06.10.2003

LEGENDENAlis letzter Sieg

Für ihn standen Menschen aller Kulturen mitten in der Nacht auf, bis heute ist Muhammad Ali ein Liebling der Menschheit. Er boxte wie kein anderer, er redete wie Osama Bin Laden, und jetzt kämpft der Parkinson-Kranke gegen Mächte, die stärker sind als er. Von Thomas Hüetlin
Der Rodeo Drive in Beverly Hills, Los Angeles, ist eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt - so teuer, dass sogar die Bürgersteige mit Marmor gepflastert sind.
Bei 28 Grad im Schatten stapfen die Leute an den Schaufenstern von Tiffany und Bulgari vorbei, getrennt nur durch die Farbe der Kreditkarten - in die Kaste jener, die wirklich shoppen, und jener, die ihnen dabei zuschauen dürfen.
Es ist kurz nach halb vier an einem Donnerstagnachmittag, als diese Apartheid des Turbokapitalismus zusammenbricht.
Schuld daran hat ein Mann, der sich für zwei Tage im "Beverly Wilshire"-Hotel einquartiert hat und jetzt einen Spaziergang unternimmt. Der Mann heißt Muhammad Ali, er trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd, und sein Gang wirkt, als hätte jemand die Gummisohlen seiner schwarzen Schuhe in Klebstoff getaucht.
Aber 20 Meter genügen. 20 Meter von Muhammad Ali reichen, um diese Show des Protzes auf den marmornen Bürgersteigen zu unterbrechen und ein Lächeln der Demut in die Gesichter der Menschen hüpfen zu lassen. Sie bleiben stehen, wollen ein Foto, ein Autogramm. Und sie wollen ihn umarmen.
Ein Mann namens Takakasi, Sushi-Chef aus Tokio, drückt sich an Alis Brust, sagt: "Für mich bist du der Champion - immer noch." Ein Mädchen mit einer Chanel-Tasche gibt Ali einen Kuss, sagt: "Ali, I love you." Ein Typ aus Ägypten greift Alis Hand, flüstert: "Allah sei mit dir." Und dann ist da noch Peter aus Detroit, Chef einer Putzkolonne. Peter trägt blaue Sandalen, blaue Shorts und hat die Figur eines Big Mac. Ali albert mit ihm herum. Hält, als Peters Frau auf den Auslöser drücken will, Peters weiße Faust auf seine braune Nase. "Nein", ruft Peter, "nein, Champ, tu das nicht. Ich will kein Foto, auf dem ich dich schlage, nicht einmal im Spaß. Ich will dich nur drücken."
Die Menge wächst weiter, die ersten Autos stoppen. Und Ali, der Mann, dem die Parkinson-Krankheit das Gesicht hat starr werden lassen wie eine Maske, was tut Ali? Er steht vor dem Laden von Ermenegildo Zegna und zaubert. Zaubert! Er hält den Zeigefinger vor den Mund, und als es still ist, dreht er sich um und hebt ab. Schwebt etwa vier Zentimeter über dem Boden. "Oh", wispern die Leute, als wollten sie Ali endgültig zum Heiligen ausrufen. "I tricked you", flüstert Ali, er hat sie reingelegt. Dann erklärt er sein Kunststück.
"Man darf die Leute unterhalten", sagt Ali später im Hotel, "aber niemals täuschen."
Peter aus Detroit wirkt auch Minuten nach Alis Auftritt, als wäre er von einer guten Fee verzaubert. "Damals, in den Sechzigern, haben viele Menschen Ali einen Angeber geschimpft, aber das war damals falsch und ist es noch heute. Denn Ali hat nie etwas versprochen, was er nicht halten konnte."
Der berühmteste Boxer aller Zeiten ist mehr als nur der berühmteste Boxer aller Zeiten - er wurde zu einem der meistfotografierten Menschen, zu einem Idol wie John F. Kennedy, wie Elvis Presley, Marilyn Monroe oder Ché Guevara.
Wenn er den Ring betrat, ging es um mehr als um Schläge. Da verteidigte einer mit seinen Fäusten den Idealismus der sechziger Jahre, da kämpfte einer gegen den Rassismus, gegen einen erbarmungslosen Krieg in Vietnam. Wenn Ali die Boxhandschuhe anzog, dann kämpfte jemand gegen die alte Ordnung; es kämpfte Arm gegen Reich, die Dritte Welt gegen die Erste, Gut gegen Böse, David gegen Goliath.
Ein Staatsmann wie Nelson Mandela - auch einer aus dem Dutzend der großen Menschen, die von Menschen aller Kontinente und Kulturen verehrt werden - schaut bis heute zu ihm auf: "Ali ist mein Held", sagt Mandela. "Muhammad Ali hat viele junge schwarze Menschen auf der ganzen Welt dazu gebracht, Erfolg danach zu beurteilen, ob es einem gelingt, die Unfairness des Lebens herauszufordern. Ich danke Muhammad Ali für die Kraft seines Charakters und die Kraft seiner Taten. Ich danke ihm für den Mut, den er mir gegeben hat."
Alis Leben ist ein großes Drama, ein Schauspiel von Sieg und Niederlage, von Hoffnung und Demütigung, von Widerstand und Triumph, und Muhammad Ali ist an diesem September-Tag nach Los Angeles gekommen, um sich dieses Drama anzuschauen.
Die amerikanischen Büros des Taschen Verlags liegen am Sunset Boulevard im ersten Stock. Eine enge Treppe mit einem blaugrauen Teppich führt hinauf. Ali ist immer noch ein breiter Mann, er füllt das Treppenhaus, aber er klettert diese 20 Stufen hinauf, als bewegte er sich auf einer Meereshöhe von 8000 Metern, als ginge er auf den Gipfel des Mount Everest. Er steigt langsam, aber ohne Pausen.
Da oben liegen 830 Seiten, die ihn als den feiern, der er immer sein wollte. Es ist kein Buch, es ist ein Monument aus Papier: 50 Zentimeter breit, 50 Zentimeter hoch, 29 Kilogramm schwer. Das größenwahnsinnigste Buch der Kulturgeschichte, das größte, schwerste und schillerndste Ding, das je gedruckt wurde, Alis letzter Sieg.
