15.09.2003

NATURFORSCHERDr. Doolittle im Zauberschloss

Eine neue Biografie beschreibt Konrad Lorenz als Genie und Opportunisten. Das Erfolgsrezept des Graugansforschers, so die Autoren, sei sein kindhafter Spieltrieb gewesen.
Erst sollte es ein Buch über seine geliebten Fische werden, "über deren Verhalten ich zu viel weiß, als dass ich es beruhigt ins Grab nehmen kann". Dann jedoch entschied sich Konrad Zacharias Lorenz auf Drängen von Kollegen doch für seine "Memorrhoiden" (Lorenz).
Schon vom Alter gezeichnet, begann der 84-jährige Naturforscher im Frühjahr 1988 seiner Sekretärin Jutta Köppl seine Autobiografie zu diktieren. Doch das Werk, von Lorenz selbst als Sammlung von "unzusammenhängenden Erinnerungsbildern" bezeichnet, blieb Fragment. Zehn Monate später, am 27. Februar 1989, starb Lorenz in Wien an Herzversagen.
Lange galt Lorenz'' letztes Werk als verschollen. Doch pünktlich zum 100. Geburtstag des Zoologen legen nun die Wiener Autoren Klaus Taschwer und Benedikt Föger eine Biografie über den österreichischen Nobelpreisträger vor, die Auszüge aus dem geheimnisumwitterten Manuskript enthält und sich auch auf weiteres, bisher unbekanntes Material stützt**.
Vor allem im Lorenzschen Anwesen in Altenberg bei Wien wurden Taschwer und Föger mit Hilfe der Lorenz-Tochter Agnes Cranach fündig. 120 Privatordner, "prall gefüllt" (Föger) mit Briefen aus den Jahren 1964 bis 1989, sichteten die Autoren. In einem Archivschrank stießen sie schließlich auch auf die verloren geglaubte Autobiografie. Voller "unerklärlicher Irrtümer und Wiederholungen" sei das "fast 200-seitige Konvolut", sagt Föger. Im Wortlaut eigne es sich nicht zur Veröffentlichung. Und doch ist es den Autoren anhand der neuen Quellen gelungen, ein außergewöhnlich detailreiches Bild des streitbaren und wegen seiner NS-Vergangenheit bis heute umstrittenen Gänsefans zu zeichnen.
Warum wurde Lorenz zum "Megastar" (Föger) des internationalen Wissenschaftszirkus? Was macht den "Vater der Graugänse" bis heute zur polarisierenden Symbolfigur der Ethologie wie der Umweltbewegung? Was bleibt von einem Forscher, dessen wissenschaftliches Lebenswerk zu großen Teilen längst etwa durch die Erkenntnisse der Soziobiologie überholt ist?
Nonchalant schloss Lorenz vom Tierverhalten auf das des Menschen (den er als "Zwischenglied zwischen dem Tier und dem wahrhaft humanen Menschen" bezeichnete) und provozierte damit Millionen. Sein Charisma zog Wissenschaftler aus aller Welt in seinen Bann. Mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er über seine Tiere sprach, verschrieb er sich auch der Sache des Nationalsozialismus und wetterte, Jahrzehnte später, gegen Naturzerstörung und die "Todsünden der Menschheit".
Einen "gleich bleibend kindhaften Spieltrieb" bescheinigt Föger dem Zoologen, der eher "ein Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts" gewesen sei und der gern auch mal Dinge gepredigt habe, die "nicht erwiesen waren, aber sehr wahrscheinlich so hätten sein können". "Er war ein Optimist, in dem ein tiefer Pessimismus steckte", und "sicher ein Opportunist". Durch die Augen eines "extrem verwöhnten Kindes" habe Lorenz zeitlebens die Welt gesehen.
