15.09.2003

AFFÄREN

Spekulanten aus Büdelsdorf

Von Dohmen, Frank und Kerbusk, Klaus-Peter

Mit der realen Nachfrage an der Börse hatte der Kurs der MobilCom-Aktie lange Zeit wenig zu tun - größter Käufer und Verkäufer des Papiers war offenbar Firmengründer Gerhard Schmid.

Für seine ständige Sorge um den Kurs der MobilCom-Aktie war Gerhard Schmid bekannt. Kein Meeting, kein Verkaufsgespräch, keine Verhandlung, in der der umtriebige MobilCom-Gründer nicht mal eben per Handy oder Computer die neuesten Kurs-Meldungen von der Frankfurter Börse abfragte. Manchmal, erinnern sich Mitarbeiter, mussten sogar Sitzungen unterbrochen werden, weil der Manager noch eilige Telefonate mit Bankern führen wollte.

Dass sich dahinter mehr verbarg als die Sorge des Chefs um das Wohl des Unternehmens, erschließt sich erst jetzt: Der MobilCom-Chef war nämlich nicht nur der größte Aktionär des Büdelsdorfer Unternehmens. Über Jahre hinweg, so fand die Kieler Staatsanwaltschaft im Zuge ihres Ermittlungsverfahrens gegen Schmid, 51, und seine Ehefrau Sybille Schmid-Sindram, 59, heraus, trieb er auch einen ungewöhnlich schwunghaften Handel mit den eigenen Aktien.

Summen in dreistelliger Millionenhöhe setzte das Ehepaar ein, um den MobilCom-Kurs nach oben zu drücken. Strafbar ist das wohl nicht, und gelegentlich profitierten sogar die Kleinaktionäre davon. Doch mit der realen Nachfrage an der Börse und dem Zustand des Unternehmens hatte der Kurs des Papiers lange Zeit offenbar wenig zu tun.

Das Ehepaar Schmid war zeitweise zugleich der größte Käufer und Verkäufer von MobilCom-Aktien. An manchen Tagen bewegte Schmids Gattin über ihre kleine Firma Millennium mehr als 64 Prozent des gesamten Handelsvolumens mit MobilCom-Papieren, heißt es in beschlagnahmten Auswertungen der Dresdner Bank.

Um den Handel zu bewältigen, mussten manche Abteilungen bei der Bank sogar im Schichtbetrieb arbeiten, denn bisweilen mussten mehr als 400 Kauf- und Verkaufsaufträge pro Handelstag abgewickelt werden - das sind 34 pro Stunde. Mit dem Großhandel gaukelten die Spekulanten den Anlegern eine Attraktivität der MobilCom-Aktie vor, die womöglich gar nicht vorhanden war.

Ein solcher Fall von Kurspflege ist selbst in der an Kuriositäten reichen Geschichte des Neuen Marktes einzigartig. Und er fügt der schillernden Biografie des Aufsteigers Schmid ein weiteres bizarres Kapitel hinzu. Es handelt davon, wie der Mann, der binnen weniger Jahre zum umjubelten Milliardär aufgestiegen war, in der Krise seinen Reichtum mit allen Mitteln zu retten versuchte - und am Ende doch scheiterte.

Mit Kampfpreisen und frechen Ideen hatte sich Schmid Mitte der neunziger Jahre von einem kleinen Wiederverkäufer fremder Handy-Verträge zum ernsthaften Konkurrenten der Telekom gemausert. Und als sich die MobilCom-Aktie nach ihrem Start 1997 zu einer Kursrakete entwickelte, wurde Schmid einer der reichsten Männer des Landes. Seine Aktien waren zeitweise bis zu 2,3 Milliarden Euro wert.

Nach dem Börsengang und zwei Kapitalerhöhungen sah Schmid schließlich den richtigen Moment gekommen, den inzwischen auf 36 Prozent gesunkenen Anteil am Unternehmen wieder aufzustocken. Mit großen Transaktionen, heißt es in den Ermittlungsakten, erhöhten Schmid und seine Frau ihr MobilCom-Paket auf fast 49 Prozent. Finanziert wurden die Zukäufe zu großen Teilen auf Pump.

Insgesamt 270 Millionen Euro für die in Spitzenzeiten gut 28 Millionen Papiere lieh sich Schmid, nach Erkenntnissen der Ermittler, bei diversen Großbanken. Allen voran mit hohen zweistelligen Millionenbeträgen waren die Dresdner Bank und die Deutsche Bank. Aber auch die Chase Manhattan in Genf und die Hamburgische Landesbank waren behilflich. Außerdem investierte er in ein gewaltiges Bauvorhaben an der Kieler Förde, das unter anderem die Landesbank Sachsen mit einem Kredit von rund 100 Millionen Euro finanzierte.

Alles schien perfekt zu laufen - zumindest bis Ende 2000. Da nämlich platzte die Internet-Blase an den Kapitalmärkten. MobilCom und andere Hightech-Werte stürzten wie im freien Fall. Schmids Kreditgeber wurden hellhörig. Denn als Sicherheit für die Millionenkredite hatte er ihnen große Teile seiner MobilCom-Aktien hinterlegt - die nun täglich an Wert verloren.

