29.09.2003

GEHEIMDIENSTESerienkiller ohne Leichen

Ein ehemaliger Funker der NVA soll im Auftrag der DDR-Führung rund zwei Dutzend Verräter liquidiert haben - doch die Beweislage gegen den angeblichen Mörder ist bislang dünn.
Es schien ein normaler Wochenanfang im idyllischen Yachthafen nördlich von Rheinsberg, als am vergangenen Montag gegen 8.30 Uhr ein adrett gekleideter junger Mann das Büro einer Bootsvermietung in der "Marina Wolfsbruch" betrat. Er suche den Besitzer des beigefarbenen Trabis draußen auf dem Parkplatz, sprach der Mann den Servicemitarbeiter Jürgen G., 53, an: "Gehört der Ihnen?"
Da sei ein kleines Malheur passiert, er habe den Trabi leider beim Ausparken gerammt. Ob Jürgen G. mal gucken könne?
Kaum hatten die beiden Männer das Gebäude verlassen, ging alles ganz schnell. Vermummte Spezialkräfte des Bundeskriminalamtes (BKA) warfen Jürgen G. auf den Boden, fesselten ihn und verbanden ihm mit Klebeband die Augen. Schwer bewaffnete Beamte sicherten den Rückzug, während ihre Kollegen Jürgen G. blitzartig in eine schwarze Audi-Limousine stießen, die mit quietschenden Reifen davonraste. Nach nur 30 Sekunden war der Mann auf dem Weg zum Haftrichter.
Die filmreife Aktion schien angesichts der Gefährlichkeit des Festgenommenen durchaus berechtigt: Der Charter-Mann aus der Mark Brandenburg soll, so steht es im Haftbefehl, ein Killer im Ruhestand sein, ein Auftragsmörder Ost-Berlins, der wie in James-Bond-Filmen einst die Feinde der DDR liquidierte.
Erstmals seit dem Fall der Mauer bewegen sich die Ermittler damit nicht nur im Bereich von Theorien und Mutmaßungen über Erich Mielkes geheimste Mannen, sondern verfolgen konkret einen Verdächtigen.
Mit noch unbekannten Kumpanen soll der einstige Volksarmist, ein gelernter Funker, zwischen 1976 und 1987 mindestens zwei Dutzend Mal als Todesengel des Sozialismus geschickt worden sein, angesetzt auf Verräter und solche, die mit Verrat drohten. Gleich 25 Morde legt die Bundesanwaltschaft ihm als Mitglied "eines im Staatsapparat der ehemaligen DDR angesiedelten Kommandos" zur Last, begangen in Ost wie West. G.s verstörter Freundin deutete ein BKA-Mann viel sagend an, dass man noch "fünf anderen" Killern auf der Spur sei.
Es wäre die wohl spektakulärste Enthüllung aus dem an Abgründen reichen Unterdrückungsapparat der DDR - wenn sie denn stimmt.
Hinweise auf den vermeintlichen Auftragsmörder gibt es bereits seit mindestens vier Jahren. Ein ehemaliger Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der heute als Journalist arbeitet, hatte sich bei den Ermittlern gemeldet. Jürgen G. habe ihm gegenüber seine tödliche Vergangenheit gestanden, berichtete der Rechercheur.
Ganz im Stillen lief eine aufwendige Operation an, die jetzt mit der Verhaftung in Kleinzerlang bei Rheinsberg endete. Einer der erfahrensten Ankläger der Bundesanwaltschaft übernahm den Fall, ein Richter genehmigte Observation und Telefonüberwachung. Sogar einen verdeckten Ermittler schleuste das BKA vor zwei Jahren an den Verdächtigen heran - der Beamte soll sich nach Angaben von G.s Anwältin als CIA-Mann ausgegeben haben, der einen erfahrenen Killer suchte. Jürgen G. erzählte dem vermeintlichen CIA-Agenten daraufhin so viele Details seiner angeblichen Karriere, dass es für einen Haftbefehl reichte.
In den siebziger Jahren, so G., hätten ihn seine Vorgesetzten angesprochen und gefragt, ob er nicht bereit sei, etwas mehr für den Sozialismus zu tun. Nach einer Ausbildung zum Einzelkämpfer und einem Lehrgang in lautlosem Töten seien die ersten Aufträge gekommen. Ein Oberst, vermutlich von der Hauptverwaltung Aufklärung, der Spionagetruppe des Markus Wolf, hätte die Befehle erteilt, zwei- bis dreimal im Jahr, zuletzt 1987. Er und seine Genossen hätten nur geschossen. Über ihre Opfer hätten sie praktisch nichts gewusst.
Mit diesen Erzählungen konfrontiert, stritt Jürgen G. vor dem Haftrichter alles ab: Er habe sich doch nur wichtig machen wollen. Seitdem schweigt er.
Bei Bundesanwaltschaft und BKA gelten die Ermittlungen als extrem schwierig. Vor allem, weil bislang nicht eine Leiche gefunden wurde, die zu der Mordtheorie passen will - und damit auch kein Fall, in dem dem mutmaßlichen Agenten eine Mordmission im Staatsauftrag nachgewiesen werden könnte. In der Regierung, die die Bundesanwaltschaft direkt nach der Festnahme informierte, kursieren deshalb Zweifel, ob der Fall nicht in die Kategorie gern kolportierter, aber nie bewiesener Stasi-Verbrechen gehört. Aber kann man sich wirklich vorstellen, dass Jürgen G. die ganze Geschichte nur erfunden hat?
Immerhin: Die Liste solch mysteriöser Todesfälle, in die die Stasi involviert gewesen sein soll, ist lang. Nach den ersten Meldungen über die Verhaftung von "Honeckers Killer" ("Bild") wurde eilig spekuliert, Jürgen G. sei womöglich an Uwe Barschels Tod in der Badewanne 1987 oder am Tod des 1983 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Fußballers und Republikflüchtlings Lutz Eigendorf beteiligt gewesen. Auch ein dubioser Fenstersturz eines Spitzendiplomaten der DDR in Bukarest geriet wieder ins Visier.
Die Beispiele sind zwar von Legenden umwoben, aber für die Bundesanwälte untauglich: Die Auftragsmörder, so hat es Jürgen G. erzählt, sollen ihrer Lizenz zum Töten ohne Ausnahme mit einer Neun-Millimeter-Makarow nachgekommen sein, der Standardwaffe der russischen Armee. "Wir haben einfach noch keine passenden Einschusslöcher gefunden", klagt ein frustrierter Fahnder.
Hinweise auf ein Kommando, das mit der Makarow operierte, konnten die Ermittler auch in jenen Fällen nicht feststellen, bei denen die Beteiligung der Stasi erwiesen ist - etwa bei dem Anschlag auf den Fluchthelfer Wolfgang Welsch, der 1981 mit vergifteten Buletten ermordet werden sollte. Welsch überlebte, ein Spitzel der Stasi, der die Klopse mit einem Rattengift versehen hatte, wurde 1994 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.
Auch die Täter, die den Antikommunisten Siegfried Schulze, der Sprengstoffanschläge gegen die Mauer verübt hatte, in einem Hausflur zu ermorden versuchten, sind identifiziert. Es waren von der Stasi angeworbene Gewohnheitsverbrecher.
Selbst die raren Details, die Jürgen G. dem verdeckten Ermittler anvertraute, sind bislang Spuren ins Nichts - wie etwa die angebliche Hinrichtung des früheren "Postministers" des Arbeiter-und-Bauern-Staats in Karlshorst. Jürgen G. soll Schmiere gestanden haben, als der tödliche Schuss fiel. Nur: Einen toten Postminister hat es nie gegeben. Inzwischen mutmaßen die Fahnder, vielleicht sei ja das Ende des früheren Finanzministers Siegfried Böhm gemeint, der mit einer Makarow erschossen wurde - aber von seiner Frau.
Auch die Stasi-Unterlagen-Behörde, seit Monaten auf der Suche nach Belegen, förderte kein Blatt Papier über das Kommando zu Tage. Die Fahnder halten allerdings für möglich, dass der Trupp direkt vom Zentralkomitee der SED gesteuert wurde. Wenn Jürgen G. denn der Mann für die "nassen Sachen" war, wie Liquidierungen im Geheimdienstjargon heißen, dann gehörte seine Existenz zu den am besten gehüteten Geheimnissen der DDR, getarnt durch einen unspektakulären Lebenslauf.
Nach Schule und Wehrdienst lernte der gebürtige Berliner Gas-Wasser-Installateur. Er heiratete zweimal, ist Vater von zwei Kindern. Anfang Juli 1979 machte G. den "volkseigenen Meister", arbeitete als leitender Klempner in verschiedenen VEBs. Im Februar 1988 wechselte er schließlich in das Bezirksamt Berlin-Treptow, war zuständig für die "Eingliederung kriminell gefährdeter Bürger" und Ausreiseanträge, später für Handel und Gastronomie.
Rätsel gibt den Ermittlern allerdings ein Zwischenspiel im DDR-Innenministerium auf, von 1977 bis 1979 - just zu jener Zeit also, als die Morde begonnen haben sollen. Merkwürdig ist auch, dass seine Meldekarte jahrelang gesperrt war - sehr ungewöhnlich für einen kleinen Verwaltungsangestellten und Installateur.
Im Monat der Deutschen Einheit, im Oktober 1990, schied G. dann aus dem Staatsdienst aus - er wolle wieder als Handwerker arbeiten, gab er an. Er zog in die Gegend von Rheinsberg; die Firma, bei der er angestellt war, ging 1997 Pleite. Nachbarn erinnern sich an einen Barkas-Transporter, mit dem G. danach als Handwerker durch die Mark fuhr. Zuletzt jobbte er im Naherholungsgebiet beim Bootsverleih. Stets freundlich sei der schlanke Mann mit der Brille gewesen, sagen Bekannte. Seine Wohnung durchsuchten BKA-Beamte vergangene Woche mit Spürhunden. Doch auch hier fanden die Staatsschützer keine Hinweise auf eine heimliche Karriere in einer der Undercover-Einheiten, die Mielke in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges hatte gründen lassen.
Ähnlich wie es die amerikanische CIA oder die westeuropäische Gladio-Organisation taten, ließ auch Mielke Pläne für Sabotage- und Terroraktionen auf gegnerischem Terrain ausarbeiten. "Wir wissen relativ umfassend, wer dafür ausgebildet wurde. Aber wir wissen wenig über konkrete Anschläge", sagt Thomas Auerbach von der Birthler-Behörde. In deren Archiv finden sich auch der Befehl Mielkes von 1963, eine geheime Sabotagetruppe zu gründen, sowie Berichte über die aus den verschiedenen MfS-Abteilungen rekrutierten Kader und deren Ausbildung. Bloß ein Hinweis auf G. oder auch nur auf ein tatsächlich entsandtes Kommando, dem G. hätte angehören können, fehlt.
GEORG MASCOLO, SVEN RÖBEL, HOLGER STARK
Von Georg Mascolo, Sven Röbel und Holger Stark

DER SPIEGEL 40/2003
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