06.10.2003

FUSSBALLDer Chef und sein Boss

Das Wunder von Bern, das WM-Finale von 1954, gilt als Geburt der Legende von der niemals aufgebenden deutschen Elf. „Das Wunder von Bern“, eine Hymne auf Helmut Rahn, ist der Film seines Lebens, sagt Regisseur Sönke Wortmann. Von Klaus Brinkbäumer
Er hat diese Sätze gehört, ein deutscher Junge weint nicht, du redest, wenn du gefragt wirst, sein Vater hat diese Sätze gesagt.
Er hat dieses Massaker erlebt, sein Vater war der Mörder. Sönke Wortmanns Kaninchen hießen Adam, Hoss und Little Joe, es war die Zeit von "Bonanza", Sönke Wortmann, zehn oder elf Jahre alt damals, kletterte zu seinen Kaninchen in den Stall, wenn er traurig war. "Meine Kaninchen waren meine Freunde", sagt er. Und dann waren die Kaninchen tot, geschlachtet vom Vater, für den Tiere nichts als Nahrungsmittel waren, "eines Sonntags sind sie auf''m Tisch gelandet", sagt Sönke Wortmann.
Der Sohn bekam Ohrfeigen, er sprach monatelang nicht mit dem Vater, eine Verbindung fanden die beiden beim Fußball. Vater Wortmann, der als 17-Jähriger in den Krieg musste und dann 36 Jahre lang Bergmann war, nahm den Sohn mit zum TSV Marl-Hüls, es war die Zeit der Oberliga West. Marl-Hüls spielte in Blau gegen Schwarz-Weiß Essen, gewann 3:1, ein Tor schoss der Mittelläufer Peters, "das alles weiß ich noch, und was ich unglaublich ästhetisch fand, das war, wenn der Ball mit voller Wucht ins Netz flog", sagt Sönke Wortmann.
Er wurde ein guter Fußballer bei der Spielvereinigung Erkenschwick, ein durchschnittlicher Taxifahrer und ein berühmter Regisseur von witzigen Werken wie "Kleine Haie" und eher schlichten wie "Das Superweib". Und jetzt, mit seinem neunten Spielfilm, ist Wortmann, 44, angekommen bei dem, was er wichtig findet.
"Das Wunder von Bern" ist ein Film, der 1954 im Ruhrgebiet beginnt, ein Film über den Bergmann Richard Lubanski, der nach zehn Jahren Gefangenschaft aus Russland zurückkommt und am Bahnhof seine Tochter für seine Frau hält. Richard Lubanski, zerrissen und am Ende zärtlich gespielt von Peter Lohmeyer, 41, sagt: "Ein deutscher Junge weint nicht." Er sagt: "Du redest, wenn du gefragt wirst." Er züchtigt seinen Sohn Matthias mit dem Gürtel, die Familie hat längst keine Sprache mehr, und irgendwann will Lubanski seiner Frau etwas Gutes auf den Tisch bringen und schlachtet die Kaninchen.
"Das Wunder von Bern" ist auch ein Film über den kleinen Matthias und seine Träume. Dieser Matthias, tapfer und verletzlich gespielt von Lohmeyers Sohn Louis, 13, ist ohne Vater, aber mit Ersatzvater aufgewachsen: Er darf Helmut Rahn die Tasche zum Trainingsplatz tragen, dem Boss, wie sie den Rechtsaußen in Essen nennen. Dieser Boss sagt dem Furzknoten Matthias, dass er die wichtigen Spiele nur mit ihm gewinnen kann, dann muss der Boss zur Weltmeisterschaft in die Schweiz, ohne Matthias.
Deshalb, endlich ist der Vater aufgeweicht, brechen Vater und Sohn in der Nacht vor dem Endspiel auf in Richtung Bern, und zur zweiten Halbzeit kommen sie an, und Matthias rennt und klettert ins Stadion, und der Ball rollt ins Aus, und Matthias wirft ihn aufs Feld zurück, und Rahn fängt ihn, zwischen Ungarn und Deutschland steht es 2:2, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt ...
Der Rest ist Geschichte. Und darum ist "Das Wunder von Bern", 7,5 Millionen Euro teuer, Kinostart am 16. Oktober, vor allem ein Film über Helmut Rahn.