In fünfjähriger Arbeit hat der Kölner Verleger Benedikt Taschen, ein Ali-Fan seit mehr als 30 Jahren, die besten Fotos, Texte und Dokumente über Ali zusammengetragen. Zehn Millionen Euro habe er in "Greatest of All Time", kurz "G.O.A.T.", investiert, sagt Taschen. Immer wieder hat er mit Ali zusammengesessen, um das Buch zu entwerfen, zu formen, zu vollenden. Nun liegt hier der erste Andruck in einer textilbezogenen Schmuckkassette. Ali stützt sich auf einen frisch polierten Glastisch, vor ihm ausgebreitet sein Leben. Ali tritt einen Schritt zurück, seine Schultern fallen nach vorn, die Hände baumeln herab. Der Mann, der von sich sagt, er sei der Größte aller Zeiten, scheint überwältigt. Unzählige Bücher, TV-Dokumentationen, drei Hollywood-Filme haben sein Leben beleuchtet. Ali atmet ein, atmet aus. Sein Gesicht ist starr wie ein Eiswürfel, aber seine Augen leuchten. "Ich wusste nicht", sagt Ali, "dass ich so groß war."
Ali ist 61 Jahre alt, und seinen letzten Fight führt er nun gegen eine Krankheit, die ihm das nimmt, was ihn groß gemacht hat: seine Sprache und seine Athletik.
Parkinson ist grausam, ein Knockout, der Jahrzehnte dauern kann. Eine Nervenkrankheit, die den Körper in eine lebende Mumie verwandelt. Die Muskeln werden steif, es bleibt nur ein Zittern, das immer stärker wird. Der Fluch Parkinson macht Menschen klein und lahm, treibt sie in die Depression. Nicht Ali. "Es fällt mir schwer zu sprechen", flüstert er verzerrt, entschuldigend und röchelnd. "Keine Schmerzen, nur Parkinson."
Keine Schmerzen, nur Parkinson. Er braucht für diese vier Wörter eine halbe Minute.
Wie viele Rebellen war Ali kein Heiliger. Er war früher nicht dieser sanftmütige Teddybär, der das olympische Feuer in Atlanta mit zitternden Händen anzündete und Millionen zu Tränen rührte.
Ali war nicht Gandhi, er war nicht Martin Luther King. Er glaubte nicht daran, dass die Dinge besser werden, wenn ein schwarzer Mann einem weißen Mann die andere Wange hinhält.
Ja, es stimmt, Ali gehörte zur Sekte der "Nation of Islam", die in den Sechzigern lehrte, dass alle weißen Menschen Teufel sind und dass irgendwann der Tag der Vergeltung kommen wird. Dann, wenn Allah mit 1500 Flugzeugen aus dem All, gesteuert von schwarzen Piloten, die Erde bombardieren lässt und alle verbrennen außer den Gerechten.
Ja, es stimmt, dass Ali in den Siebzigern Dinge sagte, die Osama Bin Laden heute für eine seiner Videoansprachen verwenden könnte. "Amerika hat keine Zukunft", schimpfte Ali, "Amerika wird zerstört werden! Allah wird auf göttliche Weise Amerika kaputtmachen. Wenn Amerika die Schwarzen nicht endlich gerecht behandelt, dann wird es brennen." Das hat Ali gesagt. Aber er sagte es nicht in einer Höhle im Hindukusch, er sagte es im "Playboy".
Und, ja, es stimmt, Ali war nur ein Boxer, aber er war schlau genug, über die Ringseile blicken zu können: "Wir sind nur zwei Sklaven im Ring. Die Bosse holen zwei von uns alten schwarzen Sklaven und lassen uns kämpfen, während sie wetten: 'Mein Sklave kann deinen Sklaven verprügeln.'"
So redete er, als er noch boxte. Dann kam Parkinson und machte ihn leiser. Nicht mehr seine Fäuste und sein Großmaul bewunderten die Leute nun, sondern seinen urmenschlichen Trotz. "Er verprügelte Leute für seinen Lebensunterhalt", schreibt David Remnick, Chefredakteur des "New Yorker", "aber in seiner Lebensmitte wurde er nicht nur ein Symbol für Mut, sondern für Liebe, für Anständigkeit, sogar für eine Art von Weisheit."
Die Amerikaner lieben ihn, und auch die, die Amerika hassen, lieben ihn. Er ist der Botschafter seiner Nation, weil er für das steht, was die USA bewundernswert macht: Erfolg, Mut, Reichtum, Show. Und er steht gegen das, was die Leute den USA vorwerfen: Rassismus, Elend, Gewalt, Krieg. Er verkörpert den amerikanischen Traum, und er verkörpert den antiamerikanischen Einwand.
An diesem Morgen, im Büro über dem Sunset Boulevard, blättert sich Muhammad Ali zurück an den Anfang seiner Legende. Er sieht sich wieder in seinem ersten Cadillac, umringt von stolzen Kindern aus der Nachbarschaft. Auf Seite 50 stößt er auf ein Foto, aufgenommen im Fifth Street Gym in Miami, da war er 21 Jahre alt. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Cassius Clay, jenem Namen, auf den er getauft wurde. Er versprüht mitreißenden Optimismus. Ali schaut lange auf das Foto, seine Gesichtsmuskeln bleiben steif. Dann beginnt sein Oberkörper langsam hin- und herzuwiegen - wie ein Ei, kurz bevor das Wasser kocht. "Jemand hatte mir unmittelbar vorher einen Witz erzählt", murmelt er, "der Witz ging so: 'Auf der Rückbank eines Autos sitzen ein Puertoricaner, ein Chinese und ein Schwarzer. Wer sitzt am Steuer? Die Polizei.'"
Ali liegt schwer in seinem Stuhl, er lacht, sein Lachen klingt, als würde jemand versuchen, ein Schlauchboot aufzupumpen. Sein Freund und Berater Howard Bingham, der möchte, dass Ali immer so redet, als wollte er Botschafter bei der Uno werden, sagt: "Nein, Ali, das ist kein guter Witz." Aber Ali lacht still sein Schlauchboot-Lachen.
Ein anderes Foto zeigt Ali und den radikalen Prediger Malcolm X. "Er", sagt Ali, "hat mein Leben verändert." Und dann beginnt etwas, das fast so rhythmisch klingt wie ein Rap: "Clay ist der Name eines weißen Mannes. Du hörst Ching, und du weißt, der Mann ist Chinese. Du hörst Lumumba, afrikanisch. Goldberg, jüdisch. Ein paar Schwarze heißen George Washington. Der Name eines weißen Mannes. Muhammad Ali ist mein wahrer Name."
