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Das Auge New Yorks

Von Osang, Alexander

Seine Fans verehren Don DeLillo als Propheten des Schreckens. In seinem neuen Buch "Cosmopolis" schickt er einen reichen Mann auf Höllenfahrt durch Manhattan. Von Alexander Osang

In der weißen Stretchlimousine, mit der Eric Packer durch Manhattan fährt, gibt es einen Marmorboden, ein Bad und eine elektronische Kamera, die Dinge abbildet, bevor sie passieren. In Don DeLillos Büro aber gibt es noch nicht einmal eine Klimaanlage. Er hat das Fenster zu der schmalen, vernieselten Upper-East-Side-Straße ein bisschen geöffnet, so dass ein leichter Luftzug über seinen Schreibtisch weht. Es riecht nach alten Büchern, es ist halbdunkel und feuchtwarm.

DeLillo wartet. Er trägt ein gräulich-grünes Cordhemd, graue Jeans, sein Haar ist grau, sein Gesicht blass, seine Stimme leise. Er scheint in dieser langsamen, unscheinbaren Welt zu zerlaufen.

Don DeLillo, 66, schreibt auf einer mechanischen Schreibmaschine, Eric Packer ist 28 und findet schon das Wort Computer altmodisch. Sie haben nicht viel gemein. Packer ist der Held von DeLillos jüngstem Buch "Cosmopolis"*.

Packer wohnt in einem dreistöckigen Penthouse am East River, in 48 Zimmern, zusammen mit teuren Gemälden, Windhunden und einem Haifisch. Er liest zum Einschlafen Einsteins spezielle Relativitätstheorie in Deutsch und Englisch, er ist mit einer der reichsten Frauen der Welt ver-

heiratet, spricht ein bisschen Tschechisch und hat zwei Fahrstühle, die er je nach Stimmung benutzt. In einem läuft Klassik, im anderen Rap.

An einem Apriltag im Jahr 2000 fährt Eric Packer mit einer weißen Limousine auf der 47. Straße quer durch Manhattan, um sich die Haare schneiden zu lassen. Die Fahrt dauert einen ganzen Tag, denn der amerikanische Präsident ist in New York, ein Rap-Star wird beerdigt, und es gibt eine Demonstration von Globalisierungsgegnern. Auf seiner Fahrt nach Westen philosophiert Packer mit seinen Beratern, betrügt seine Frau, lässt sich die Prostata untersuchen und verspielt an der Börse sein gesamtes Vermögen. Er wettet auf den Yen und verliert. Als die Sonne untergeht, wird er in einem leer stehenden Haus am Hudson River von einem Mann erschossen, der so etwas ist wie sein Gegenbild.

Es ist ein schmales, kaltes Buch, in dem nichts unmöglich erscheint. Der Apriltag im Herzen der Welt ist mit allem voll gepackt, was einem an Katastrophen so einfallen würde. Es ist fast ein Wunder, dass es keinen Stromausfall gibt, als Packer den Times Square passiert. Man hat kein Mitleid mit Eric Packer, man weiß nicht, was ihn antreibt. Er rollt wie eine glatte, kühle Kugel durch das Buch. DeLillo mag Packer nicht mehr als den Mann, der ihn erschießt, sagt er. Aber auch nicht weniger.

Es wird viel über Zeit und Geld geredet in "Cosmopolis". "Geld ist Zeit. Früher war das mal andersherum", sagt jemand. Und einmal heißt es: "Früher kannten wir die Vergangenheit, aber nicht die Zukunft. Das ändert sich gerade." Der letzte Satz des Buchs lautet: "Im Glas seiner Uhr ist er tot, aber im realen Raum lebt er immer noch und wartet darauf, dass der Schuss fällt."

Don DeLillo bewegt sich nicht, er blinzelt ein bisschen. Auch er wartet.

Der Angriff aufs World Trade Center liegt jetzt zwei Jahre zurück. Am zweiten Jahrestag schienen sich die Journalisten schon im Kreis zu drehen, sie traten auf der Stelle, als sei aus ihrer Sicht alles gesagt, als wären alle Gefühle ausgelöst. Vielleicht hat DeLillo mit diesem kühlen New-York-Buch auf den Septembertag 2001 reagieren wollen.

"O nein, keineswegs. Das Buch war eigentlich im Wesentlichen fertig, als es passierte", sagt DeLillo. "Es bezieht sich vielmehr auf die Zeit zuvor. Die neunziger Jahre, mit all ihrer Gier. Eine Zeit, in der Unternehmen plötzlich wichtiger waren als Regierungen. Menschen haben Tag und Nacht vor ihren Computern gesessen und ihr Geld beobachtet. Zeit verlor jede Bedeutung, Wirtschaftsbosse wurden globale Popstars. Im Frühjahr 2000 ging das zu Ende. Die Blase platzte. ''Cosmopolis'' spielt an einem Tag im April 2000. Also vor dem 11. September. Ich habe danach nur noch Kleinigkeiten an dem Manuskript geändert. Wenn man so will, beschreibt das Buch die Phase zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn des Terrorismus."

Aber konnte er denn das Buch nach dem 11. September und den Kriegen, die ihm folgten, wirklich unbeeindruckt zu Ende schreiben? Gibt es ein unschuldiges New-York-Buch im Jahr 2003?

"O ja. Wissen Sie, es braucht eine ganze Zeit, bis ein Romanstoff im Kopf eines Schreibers reift. Wir müssen wohl noch ein bisschen warten, bis sich zeigt, was der 11. September für den amerikanischen Roman bedeutet. Ich traue Literatur nicht, die direkt auf ein Großereignis reagiert. Die Ermordung John F. Kennedys hat mich auch sehr getroffen. Aber ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um mir auch nur vorstellen zu können, ein Buch darüber zu schreiben. Es ist dann 1988 erschienen. Man muss sehen, ob der 11. September etwas in mir auslöst."

DeLillo saß in seinem Haus in Westchester, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen. Er hat seinen Neffen angerufen, der nur zwei Straßen vom World Trade Center entfernt wohnte. Er hat zwei Monate lang völlig vergessen, was er mit seinem Neffen besprach. Es kam erst später wieder. Er glaubt, dass im Strudel solcher Großereignisse Legenden entstehen.

"Leute, die nicht mal in der Nähe waren, werden behaupten, dabei gewesen zu sein. Und sie werden es immer mehr glauben. So was passiert. In meinem Roman ''Unterwelt'' habe ich über ein berühmtes New Yorker Baseballspiel zwischen den Giants und den Dodgers geschrieben. Es ist mehr als 50 Jahre her, und es gibt einen Haufen Leute, die nie dabei waren, aber heute felsenfest behaupten, dabei gewesen zu sein. Und ich bin sicher, sie glauben das auch oder zumindest fast."

DeLillo führt das Gespräch geschickt auf sicheren, festen Boden, weg vom 11. September, zurück in die amerikanische Vergangenheit. Die Zeit dort draußen läuft immer schneller. Sein Land zog in den letzten zwei Jahren in zwei Kriege, die nicht enden wollen, es brachte die Welt gegen sich auf, aber DeLillo will eigentlich nicht darüber reden. Er redet lieber über Baseball. Er hat es als Junge in der Bronx kennen gelernt, wo er aufwuchs. Sie spielten es damals mit Besenstielen und Gummibällen auf der Straße, so lange, bis die Polizei kam. Er ging zu den Spielen, weil die Polo Grounds gleich um die Ecke waren, und die Baseballszene am Beginn von "Unterwelt" ist vielleicht das erfolgreichste, meistgelesene Stück Literatur, das er bislang schuf.

"Baseball ist ein Spiel der Erinnerung. Deswegen ist es so mit dem amerikanischen Geist verwoben. Man kann fast sagen, es gibt eine zweite, parallele Geschichte. Die Menschen laufen mit all den Erinnerungen an bestimmte Spiele durch die Gegend. Das ist der Zauber. Es gibt keine Zeitbegrenzung, keine Uhr. Ein Spiel kann zwei Stunden dauern oder vier. Es ist sehr intim, fast geheimnisvoll. Denn Werfer und Fänger verständigen sich in Geheimsprache miteinander. Einer wirft den Ball, einer fängt ihn, aber dann öffnet sich das Spiel plötzlich, wenn der Schläger den Ball trifft. Und dann der Ball selbst: Kein Mensch würde zum Beispiel um einen Basketball kämpfen, der in die Ränge fliegt. Aber so ein Baseball scheint das Spiel in sich zu tragen. Er nimmt die Geschichte auf. Und er sieht auch gut aus, handgemacht irgendwie. Niemand weiß, was mit dem berühmten Ball passierte, aus dem Spiel, das ich beschreibe", sagt DeLillo. Er ist jetzt viel munterer.

Zu Lesungen bringen ihm Menschen Basebälle mit, die er signieren soll. Er macht das gern, sagt er. Salman Rushdie hat mal gesagt, dass es eine Freude ist, mit DeLillo zu den Yankees zu gehen. DeLillo hat immer den Handschuh dabei, um einen Ball zu fangen, eine Trophäe. Er springt nach jedem Ball, sagt Rushdie. DeLillo lächelt.

Es regnet jetzt ein bisschen heftiger. Es wird noch dunkler in dem hemdgroßen Zimmer in der Upper East Side.

DeLillo wohnt in Westchester County, vor der Stadt. Er spielt dort ein bisschen Softball. Das ist ungefährlicher in seinem Alter. Er kommt so oft wie möglich in die Stadt, "weil hier alles passiert", wie er sagt. Er beobachtet die Stadt. Das tut er schon sein Leben lang. Er ist der Sohn italienischer Einwanderer. Er hat spät angefangen, Bücher zu lesen, und noch viel später, welche zu schreiben. Er hat lange Zeit in einer Werbeagentur gearbeitet.

Irgendwann hat er aufgehört, weil er eigentlich nicht mehr wollte als rauchen, Kaffee trinken und auf die Welt schauen, sagt er. Es ging. Die Zigaretten waren billig und sein kleines Apartment in Midtown auch. Für DeLillo war die Zeit immer wichtiger als das Geld, so banal das klingt. Er konnte sich später leisten, nach Westchester zu ziehen, aber das hat nichts geändert. Er kommt zurück, um die Stadt zu beobachten.

Er ist durch Manhattan gewandert wie ein Detektiv, ein unscheinbarer grauhaariger Mann mit ein bisschen zu langen Haaren, immer wieder, bis er die Straße gefunden hat, die er Eric Packer mit dessen weißer Limousine hinaufschicken würde.

"Die 47. Straße erfasst das gesamte Spektrum der Stadt. Im Osten fängt es mit der Uno an, der internationale Abschnitt, dann kommen Banken, Brokerfirmen in der Nähe der Park Avenue, dann der Diamond District zwischen 5th und 6th Avenue. Dazwischen ein wunderbarer alter Buchladen, dann folgt der Times Square, der Theaterbezirk und schließlich Hell''s Kitchen, eine Wohngegend zunächst, und ganz zum Schluss Werkstätten, leer stehende Häuser, Garagen für Limousinen. Das alles war perfekt für mich."

Wer die Straße abläuft, wird feststellen, dass er Recht hat. Die 47th beginnt mit Kofi Annan im Osten und endet im Westen mit einem Strip-Club. Allerdings braucht man zu Fuß nicht viel mehr als zwei Stunden, hin und zurück. Packer aber benötigt für einen Weg den ganzen Tag. Warum?

"Verkehr", sagt DeLillo und lacht.