Tatsächlich verlebte Lorenz eine "paradiesische Kindheit in einem zauberschlossartigen Gebäude", "umgeben von Luxus", einem "Kometenschweif von Bediensteten" und "jeder Menge Tiere", wie Taschwer und Föger berichten. Mit seiner späteren Frau Gretl - sie kannten sich seit seinem dritten Lebensjahr - spielte der kleine Konrad Dinosaurier im elterlichen Park. Als Schwanz zog er einen Gartenschlauch hinter sich her.
Auf Druck des Vaters wurde der Arztsohn jedoch erst einmal Doktor med., ehe er in Wien Zoologie und Psychologie studierte. Seine ebenso brotlosen wie epochalen Verhaltensstudien an Graugänsen, Enten, Dohlen und anderem Getier hatten da schon aus dem Altenberger Herrenhaus eine zoologische Massenunterkunft gemacht. Schon in diesen frühen Jahren habe der Forscher - ein junger "Dr. Doolittle, der mit den Tieren spricht, aber stets von Geldsorgen geplagt ist" - "die entscheidenden Grundlagen für jene Disziplin geschaffen, die später als vergleichende Verhaltensforschung weltweit Beachtung erhalten sollte".
Dann folgten die "dunklen Jahre", denen Taschwer und Föger schon ihr 2001 erschienenes Buch "Die andere Seite des Spiegels" widmeten. Als "schwärmerischer Opportunist" habe Lorenz "mit den braunen Wölfen" geheult und sich dann durch die russische Kriegsgefangenschaft laviert.
"Wir jubeln alle wie kleine Kinder", schrieb Lorenz in einem Briefwechsel mit dem Biologen Oskar Heinroth, als Hitlers Soldaten durch Wiens Straßen marschierten. Am 28. Juni 1938 stellte der Zoologe, was er bis zu seinem Tode abstritt, sein Ansuchen auf Mitgliedschaft in der NSDAP. "Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist", beteuerte Lorenz in seinem Parteiantrag - und bediente sich in den Folgejahren in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen schamlos der Terminologie der Nazis.
Die "Verhausschweinung" des Menschen beklagte der Biologe und verglich die "überzivilisierten Menschen" der Großstädte mit ihren "Mopsköpfen" und "Hängebäuchen" mit überzüchteten Haustieren. "Wie die Zellen einer bösartigen Geschwulst" durchdrängen die "mit Ausfällen behafteten Elemente" den "Volkskörper", erläuterte Lorenz in seiner "Domestikations-Arbeit" von 1940. Da helfe, so Lorenz, nur "ein Rassepfleger", der "auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht" sei.
Die in dieser Zeit entstandenen NS-Aufsätze, "die zurückzunehmen seine Größe nicht ausreichte und die sein Fach bis heute belasten" ("Zeit"), wurden Lorenz nach 1945 immer wieder vorgehalten. In der jetzt entdeckten Autobiografie versucht der Biologe eine Rechtfertigung: "Die Propaganda ließ den Nationalsozialismus als etwas sehr Harmloses, ja Familiäres erscheinen", schreibt der Forscher. "Das Wenige, was ich schon von Untaten und Gräueln des neuen Regimes wusste, konnte ich nicht glauben und wollte es vor allem nicht glauben. Der Vorgang, den Sigmund Freud ,Verdrängung'' nannte, hat eine dämonische Macht über den Menschen, von der man sich keine Vorstellung macht."
Trotz seiner deftigen Einlassungen avancierte Lorenz nach dem Krieg sehr schnell zum wissenschaftlichen Überflieger. Schon 1950 wurde der Biologe Direktor der eigens für ihn gegründeten Max-Planck-Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung. Viele von Lorenz geprägte Begriffe wie Triebstau, Auslöser oder Instinkt wurden in dieser Zeit definiert, das Forschungsfach internationalisiert.
