06.10.2003

GELDANLAGEGoldene Zeiten

Die Krise an den Finanzmärkten, aggressive Spekulanten und ein Quäntchen Irrationalität sorgten für einen steilen Anstieg des Goldpreises, der gerade ein Sieben-Jahres-Hoch erklomm. Nun will auch die Bundesbank einen Teil ihres Milliarden-Schatzes zu Geld machen.
Auf den lederbezogenen Tischen stehen britische Fähnchen. An den holzvertäfelten Wänden hängen Porträts von Preußenkönig Wilhelm II., Österreichs Kaiser Franz Josef I. und weiteren europäischen Herrschern des 19. Jahrhunderts. Das Tageslicht tritt nur zögerlich über die Schwelle dieses altehrwürdigen Raums im Londoner Bankhaus Rothschild.
Doch zweimal am Tag, um 10.30 und um 13 Uhr, wird es plötzlich für ein paar Minuten hektisch. Fünf Händler verhandeln dann in einem seit 1919 unveränderten Ritual stellvertretend für den Rest der Welt über den Goldpreis. Erst wenn alle fünf die vor ihnen stehenden Wimpelchen umkippen, ist der global gültige Preis für das glänzende Edelmetall gefunden.
Als einziges Zugeständnis an die Moderne sind die Vertreter von fünf Banken mittlerweile per Telefon mit mehreren Handelsräumen in der Welt verbunden, bei denen Minengesellschaften, Goldraffinerien, Spekulanten und Zentralbanken ihre Preisvorstellungen kundtun. Kriege, Bombenattentate oder auch nur ein heftiger Herbststurm über Europa reichen aus, den Goldpreis nach oben oder unten zu treiben.
In den vergangenen Wochen ging es fast ausnahmslos steil aufwärts. Am 25. September erreichte die archaische Londoner Runde ein neues Sieben-Jahres-Hoch von 389 Dollar je Feinunze.
Während die Aktienmärkte weltweit taumelten und sogar Immobilien vielerorts real an Wert verloren, erlebte das glitzernde Edelmetall eine unerwartete Renaissance. Was der Ökonom John Maynard Keynes einst als "ein barbarisches Relikt" bezeichnete, gilt wieder als moderne Geldanlage, um sich vor unsicheren Zeiten zu schützen. "Die Nachfrage nach unseren Goldprodukten in diesem Sommer war dreimal so hoch wie im vergangenen Jahr", sagt Michael Blumenroth, der oberste Goldhändler der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.
Spekulanten wetten auf den künftigen Goldpreis. Vermögensverwalter versuchen, mit ein paar Unzen Gold die Portfolios ihrer Kunden gegen die Unwägbarkeiten der Zeit abzuschirmen. Das größte Rad aber drehen mal wieder die Hedgefonds. Sie haben sich seit Sommer an der New Yorker Terminbörse Comex Options- und Terminkontrakte im Gegenwert von zurzeit 10,8 Millionen Unzen gesichert. Ein Achtel der Weltjahresproduktion des Edelmetalls ist damit in Händen von Zockern, die auf noch höhere Kurse setzen. Vor zwei Wochen ist mit 11,1 Millionen Kontrakten ein neuer historischer Höchststand verzeichnet worden, berichten Insider.
Jetzt sind es immer mehr die Privatanleger, die an neue goldene Zeiten glauben - angetrieben auch durch Konferenzen wie die "Gold 2003": In Vancouver debattierten Experten aus aller Welt vorige Woche, wo das Edelmetall in Zukunft besonders nützlich - und damit noch wertvoller werden könnte: in Schaltelementen von Computern, in der Medizintechnik, beim Bau neuartiger Katalysatoren.
Jede Schweizer Privatbank habe mittlerweile wieder ein Goldzertifikat aufgelegt, berichtet ein Londoner Investmentbanker. Diese Zertifikate verbriefen den Besitz des Zehntels einer Feinunze und erfordern keine großen Fächer im Banktresor. Aber auch die Nachfrage nach den schweren Barren und Münzen verdoppelte sich im vergangenen Jahr auf einen Wert von über vier Milliarden Dollar.
Der Klimawandel rund um das tief schürfende Goldgewerbe ist enorm: Vor kurzem noch holte die Erbengeneration die in den siebziger Jahren populären Krügerrand-Münzen aus den Tresoren ihrer Tanten, um in Aktien des Neuen Markts zu investieren. Jetzt hat sich herumgesprochen, dass auf Goldminen spezialisierte Investmentfonds manche Hitlisten anführen. Während viele Aktienfonds über die Hälfte ihres Werts verloren, verdoppelte sich der Kurs der Goldfonds in den vergangenen drei Jahren.
Zuerst war es die Angst vor Krieg und Terror, die den Preis nach oben trieb. Im Frühjahr geisterte das Schreckgespenst der Deflation durch die Handelsräume. Neuerdings ist es die Inflationsangst, die als Erklärung für die Heavy-Metal-Mode herhalten muss.
