08.09.2003

OST-BOOMZu Gast im Party-Staat

In immer neuen TV-Shows und Büchern staunen die Deutschen gemeinsam über ein Land, das für die einen die Heimat war und für die anderen die Zone. Ein Streifzug durch die Kulissen der Ostalgie. Von Alexander Osang
Katarina Witt sitzt mit ein paar Freunden in Pankow und schaut sich auf RTL die erste Folge der "DDR-Show" an, die sie zusammen mit Oliver Geißen moderiert. Die Sendung ist vorige Woche in Köln aufgezeichnet worden, in irgendeinem Studio in der künstlichen Medienwelt Köln-Hürth, tief im Westen. Hier im Nordosten Berlins ist es gemütlicher. Alle haben die Schuhe ausgezogen und schauen auf den Breitwandfernseher, wo Moderator Oliver Geißen gerade eine Ostfrau begrüßt, die am 7. Oktober 1949 geboren wurde. Am Gründungstag der DDR. Wer hätte gedacht, dass man damit noch mal ins Fernsehen kommt.
In Pankow vor dem Fernseher gibt es Soljanka, Buletten, Kartoffelsalat und Gewürzgurken, denn dies ist eine Ostparty. In einer Schale liegen Knusperflocken, Schlager Süßtafel und Russisch Brot. Katarina Witt trägt hier ein dunkelblaues Trikot der DDR-Fußball-Nationalmannschaft, auf dem Bildschirm erscheint sie in Pionierbluse. Sie trägt Zöpfe, einen blauen Rock und ein blaues Pioniertuch. CDU-Politiker Norbert Blüm wird eingeblendet und erklärt, dass er Katarina Witt verehrt hat. Blüm macht eine schwungvolle Handbewegung.
Katarina Witt lacht, auf dem Sofa in Pankow, in der wirklichen Welt. Aber was heißt schon wirklich. Heute Nachmittag hat sie kurz überlegt, ob sie eigentlich in der Volkskammer war.
"Die Zeitungen schreiben so was. Ich glaube das eigentlich nicht. Was musste man denn da machen? Ich hatte doch gar keine Zeit für so was. Ich habe höchstens mal ''ne Rede auf einem Parteitag gehalten", sagt sie.
In diesem Moment ist nicht klar, ob das eine schlimmer war als das andere - oder beides gleich unbedeutend. Die Grenzen verschwimmen. In der Show, auf dem Bildschirm, sieht man den Pionierausweis von
Katarina Witt. Sie hat Mitgliedsbeiträge kassiert, sagt sie. Zehn Pfennig im Monat. Oliver Geißen fragt, ob sie ein Pummel war, weil die Pionierbluse immer noch passt.
Alle lachen.
Dann kommt Werbung.
Katarina Witt holt sich einen Teller Soljanka.
Als es bei RTL weitergeht, tritt Erika Riemann auf, die über acht Jahre im Gefängnis saß, weil sie Stalin eine Schleife in den Bart malte. Fünf Minuten lang traut man sich vor dem Fernseher in Pankow nicht, von der Bulette abzubeißen. Das Grauen fegt über die Showbühne. Das Licht wird abgedunkelt wie bei der Risikofrage. Aber die Kulisse ist immer noch zu bunt. Die alte Dame erzählt, wie sie als 14-jähriges Kind in einem sowjetischen Lager verschwand, das vorher ein Konzentrationslager war. Oliver Geissens Lachgesicht scheint ratlos.
Der kleine Muck erlöst uns alle. Der Schauspieler des beliebten Defa-Märchenfilms ist alt geworden, aber er lacht noch. Katarina Witt sagt auf der Couch, dass sie dem Mann bei der Aufzeichnung der Sendung noch das Pioniertuch umband, aber das haben sie rausgeschnitten. Das ist schade, denn sie hat sonst nicht viel zu tun in der DDR-Show von RTL. Sie soll vor allem da sein, sie ist ein Ostprodukt. Die Grenzen zwischen Ostgast und Ostprodukt sind fließend.
Am Ende der Show tanzt Katarina Witt mit dem Boxer Henry Maske den Lipsi, eine Art ostdeutscher Rock''n''Roll, vorher haben sie den Haps-Flip-Cocktail gemixt, eine Art Party-Drink.