"Es ist ein sehr ereignisreicher Tag. In gewisser Weise lebt mein Held sein gesamtes Leben an diesem einen Tag. Er verändert sich. Er war bislang in einem fast klinischen Maß nur mit sich selbst beschäftigt. Er nimmt am Ende immerhin seinen Mörder wahr. In einem Leben hätte es 40 Jahre gebraucht, bevor ein Mann sich ändert. Hier ist es ein Tag. So ist das Buch angelegt. Ein Mann, eine Straße, ein Tag."

Ein Buch wie eine mathematische Aufgabe. Es gibt Kritiker, die Don DeLillo vorwerfen, er sei eher ein Wissenschaftler als ein Schriftsteller. Viele sagen, er könne keinen Plot schreiben, manche sagen, er habe Schwierigkeiten mit dem Ende, einige sagen, er schreibe nur für Männer.

Er lese keine Kritiken, sagt DeLillo. Er glaubt auch nicht daran, dass ein Roman Antworten geben kann. In den Tagen nach dem 11. September, als sich alle Schriftsteller äußerten, schwieg DeLillo. Im Dezember veröffentlichte er einen Essay, in dem Sätze vorkamen wie "Die Bush-Regierung verspürte eine gewisse Sehnsucht nach dem Kalten Krieg. Das ist jetzt vorbei. Vieles ist jetzt vorbei."

Das kann viel heißen, aber mehr möchte er auch heute nicht sagen. Vielleicht spürt er, dass einem in solchen Zeiten jeder kritische Satz sofort weggenommen wird. Er glaubt, dass der Irak-Krieg eine viel archaischere Sache ist, als sie im Fernsehen dargestellt wird. "Er ist nicht mit dieser Hochtechnologie zu führen, wie sie uns am Anfang weismachen wollten", sagt er leise und schüttelt den Kopf, als ärgere er sich über sich selbst. "Wahrscheinlich wissen Sie mehr darüber als ich", sagt DeLillo.

Er will nicht klingen wie die Schriftsteller, die sich als Politiker aufführen. Nicht so selbstgewiss. Er sagt, dass er die Veränderungen in der Stadt spüre. Es gebe eine Aura der Katastrophe. Einer seiner berühmtesten Sätze stammt aus seinem Roman "Libra": "Geschichte ist die Gesamtsumme all der Dinge, die sie uns nicht sagen."

Es wird interessant sein, welche Prophezeiungen seine Leser einmal in diesem neuen Roman "Cosmopolis" finden werden. Im Internet feiern ihn seine Jünger als einen Propheten des Schreckens. Auf dem Umschlag von "Underworld", das 1997 erschien, sieht man die Türme des World Trade Center, ein dunkler Vogel fliegt vor ihnen. Und auch die "Washington Snipers" des vorigen Jahres scheint er schon in "Underworld" zu beschreiben. Dort treibt ein "Texas Highway Killer" sein Unwesen. Man sagt, er beschreibe die Zukunft.

DeLillo lächelt müde.

"Die Welt, die ich beschreibe, konstruiere ich nicht. Es ist eine Welt, die es gibt. Viele Menschen erkennen sie nur nicht. Ich erfinde nichts, es gibt all diese Menschen. Flugzeugentführer, Giftmischer, Amokläufer. Man kann sie sehen, wenn man hinschaut. Ich hab sie gesehen", sagt er.

Was sieht er dort draußen in dieser Welt jetzt, im Moment?

"Oh. Ich möchte das eigentlich nicht sagen. Wenn ich einen Roman schriebe, könnte ich das beantworten. Dann sehe ich Dinge. Aber ich schreibe im Moment keinen Roman."

Am Ende seines letzten Romans wartet ein Mann auf einen Schuss, der längst gefallen ist.

Es klingelt. DeLillo geht zur Tür, wo ein Postbote mit einem Paket wartet. DeLillo unterschreibt dafür, nimmt es in die Hand, tritt ein paar langsame Schritte auf die Straße und schaut interessiert in den grauen New Yorker Himmel.

* Don DeLillo: "Cosmopolis". Aus dem Englischen von Frank Heibert. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 208 Seiten; 16,90 Euro.

DER SPIEGEL 39/2003
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