29.09.2003

SOFTWAREDie Vertreibung des Schafs

Ein bayerischer Tüftler im Kampf mit der Musikindustrie: Oliver Kastl hebelt den Kopierschutz von CDs aus. Doch seit gut zwei Wochen ist seine Software illegal.
Der Weg zu dem Mann, der die Musikindustrie das Fürchten lehrte, führt vorbei am Kuhstall und dann am Maibaum gleich links zu einem Bauernhaus, in einer kleinen Vorortgemeinde südlich von München.
"Oliver Kastl", stellt er sich vor, "39 Jahre alt, Tendenz steigend." Er liebt derlei alberne Pointen. Schmunzelnd erzählt er die Geschichte, wie ein Computerprogramm, das er eher aus Jux und Langeweile zusammengeschrieben hat, jahrelang die Gemüter erhitzte und sich sogar Bundestag und Bundesrat mit der Problematik befassten: Es musste herhalten als einer der Gründe, warum das Urheberrechtsgesetz novelliert werden müsse.
Kastl selbst ist fast gänzlich unbekannt - ganz im Gegensatz zu seiner Software "CloneCD". Fast jeder, der sich mit Computern und MP3-Musik beschäftigt, kennt das Markenzeichen des Programms: ein dämlich grinsendes Schaf, wie von Kinderhand gekritzelt.
Das Logo ist eine Anspielung auf das Klonschaf Dolly. Denn CloneCD ermöglicht das Kopieren von CDs, die eigentlich nicht vervielfältigt werden können, weil sie von ihren Herstellern durch einen so genannten Kopierschutz verriegelt sind. Dadurch wollen die Plattenlabels von Popstars wie Madonna, Britney Spears oder Christina Aguilera verhindern, dass ihre Musik von den Kunden auf CD gebrannt oder in Tauschbörsen verteilt wird.
Doch das, was als Kopierschutz ausgegeben wird, ist technisch gesehen schlicht ein Datenfehler, der das Einlesen der Daten erschweren soll. Und das verwirrt mitunter auch die Abspielgeräte. Wer zum Beispiel die CD "Mensch" von Herbert Grönemeyer ins CD-Laufwerk eines PC steckt, bekommt mitunter eine Fehlermeldung, manchmal stürzt auch der Rechner ab. Und statt einer angemessenen Warnung finden die Kunden auf der CD einzig einen irreführenden Hinweis darauf, das "verwendete Verfahren" solle "eine höchstmögliche Abspielbarkeit" der CD sicherstellen. Das Gegenteil ist der Fall.
"Un-CD" werden die von der Industrie manipulierten Silberlinge daher von verärgerten Musikliebhabern genannt. Denn dem "Red Book"-Standard, der vor rund 20 Jahren mit der Einführung der CD festgelegt wurde, entsprechen sie nicht.
Nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Gerätehersteller sind die Un-CDs ein Ärgernis, denn auch sie müssen sich mit Beschwerden herumschlagen. In einer Kammer unter dem Dach von Kastls Bauernhaus stapeln sich schränkeweise CD-Laufwerke. Hardware-Hersteller aus aller Welt senden dem Heim-Programmierer unverlangt ihre neuesten Laufwerke zu, stets mit dem gleichen Anliegen: Er möge doch bitte ihre TreiberSoftware in die CloneCD-Software aufnehmen. Der Schafsmann aus Bayern ist eine Marktmacht geworden, durch eine Verkettung von Zufällen.
"Clone Attack!" steht auf seinem T-Shirt, dekoriert mit einer Armada aus Schafen, die vom Weltall aus auf CDs gen Erde surfen, eine Anspielung auf den Klamauk-Film "Mars Attacks!". Eigentlich wollte Kastl immer Regisseur werden.
In seiner Freizeit spielte er mit einem Amiga-Rechner herum und landete so einen Job als "Computeronkel" bei der Quiz-Show "Riskant". Weitere Highlights: Mitarbeit bei einer Maggi-Werbung, beim "Schwammerlkönig" und beim Musik-Clip für eine jugoslawische Combo.
Während Kastl so auf seinen Durchbruch wartete, schrieb er an einem Wochenende "CloneCD". Eigentlich ging es ihm nur darum, das Kopieren von CDs mit einem einzigen Laufwerk zu erleichtern. Dann führte die Musikindustrie im Sommer 2001 den Kopierschutz ein. Es war das Beste, was Kastl passieren konnte.
Denn er brauchte sein Programm gar nicht zu verändern; ganz von selbst bügelte CloneCD die von der Industrie heimlich eingebauten Datenfehler aus. Unvermittelt hatte Kastl damit das ideale Produkt für eine neue Zielgruppe in der Hand: für genervte Musikfreunde.
Schnell wurde Kastls Software zum Geheimtipp. Endlich konnte er es sich leisten, in einen der teuren Vororte Münchens umzuziehen. Das Bauernhaus wirkt allerdings immer noch wie eine WG: Während Frau und Tochter im Garten spielen, sitzen unter dem Dach die sechs Angestellten und kümmern sich um Entwicklung und Vertrieb.
Der Chef sitzt unten im Keller, weil es dort so schön dunkel ist, perfekt für sein liebevoll ausgebautes Heimkino mit Surround-Sound. Tagelang verbunkert sich Kastl hier unten, um Filme zu schauen und zu programmieren. Nun ist er doch noch beim Film gelandet, irgendwie: Er überträgt seine Erfahrungen aus dem Musikbereich auf den nächsten Riesenmarkt - Filme. "CloneDVD" heißt das Programm, seit Juni ist es auf dem Markt.
Der Kopierschutz ist unterdessen nicht nur unter Musikfans umstritten. In Frankreich wurde Anfang September gerichtlich bestätigt, dass Un-CDs als mangelhaft zu gelten haben und auf Wunsch umgetauscht werden müssen. Und in den USA traute sich die Industrie bislang kaum, ihren Kunden die fehlerhaften Scheiben unterzujubeln.
"Der so genannte Kopierschutz ist in Wirklichkeit gar keiner", klagt auch Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der TU Dresden. Er bewirke vielmehr genau das Gegenteil dessen, was er leisten solle: "Ehrliche Kunden, die ihre bezahlten CDs nicht abspielen können, schreckt er ab - und für Technikkenner ist er keine Hürde." Wer auch nur ein bisschen Ahnung habe, könne sich sogar Kopien ziehen, die durch die Fehlerkorrektur besser sind als das Original.
In Tausenden von Fällen berichten Leser der Computerzeitschrift "c't" über Fehlfunktionen kopiergeschützter CDs, täglich wird die Datenbank erweitert, abrufbar unter www.heise.de. Hier ist auch verzeichnet, welche Laufwerke die absichtlichen Fehler der Un-CDs umgehen.
Die Aushebelung des Kopierschutzes wurmt die Musikindustrie gewaltig. In jahrelanger Lobbyarbeit erreichte sie schließlich eine Novellierung des Urheberrechts zuerst in Brüssel, dann auch in Berlin. Vor gut zwei Wochen trat das Gesetz in Kraft.
Seither ist Kastls Programm illegal. Auf das gewerbsmäßige Anbieten von Programmen, die den Kopierschutz umgehen, stehen bis zu drei Jahre Haft. Andererseits aber haben die Privatnutzer weiterhin ein Anrecht auf Kopien zum privaten Gebrauch. "Hier wird versucht, die Fehler von unbrauchbarer Software auszubügeln durch ebenso unbrauchbare Gesetze", ärgert sich Informatiker Pfitzmann. Schon bald, prophezeit er, dürften sich die Gerichte einer Vielzahl neuer Streitfälle gegenübersehen: Immerhin gelingt es vielen Apple-Rechnern, den Kopierschutz einfach als Fehler zu erkennen und ihn auszubügeln. Macht der Rechner-Konzern sich mit seinen robusten Laufwerken bereits strafbar?
In den Wochen vor der endgültigen Absegnung der Novelle kletterte Kastls Umsatz auf nie erreichte Höhe. Bei Amazon.de belegte CloneCD zeitweilig Platz 11. Erst als das Gesetz unterschrieben war, stoppte Kastl den Verkauf seiner Software.
Erhältlich wird CloneCD trotzdem bleiben, nämlich über die Internet-Präsenz der Firma Slysoft. Die Server stehen auf der Karibikinsel Antigua, die vor allem mit laxen Gesetzen lockt - ein Drittel der hier gemeldeten Firmen zahlt keinerlei Steuern, auch Slysoft nicht. Statt mit einem Weidetier schmückt sich der neue Vertriebskanal mit einem grinsenden Fuchs. "Sly" ist Englisch und bedeutet so viel wie "gerissen".
Auch Filmfreunde werden über diese Internet-Adresse neuerdings mit Kastl-Programmen bedient: "AnyDVD" heißt sein neuestes Programm, welches den so genannten Regionalcode von DVD-Filmen aushebelt. Es erlaubt, auch auf europäischen DVD-Laufwerken asiatische oder amerikanische Filme abzuspielen.
Nun geht das Katz-und-Maus-Spiel in die nächste Runde: Seit vorvergangener Woche berät das Justizministerium über eine weitere Verschärfung des Urheberrechts mit einer zweiten Novelle.
HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 40/2003
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