Sechseinhalb Millionen Menschen sehen ihnen dabei zu. 6,5 Millionen Zuschauer. Jeder vierte deutsche Fernsehzuschauer glaubt jetzt, dass sich DDR-Bürger mit Cocktails aus Milch, Eiern, Rotwein und Bier betranken und lustige Tänze aufführten. Sechseinhalb Millionen Deutsche amüsieren sich an diesem Abend über einen Staat, den die Leute im Westen verfluchten und aus dem die Leute im Osten flüchteten. Was ist los mit dieser DDR, dass sie plötzlich so niedlich wird, was ist los mit den Deutschen, dass sie über den Arbeiter-und-Bauernstaat lachen wollen?
Wolfgang Becker hat das alles nicht gewollt. Der Filmregisseur hat "Good Bye, Lenin!" gemacht. Einen Film über einen Ost-Berliner Jungen, dessen Mutter in den Herbsttagen 1989 in ein Koma fällt. Als sie wieder erwacht, spielt ihr der Junge vor, die DDR würde noch leben. Das Drehbuch hat ein junger Kölner geschrieben. Die Idee hatte er schon Anfang der neunziger Jahre. Sagt er. Vor drei Jahren holte er sie aus der Schublade und machte den Film. In diesem Jahr kam er in die Kinos. Über sechs Millionen Menschen haben den Film inzwischen gesehen. Fast so viele wie die DDR-Show.
Wolfgang Becker arbeitet gerade an einer DVD, die beweisen wird, dass er mit diesem "grottenhaften Ostalgiescheiß" nichts zu tun hat. Das hat er schon am Telefon gesagt. Er habe nur ein "Zeitfenster" von einer Stunde, sagte er. Und auch, dass er sich in West-Berlin treffen will. Es klang, als sei West-Berlin bereits ein Glied seiner Beweiskette.
Wolfgang Becker kommt mit viel Schwung in das Kreuzberger Café, aber man sieht ihm eigentlich nicht an, dass er den erfolgreichsten Film des Jahres gedreht hat. Nichts von der Leichtigkeit seiner Bilder kommt mit ihm. Er scheint erst mal nur ein schwerer, ernster Mann zu sein, der ein paar Dinge klarstellen muss. Eine Stunde lang zieht er einen großen Bogen, er wandert durch Zeiten und Kontinente. Er sagt, dass es in amerikanischen Filmen über den Osten immer schneit und regnet und es im westdeutschen Film lange Jahre unmöglich war, private Geschichten aus der Nazi-Zeit zu erzählen. Die Filme wurden immer in den baumlosen Straßen um den Chamissoplatz gedreht, die Farben sollten grau sein, die Stiefel mussten knarzen, sagt er. Und dann sagt er, dass die Defa-Regisseure nach dem Fall der Mauer lieber schnell Scheiß-"Tatorte" für den SFB gedreht hätten, statt sich ihrer Geschichte zuzuwenden. Er erzählt von der Retrowelle in England, wo zum ersten Mal junge Leute in Hemden rumrannten, die gemustert waren wie DDR-Tapeten. Er erwähnt Billy Wilder, und irgendwann erreicht seine Rede den Historikerstreit. Er spricht von Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, "der sich im Übrigen auch nicht sicher war, ob er ins Adenauer-Deutschland zurückkehren sollte".
Thomas Mann.
Wolfgang Becker hat weit ausgeholt, um seinen kleinen traurigkomischen Film zu schützen. Es ist schwer, weil er ahnt, dass auch er von dem Gefühl profitierte, aus dem heraus die Menschen im Moment Ostshows anschauen und machen. Er kann nichts dafür, aber das ändert nichts
Erst als sich das einstündige Zeitfenster geschlossen hat und die Sonne langsam über Kreuzberg untergeht, versickert Beckers Wut, und die Freude über seinen Erfolg kehrt zurück. Becker bestellt sich ein Glas Rioja und redet darüber, wie sie in Ost-Berliner Kneipen am Helmholtzplatz für seinen Film recherchierten. Er hatte doch keine Ahnung vom Osten, sagt er. Er erzählt lustige Geschichten von den schwierigen Dreharbeiten, er redet von den Problemen, ein echt aussehendes Lenin-Denkmal herzustellen.