Lorenz sei "ganz generell ein Enthusiast" gewesen, konstatieren Taschwer und Föger, das erkläre seine kometenhafte Karriere. Er sei ebenso begeisterungsfähig gewesen, wie er selbst Begeisterung vermitteln konnte - egal, ob es um seine "eugenischen Überzeugungen" oder um "Fischhaltung in Aquarien" ging. Zudem habe es Lorenz verstanden, sich der Medien virtuos zu bedienen. Erst dadurch sei er zum Wegbereiter jenes Forschungszweigs geworden, der herauszufinden trachtet, was für ein Tier der Mensch eigentlich ist.
Ein ziemlich aggressives, behauptete Lorenz in seinem 1963 erschienenen Schlüsselwerk "Das sogenannte Böse". In aller Ausführlichkeit schloss der Forscher hier von der Gans aufs Ganze: Der menschliche Geist, so sein provozierender Befund, sei nicht frei, sondern gekettet an ein ererbtes Instinkt-Programm.
Für Lorenz begann mit der Veröffentlichung ein neuer Lebensabschnitt: der "des ums Wohl der Menschheit besorgten Predigers" und der "internationalen Kultfigur". Das bedrohliche Missverhältnis zwischen ererbten Sicht- und Handlungsbeschränkungen und geistigen Höhenflügen war fortan sein Lebensthema. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Geist und natürlicher Veranlagung gipfelte in der Pointe, der Mensch, das "blöde Vieh", sei "mit seinem Gehirn im Stande, sich selbst und alle anderen auszurotten".
"Seit der Mensch den Faustkeil erfunden hat, balanciert er auf des Messers Schneide, zwischen einer gloriosen Zukunft und dem Sturz in die Hölle", predigte Lorenz und geißelte 1973 "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit", unter ihnen die "Überbevölkerung", die "Verwüstung des natürlichen Lebensraums" und - wiederum - der "genetische Verfall".
In den achtziger Jahren schließlich - inzwischen gemeinsam mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch mit dem Nobelpreis geehrt - stieg Lorenz als vehementer Kernkraftgegner zum "nationalen Gewissen" Österreichs auf. Am Ende war er ein hoch umstrittener Wertkonservativer, der aber wesentlichen Anteil an der Entstehung der grünen Partei in Österreich hatte.
Schließlich "endete dieses bewegte Leben da, wo es begonnen hat: in jenem stets mit Tieren geteilten Märchenschlösschen", schreiben Taschwer und Föger. Mit "Kritik von zwei Seiten", von Lorenz-Feinden wie -Freunden, rechnen die Autoren schon in der Einleitung ihres Buches. Tatsächlich hat sich der Lorenz-Bewunderer Bernd Lötsch - ohne das Buch gelesen zu haben - bereits zu Wort gemeldet. Er wirft Taschwer und Föger die "Demontage" eines "großen Naturforschers" und "inquisitorische Verbissenheit" vor. Das Gegenteil indes ist der Fall: Die Autoren halten sich vornehm zurück.
"Die Masse der Korrespondenz hat es uns ermöglicht, zu vielen Themen jemand zu Wort kommen zu lassen und relativ wenig selbst zu kommentieren", sagt Föger. So bleibt das Buch über weite Strecken eine Materialsammlung - und das ist vielleicht seine größte Schwäche.
Am Ende entsteht das Mosaik einer vielschichtigen und widersprüchlichen Persönlichkeit. Als "bahnbrechender Wissenschaftler, mutiger Mahner und Gründervater der Umweltbewegung" gelte Lorenz den einen. Für die anderen sei er "schlicht ein Biologist, noch dazu einer mit NS-Vergangenheit".
Dazwischen scheint bis heute nur wenig Platz zu sein. PHILIP BETHGE
* Oben: mit NSDAP-Abzeichen; unten: 1973 bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm mit dem schwedischen König Carl Gustaf. ** Klaus Taschwer, Benedikt Föger: "Konrad Lorenz". Paul Zsolnay Verlag, Wien; 368 Seiten; 24,90 Euro.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 38/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NATURFORSCHER:
Dr. Doolittle im Zauberschloss

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch