22.09.2003

JOURNALISTENTorero und Weltenschlürfer

Fritz J. Raddatz, langjähriger Feuilletonchef der „Zeit“, beleidigt in seinen Memoiren allerlei Weggefährten. Mehr noch als sie aber hat an ihm gesündigt: Deutschland.
An einem Juni-Abend des Jahres 1993 genießt er im Fernsehen einen seiner "geliebten Tierfilme" und ist, "wie immer", schockiert von den Parallelen zwischen Tier- und Menschenreich: "Kampf ums Fressen, Ficken, Fortpflanzen, Sterben". Und die eigene Profession, das "Bücher-Schreiben"? Es ist, wie "Malen, Komponieren, Dome bauen", nichts als "das Gefiederputzen".
Der Hahn, der sich hier putzt, hat ein Gefieder von tropischer Buntheit und heißt Fritz J. Raddatz. Der so streitlustige wie umstrittene Autor von Romanen und Biografien war in den fünfziger Jahren Lektor beim Ost-Berliner Verlag Volk und Welt, in den Sechzigern Vize-Leiter des Reinbeker Rowohlt Verlags und von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der "Zeit". Soeben hat er sein 20. Buch publiziert: die, glaubt man der Verlagswerbung, "lange erwarteten" Memoiren mit dem Raddatz-typischen Gockeltitel: "Unruhestifter"**.
Damit stellt sich Literaturfex Raddatz, 72, laut Selbsteinschätzung "Torero und Stier zugleich", an seinen Lieblingsort: in die politische Arena. Er sieht sich als "Revoluzzer im Maßanzug", und eine schillernde Mischung aus aufregendem Dandy und anregendem Krachmacher ist er ja wirklich. Doch er ist auch der Prototyp des "engagierten Literaten", der alles Ästhetische an der politischen Moral und Wirkung misst - eine Art von Lichtgestalt, die spätestens seit 1990, als die blamable Verkennung des sozialistischen Menschenversuchs durch etliche "engagierte" Autoren offensichtlich wurde, arg verschattet ist. Warum wohl schreibt der intelligenteste Repräsentant dieser Art, Hans Magnus Enzensberger, heute Gedichte über Wolken?
"Ach, hieße man doch Hans Magnus und nicht Fritz ...", seufzt Raddatz in einem Bericht über ein internationales Autorentreffen in den sechziger Jahren. Da ahnt er wohl schon, was der ganze Erinnerungsband offenkundig macht: Die politische Omnikompetenz der Literatur ist ein auslaufendes Modell. Enzensberger hat daraus längst die Konsequenz gezogen. Raddatz weiß nicht so recht - und ist verbiestert.
Entsprechend wüst und wild gibt der Torero seinem Kampfross die Sporen und sticht in den Stier, heiße er nun Siegfried Unseld ("patziger Stiesel"), Gerd Bucerius ("kein eleganter Kopf"), Gräfin Dönhoff ("kalte Frau ... die ja wahrlich nicht schreiben kann", keine Heldin im Widerstand gegen Hitler), Henri Nannen ("Kleinbürger mit großem Portemonnaie"), Rudolf Augstein ("hat Erfolg und Ruhm nicht verkraftet") oder Helmut Schmidt ("pampigeisig"). In Wahrheit verletzt er, der die jetzt Gescholtenen alle einst umworben hat, sich dabei nur selbst.
Dass er dies ahnt und immer wieder auch das eigene Ego geißelt ("Fühle mich unbegabt"), spricht für ihn - und für dieses in jeder Hinsicht unverschämte, zuweilen hoch amüsante Bekenntnisbuch: siehe etwa die schräge Kultur-Rallye mit der "mondänen" Gabriele Henkel durch New York. Es ist ohne Zweifel das Beste, was dieser Autor je geschrieben hat.