Becker kriecht zurück ins richtige Leben, in die unschuldige Zeit vor dem DDR-Boom, der alles frisst, was in seine Nähe kommt.
Alle großen deutschen Fernsehsender machen in diesen Wochen nahezu identische DDR-Sendungen. Wo man hinsieht, singen Jens Riewa, Nina Hagen und Achim Menzel das Sandmännchen-Lied, und Kai Pflaume, Karsten Speck und Vicky Herrmann spielen Luftgitarre zu Puhdys-Songs. Oder Menzel spielt Luftgitarre und Pflaume Sandmann. Menschen in NVA-Trainingsanzügen studieren DDR-Toilettenpapier wie Bibelrollen.
Vier Tage vor der RTL-Show sangen Frank Schöbel, Bürger Lars Dietrich, Axel Schulz und Gojko Mitic bei der "Ultimativen Ost-Show" auf Sat.1 zusammen mit dem schunkelnden Studiopublikum die FDJ-Hymne "Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!"
Als sie fertig waren, fragte Moderator Ulrich Meyer: "Das war doch aber keine Stimmungsmusik, oder?"
Die ostdeutschen Stars sahen sich an.
Gute Frage.
"Als wir anfingen, uns mit der Ostshow zu beschäftigen", sagt Günther Jauch, der die Ostshow für RTL produziert, "stellten wir fest, dass Sat.1 schon Wochen vorher die Idee hatte und programmlich schon fast alles festgezurrt hatte. Dann ist RTL mit unseren Plänen schnell an die Öffentlichkeit gegangen, wodurch der Eindruck entstand, sie seien die Ersten gewesen. Daraufhin wollte Sat.1 vor uns auf Sendung gehen. Und dann kam noch der MDR. Und ganz zum Schluss auch das ZDF. Da war der Kessel Buntes voll", sagt Jauch und lächelt.
Er sitzt am langen Esstisch in seinem Haus in Potsdam. Draußen liegt der Heilige See im Spätsommer, auf der anderen Seite sieht man das Marmorpalais. Es ist unwirklich schön.
Jauch hat ein paar Blätter, die lose mit einem Konzept beschrieben sind. Er nuschelt ein paar Namen von Gästen, Gysi, Genscher, der kleine Muck und "die Frau Riemann", aber dann legt er den Zettel weg. Vielleicht spürt er, dass das nichts bringt. Also erzählt der 47-Jährige seine Ostbiografie.
Am 10. November, als die Mauer gefallen war, flog er mit seiner Frau sofort von München nach Berlin. "Der politische Vorgang hat unser ganzes Leben beeinflusst. Wir haben zwei sibirische Kinder adoptiert. Ich bin einmal bei so einer Preisverleihung auf Michail Gorbatschow gestoßen. Da hatte ich die beiden Pässe von den Kindern dabei. Ich hab ihm versucht zu erklären, dass er im Grunde ein Stück mit dafür verantwortlich ist, dass sich unser Leben so verändert hat. Ich bin deshalb heute noch dankbar, wenn ich mir unser Münchner Leben daneben vorstelle."
Günther Jauch ging mit seiner Frau am Heiligabend 1989 durch Potsdam spazieren und verliebte sich in die Stadt, wahrscheinlich, weil sie aussah wie das Gegenteil von München, wo er damals lebte. Alt, aber unfertig, voller Geschichte und Zukunft. Sie beschlossen, hier ein Haus zu suchen. Er kaufte 1995 ein Grundstück, durfte aber erst mal nicht bauen, kaufte noch eins und zog vor fünf Jahren schließlich hierher. Jauch hat sich Mühe gegeben, dazuzugehören. Er hat viel Geld für Baudenkmäler gespendet, er hat seine Kinder auf eine Potsdamer Schule geschickt. Und wenn er essen geht, dann "zu 70 bis 80 Prozent" in Potsdam. Selbst Obst und Hosen kaufen sie jetzt hier. "Good Bye, Lenin!" hat er im Potsdamer Thalia gesehen.