Als er noch Cassius Clay war, hatte er Energie und sonst nichts. Den Rest, einen Namen, eine Religion, eine Identität - seine Freiheit - musste er sich erkämpfen.
Auf der Veranda seines Vaters Cassius Sr. in Louisville (Kentucky) saßen manchmal 50 Jungs herum. Er unterhielt sie alle.
Er war fünf Jahre alt, als er seinen Vater fragte: "Der Mann im Lebensmittelgeschäft - weiß. Der Mann in der Apotheke - weiß. Der Busfahrer - weiß. Warum kann ich nicht reich sein?" Der Vater deutete auf seine dunklen Hände und sagte: "Deshalb."
In Büchern über die Clays heißt es, sie hätten zur schwarzen Mittelklasse gehört. Konkret bedeutete das: Die Mutter durfte die Toiletten der Weißen putzen. Der Vater träumte davon, große Gemälde für die Stadt zu malen. Er galt als talentiert, bekam aber nie einen Auftrag. Stattdessen betrank er sich nachts, hielt große Reden, sagte, er sei ein arabischer Scheich oder ein indischer Adliger, malte tagsüber Schilder für Läden wie "King Carl's Three Rooms of New Furniture". Der Sohn Cassius wollte nicht so werden wie er.
Clay war ein Unterhalter. Wenn es Streit gab, dann löste er ihn durch einen Scherz. Aber als sein neues, rot-weiß gestreiftes Fahrrad gestohlen wurde, er war zwölf, lief er zur Polizei, verlangte eine Suchaktion, landesweit - und außerdem drohte er dem Dieb schreckliche Prügel an.
"Weißt du denn, wie man boxt?", fragte ihn der Polizist namens Joe Martin.
"Nein", sagte Cassius, "aber ich werde trotzdem kämpfen."
Martin, in seiner Freizeit ein Boxtrainer, sagte dem Jungen, er solle bald mal im Gym vorbeikommen. Der Junge hatte die schnellsten Beine, Augen und Reflexe, die Martin je gesehen hatte. Und der Junge blieb cool, wenn es gefährlich wurde. Außerdem hatte er Disziplin. Er begann zu rennen. Um 5 Uhr morgens zum ersten Mal, dann gegen 8.30 Uhr die 20 Stationen neben dem Schulbus her. Er rannte auch noch, wenn er mal ein Mädchen nach Hause brachte. "Runnin' the girl home" nannte er das. Abends hatte er keine Zeit. Er war im Gym - bis Mitternacht. Als ihn ein Lehrer zum Football einlud, war er entsetzt: "Da kann man sich wehtun", sagte er und lehnte ab.
Auf seiner Reise durch das Buch ist Ali bei den Bildern, die ihn als jungen Boxer zeigen. Athletisch, schön, tänzelnd. Es ist 11.30 Uhr am Vormittag im Taschen Verlag und schon sehr heiß. Ali, von dem es heißt, dass es ihm morgens viel besser gehe als abends, sackt tiefer in seinen Sessel, die Augen geschlossen. Und dann beginnt Alis Körper zu beben. Es ist kein Zittern, sondern ein Beben. Es beginnt im rechten Arm, zieht hinunter in das rechte Bein, erfasst die gesamte rechte Seite und schüttelt Ali hin und her, wie eine Boje, wenn Wind aufkommt.
Es gibt Leute wie Alis früheren Arzt Ferdie Pacheco, die sagen, Parkinson komme von den vielen Schlägen, die Ali im Laufe seiner gut 30-jährigen Laufbahn eingesteckt habe.
Und es gibt Leute, wie sein treuer Begleiter Howard Bingham, die behaupten, auch Michael J. Fox habe Parkinson und nie in seinem Leben auch nur einen Boxhandschuh angehabt. "Es konnte früher vorkommen, dass Ali plötzlich fragte, welchen Monat haben wir eigentlich? Damals lachten alle. Heute schauen sie betreten", sagt Bingham. Ali habe schon immer in einer anderen Welt gelebt. Er habe geredet und geredet, und dann sei er plötzlich eingeschlafen, wie ein erschöpftes Kind. Früher waren die Leute begeistert, weil sie dies für einen Teil von Alis Exzentrik hielten. Heute schauen sie betroffen und murmeln: "Parkinson."
"Ich habe nicht vor, das Boxen mit ein paar hässlichen Souvenirs zu beenden", sagte Ali früher. "Ich will nicht aussteigen mit Schnitten im Gesicht, zerfransten Ohren und einer platt geschlagenen Nase. Es wird mir gelingen, denn mein Boxstil schützt mich vor Verletzungen."
Drei Jahrzehnte lang musste Ali Hiebe einstecken. Hiebe, die manchmal so stark waren, sagt Joe Frazier, der große Gegner Alis, "dass man damit hätte Stadtmauern einreißen können".
Trotz seiner 61 Jahre ist Alis Haut immer noch glatt wie die einer Aubergine. Das Zittern hat aufgehört. Ali sieht ein Foto aus dem Jahr 1971. Er trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, er wirkt sehr glamourös.
"Sie sehen aus wie der Hollywood-Schauspieler Sidney Poitier", sagt einer im Raum.
Ali schüttelt den Kopf, langsam. "Nein", sagt er. "Prettier" - hübscher.
Jetzt lächelt er, seine Augenlider heben sich. "Und bin ich nicht immer noch hübsch?"
Er war 18, da gewann er die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rom, und das Gefährlichste an diesen Kämpfen war für ihn der Hinflug. Er kniete im Gang der Maschine, stundenlang, und betete, mit einem selbst gekauften Fallschirm auf dem Rücken. Clay hatte Angst vorm Fliegen.
Nach dem Sieg nahm er seine Medaille nicht mehr ab. Rannte im olympischen Dorf herum und redete. Redete so viel, dass ihn die anderen zum "Bürgermeister" ernannten. Wieder zu Hause, wurde er mit einer Kolonne von 25 Autos abgeholt. Aber als er, die Medaille immer noch um den Hals, einen Hamburger-Laden betrat und ein Glas Saft bestellte, hörte er: "Nur für Weiße."
Unter solchen Umständen muss man es wahrscheinlich als großes Glück bezeichnen, dass sich ein Komitee aus Pferdezüchtern und anderen weißen Provinzkapitalisten bereit fand, ihn zu mieten wie einen Preisbullen. So fiel er wenigstens nicht in die Hände der Mafia.
