollen? Ich schwanke zwischen verschiedenen Meinungen, aber eigentlich weiß ich immer noch nicht, was richtig ist - oder richtig gewesen wäre. Merkwürdigerweise bringt die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung betrieben wird, vorher sehr DDR-kritische Leute dazu, sich jetzt gegen die undifferenzierte Verdammung zu wehren. (In der NZZ las ich, daß man Reagans "Reich des Bösen" nun auch in der DDR ausmachen könne!) Neulich sagte mein Kollege Tr. zu mir: Er würde sich jetzt eher auf die Zunge beißen, als ein öffentliches Schuldbekenntnis abzulegen. Soviel ich sehe, hat er keinen Grund zu Schuldbekenntnissen ...
Inzwischen, nach dem Wahlschock am 18. März und dem Beschluß der Volkskammer, kennen wir das Datum, an dem die DDR der Bundesrepublik beitritt: Es ist der 3. Oktober, in wenigen Tagen. Eine neue Verfassung für die DDR ist nun nicht mehr nötig und nicht mehr möglich. Die Arbeitsgruppe hat sich unverdrossen zu einem "Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder" umgebildet und arbeitet an einem Verfassungsentwurf für dieses, wie ich glaube, utopische Gebilde. Auch die Präambel muß umformuliert werden.
So viel Energie wie in diesem Jahr ist in der deutschen Geschichte wohl noch nie an Unmögliches gewendet worden. Verschwendet? Ich weiß doch nicht. Es gibt wohl ein physikalisches Grundgesetz, nach dem Energie nicht verloren gehen kann. Ob dies auch auf seelische Energie zutrifft?
Das frage ich Annette*, sie muß es doch wissen. Sie sagt, hier in diesem Land war sehr viel Energie angestaut, die jetzt explosionsartig ausgebrochen ist. Vieles davon wird verpuffen, meint sie. Wir haben uns doch alle in einem seelischen Ausnahmezustand befunden und kehren jetzt zur Normalität zurück. - Normalität? sage ich. Du meinst: In die Krise. - Mutter, sagt sie, du weißt es doch selbst: Das ist jetzt die Normalität. Muß es auch sein. Wär schlimm, wenn wir die Krise verdrängen würden. - Krise als Chance, sage ich. Kluge Tochter. - Wo sie recht hat, hat sie recht, sagt sie. - Und sonst? frage ich. - Sie sagt: Müde: Die Klinik macht mich fertig. Lange geht das nicht mehr. Ich brauche eine Pause.
Ich merke, wie müde ich selber bin, esse Abendbrot, kann und will kaum noch sprechen. G.** läßt mich in Ruhe, ich gehe ins Bett, nehme kein Buch mehr in die Hand, schlafe sofort ein.
* Christa Wolfs ältere Tochter, Jahrgang 1952.
** Der Ehemann Gerhard Wolf, Jahrgang 1928.
* Christa Wolf: "Ein Tag im Jahr. 1960-2000". Luchterhand Literaturverlag, München; 656 Seiten; 25 Euro. - Das Buch erscheint am 22. September. * Galerie Lafayette in Berlin. * In ihrer Wohnung mit den Redakteuren Volker Hage und Mathias Schreiber.
Von Volker Hage und Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 37/2003
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