Seine Frau sagt, sie sitze lieber mit den ostdeutschen Nachbarn auf der Hollywoodschaukel als mit denen aus dem Westen, die alle ähnliche Biografien haben.
"Ich hatte nie ein richtiges Gefühl von Heimat. Das erste Mal in meinem Leben habe ich das hier in Potsdam", sagt Jauch.
Er wuchs in West-Berlin auf. Er hörte den Berliner Rundfunk, sagt er. Er kann das Geräusch eines Trabants nachmachen.
"Ich war schon 1973 bei den Weltjugendfestspielen in Ost-Berlin dabei", sagt Jauch. Es klingt wie eine Rechtfertigung.
Günther Jauch ist bestimmt der Westproduzent, der dem Osten am nähesten kam. Aber weil das immer noch nicht reicht, geht er in die Küche und holt das Mitropa-Geschirr aus dem Schrank. Er hat es vor ein paar Jahren mal gekauft, weil er es lustig fand, und nun nutzen sie es als Festtagsgeschirr. Damals war es noch kein Trend, sagt Jauch. Er bringt eine Tasse und einen Teller und stellt sie auf den Tisch.
Man könnte jetzt an die stinkenden Mitropa-Abteile der DDR-Züge denken, an gelangweilte Kellner, an die verlorenen Gestalten im Bahnhofsrestaurant des Leipziger Hauptbahnhofs, an blasse Bockwürste und krümeligen Kaffee. Aber daran denkt Jauch sicher nicht. Ein glattes, gerades Leben hat ihn hierher nach Potsdam geführt.
So ein Leben hätten viele gern.
Bei der Aufzeichnung der MDR-Show "Ein Kessel DDR" wurde die Schwimmolympiasiegerin Kornelia Ender vorsichtig nach ihrer Vergangenheit gefragt, sie wurde gefragt, warum die Schwimmerinnen aus dem Osten so eine tiefe Stimme und so ein breites Kreuz hatten. Die Stimmen wurden tief, weil sie so lange im Wasser waren, sagte Kornelia Ender. Und das Kreuz sah nur in den Sportbadeanzügen so breit aus. Die Zuschauer guckten, als hielten sie das für eine akzeptable Begründung, und die Moderatoren fragten nicht nach.
Klaus-Dieter Kimmel, der Koproduzent der Sendung, will das anschließend rausschneiden lassen, die Aufzeichnung war sowieso zu lang. Er macht kein großes Gewese, weil es wahrscheinlich gar keinem aufgefallen wäre. Der MDR muss keine Rücksichten aufs Westpublikum nehmen, und Kornelia Ender ist einer der größten DDR-Stars.
"Wir haben den Vorteil, dass wir mit unserer Show an die Erfahrungen der Leute anknüpfen können", sagt Kimmel. "Das Problem ist doch: Entweder du verarschst den Osten und unterhältst den Westen, oder du unterhältst den Osten und der Westen begreift es nicht."
Kimmel weiß, was er da sagt. Er war zu DDR-Zeiten Sportredakteur bei der "Jungen Welt". Nach der Wende holte ihn die "Bild"-Zeitung, um die Ostausgabe zu redigieren. Kimmel hat ihnen gleich gestanden, dass er bei der Staatssicherheit war, sagt er. Sie haben ihn trotzdem genommen. Sie brauchten dringend jemanden, der den Osten versteht, die große "Bild" konnte dort schwer Fuß fassen.
"Die haben in ihrer Dresdner Ausgabe mit der Schlagzeile aufgemacht ,Elke Kast Krebs''. Das lag natürlich rum wie schales Bier. Dit interessiert in Dresden keine Sau. Genauso wenig wie die Plakatkampagne: Amerika, wir danken Euch!, die die damals gemacht haben. Dit funktioniert nicht im Osten."