ESSEN, AUGUST 2003
Der Boss ist tot, gestern starb er, heute steht es in der "Bild", und nun trinken sie auf ihn in den Kneipen rund um die Dittmarstraße in Essen-Frohnhausen. Sie sitzen in der "Friesenstube" und bestellen 0,2 Liter Bit für einen Euro, am Eingang hängt der Zettel, der für das nächste Spiel der DJK VfB Frohnhausen wirbt. Und ein paar Meter weiter sitzen sie in der "Frohnhauser Stube" und "schocken", das ist das Würfelspiel des Reviers.
"Straße", ruft Hans.
"Ach wat, 'n Feldweg mit Schlachlöchern haste", sagt Wolfgang und ordert "noch 'n Pils und 'n Feigling."
Auf den Boss.
War 'n Großer, der Boss.
Dittmarstraße 1, das war Helmut Rahns Adresse in den vergangenen Jahren, das war sein Versteck, Erdgeschoss links, gelber Rauputz, Birken und Kiefern vor dem Fenster, "H. Rahn" steht auf der Klingel. Rahn war nicht dabei, wenn die Helden von Bern sich zu ihren Klassentreffen versammelten, und wenn er doch erschien, einmal in 20 Jahren, dann verschwand er schnell wieder, weil er lieber auf die Trabrennbahn ging. Wer erfahren will, was für ein Mensch der erste Nationalheld der Bundesrepublik Deutschland war, kann hier durch die Straßen laufen, vorbei an Friseurläden, die "Frisurenstudio" heißen, an weißen Gardinen, hinter denen Fernseher flimmern, und der Haltestelle für den Bus 109. Und dann weiter nach Altenessen und nach Katernberg, jene Arbeiterstadtteile mit den ehemaligen Zechen, in denen der Boss groß wurde, still stehen die Fördertürme heute da.
Und in einem Antiquariat nicht weit vom Bahnhof liegt dieses Büchlein von 1959, grüner Schutzumschlag, darauf ein grauer Fußballer mit prallen Schenkeln, darüber und darunter in gelber Schrift: "Helmut Rahn - Mein Hobby: Tore schießen". Es ist ein Buch aus einer anderen Welt, einer Welt, in der Duschen "Brausen" heißen und Shorts "Turnhosen", einer Welt der Bergleute und Kartoffelhändler, der Kinderlandverschickung und der gefallenen Brüder.
"Die guten Schuhe!", rief die Mutter, wenn der Helmut gegen den Ball trat. Und als "die Parteileute" kamen, um Frischfleisch für die Front zu holen, versteckte die Mutter ihren Kleinen im Taubenschlag auf dem Dachboden.
Helmut Rahn lernte Autoelektriker, der Betrieb wurde zerbombt, also half Helmut für 20 Mark die Woche dem Vater, der hatte ein Fuhrunternehmen mit vier Wagen und acht Pferden.
Und als der Krieg zu Ende war, ging es los. Rahn spielte mit Altenessen 12 gegen Altenessen 18, Rahn machte zwei Tore und bekam die ersten Fußballstiefel, zu groß, Rahn stopfte Socken in die Spitzen. Er schaffte es in die Stadtauswahl, er wurde der Boss, sein Hobby war: Tore schießen.
Der Boss schreibt:
Ich lief an und haute eine Bombe in Richtung Kasten. Der Torwart bekam die Arme nicht mehr schnell genug hoch und kriegte das Geschoss mit unheimlicher Wucht genau ins Gesicht. Mit sechs Zähnen zahlte er für seine etwas zu langsame Reaktion.
Rahn wechselte nach Oelde, schoss 54 Tore in der 1. Amateur-Klasse, wechselte nach Katernberg und weiter zu Rot-Weiß Essen; die Ablösesumme war ein Bretterzaun, den der Präsident der Rot-Weißen, Georg Melches, um den Sportplatz der Katernberger bauen ließ.
Und dem Boss gelangen Schüsse wie sonst keinem. Den hast du totgeschossen! fuhr es mir durch die Sinne.
Drei Tore schoss der Boss gegen Hajduk Split, und hinterher betrat Bundestrainer Sepp Herberger, genannt der Chef, die Kabine. "Halten Sie sich ran", sagte Herberger, "womöglich haben Sie mal Chancen."