Aber auch das Peinlichste. Etwa wenn Raddatz bekennen muss, sein Vater habe den zwölfjährigen Fritz zum Beischlaf mit der "überall rothaarigen" Stiefmutter gezwungen; wenn er sich an eine Bett-Nacht mit dem Tänzer Rudolf Nurejew erinnert ("makelloser Körper", "Sex pur"); wenn er die langjährige Beziehung zu einem holsteinischen Bauernsohn als "eine von Wahnglimmern überflackerte Liebe" bedichtet; wenn er mehr oder weniger lustvolle Puffbesuche und Champagnersausen mit Autoren und Verlegern schildert oder gar die eigene
Opferrolle - kein Lehrstuhl, Rausschmiss bei Rowohlt, Degradierung bei der "Zeit" - mit der angeblich von Wolf Biermann stammenden Bemerkung veredelt, diese Rolle belege "Antisemitismus ohne einen Juden".
Gewiss fällt für ihn unter diese Rubrik auch sein schlimmster "beruflicher Infarkt": jener "Zeit"-Artikel zur Buchmesse 1985, in dem er Goethe vom Frankfurter Bahnhof reden ließ (die erste deutsche Eisenbahn fuhr erst drei Jahre nach Goethes Tod) und dem Dichter auch noch das Habermas-Wort von der "neuen Unübersichtlichkeit" in den Mund schob.
Damals wurde er, der aus einer Satire der "Neuen Zürcher Zeitung" abgeschrieben hatte, zum "Pausenclown" (R. über R.) der deutschen Feuilletons. Er betrachtet diese Panne als "Lappalie", die "jedem passieren" könne. Die "Zeit" habe sie - und andere, frühere Schludrigkeiten - zum Anlass seiner Entthronung genommen, der wahre Grund aber habe tiefer gelegen.
Wie tief? Letzten Endes, so unterstellt er allen Ernstes, ist der Fall Raddatz ein Fall Deutschland. Die Bundesrepublik, schwadroniert er, ist zwar "als Staatsform eine Republik", aber nicht "ihrer inneren Verfasstheit" nach; sie habe die Nazi-Zeit "so wenig ,bewältigt'' wie die Weimarer Republik die Kaiserzeit". Und darum gelte: "Radikal-demokratische Inhalte sind hier nicht oder schwer zu leben." Und deshalb eben sei einer wie er bei Rowohlt ebenso gescheitert wie bei der "Zeit".
Da spricht kein anderer als der sattsam berüchtigte "Hochmutstrottel" (R. über R.). Auch das weltbekannte Faktenluder Raddatz schlägt wieder zu: Der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe heißt bei ihm "Öe", der Journalist Harald Wieser tritt als "Wiesner" auf, die Monroe wird mit der Taylor verwechselt, und nicht Gräfin Dönhoff, sondern die "Zeit"-Chefredaktion sprach, wenn ein Redakteur zu trösten war, von "Gesindepflege" - so stellte es "Zeit"-Zeuge Theo Sommer, Ex-Chef von Raddatz, vorletzte Woche in der Zeitung richtig.
Ein halbes Jahrhundert Literatenleben in Deutschland, jede Menge Autoren-, Verleger- und Kritikerklatsch lässt Raddatz Revue passieren - nur den alten Rivalen Marcel Reich-Ranicki findet er, der mit rund tausend Prominenten-Namen um sich wirft, nicht erwähnenswert, verpasst dem Anonymisierten aber den Tiefschlag "Literaturstalinist". Am Ende fragt er fast erschrocken: "Wer spricht hier? Wann ist Ich ein Ich?" Die Antwort gibt der vorletzte Satz: "Ein Weltenschlürfer des ungestillten Durstes". Na denn prost!
MATHIAS SCHREIBER
* Am vergangenen Donnerstag im Hamburger Literaturhaus; Raddatz überreichte dem Ex-Chef einen Kaktus. ** Fritz J. Raddatz: "Unruhestifter - Erinnerungen". Propyläen Verlag, München; 496 Seiten; 24 Euro.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 39/2003
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