Kimmel übernahm die Ost-"Bild" bei einer Auflage von 550 000 Exemplaren, als er ging, war sie bei täglich 750 000. Kimmel wurde stellvertretender Chefredakteur der Gesamt-"Bild", aber dann schrieb irgendjemand, er sei bei der Stasi gewesen. Die "Bild" ließ ihn fallen. Die Auflage sank wieder. Springer holte Kimmel noch einmal zurück. Die Auflage ging wieder nach oben. Aber Kimmel hatte keine Strafe, die er absitzen konnte. Er wurde seine Vergangenheit nicht los. Er musste wieder gehen. Kimmel ist 57 und arbeitet jetzt in einer kleinen Beratungsfirma. Dort rief ihn in diesem Frühjahr Hans-Hermann Tiedje an, der früher mal Chefredakteur bei "Bild" war und später Berater von Helmut Kohl sowie Thomas Gottschalk. Inzwischen leitet Tiedje die Firma WMP Eurocom. Das steht für Wirtschaft, Medien, Politik, also für vieles, wenn nicht alles. Tiedje wollte für den MDR eine Ostshow produzieren. Er ist nicht der Typ, der vorgibt, den Osten zu verstehen. Er holte sich Leute für den Job.
Kimmel sagte zu. Es gab schon wieder die ersten Beschwerden wegen seiner Vergangenheit, sagt er. Aber was sollen sie machen? Kimmel ist der beste Mann für diese Arbeit. Er hat keine Skrupel mehr, er kennt sein Volk, und er ist fleißig.
Kimmel hat kurze Zeit überlegt, Sebastian Krumbiegel von der Leipziger Popgruppe "Die Prinzen" als Moderator für seine Show zu verpflichten. Krumbiegel konnte nicht, weil er exklusiv bei RTL verpflichtet war. Aber er hat darüber nachgedacht. Krumbiegel sitzt in seiner Leipziger Wohnung und weiß nicht genau, ob diese Nostalgieshows überhaupt gut sind. "Einerseits ist das Thema wichtig, andererseits könnte schnell der Eindruck entstehen, wir erinnern uns nur an das Gute, so als würde man sagen, Hitler hat immerhin die Autobahn gebaut."
Koproduzent Kimmel hat Dirk Michaelis bekommen. Er ist der einzige Sänger, der sein Lied in zwei der konkurrierenden Shows singen darf. Es heißt "Als ich fortging" und ist einer der größten Hits des Ostens. Beim MDR nannten sie es "die Wendehymne", bei Sat.1 "das schönste Liebeslied der DDR". "Das Lied steht für sich", sagt Michaelis. "Sie wollten, dass ich ihnen unterschreibe, nicht in ähnlich gearteten Shows aufzutreten, aber die einzige Chance, die ich im Fernsehen habe, sind diese Art von Shows."
Sein Kollege André Herzberg ist noch zu keiner der Ostshows eingeladen worden. Dabei hatte auch er eine Wendehymne. Seine hieß "Langeweile", und er hat sie für Pankow geschrieben, eine Berliner Rockband. "Dasselbe Land zu lange gesehen, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt", hieß es da. Und das war ziemlich eindeutig am Ende der achtziger Jahre in der DDR.
Ein RTL-Redakteur hat André Herzberg angerufen, um zu fragen, ob der 1. Bezirkssekretär der SED aus Suhl damals wirklich das Verbot der Platte gefordert hat. Und dann hat ein ehemaliger Manager angefragt, ob Herzberg bereit wäre, drei Songs zur Eröffnung eines Autohauses in Parchim zu spielen. Sicher sei das aber nicht.
Herzberg hat sich nach der Wende von seiner Band getrennt, er ist nach Amerika gegangen, aber ziemlich schnell wiedergekommen. Er hat zwei Soloplatten gemacht. Auf einer gibt es die Zeile: "Ein Volk dreht sich auf den Hacken und hat von alldem nichts gewusst." Auf einer anderen den Satz: "Ich sterbe heut'' für dich, und du merkst es nicht." Sie haben sich leider nicht so richtig gut verkauft. Pankow hat sich noch einmal wiedervereinigt, eine Platte gemacht, ein paar Konzerte und sich dann wieder getrennt. Er hätte sicher einiges zu erzählen, aber er ist kein guter Studiogast. Er geht allen immer nur auf die Nerven.
"Die Deutschen wollen immer nur ihre Ruhe haben. Die wollen ihre Diktaturen hinter sich lassen", sagt Herzberg. Er hat jetzt nur noch selten Auftritte. Seit diesem Jahr bekommt der 47-Jährige Sozialhilfe.
Er hat ein Buch geschrieben, in dem er sein Leben beschreibt. Das Verhältnis zu seiner Mutter, die als jüdische Kommunistin in der DDR zerrieben wurde, seine gescheiterten Beziehungen, seine Ohnmacht. Es ist ein wildes, rohes Buch. Er hat das Manuskript an 20 Verlage geschickt. Die meisten haben nicht mal geantwortet.
In einem großen Verlag erinnert sich ein Lektor dunkel an Herzbergs Manuskript. Er habe es angelesen, sagt er, und dann schnell weggelegt. Es sei nichts für den Verlag.
Warum nicht?
"Es war, es war, wie soll ich sagen, zu sehr DDR", sagt er.
Vielleicht ist Herzberg zu alt, vielleicht hat sein Leben zu viele Brüche, vielleicht ist der Blick auf die DDR, der sich zurzeit am besten verkauft, der Blick eines Kindes.
Wenn man die Ostler in den Fernsehshows miteinander reden hört, erinnern sie an Kinder, die sich ihre schönsten Ferienerlebnisse erzählen. Sie schnattern, sie werden immer schneller, als hätten sie Angst, dass gleich jemand das Licht ausmacht. Jana Hensel hat so ein Kinderbuch geschrieben. Es heißt "Zonenkinder" und erzählt vom Erwachsenwerden in der Wendezeit. Der Blick zurück in die DDR erscheint mild.
Alexander Fest hat es schnell zum Rowohlt Verlag geholt, dessen Leitung er gerade übernommen hatte.
"Ich konnte über den Gehalt wenig sagen, aber der ästhetische Ansatz gefiel mir sehr", sagt Fest. "Erinnerung ist ein großes Thema, ein literarisches Thema. Eine Gesellschaft, die sich so beschleunigt, hat mit der Wahrnehmung von Zeit und Wissen Schwierigkeiten. Was die Eltern ihren Kindern übers Leben erzählen können, ist wertlos geworden. Das wird in DDR-Biografien noch einmal potenziert."
Es scheint ein weiter Weg von diesen Sätzen bis zu den ratternden Wäscheschleudern und lustigen Trockenhauben der Ostshows zu sein, aber das kann täuschen. In Jana Hensels Buch gibt es Abbildungen von DDR-Turnschuhen, Milchkübeln, Kücheneinrichtungen und Auszüge aus lustigen Klassenaufsätzen.
"Zonenkinder" gelangte kurz nachdem es erschien, in die Bestellerlisten und hat sie seitdem nicht mehr verlassen. Hensel hat bisher 170 000 Bücher verkauft und ist zum Argument der Fernsehmacher für die Sehnsucht nach Osterinnerung geworden wie Beckers "Good Bye, Lenin!". Sie ist in den Strudel geraten, und sie hat ihn mit erzeugt. So genau kann man das nicht trennen.
Jana Hensel will kein Beleg sein für etwas, sie gibt eigentlich keine Interviews mehr, sagt sie. Und sie liest nur noch im Ausland. Die Perspektive ihres Buches wurde ihr vor allem im Osten als Kalkül vorgeworfen.
Manche störte das "Wir", anderen fehlte der Unrechtsstaat, sagt sie.
"Ich war ein Kind, als die Mauer fiel, ich habe nicht politisch empfunden damals", sagt Hensel. "Ich hätte es ganz falsch gefunden, dem die Perspektive einer 25-Jährigen überzustülpen."
Der S. Fischer Verlag hat in diesem Jahr mit einem Buch einer anderen jungen Autorin reagiert, die im Osten aufwuchs. Claudia Ruschs Band "Meine freie deutsche Jugend" wirkt ein wenig, als wolle es den Kritikern von Jana Hensel gefallen, ohne die Fans zu verstoßen. Claudia Rusch rechnet in ihren Erinnerungen hier und da mit der Enge und Piefigkeit der DDR ab, bleibt aber in ihrem Ton leicht und anekdotisch.