Boxen in Amerika, in einem Land, dem die Ausbeutung von Sklaven zu Reichtum verholfen hatte, war stets mehr als bloß der Schlagabtausch von zwei Männern vor einem Publikum, das Blut sehen wollte. Boxen war eine Metapher für den Kampf Schwarz gegen Weiß, für das Auflehnen gegen die Unterdrücker. Boxen war ein Funken Wahrheit in einem Staat der Lügen, und Ali sah in Jack Johnson den Schwarzen, dem er es nachmachen wollte. Johnson hatte am 4. Juli 1910 den weißen Weltmeister Jim Jeffries geschlagen, einen Boxer, der beweisen wollte, "dass der weiße Mann besser ist als der Neger".
Jack Johnson siegte - für die meisten weißen Zuschauer ein unerträgliches Spektakel. Sie schrien: "Kill the nigger", und als das nicht half, kam es im ganzen Land zu Unruhen, so gewalttätig, wie erst wieder in den sechziger Jahren.
Statt nach dem Sieg in der Versenkung zu verschwinden, setzte Johnson mit seinem Lebensstil ein Ausrufezeichen hinter seinen Triumph. Johnson hatte Sex mit weißen Frauen, er fuhr riesige Autos, und er wickelte beim Training seinen Penis in Mullbinden, damit sich die engen Shorts wölbten. Weil das Zähmen der Bestie im Ring misslungen war, musste nun das Strafgesetz her, sie erwischten ihn mit einer Prostituierten. Johnson musste flüchten - erst nach Kanada, dann nach Europa.
Die Lektion wirkte. Über Jahrzehnte wagte sich kein schwarzer Champion mehr so aufzutreten wie Johnson. Wenn es schon unvermeidlich war, dass einer von den Baumwollfeldern triumphierte, dann bitte wie Joe Louis: leise und bescheiden, genau so, wie sich ein rassistisches Land einen Schwarzen wünschte.
Johnson war vergessen - bis Clay kam: "Ich fing an, Jack Johnsons Image zu mögen. Ich wollte rau, tough und arrogant sein. Der Nigger, den die Weißen nicht mochten."
Ali hatte genug. Er wollte nicht länger mit einer Goldmedaille um den Hals um ein Glas Saft betteln. Er wollte den Weißen auf den Nerven herumtrampeln. Er wollte die große Show, und nicht nur ein paar Runden lang. "Wo glauben Sie, wäre ich nächste Woche, wenn ich nicht wüsste, wie man Rabatz macht und die Leute dazu zwingt, einen zur Kenntnis zu nehmen? Ich wäre wieder ein armer Mann, unten in Louisville, meiner Heimat, ich würde Fenster putzen oder einen Fahrstuhl führen und sagen 'Yes, Sir' und 'No, Sir'."
Ali war nicht der erste Boxer, der Worte wie Waffen benutzte, aber er war schneller und lustiger als alle zuvor. "The Louisville Lip" wurde sein Spitzname, er war der erste Rapper.
Ali kann diese sprachlichen Pirouetten noch denken, aber sie finden nicht mehr aus seinem Mund. Früher, vor Parkinson, unterhielt Ali, das Improvisationsgenie, Journalisten auf Pressekonferenzen ebenso mit Geschichten wie Hausfrauen im Supermarkt mit selbst geschriebenen Gedichten und Imitationen. Heute ist für ihn jedes Wort eine Leistung und jeder Satz eine Qual.
Auch an diesem Morgen in Los Angeles ist es mit Alis Sprache wie mit einem alten Feuerzeug, das nach vielen Versuchen noch manchmal eine Flamme hergibt, aber eine kurze.
Was fand er, der so viele Leute zum Lachen brachte, lustig als Kind? Schwer hebt sich Alis Brust unter seinem schwarzen Hemd. Dann keucht er: "Schwarze Menschen, die Gespenster sahen und davonrannten ..."
Keuchen.
"... und Haare hatten, die zu Berge standen, wie die von Don King, und so schnell rannten, dass sie davonfliegen wollten ..."
Keuchen.
"... und rannten, bis sie stehen blieben und sagten: 'Ich bin müde', und der Geist blieb ebenfalls stehen, lachte und sagte: 'Ich bin auch müde.'"
Haben Sie Angst vor einem Gegner gehabt?
"Sonny Liston. Er schlägt hart."
Wie haben Sie Ihre Furcht besiegt?
"Gar nicht. Du musst Furcht haben. Mit Furcht kämpfst du besser. Furcht ist eine gute Sache - manchmal."
Gibt es einen Gegner, dem Sie Angst eingejagt haben?
Keuchen. Dann schweigt er.
"Gibt es einen Gegner, den Sie beleidigt haben und bei dem Sie sich entschuldigen müssten, zum Beispiel bei Joe Frazier, den Sie mal einen Gorilla genannt haben?"
Keuchen. Alis Augen öffnen sich halb.
"Ich entschuldige mich bei niemandem."
Die meisten Journalisten haben ihn für seine große Klappe gehasst. Aber sie waren sich sicher, dass ihn jemand zum Schweigen bringen würde.
Sonny Liston sollte so einer sein. In den Kampf am 25. Februar 1965 ging er wie eine Art Auftragskiller. Liston war ein Ex-Sträfling. Ali verhöhnte ihn als "Big, ugly bear", als großen, hässlichen Bären, und weil er Liston das persönlich sagen wollte, setzte er sich in seinen 30-Sitzer-Bus und hielt schließlich vor Listons Haus in Denver, morgens um drei Uhr. Der Champion öffnete die Tür in kurzen Pyjamahosen.
"Was willst du, schwarzer Motherfucker?", fragte Liston.
"Dich verprügeln, jetzt", antwortete Cassius Clay. Liston schlug nicht. Er hatte schon genug Ärger mit seinen Vorstrafen.
"All night, all night, float like a butterfly, sting like a bee, rumble, young man, rumble." Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene. Kämpfe, Junge, kämpfe, rief Drew "Bundini" Brown, eine Art moderner Medizinmann aus Clays Ecke. Zwei Tage später, abends um 22 Uhr, der Kampf begann. In den ersten beiden Runden tanzte Ali um Liston herum, ohne schlimm getroffen zu werden. Dann schlug Clay zu. Liston blutete unter dem linken Auge und aus der Nase.
Nach der dritten Runde gab Liston den Befehl, seine Handschuhe mit einem säurehaltigen Lösungsmittel einzureiben. Clays Augen begannen zu brennen, er geriet in Panik, schrie: "Ich kann nichts sehen, zieht mir die Handschuhe aus."