US-Präsident George W. Bush will im nächsten Jahr wiedergewählt werden und hat mit Notenbankpräsident Alan Greenspan die Geldschleusen aufgerissen. Das amerikanische Haushaltsdefizit von 455 Milliarden Dollar für 2003 und prognostizierten 475 Milliarden Dollar im nächsten Jahr war noch nie so hoch. Deshalb fürchten viele Experten in naher Zukunft höhere Inflationsraten. Eine höhere Geldentwertung gehört zu den probatesten Mitteln der Entschuldung.
Gleichzeitig könnte der Dollarkurs weiter fallen, weil das Zahlungsbilanzdefizit der Amerikaner anschwillt. Auch das hilft dem Goldpreis. Denn die großen Goldproduzenten in Südafrika oder Australien rechnen in einheimischen Währungen, die gegenüber dem Dollar aufgewertet haben. Deshalb ist es für sie weniger attraktiv, die Produktion auszuweiten.
Sollte der mit viel billigem Geld aufgeblasene Ballon platzen, so argumentieren Hedgefonds-Manager, aber auch konservative Vermögensverwalter wie der Schweizer Armin Hurtz, gehören Anlagen in Gold noch zu den sichersten Investments. "Gold und Goldminen-Aktien treten nun in Phase zwei des historischen Bullenmarkts ein", glaubt Hurtz. Und gute Nachrichten, dass der seit Anfang 2002 um rund 40 Prozent gestiegene Goldpreis weiter anschwellen wird, entdecken die Fürsprecher überall.
"In China steigt die Nachfrage, seit vor einem Jahr in Shanghai die erste Goldbörse aufmachen durfte", berichtet Vermögensverwalter Hurtz und rät seinen Kunden zum Kauf. Gern wird auch die Geschichte erzählt, dass islamische Staaten unter der Führung von Malaysia den Golddinar als goldgedeckte Währung einführen wollen. Hurtz hat ausgerechnet, dass dafür 300 bis 800 Tonnen Gold im Jahr notwendig wären. Wie realistisch der Plan der islamischen Staaten ist, vom US-Dollar als Reservewährung unabhängiger zu werden, bleibt zwar unklar. Aber von Gerüchten und unruhigen Zeiten profitierte der Goldpreis schon immer.
Im Auftrag der Engländer kaufte das Bankhaus Rothschild 1815 alles Gold auf dem europäischen Kontinent auf, dessen es habhaft werden konnte. Damit wurden die Truppen des britischen Generals Wellington finanziert, die Napoleon bei Waterloo vernichtend schlugen. Die vom Finanzministerium Seiner Majestät quittierte Goldrechnung liegt in einer Vitrine vor der schweren Tür, die zum Handelsraum der Londoner Preiswächter führt.
Trotz der reichen Erfahrungen wagt der heutige Baron Evelyn de Rothschild keine Vorhersagen, wie sich der Goldpreis entwickeln wird. Nur zwei Menschen, ein Gehilfe bei der Banque de France und ein Direktor der Bank of England, könnten den wahren Wert des Goldes beurteilen, sagte er einmal. "Nur leider sind sie sich nicht einig", meinte er ironisch.
Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, einer der größten Akteure am Markt, weigert sich, Analysen über die Entwicklung des Goldpreises zu veröffentlichen. "Angebot und Nachfrage entwickeln sich völlig irrational", sagt einer ihrer Experten zur Begründung. Trotzdem lassen sich - jenseits des Herdentriebs - für die Renaissance des Goldes weitere Gründe finden, die bis in die neunziger Jahre zurückreichen.
Als damals der Preis des Edelmetalls immer weiter fiel, gingen insbesondere die großen Minengesellschaften in Südafrika und Australien dazu über, ihre künftige Produktion zu einem vorher festgelegten Preis zu verkaufen.
Anglogold, der damals größte Produzent der Welt, verkaufte mit solchen Absicherungsgeschäften vorab fast 13 Millionen Unzen, mehr als zwei Jahresproduktionen, noch bevor die 55 000 Minenarbeiter sie aus der Erde befördert hatten. "Die Minen haben sich damit selbst die Preise kaputtgemacht", sagt Deutschbanker Blumenroth.
Doch im vergangenen Jahr drehte sich der Trend. Weil die Minen im Gefolge der Attentate vom 11. September 2001 auf steigende Kurse setzten, kauften sie auf den Terminmärkten massiv ihre in die Zukunft gerichteten Lieferverpflichtungen zurück. Zwischen September 2001 und Dezember 2002 reduzierten die 98 Goldproduzenten ihre Lieferverpflichtungen um 466 Tonnen, hat eine von Rothschild finanzierte Studie herausgefunden.
Damit stieg der Preis für künftige Kontrakte stark an, was wiederum die Tageskurse in London nach oben drückte. Gleichzeitig vervielfachte sich der Wert von Minengesellschaften wie der US-Firma Newmont, die kaum Lieferverpflichtungen zu festen Preisen eingegangen waren und damit direkt vom Preisanstieg profitierten. Dank des höheren Börsenkurses konnte Newmont Anglogold ausstechen, als es darum ging, mit Normandy eine der großen australischen Minengesellschaften zu übernehmen.