Rahn wurde Nationalspieler, und gegen Luxemburg schoss er sein erstes Tor für Deutschland. Rahn spielte trotzdem weiter Karten mit seinen Kumpels, und er kegelte mit ihnen in einem Club namens "Einer steht immer". Und einmal, er war gesperrt wegen einer roten Karte, ging Helmut Rahn tanzen, in dem "recht bekannten Vergnügungslokal" Schloss Horst.
Nanu, wer saß denn da drüben in der Ecke? Das war doch die Kleine, der ich morgens auf dem Weg zur Arbeit immer begegnete? Die hatte mir der Arzt verschrieben. Ohne mich erst hinzusetzen, holte ich sie zum Tanz. Sie hieß Gerti, war jung, blond und Verkäuferin bei Peek und Cloppenburg. Später forderte ich auch mal ihre Freundin auf. Nach Hause aber brachte ich die hübsche Gerti.
Der Boss war irgendwie anders als Oliver Bierhoff oder Miroslav Klose. Der Boss war faul, riss das Maul auf, spielte nicht gern ab. Hin und wieder fiel das Training aus, denn der Boss hatte zu viel getrunken, "Sie tanzen mit einem Weltmeister", das sagte er den Damen nach 1954. Damals aber, vor der Weltmeisterschaft, fragte er seine Gerti: "Du weißt, was dir bei mir blüht?" "Ich finde mich schon damit ab." "Und wenn ich wochenlang ins Ausland verreisen muss?" "Ach, red keinen Unsinn, Helmut. Schieß lieber beim Saarspiel ein Tor für mich."
Und Gerti blieb bei ihm in den Jahren nach Bern, als er immer noch 'n Pils und 'n Kurzen trank, als er verstummte, krank wurde, starb.
BOCHUM, JULI 2002
Sascha Göpel, Jahrgang 1979, gebürtiger Essener, spielt Helmut Rahn. Göpel hält einen Ball hoch, er gibt Autogramme.
Peter Lohmeyer sitzt in Jeans und T-Shirt auf einer Bank am Rand der Bahngleise, raucht American Spirit, hustet, nimmt die nächste Zigarette und sagt: "Schnell weiterrauchen."
Louis Klamroth, Lohmeyers Sohn, läuft mit einer Videokamera durch die Gegend und erzählt von jener Szene, in der er mit seinem Vater unterwegs nach Bern ist und Pinkelpause macht, während im Auto die Radioübertragung vom Finale läuft. "Ich kann fünf Meter weit pinkeln", sagt er, "das ist pervers, das glaubt ja keiner."
Und Sönke Wortmann sitzt im Abteil dieses Zugs, mit dem die Weltmeister nach dem Finale heim ins Vaterland fuhren, Modell VT 08, dieselbetrieben, im Bahnbetriebswerk Braunschweig haben sie den Zug gefunden, und Wortmann sieht sich die gerade gedrehte Ankunft der Helden an. Er erzählt von dem Buch "Jungens, Euch gehört der Himmel", noch so einem Werk über den Fußball von damals, einem Buch, in dem er las, dass damals Brieftauben die Ergebnisse nach Hause trugen. "Alemannia Aachen: eins, Rot-Weiß Essen: null", dieses Ergebnis übermittelt die Brieftaube an Matthias und seine Freunde, die in einer Baumkrone stehen und warten. So beginnt "Das Wunder von Bern".
Es ist Drehpause, der Fußballprofi Thomas Brdaric schaut vorbei, Wortmann geht essen mit ihm, sie diskutieren über Bayer Leverkusen.
Und Sascha Göpel, der Boss im "Wunder von Bern", sitzt jetzt am Rand der Filmkulissen und sagt: "Was kann noch kommen?" Ist die erste Rolle gleich die Rolle seines Lebens?
Göpels Großmutter wohnte in derselben Straße wie Rahn, Göpel hat ein Foto, das ihn und den Boss zeigt. Sascha Göpel hat ja selbst Fußball gespielt, bei Schwarz-Weiß und bei Rot-Weiß Essen, bei Bayer Uerdingen und in der Landesauswahl, aber "mit 17, 18 dachte ich, ich verblöde beim Fußball". Er machte Abitur, ging auf die Schauspielschule Hannover, ließ sich ausbilden in Gesang und Tanz, "wat is dat denn?", fragte sein Vater.