Der Gong rettete ihn. In der Pause spülte sein Trainer die Augen mit klarem Wasser aus. Clay kam zurück, und kurz bevor der Gong die sechste Runde beendete, schlug er ein paar linke Haken. Liston blieb stehen, dann taumelte er langsam zu seinem Hocker. "That's it", sagte er, als er sich hinsetzte. Seine Betreuer dachten: Endlich, jetzt wird er das Großmaul richtig verprügeln.
Aber Liston saß nur da mit glasigen Augen.
"That's it."
Dann spuckte er den Mundschutz aus. Er hatte aufgegeben.
Es ist heiß im Büro des Taschen Verlags über dem Sunset Boulevard. Alle trinken Wasser aus kleinen Plastikflaschen. Nur Ali nicht. Seine Hände zittern zu stark. Ali dämmert in seinem Sessel. Schaut auf dieses Foto. Seite 208. Das Foto von Liston auf seinem roten Hocker. Ali hebt den Kopf, so, als hätte ein Wecker geklingelt, und schlägt mit der Faust auf das Foto. Bumm. Dann flüstert er: "He was no fool, he stayed on the stool." Er war kein Narr, er blieb auf dem Stuhl. Dann schließt Ali die Augen. Es folgen Schnarchgeräusche. Dann das Gebrüll eines Löwen. "Tricked you."
Vor 39 Jahren, als Liston in seiner Ecke sitzen blieb, hüpfte Ali wie ein kleines Mädchen durch den Ring. "Ich bin der König", schrie er. "Ich bin der König! Der König der Welt!"
"Es schien kein großer Schritt zu sein, dass ein Kämpfer das Boxgeschäft zum Showbusiness ausbaute", schrieb Tom Wolfe. "Aber verdammt wenige vor Cassius Clay taten es." Als Popstar wurde Ali schnell zu einer großen Figur der Swinging Sixties, es war eine neue Welt, die Leuten wie Liston zusetzten. "Sind das die Motherfucker, wegen der all die (jungen) Leute schreien?", hatte Liston über die Beatles gesagt. "Mein Hund kann besser Schlagzeug spielen als dieses Kind mit der großen Nase."
Die alte Ordnung, sie stand noch, aber mit dem Knockout ihres Auftragkillers Liston hatte sie die ersten Risse bekommen.
Das Establishment lief Amok, als Clay, jetzt Weltmeister, sich von der alten Ordnung lossagte. Als er seinen Namen änderte und seine Religion, als er sich weigerte, noch eine Minute länger auf ein Glas Saft zu warten, als er 400 Jahre Sklaverei in die Mülltonne der Geschichte stopfte.
Er war jetzt Muslim, gehörte zur Nation of Islam. Diese Sekte war ein Haufen von paranoiden, machtbesessenen Spinnern, die es auf Clays Geld abgesehen hatten und auf seinen Ruhm. Aber für Clay funktionierte der Deal. Er bekam einen neuen Namen und eine Identität. Ali wollte sich nicht mit den Weißen einigen, er wollte einen schwarzen Staat. "I am black and I am beautiful", sagte Ali.
Heute ist er ein friedlicher Muslim. Allah und Parkinson sind seine letzten Herren, aber Allah ist stärker. Er ist heute um fünf Uhr aufgestanden, hat gebetet, das erste von fünf Gebeten am Tag. Jetzt, bald acht Stunden später, ist er müde. "Allah", murmelt Ali, "hat mir diese Krankheit auferlegt - als Prüfung. Allah hat mich oft getestet in meinem Leben. Parkinson ist der letzte Test."
Denken Sie über den Tod nach?
"Jedes Gebet ist eine Meditation über den Tod. Man bittet um Vergebung."
Früher sagten Sie, dass Gott ursprünglich schwarz gewesen sei und die Weißen seine Hautfarbe gefälscht hätten, um die Schwarzen zu versklaven. Glauben Sie immer noch, dass Allah schwarz ist?
"Gott hat keine Hautfarbe, er hat keine Haut. Gott isst nicht, und er geht nicht aufs Klo. Gott hat die Erde gemacht und die Sonne, alle Planeten. Es gibt kein Wort, das groß genug ist, Gott zu beschreiben. Aber Gott weiß alles, über jeden von uns. Deshalb müssen wir Gutes tun."
Etwas weiter hinten im Zimmer über dem Sunset Boulevard steht ein schwarzer Mann in einem dunklen Anzug. Er ist sehr kräftig, heißt Jay und ist der amerikanische Verkaufsleiter von Taschen.
Ali schaut mit halb geöffneten Augen hinüber zu ihm und sagt: "Junge, du erinnerst mich an Liston, genauso groß, genauso stark. Ich bin nicht sicher, ob ich dich mag."
Jay lächelt ein wenig. Er ist verlegen.
"Junge, betest du jeden Tag?", fragt Ali.
Jay bejaht.
"Warum betest du?"
"Damit ich hier ein besseres Leben habe und hinterher auch."
Ali lacht. Dann kommt sein Klassiker.
"Der Kerl ist gar nicht so dumm, wie er aussieht."
Als Ali noch redete wie Osama Bin Laden, klebten ihm die Diener der alten Ordnung Wanzen unter sein Bett und in sein Trainingslager. Und Ali schlug im Ring zurück. Ernie Terrell, ein braver, schwarzer Christ, hatte den Fehler begangen, Ali nicht mit seinem neuen Namen anzusprechen, sondern mit seinem alten. "What's my name? What's my name?", fragte Ali bei jedem Schlag, den er Terrell in das verzweifelte Gesicht drückte. Und als klar war, dass es im Ring und außerhalb des Rings niemanden gab, der den erklärten Staatsfeind zu Fall bringen konnte, kam die alte Ordnung mit einem neuen Trick.
Ali saß in einem Plastikstuhl vor seinem kleinen Haus in Miami, als das Telefon klingelte. Er sei 1A hieß es, also voll tauglich, das war das Top-Musterungsergebnis. Zwei Jahre vorher, 1964, war er ausgemustert worden, wegen mangelnder Intelligenz. Nun sollte er nach Vietnam. Gleich danach rief einer von der Zeitung an. Und Ali sagte diesen Satz, der zum wichtigsten Ausspruch seines Lebens wurde.
"Man", sagte Ali, "I ain't got no quarrel with them Vietcong." - Mann, ich habe keinen Ärger mit den Vietcong.
Das war's. Das amerikanische Establishment schrie auf. "Cassius macht sich genauso lächerlich wie die ungewaschenen Bengel, die gegen den Krieg demonstrieren", schrieb ein Kolumnist namens Red Smith. Er war noch der Netteste. "Verräter", "Idiot" brüllten andere. Es war, als wäre Jack Johnson, der schwarze Provokateur des Boxrings, wiederauferstanden und hätte mit seinem riesigen schwarzen Penis auf die gesamte amerikanische Armee gepinkelt.
Sie boten Ali einen Kompromiss an. Er sollte zur Armee und in Vietnam Schaukämpfe boxen. Aber sie waren an den Falschen geraten. Ali war nicht Elvis, den man mit einem Bananenmus-Sandwich und einer Blondine befrieden konnte. Ali wusste nicht genau, wo Vietnam lag, aber er war sich sicher, dass er dort nichts verloren hatte. "Warum soll ich 10 000 Meilen weit weg von hier Bomben und Kugeln auf Menschen mit brauner Haut in Vietnam werfen, während die so genannten 'Neger'-Menschen in Louisville wie Hunde behandelt werden. Ich habe nichts zu befürchten, wenn ich aufstehe und meinem Glauben folge. Wir waren 400 Jahre lang im Gefängnis."
Die Antwort war die Höchststrafe: fünf Jahre Gefängnis plus eine Geldbuße von 10 000 Dollar. Dazu nahm ihm die New York State Athletic Boxing Commission den Weltmeistertitel. Ali war 25 alt, auf dem Höhepunkt seiner Kraft und Karriere, und er war arbeitslos. Er mag Angst und Zweifel um seine Zukunft gehabt haben, aber er zeigte sie nicht. "Fegt schon mal eine Zelle aus", sagte er.
Gegen eine Kaution von 5000 Dollar blieb Ali frei, aber es war eine bescheidene Freiheit. Er lebte in einem kleinen Haus der South Side von Chicago. Er sagte, dass seine Frau eine gute Köchin sei, sie könnten auch für drei Dollar am Tag essen. Er bekam 500 Dollar für Vorträge in Universitäten; in den Lebensmittelläden, Wäschereien und Schönheitssalons der South Side tat er es gratis. Er sagte, er sei bereit, ein Priester Allahs zu werden. So redete er, aber er wollte natürlich wieder in den Ring, zurück ins Scheinwerferlicht, auf die ganz große Bühne.
Nach dreieinhalb Jahren war es so weit. Am 26. Oktober 1970 stieg Ali in Atlanta wieder durch die Seile. Sein Gegner Jerry Quarry, ein Weißer, der früher für 99 Dollar die Woche die Reifen von Greyhound-Bussen wechselte, hatte keine Chance. Ali war wieder da, und er besiegte nicht nur Jerry Quarry an diesem Abend, sondern all die, die ihn wegsperren wollten. John F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King, Malcolm X, sie alle hatten ihren Einsatz für mehr Gerechtigkeit in einem ungerechten Land mit dem Leben bezahlt. Ali hatte überlebt. Ohne einen einzigen Bodyguard. "Ich brauche keine Männer, die mich mit Waffen bewachen", sagte er. "Gott ist mein Bodyguard. Allah passt auf mich auf. Ein Mann, der Angst hat, lebt nicht." Ali wurde zum Helden des neuen Amerika. Obwohl er im Ring nie mehr so tanzte wie vorher.
Das Alter hatte ihm die Schnelligkeit geraubt. Er hatte, wie man in der Ringsprache sagt, "seine Beine verloren". Er lernte einzustecken. Ken Norton brach ihm den Unterkiefer, Joe Frazier verprügelte ihn fürchterlich. Aber nach sieben Jahren durfte Ali wieder antreten in einem Kampf um jene Krone, die ihm ein paar Bürokraten gestohlen hatten.
Der Gegner hieß George Foreman, er war sieben Jahre jünger als Ali, und er galt als unbesiegbar.
Er war eine motorisierte Version von Sonny Liston. Seine Schläge klangen, schrieb Norman Mailer, als würde jemand mit einem "Baseballschläger auf eine Wassermelone dreschen". In seinen 40 Kämpfen hatte Foreman seine Gegner 37-mal ausgeknockt.
Schauplatz des Kampfes war Kinshasa, Zaire, Afrika. Die Kampfbörse von zehn Millionen Dollar hatte kein amerikanischer Veranstalter finanzieren können, also stellte der afrikanische Diktator Mobutu das Geld zur Verfügung. Er wollte zeigen, was für ein fortschrittliches Land Zaire sei.
Natürlich ging Ali diesen Kampf politisch an. "Mein ganzes Leben wollte ich zurück nach Afrika, wo 22 Millionen Menschen aus ihren Häusern gekidnappt wurden", hatte er vor Jahren gesagt. Ali, der Rächer der Sklaven. Ali joggte im Morgengrauen an den Hütten vorbei, wo die Leute altarähnliche Bilder von ihm malten. Bald schallte der Schlachtruf "Ali Bomaye" durch den Kongo - Ali, töte ihn. Foreman stieg mit roten Hosen und blauem Bund in den Ring, den Farben der amerikanischen Flagge. Ali trug einen weißen afrikanischen Umhang. Er blickte Foreman in die Augen und sagte: "Du hast von mir gehört, seit du noch klein warst. Du hast mich verfolgt, seit du ein Junge warst. Jetzt musst du mir begegnen, deinem Meister."
29 Jahre später, bei seinem Marsch durchs Leben, im Zimmer über dem Sunset Boulevard, muss Ali um jedes Wort kämpfen, aber plötzlich steht er auf. Wenn er schon nicht über einen seiner wichtigsten Fights sprechen kann, dann will er ihn wenigstens nachspielen. Er trippelt rückwärts zurück in die Ecke des Raumes und ballt seine Hände. Sie sind erstaunlich klein. Wie auf einem Förderband gleitet er aus seiner Ecke, und wenn seine Fäuste durch die Luft segeln, zischt es immer noch. Nur dass er in diesem Augenblick nicht Ali in Kinshasa ist, sondern Foreman. "The mummy", flüstert Ali, "die Mumie", so habe er ihn genannt. "Er boxte steif, als hätte er Plattfüße."