Zunächst versuchten die Banken, ihr Risiko zu minimieren, indem sie weitere Aktien als Sicherheit forderten. Als auch die nicht reichten, kündigten erste Institute wie die Deutsche Bank in Hamburg ihre Kredite. Ende 2000 saß der gefallene Börsenstar laut Ermittlungsakten auf einem Schuldenberg von fast 300 Millionen Euro.

Um dem drohenden Desaster zu entgehen, versuchte Schmid offenbar mit aller Gewalt den MobilCom-Kurs zu pushen. Da bei den Banken kaum weitere Kredite zu bekommen waren, begann er, andere Geldquellen zu suchen. So flossen laut Ermittlungsakten auch Baukredite der Sächsischen Landesbank in Spekulationen.

Schließlich zapfte Schmid sogar die Firmenkasse an. Für ein dubioses Aktienoptionsprogramm (SPIEGEL 18/2003) überwies er rund 70 Millionen Euro MobilCom-Gelder an eine Kieler Briefkastenfirma namens Millennium GmbH - und zwar größtenteils ohne Rechtsgrundlage, glauben die Ermittler in ihrer Ende August vorgelegten Anklage beweisen zu können. Auch dieses Geld, so geht aus Akten hervor, soll fast vollständig in Aktienspekulationen geflossen sein.

Millennium gehörte Schmids Gattin, und auf sie, so ermittelten die Staatsanwälte, hatte der Manager kurzerhand einen Teil seiner Aktien überschrieben. Die Banken spielten mit.

Das Ehepaar Schmid, heißt es in Bankvermerken, habe ausgeführt, dass man über die GmbH steuerliche Vorteile im Aktienhandel nutzen wolle. Außerdem könne so auch die anstehende Verschärfung der Börsenregeln umgangen werden. Von 2001 an mussten Vorstände nämlich Geschäfte mit eigenen Aktien an die Börsenaufsicht melden - und das wollte der MobilCom-Zocker offenbar umgehen.

Auch über die Aufgabe der Tarnfirma ließen die Schmids bei ihren Gesprächen mit den Banken keinen Zweifel aufkommen. Laut internen Protokollen hieß das Ziel der Millennium: "Kurssicherung" - wegen der hohen Kredite und des geplanten Verkaufs der Anteile an den Partner France Telecom.

Wie das konkret aussah, geht aus einer Analyse der Dresdner Bank hervor, wo Millennium zwei Konten unterhielt. Danach wickelte Geschäftsführerin Schmid-Sindram allein von Januar bis August 2001 die fast unglaubliche Anzahl von 62 563 Orders über die Bank ab, die dafür eigens acht Mitarbeiter abgestellt hatte.

Den Wert der Transaktionen in den gerade einmal acht Monaten beziffert die Bank auf fast 173 Millionen Euro. Damit seien die Spekulanten aus Büdelsdorf in dieser Zeit für gut 26 Prozent des an allen Börsen gehandelten Volumens mit MobilCom-Papieren verantwortlich gewesen.

Geholfen hat der Kraftakt am Ende dennoch nicht. Im Laufe des Jahres 2002 waren die Gelder aufgebraucht, die Banken verweigerten neue Kredite. Schmid saß laut Ermittlungsakten auf einem Schuldenberg von gut 300 Millionen Euro und musste die "Stützungskäufe" endgültig aufgeben. In wenigen Wochen sackte der Wert des Papiers dramatisch ab - von 21,55 Euro Ende Januar 2002 auf nur noch 7,48 Euro im Juni desselben Jahres. Auch der geplante Deal mit den Franzosen platzte, und im Februar 2003 musste Schmid sogar private Insolvenz anmelden.

Millennium selbst streitet die schwunghaften Börsengeschäfte nicht ab. Im Gegenteil: Es sei das klare Ziel gewesen, mit Aktien zu handeln und Gewinne zu erzielen. Illegal sei daran gar nichts, auch eine aktive Kurspflege habe es nicht gegeben. Um solchen Vorwürfen vorzubeugen, habe man die Aufträge "der renommierten Dresdner Bank" übertragen, wo "alle Geschäfte nach geltendem Recht abgewickelt wurden". Auch die Vermutung, Millennium habe den Kurs vor einem möglichen Verkauf an die Franzosen hochtreiben wollen, sei "aus der Luft gegriffen". Millennium habe inzwischen sogar beim Landgericht Kiel eine "gerichtliche Klärung" zur "Wirksamkeit" des umstrittenen Aktienoptionsprogramms eingeleitet.

Viel nützen dürfte das dem vom Aufsichtsrat geschassten Manager wohl kaum noch. Denn selbst die Hoffnung, dass er eines Tages ein Comeback feiern kann, wenn die MobilCom-Aktie wieder an alte Glanzzeiten anschließt, muss Schmid mittlerweile aufgeben. Von dem an die Banken verpfändeten Aktienpaket, teilte MobilCom vergangene Woche mit, haben die Institute inzwischen einen Großteil verkauft.

Jetzt haben die Banken über einen Treuhänder noch 17 Prozent der MobilCom-Aktien des einstigen Großaktionärs in Beschlag. Momentan beläuft sich ihr Wert auf etwa 110 Millionen Euro.

Ob das reicht, Schmids Schulden zu tilgen, ist ungewiss. FRANK DOHMEN,

KLAUS-PETER KERBUSK


DER SPIEGEL 38/2003
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