"Für mich war es notwendig, das Thema zu behandeln, ich wollte es ja nicht besetzen", sagt Hensel. "Was mich stört, ist, dass so getan wird, als sei nun endlich der erste Opfertext da. Ich fand, dass es bis zu meinem Buch überwiegend Opfertexte gab."
Ähnlich wie Jana Hensel möchte auch Claudia Rusch nicht mit der Ostalgie in Verbindung gebracht werden, aber womöglich ahnt sie, dass sie von ihr profitiert.
"Als ich den Anfang von ,Good Bye, Lenin!'' sah, dachte ich zuerst: Oh, Scheiße, das ist ja wie mein Buch! War es ja dann doch nicht. Aber nach dem Film dachte ich: Oh, Scheiße, jetzt denken alle, ich will mich da irgendwie ranhängen."
Womöglich sind sich die beiden Autorinnen ähnlicher als sie denken. Beide waren eine Zeit lang im Ausland, Hensel in Frankreich, Rusch in Italien, beide denken darüber nach, einmal in den Westteil der Stadt zu ziehen, um auch mal andere Erfahrungen zu machen. Solange sitzen sie in verschieden Winkeln Ost-Berlins, betonen, nichts miteinander zu tun zu haben, und beobachten gegenseitig ihren Vormarsch auf der Bestsellerliste.
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die Hensel verlegt hätte", sagt Matthias Oehme, der die kleinen Berliner Verlage Eugenspiegel und Das Neue Berlin leitet. Er hat da keinen Instinkt. Er sagt, er hat eine Stammtischwette verloren, weil er behauptete "Good Bye, Lenin!" würde nie ein Erfolg.
"Der Film ist doch doof. Der stimmt doch hinten und vorne nicht, aber dann hab'' ich die Tränen der Leute gesehen und wusste: Ich bin der Blöde. Die Westler glauben jetzt: So war es. So war es natürlich nicht. Aber das ist ja egal."
Oehme veröffentlicht jedes Jahr etwa hundert Titel. Eine Linie kann man nicht erkennen. Manche gehen, manche nicht. Am besten geht im Moment alles, auf dem DDR steht. Mit dem "dicken DDR-Buch" hat es Oehme sogar in die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. Warum, weiß er wieder nicht.
Er knallt das Buch auf den Tisch.
"Also, da steht doch nur knochentrockenes Zeug drin. Lauter Tabellen, dann und dann war das Plenum, dann und dann kam ein Defa-Film raus. Dann gibt''s noch ein paar Zeichnungen und hintendrin ein Quiz. Keine Ahnung, warum die Leute das kaufen."
Er hat Anfang des Jahres ein Buch herausgegeben, in dem Kuriositäten und Rekorde aus dem Osten Deutschlands aufgelistet waren. Für die zweite Auflage wollten die Vertreter unbedingt, dass das Wort DDR auf dem Titel steht. Oehme hat es raufdrucken lassen. Schön dick. Was soll er machen? Den neuen Katalog, auf dem eine Siebziger-Jahre-DDR-Wohnzimmereinrichtung abgebildet ist, findet er todhässlich. Aber die jungen Leute von der Werbeagentur haben ihm gesagt, dass es hip ist. Was weiß er denn, er muss leben.
Es ist wirklich schwer zu erklären, wo all das herkommt. Es sind 13 Jahre vergangen. Die Zeiten sind schlecht. Wir sind alle ein bisschen älter geworden. Auch die Puhdys fallen bald um. Die Ostler denken an früher, als sie noch jung und verliebt waren, und freuen sich, dass sie nicht mehr 13 Jahre lang auf ein Auto warten müssen. Und die Westler? Schwer zu sagen. Vielleicht freuen sie sich, dass sie für einen Samstagabend lang ihre graue Gegenwelt wieder zurückhaben. Sie leben ganz allein im richtigen Teil der Welt und können für einen Moment vergessen, dass die moderneren Tankstellen inzwischen bei den undankbaren Ostverwandten stehen. Für eine Show lang steht die Mauer wieder, auch wenn alle das Gegenteil behaupten. Man muss nur genau hinsehen.
"Bulette".
"Letscho".
"Axels Kulturbeutel".
"Meyer in Ostklamotte".