Damals, nach einer brillanten ersten Runde, hängte Ali sich in die Seile wie ein Bergsteiger, der in einen furchtbaren Sturm gekommen ist. Foreman prügelte auf ihn ein und wurde müde. Und dann, in der achten Runde, erwischte ihn Ali mit einem linken Haken und einem rechten Cross. Foreman guckte überrascht, als er am Boden lag. Es sollte 17 Jahre dauern, bis er es wieder wagte, um den Titel zu kämpfen.
Ali war jetzt nicht nur der Boxer, der den stärksten Mann der Welt besiegt hatte. Er hatte den Rassismus herausgefordert und die Army, er war gegen den Krieg angetreten und gegen das weiße Establishment und hatte alle Schlachten gewonnen.
Danach geschah das Undenkbare. Präsident Gerald Ford lud Ali ins Weiße Haus ein. "Es war ein großer Fehler, mich hierher kommen zu lassen", scherzte Ali, "weil ich jetzt Ihren Job haben will."
Warum hat er nicht aufgehört damals, auf dem Höhepunkt? Er hat sich die Frage damals nicht gestellt, und heute will er sie nicht beantworten. Sein Kopf kippt zur Seite, der Mund öffnet sich. Schnarchgeräusche. Ali stellt sich schlafend. Dann blinzeln seine schweren Augenlider. Es ist die Frage, mit der man ihn am meisten genervt hat in den vergangenen 30 Jahren. Alis rechter Mundwinkel hebt sich ein klein wenig zu einem spöttischen Grinsen. "Warum wollen Sie das wissen?"
Ali musste eine Menge Schläge einstecken, als er älter wurde. In der ersten Phase seiner Karriere, bis zum Jahr 1964 etwa, stand er durchschnittlich 5.5 Runden pro Kampf im Ring. In der zweiten Phase, zu Foremans Zeiten in Zaire, waren es 9.9 Runden. In der dritten Phase, von 1975 bis 1981, musste er 12.6 Runden pro Kampf durchstehen. Die dritte Phase war eine Art Selbstmord auf Raten. "Warum haben Sie sich das angetan?"
Ali deutet auf das Buch, das auf dem Glastisch liegt. Dort steht, am Anfang, auf großen Doppelseiten, dass Ali nie genug kriegen konnte von der Liebe jener Leute, die ihn bewunderten.
"Ich will, dass die Menschen mich in Erinnerung behalten als einen schwarzen Mann, der den Schwergewichtstitel gewann, der Humor hatte und der versuchte, jeden gut zu behandeln. Als ein Mann, der nie auf die herunterschaute, die zu ihm hochschauten, und der so vielen seiner Leute half, wie er nur konnte - finanziell, aber auch in ihrem Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit."
Damals, nach dem Kampf gegen Foreman, blieb er die ganze Nacht wach. Im Morgengrauen empfing er Delegationen afrikanischer Stämme.
"Sie brachten ihm mehr als nur Verehrung entgegen", schreibt Norman Mailer, der dabei war, "er war Gott. Und er sprach sehr einfach an diesem Tag und sehr schön. Er sagte: 'Afro-Amerikaner in Amerika sind nicht so gut wie ihr. Einige von uns haben mehr Geld als ihr, aber ihr habt eine Würde in eurer Armut, die wir nicht haben. Wir haben verloren, was ihr noch habt, und ihr müsst es behalten.' Und ich dachte: Mein Gott, dieser Mann ist auch noch ein politischer Führer."
Er war es, aber ohne Parlament und Parteiapparat und festgeschriebenem Programm. Alis Regierungssitz blieb der Ring, er war jetzt ein Botschafter für alle, die in ihm ihren Vorkämpfer sahen.
Vielleicht machte er deshalb weiter. Prügelte sich mit Frazier in Manila, bis der nach der 14. Runde aufgab, weil seine Augen so geschwollen waren, dass er Ali nicht mehr sehen konnte; verlor seinen Titel gegen Leon Spinks und gewann ihn ein halbes Jahr später zurück, ein drittes Mal; trat an gegen Larry Holmes, einen seiner Sparringspartner, der ihn durch den Ring wirbelte wie eine Spielzeugpuppe. Holmes wurde zum traurigsten Sieger aller Zeiten. "Ich will, dass die Menschen wissen, wie stolz ich bin, meine Kunst von Ali gelernt zu haben", sagte er nach dem Kampf. "Ich bin stolzer darauf, mit ihm trainiert zu haben, als er jung war, als ihn jetzt im Alter geschlagen zu haben."
Geld. Dollar. Millionen von Dollar. Es sind Worte, die ihn nicht wachklingeln können an diesem Tag in Los Angeles, an dem er durch sein Leben blättert. Ali stellt sich schlafend. "Geld interessiert ihn nicht", sagt Howard Bingham. "Ali war immer der Meinung, dass er sich um Geld nicht zu kümmern braucht, weil er immer neues verdienen wird."
Über hundert Millionen Dollar hat Ali allein an Kampfbörsen kassiert. Das meiste ist weg. Geblieben ist ihm genug, er hat Trust Funds angelegt für seine neun Kinder; er hat ein paar Immobilien in Virginia, seine Farm in Michigan. Pro Woche unterzeichnet er ein paar hundert Autogrammkarten, die ein Geschäftsmann dann verkauft. "Ich schreibe", sagt Ali, "wir essen."
Es gibt Hunderte Geschichten über Ali, wie er sein Geld verteilte. Wie seine 50-köpfige Entourage von damals noch Jahrzehnte später in den Geschenkshops der Hotels auf seinen Namen anschreiben ließ. Wie er einen Tramper mitgenommen hatte und ihn am nächsten Tag mit einem Flugticket ausstattete. Wie er einen Vietnam-Veteranen überredete, sich nicht von einem Hochhaus zu stürzen und ihm eine neue Wohnung anmietete. Wie er einem jüdischen Wohnheim für Behinderte, das geschlossen werden sollte, mit hunderttausend Dollar aushalf.
Ali bleibt in Bewegung. Statt sich auf seiner 30 Hektar großen Farm in Michigan zu verstecken, einem Anwesen, das früher einmal Al Capone gehört haben soll, reist er durch die Welt. "Er ist die ganze Zeit unterwegs", sagt Howard Bingham, "er kann nicht anders. Er mag Menschen, und die Menschen mögen ihn."
