DER SPIEGEL



BAYERN

Maget rennt

Von Neumann, Conny

Bei der Landtagswahl könnte die SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte einfahren - der Kandidat kämpft wacker, aber die Parteispitze hat ihn aufgegeben.

Beim jährlichen Volksfest "Gillamoos" im niederbayerischen Städtchen Abensberg werden traditionell auch Skurrilitäten angeboten - etwa Dinge aus den Sechzigern wie Kleiderbügel mit angeschweißten Brüsten. Und montags tritt die Polit-Prominenz auf, gleichzeitig. Das größte Zelt bekommt immer die CSU.

In diesem Jahr aber säumten die Menschen davor noch die Straße, als Regierungschef Edmund Stoiber längst vorbeigelaufen war. Denn ein schlanker Mann war aus dem SPD-Bus gesprungen, und ein Vater hob sein Kind hoch und rief, was die meisten Bayern denken: "Schau, des is da Maget, den koaner kennt!"

Franz Maget, 49, der SPD-Spitzenkandidat in Bayern, ist ein Exot. Einmal will jeder zumindest einen Blick werfen auf den tragischen Helden der Sozis, so wie weiland am Rummelplatz auf den stärksten Mann oder die dicke Berta. Auf einen, den sogar die Jungs in seinem Münchner Wohnviertel mit dem Fußballtrainer Felix Magath verwechseln.

Maget ist der Mann, den seine Parteispitze ziemlich im Stich gelassen hat und der bei der Landtagswahl am 21. September womöglich das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der bayerischen SPD einfahren wird: Etwa 61 Prozent geben Umfragen derzeit seinem CSU-Gegner Stoiber, 20 bleiben für Maget. "Wer weiß, wie groß das Debakel wäre, wenn ich mich nicht so reingehängt hätte", sagt er und lächelt.

Dabei kennt ihn auch jetzt noch, nach 500 Terminen und knapp 30 000 Kilometern quer durch Bayern, kaum jemand. Nach 70 Tagen ohne ausreichenden Schlaf, nach der x-ten Horrormeldung aus dem rot-grünen Berliner Kabinett. Und nach einem Kanzlerauftritt in Rosenheim, wo Gerhard Schröder, statt Stoiber anzugreifen, einen recht lahmen Vortrag über die Reformen hielt. "Man kann das so machen", sagt Maget knapp zu dem verhagelten Termin.

In Abensberg eilt er auf die Leute zu, schüttelt jedem die Hand, "Grüß Gott, wie geht's Ihnen denn? Gut schaun's aus!" Die Festbesucher freuen sich, sie klatschen, weil der SPD-Mann aus München so nett ist, aber wählen werden sie ihn wohl nicht.

Doch Maget rennt unverdrossen, er rennt für die SPD, für sein Image, gegen die CSU - er rennt vergebens. Durch eine Behinderten-Werkstatt in Mettenheim, durch eine Reha-Klinik in Bad Windsheim, durch eine Sportgaststätte in Vierkirchen. Er redet über Ganztagsschulen, über Leo Kirch und die Landesbank.

Er redet aber nicht über das, worüber Stoiber dauernd redet: über die Bundesregierung. Die Politik von Rot-Grün hängt wie ein Klotz an Maget. Er dirigiert die Bayernhymne im Bierzelt, die Menschen applaudieren, aber sie jubeln nicht. Weil die Renten schrumpfen, weil alles teurer wird, weil es zu wenig Jobs gibt.

Franz Maget muss den Kandidaten machen, weil er der beste ist, den die niedergehende Bayern-SPD zu bieten hat. Er ist ein stiller PolitProfi, der in der Münchner SPD die Kärrnerarbeit für den populären OB Christian Ude erledigt und in der Landtagsfraktion bis 2000 der dominanten Renate Schmidt den Rücken freihielt. Danken tun sie es ihm nicht: Ude sonnte sich im August auf Mykonos, Wahlkampf für Maget war offenbar nicht so wichtig. Und Schmidt hat in Berlin zu tun.

Dafür kam Verkehrsminister Manfred Stolpe und sagte, der Transrapid solle nach München. Maget hatte kurz zuvor den Bürgern erklärt, der Zug werde nicht gebraucht. Vieles geht schief in diesen Tagen.

Also kämpft Maget allein. Hunderte von Auftritten im Land, die CSU-Minister unter sich aufteilen, bleiben an ihm hängen. "Ich habe genug Anfragen für Volksfeste, aber ich habe ja keinen außer ihm, der bierzeltfähig ist", stöhnt ein Mitarbeiter der SPD-Kampa.

Die Sozis haben ihren Spitzenmann über Nacht aufgebaut - einen Tausendsassa gegen die Vielfältigkeit der CSU-Prominenz. Einmal steckten sie ihn für ein Plakat in einen sehr teuren dunklen Anzug, und Maget wirkt darin ähnlich fremd wie Stoiber in seinen schwarzen Designer-Jeans.

Den Manager nimmt man dem Maget aus Milbertshofen eben nicht ab, eher den Familienmenschen, den Sportskameraden, der am Wochenende mit seinen Kumpels bolzt. Maget schwärmt von den Stunden mit seiner Ehefrau Dorle, von seinem Garten, vom guten Rotwein beim Italiener. Er nehme, sagt er, die Dinge wichtig, aber keines völlig ernst. Wählt man so jemanden zum Ministerpräsidenten?

So völlig ernst nimmt nicht einmal seine Frau Dorle die Politik. Auf die Frage, wie ihr das Porträt über ihren Mann im Bayerischen Fernsehen gefallen habe, gesteht sie ehrlich, sie habe stattdessen den Krimi im Ersten gesehen.

Immerhin: Im Bierzelt am Gillamoos hat der Kandidat eine gute Rede gehalten. Ein paar Stimmen wird sie bringen, auch wenn die Abensberger ihn noch immer nicht wirklich kennen: Als Franz Maget zum Kampa-Bus läuft, klatschen zwei Rentner Beifall: "Mach's gut, Servus Max!" CONNY NEUMANN

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Bayerische Sonntagsfrage "Welche Partei würden Sie wählen, wenn jetzt Landtagswahl wäre?"


DER SPIEGEL 38/2003
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