Das steht auf den Pappen, die den Sat.1-Moderator und Ex-Boxer Axel Schulz, den Ostler, kurz vor der Sendung an die wichtigsten Programmpunkte erinnern sollen. Man könnte annehmen, dass man nicht mehr als diese vier Punkte braucht, um die Ostalgiewelle zu beschreiben, die zurzeit durchs Fernsehen schwappt.
Schulz guckt auf die Pappen, isst eine Banane, dann sagt er: "Wenn it schief geht, schieb ick''s uff''s Boxen."
Zwei Zimmer weiter sitzt Ulrich Meyer, der Westler und Schulz'' Partner in der "ultimativen Ostalgieshow", und redet mit ernsthaften Gesicht von der großen geschichtlichen Chance, die im Moment besteht, jetzt, da sich Ost- und Westdeutsche zuhören. Jetzt, da es ein Interesse am Alltagsleben der ehemaligen DDR gebe. Meyer spricht auch später in der Show weiter von der "ehemaligen" DDR, so ernst, dass man fürchten muss, es gibt auch eine jetzige.
Einen Wiedergänger. Ein Gespenst. Aber wahrscheinlich haben wir nur Angst vor uns selbst.
Die Sache hat sich einfach verselbständigt, die Sender haben sich gejagt und überboten, gehetzt und überholt. Niemand wollte zu spät kommen, wozu auch immer. Der Kapitalismus vermarktet den Sozialismus, der dabei seinen Schrecken verliert. Alles was dem Fernsehen zur DDR einfällt sind Sportler und Unterhaltungskünstler.
Der Klassenfeind ist in die Unterhaltung gerutscht. Dort werden die Lebensläufe gebügelt. Als Eva-Maria Hagen, 68, in der MDR-Show "Ein Kessel DDR" über ihre frühen Hoffnungen sprach, die sie mit der DDR und Stalin verband, wurde ihr das rausgeschnitten. Der Unterhaltungschef sagt, man wollte ihr das nicht antun.
Es fällt einem kaum noch ein Ostprominenter ein, der nicht auf die Showbühne passt. Krenz wäre einer. Egon Krenz sitzt immer noch im Gefängnis, was sonderbar erscheint, wenn man nun sieht, wie das Land, das er regierte, zur Posse wird. Wenn man es genau nimmt, ist Krenz dafür verantwortlich, dass sich Leute Motorsägen aus Kaffeemaschinen zusammenbauten.
Sehen Sie die Sendungen?
"Soweit man das im Knast kann", sagt Krenz.
Und wie finden Sie das alles?
"Ach, meine Meinung ist doch unerheblich. Ich bin ein politischer Gefangener der Bundesrepublik Deutschland", sagt Krenz.
Und dann: "Aber Sie kommen doch auch aus der DDR, oder?"
Er lauscht. Er wartet. Er lauert. Krenz appelliert an Loyalität, Parteilichkeit. Wir gegen sie. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Für einen Moment, diesen kurzen Moment, bevor Krenz wieder ins Dunkel abtritt, spürt man einen Hauch der wirklichen DDR.
Krenz verschwindet wieder im Gefängnis; seine DDR ist in London angekommen. "Good Bye, Lenin!" ist in den britischen Kino-Charts. In Italien ist der Film ebenfalls ein Riesenerfolg, bald soll er in 63 Ländern laufen. Und in Deutschland müssen sie erst mal weitermachen. Sie können die DDR noch nicht untergehen lassen. Die Quoten sind zu gut. Wenn die zweite Folge der "DDR-Show" bei RTL in dieser Woche wieder so gute Quoten hat wie die erste Folge, dann werden wohl auch Sat.1 und der MDR mit ihren Ostshows weitermachen. Sie belauern sich alle gegenseitig, um nicht zu früh aufzuhören. Es ist fast so wie in "Good Bye, Lenin!": Die Show geht weiter, weil man die Wirklichkeit keinem verkaufen kann. Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist nicht das des Kommunismus.
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Auferstanden aus Ruinen
"Sind Unterhaltungssendungen, wie so genannte Ostalgie-Shows, dazu geeignet, an das Leben in der DDR zu erinnern?"
* Mit Schauspieler Florian Lukas.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 37/2003
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