Kaum waren die Amerikaner zum Zug gekommen, kauften sie die Hälfte aller künftigen Lieferverpflichtungen ihrer australischen Neuerwerbung am Markt zurück. Auch Anglogold änderte seine Politik und kassierte Kontrakte im Wert von 4,1 Millionen Unzen ein.
Gleichzeitig traten still und heimlich die großen Spekulanten an. Die beiden amerikanischen Investment-Legenden George Soros und Warren Buffet sollen massiv auf den Edelmetallmärkten engagiert sein. Belegbar ist, dass Buffet mit seiner Fondsgesellschaft Berkshire Hathaway, allerdings schon vor sechs Jahren, massiv und nachhaltig in den Silbermarkt eingestiegen ist, der in jüngerer Vergangenheit ebenfalls von der Flucht in metallene Traditionswerte profitiert hat.
Schon 1980, als der Goldpreis kurzfristig auf atemraubende 680 Dollar stieg, ging die Hysterie von dem nicht ganz so edlen Silber aus. Nelson Bunker Hunt aus Texas und seine Brüder hatten damals massiv den Silberpreis nach oben manipuliert, indem sie einfach alles aufkauften, was auf den Markt kam.
Das wird beim Gold wohl kaum passieren. In den Kellern der Zentralbanken lagern noch aus den Zeiten, als das Gold zur Absicherung der Währungen diente, mehr als 30 000 Tonnen Gold. Allein die 3443 Tonnen, die von der Bundesbank in Frankfurt und in New York aufbewahrt werden, übersteigen die Jahresförderung aller Goldminen weltweit.
Diese gewaltigen Reserven der Notenbanken überschatten auch den Markt. Zwischen 1999 und 2001 versteigerte der britische Finanzminister Gordon Brown gut 400 Tonnen, der Preis brach massiv ein. Die Schweizer Notenbank macht es geräuschloser: Sie verkauft seit Anfang Mai 2000 an jedem Handelstag etwa eine Tonne aus ihren üppigen Reserven.
Auch in Deutschland wächst die Begehrlichkeit, die Goldreserven zu heben. In schöner Regelmäßigkeit finden sich Politiker, die den Bundesschatz mit Bewertungsreserven von aktuell 28 Milliarden Euro heben wollen - natürlich für einen guten Zweck, die Konsolidierung der klammen Haushalte. Die Herzog-Kommission zur Reform der Sozialsysteme wollte ebenso an die Goldreserven wie ein Teil der SPD-Bundestagsfraktion.
Bundesbankpräsident Ernst Welteke sieht in der Veräußerung von Vermögen zur Finanzierung laufender Ausgaben "keinen sittlichen Mehrwert". Als ehemaliger Wirtschaftsminister des Landes Hessen weiß er, wie schnell solche einmaligen Zuschüsse verdampfen. Notfalls will er mit seinen Kollegen im Zentralbankrat verhindern, dass sich die Berliner Politiker allzu hastig in seinen Tresoren bedienen.
Doch auch Welteke plädiert dafür, den Schatz vorsichtig zu heben. "Wir wollen in Zukunft Gold in homöopathischen Dosen auf den Markt bringen", sagt er. Das sei auch Mehrheitsposition im Vorstand der Notenbank. Der Bundesbankpräsident will verzinsliche Anlagen kaufen, deren Erlöse dann an den Staat ausgeschüttet werden können. Immer wieder mahnte Welteke in Berlin eine entsprechende Novelle des Bundesbankgesetzes in Berlin an - bisher vergeblich.
1999 hatten sich 15 wichtige Notenbanken geeinigt, bis 2004 aus ihren Beständen jährlich nur maximal 400 Tonnen auf den Markt zu werfen. Im nächsten Frühjahr soll es ein neues Abkommen unter den Zentralbanken geben, damit der Goldpreis durch ein plötzliches Überangebot nicht abschmiert. Doch die Bundesbank wolle diesmal, ähnlich wie 1999 die Schweizer, "eine Verkaufsoption haben".
In Zeiten knapper öffentlicher Kassen ist durchaus denkbar, dass auch Franzosen und Amerikaner ihre hohen Reserven angreifen wollen, die unverzinst in den Tresoren schlummern. Sollte es zu einer Quotenschlacht unter den Notenbanken kommen, wären die Folgen für den Goldpreis unabsehbar, auch wenn solch düstere Prognosen wahre Goldfans nicht schrecken können.
"Fünf bis zehn Prozent eines Depots sollten in Gold investiert sein", sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus&Burkhardt. Der Schweizer Vermögensverwalter Hurtz rät seiner risikoscheuen Klientel seit neuestem, bis zu 15 Prozent des Vermögens in den metallenen Mythos zu investieren. CHRISTOPH PAULY
Von Pauly, Christoph

DER SPIEGEL 41/2003
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