15.09.2003

KOREA

Museumsdorf Ferner Westen

Von Wagner, Wieland

Aus Deutschland zurückkehrende Gastarbeiter sind in einen Freizeitpark gezogen - und zeigen ihren Landsleuten deutsche Lebensart.

An die Neugierde ihrer Landsleute muss sich Woo Chun Ja, 66, noch gewöhnen. Über 50 südkoreanische Touristen führt die ehemalige Krankenschwester täglich durch ihr Haus und ihren Garten. Alles wird bestaunt und betastet: die deutschen Doppelglasfenster, der Herd von Bosch, die Spülmaschine von Miele. Selbst der private Inhalt der Schränke wird von manchen Besuchern ungeniert inspiziert.

Woo lebt seit Anfang dieses Jahres zwar wieder in ihrer alten Heimat Korea, aber gleichwohl ist sie nicht ganz zu Hause: Mit ihrem deutschen Ehemann Wilhelm Engelfried, 73, wohnt sie im "Dogil Maeul", dem "Deutschen Dorf" auf der südkoreanischen Insel Namhae. Als Teil eines Freizeitparks errichtet die lokale Regierung dort eine Heimstatt speziell für Landsleute, die seit Mitte der sechziger Jahre als Gastarbeiter nach Westdeutschland abwanderten und nun zurückgekehrt sind.

Rund 10 000 Krankenschwestern und 8000 Bergarbeiter warben die Deutschen damals in Südkorea an. Besonders die weiblichen Neuankömmlinge wurden in der Bundesrepublik als Exoten bestaunt. "Willkommen, mandeläugige Schwestern", jubelten die Zeitungen. Die "charmante Hilfe aus Korea", hieß es, werde dringend gebraucht, um den "Pflegenotstand" in Deutschlands Kliniken zu lindern.

Die Koreaner fügten sich rasch in ihrem Gastland ein, häufig heirateten sie Deutsche. Doch wie viele Landsleute, sagt Ex-Schwester Woo, habe sie stets gehofft, ihre alten Tage wieder in Korea zu verleben.

Für einige Auswanderer erfüllt sich nun der Rückkehrtraum: In Namhae stellten Lokalpolitiker für 55 Ehepaare preisgünstigen Baugrund zur Verfügung. Damit will sich die Heimat auch für den Auslandseinsatz der Krankenschwestern und Bergarbeiter bedanken. Denn mit großzügigen Überweisungen aus Deutschland halfen diese mit, den ökonomischen Aufstieg des einst so armen asiatischen Landes zu finanzieren.

Der Kreis Namhae, in dem sonst überwiegend Bauern und Fischer leben, treibt die Repatriierung allerdings nicht ohne Eigennutz voran: Die Bewohner der deutschen Enklave sollen der strukturschwachen Region dringend erhoffte Einnahmen durch Touristen bescheren. Auch eine noch zu bauende original deutsche Kneipe, eine Bäckerei sowie ein Hotel sollen jährlich 100 000 zusätzliche Besucher in das Museumsdorf Ferner Westen locken.

Die ersten fünf Einfamilienhäuser stehen bereits, sie könnten der Werbebroschüre einer deutschen Bausparkasse entstammen. Streng achten die koreanischen Behörden darauf, dass die Dächer - die roten Ziegel werden per Container aus Deutschland herangeschifft - auch spitz genug gewinkelt sind.

Das mussten auch Ex-Schwester Kim Woo Za, 63, und ihr deutscher Ehemann Ludwig Straus-Kim, 76, erfahren: Als sie jüngst aus Mainz übersiedelten, war der Bau ihres Domizils vorübergehend gestoppt worden. Weil das Dach flacher als 45 Grad gewinkelt ist, hatte die Lokalzeitung angezweifelt, ob es sich auch tatsächlich um echte deutsche Architektur handle.

Doch schließlich durfte das Paar einziehen. Seither überfallen heimische TV-Sender die Rückkehrer: Am liebsten filmen sie das Wohnzimmer mit Kuckucksuhr an der Wand und Konsalik-Büchern im Regal. Im Heimatmuseum nebenan wird der frühere Finanzbeamte Straus-Kim in seiner neuen Aufgabe gezeigt: Bei der Weinprobe erläutert er Koreanern die Besonderheiten deutscher Rebsorten.

Von ihrem Tagesjob als Museumsführer erholen sich die Rückkehrer abends gemeinsam auf der Terrasse des Ehepaars Engelfried. Bei Wurst, Käse und selbst gebackenem Brot - das Mehl stammt noch vom letzten Einkauf bei Aldi - erinnern sich die Koreanerinnen daran, wie abscheulich ihnen anfangs das Essen in Deutschland schmeckte. Vor lauter Heimweh aßen sie damals Sauerkraut mit Paprika - als dürftigen Ersatz für ihre Nationalkost Kimchi.

Auch sonst fiel der Start in Deutschland schwer: Die Schwestern sprachen kaum Deutsch. "Doch bald", sagt Kim Woo Za stolz, "wollten sich viele deutsche Patienten nur noch von uns pflegen lassen." Nach über 30 Jahren im Westen wusste die Asiatin schließlich kaum noch, wo ihre eigentliche Heimat liegt.

Denn auch in Korea werden die einstigen Abwanderer oft wie Ausländer behandelt. Als Schwester Woo ihren deutschen Mann vor einigen Jahren in Korea vorstellte, war der heimischen Verwandtschaft die Heirat mit einem Ausländer geradezu peinlich. Umso erleichterter ist Woo nun, in Korea unter Nachbarn leben zu können, die das Schicksal von Entwurzelten teilen.

Der Erfolg des Museumsdorfs hat sich rasch herumgesprochen. Täglich fragen weitere Rückkehrwillige aus Deutschland bei Tourismusmanager Kim Dae Hwan an und bitten um Aufnahme. Doch Kim wimmelt die Antragsteller freundlich ab: "Unsere Kapazitäten im Deutschen Dorf sind erschöpft." WIELAND WAGNER


DER SPIEGEL 38/2003
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