Bingham ist Alis bester Freund - seit mehr als 40 Jahren. Ein Mann, der schon früher stotterte und jetzt Alis oft unverständliche Worte wiederholt. Auf die pünktliche Einnahme der Medizin achtet Lonnie, eine resolute schwarze Dame mit Sommersprossen, mit der Ali seit 16 Jahren verheiratet ist. Lonnie ist seine vierte Frau, eine Nachbarstochter aus Alis Heimat in Louisville, nach gescheiterten Ehen mit einer Nachtclubsängerin, einer strengen Muslimin und einem Fotomodell. Aber auch Lonnie hat wenig zu melden, wenn Ali reisen will.
Es gibt keinen Plan. Er geht, wohin er will, wann er will.
Neulich war er in Kabul, um dort eine Mädchenschule einzuweihen. Dann war er in Dublin, um mit seinem Freund Nelson Mandela die Behinderten-Olympiade zu eröffnen. Dann traf er sich mit dem Dalai Lama. Zwischendrin besuchte er Kinderkrankenhäuser und Obdachlosenheime.
Es ist für Ali kein Widerspruch, einerseits mit seinem alten Freund Fidel Castro ein paar Tage in Havanna zu verbringen und über ihn zu sagen: "Ein guter Mann, Fidel, hat sich nicht unterkriegen lassen von den Amerikanern." Und andererseits den Vorständen der New Yorker Börse einen Besuch abzustatten. "Wenn der Markt nach oben geht", sagte er der versammelten Finanzelite, "dann habt ihr das meinem Segen zu verdanken. Wenn er nach unten geht, habe ich nichts damit zu tun." Nichts, auch Parkinson nicht, scheint es, kann diesen Mann einschüchtern, der einmal vor Breschnew stand und über ihn sagte: "Er ist gar nicht so dumm, wie er aussieht."
In dieser Woche wird er auf der Frankfurter Buchmesse antreten. Dort hat der Taschen Verlag einen Stand aufbauen lassen, fast 500 Quadratmeter groß, in der Mitte ein riesiger Boxring, darin Alis Leben, 830 Seiten dick, zum ersten Mal der Welt präsentiert. Es gibt für den Boxer immer noch nichts Schöneres, als einen Raum voller Menschen zu betreten, die er nicht kennt, und zu spüren, dass sie ihn mögen.
Das "Beverly Wilshire"-Hotel in Los Angeles ist eine Festung der alten Ordnung. "Pretty Woman" wurde hier gedreht, und an diesem September-Nachmittag dämmert im Salon das reiche, weiße Amerika mit grimmigen Gesichtern einmal mehr von einem ereignislosen Nachmittag in einen ereignislosen Abend hinein. Hauptsache, der Earl Grey hat die richtige Farbe.
Ali geht an den Tischen vorbei und zaubert sogar in diese Gesichter noch ein Lächeln. Er setzt sich. Aber er hat keinen Hunger. Mit wackeligen Händen zieht er eine Stoffserviette aus einem Brotkorb. Er schiebt Teegeschirr und Gläser beiseite, breitet das Tuch aus, nimmt einen schwarzen Filzstift und beginnt zu malen, mit fester Hand.
Drei Striche sind zu erkennen, ein dickerer Strich. Es könnte ein Boxring werden, was merkwürdig ist, denn Ali hat das Interesse am Boxen fast vollständig verloren. "Wenn ich weg bin", hat er vor Jahren gesagt, "wird das Boxen wieder gar nichts sein. Die Männer mit den Zigarren und den heruntergezogenen Hüten werden wieder zurück sein. Ich war der einzige Boxer in der Geschichte, dem die Leute Fragen stellten wie einem Senator."
In den Boxring auf der Serviette zeichnet Ali jetzt Strichmännchen. Er möchte nicht reden, er malt. Möchte er Fragen beantworten? Er nickt mit den Augen.
Amerika oder Afrika?
"Amerika."
Bush oder Clinton?
"Clinton."
Wäre er, der sich weigerte nach Vietnam zu gehen, in den Irak gegangen?
"Auf Muslime schießen, auf Menschen mit brauner Hautfarbe?", murmelt Ali. "Niemals, never."
Ein Strichmännchen hat große Fäuste, eines kleine. Neben das mit den großen schreibt er Ali, neben das mit den kleinen Frazier.
Frazier, flüstert Bingham, verfolgt ihn noch heute. Alis vierte Frau Lonnie könne nicht in einem Bett mit Ali schlafen, weil er nachts oft um sich schlage. Er träumt von seinen Kämpfen gegen Frazier, Kämpfen, von denen er damals sagte, er habe den Tod gespürt.
Aber das interessiert Ali jetzt nicht, denn Ali beginnt neben den Ring und die Kämpfer kleine, schwarze Punkte auf die Serviette zu hämmern. Es sind Hunderte von Punkten, und es dauert lange, 10, 15 Minuten, viel länger als der Ring und die Strichmännchen zusammen. Es ist, als malte er ein Testament. Was bleibt nach all den Kämpfen, nach seinen Schlachten um Black Power und Vietnam, um Mohammed und Amerika? Die Punkte. Die Zuschauer. Die Leute.
Man braucht eine Portion Größenwahn, wenn man es mit den Herausforderungen aufnimmt, denen Ali die Stirn geboten hat. Aber seine Großzügigkeit, seine Liebe zu den Menschen ist größer als sein Größenwahn.
Die Zuschauer haben das gespürt. Sie spüren es noch heute.
Ali ist der große Freund der Menschen, weil alle sich in ihm sehen: Er war so schön und unschlagbar, wie sie es gern wären, und nun ist er so schutzlos und zäh, wie sie es sind.
Eigentlich muss einer früh sterben, um derart verehrt zu werden. So wie Marilyn oder Ché. Ali lebt. Gelähmt und geschüttelt von Mächten, gegen die er nicht gewinnen kann, aber bewundert von denen, die ihn immer noch siegen sehen wollen.
Das Buch "G.O.A.T" erscheint im Taschen Verlag, hat 830 Seiten und ist 50 mal 50 Zentimeter groß. Es kostet 3000 Euro (Auflage: 9000 Exemplare) oder 7500 Euro (mit Jeff-Koons-Skulptur und vier signierten Silverprints, Auflage: 1000 Exemplare).

"Allah wird auf göttliche Weise Amerika kaputtmachen."

Alis Augen öffnen sich halb, "ich entschuldige mich bei niemandem".

Ali hebt den Kopf und schlägt mit der Faust auf das Foto.

Kennedy und Malcolm X hatten mit ihrem Leben bezahlt, Ali hatte überlebt.

Ali hämmert Punkte auf die Serviette, als machte er ein Testament.

Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 41/2003
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