"Jetzt bin ich Weltmeister", sagt Göpel.
80 Fußballer hatte Wortmann eingeladen, sie spielten Turniere, sie studierten die Bewegungen der Deutschen und der Ungarn, dann wählten Wortmanns Leute die besten 22 aus. Die fünf Tore spielten sie exakt nach, zentimetergenau, auf 80 mal 40 Meter ausgerolltem Rasen, rundherum eine grüne Wand. Das Wankdorf-Stadion und das Publikum entstanden digital in München, 300 Komparsen wurden, vervielfacht und verfremdet, zu einer jubelnden, trauernden, gierigen Masse, dahinter dieser Turm mit der "Cinzano"-Werbung.
"Überzeugender ist der Tiger im 'Gladiator' auch nicht", sagt Wortmann.
SPIEZ, AUGUST 2002
"Alle ran!" "Alle für einen, einer für alle!" Mit solchen Schlachtrufen liefen Herbergers Männer damals aufs Spielfeld.
Und jetzt fahren Wortmanns Männer im Bus durch die Berge und singen.
Und sie stehen an den Fenstern des Hotels "Belvédère" und gucken zum Himmel. Die ersten Tropfen, vor knapp 50 Jahren hieß das "Fritz-Walter-Wetter".
Vor knapp 50 Jahren schlugen die Deutschen die Türkei 4:1, sie verloren 3:8 gegen Ungarn, sie schlugen die Türkei noch einmal, jetzt 7:2, und auf Rechtsaußen spielte Berni Klodt. Der Boss saß auf der Zuschauerbank, er büxte aus und ging saufen. Im "Wunder von Bern" streift Sepp Herberger deshalb schlaflos durchs Hotel und trifft ein putzendes Mütterchen. Soll er Rahn morgen nach Hause schicken?
"Man muss auch mal fünfe gerade sein lassen", sagt die Putzfrau.
"Ohne Fleiß kein Preis", sagt Herberger.
"Wenn der Apfel reif ist, fällt er von selbst vom Ast", sagt die Putzfrau.
"Früher Vogel fängt den Wurm?", fragt Herberger.
"Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten", sagt die Putzfrau.
Natürlich kann man diesen Film so sehen wie die "Zeit"-Kritikerin, die Wortmann vorhält, die Nachkriegszeit rosarot zu malen, doch wieso sollte man? Es ist Kino. Man kann sich immer eine andere Geschichte wünschen, man könnte ja immer auch eine andere erzählen. Wortmann hat diese erzählt, weil er früher seinen Vater "persönlich für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich" gemacht hat und heute versöhnt ist, weicher, frei von Ideologie. Und größer als in der Szene mit dem Chef und der Putzfrau kann Kino nicht sein.
Der Chef schickte den Boss also nicht nach Hause, eine Putzfrau rettete also Deutschlands Wiederauferstehung, nun ließ der Chef seinen Boss spielen. Vorher aber muss im Film und musste im Leben der Kapitän Fritz Walter die Diva Rahn disziplinieren. Der Boss schreibt:
"Warum bin ich bloß hier?" Ich konnte und konnte mich nicht damit abfinden, wieder auf der Zuschauerbank zu sitzen.
"Boss, jetzt will ich dir mal was sagen" - Fritz wurde das ewige Theater mit mir langsam zu bunt -, "wir alle hier sind eine Mannschaft, ob wir eingesetzt werden oder nicht."
"Ja, aber ..."
"Du hältst jetzt mal den Mund! Ich weiß, du krachst vor Tatendrang und Kraft aus allen Nähten. Vielleicht bist du mit deinem Temperament auch schlimmer dran als andere. Das befreit dich aber nicht von der Pflicht, dich Herbergers Anordnungen zu fügen. Glaubst du, ihm fällt es leicht, wenn er jemanden vor den Kopf stoßen muss?"
"Ich bin nun mal nicht so 'n Tugendbold wie du", sagte ich schon etwas kleinlauter.
"Du bist unvernünftig, unbeherrscht und machst dir nur das Leben sauer. Los, Alter, schmeiß dich in die Brust und sei wieder so lustig, wie du es sonst bist."
Die Deutschen schlugen Jugoslawien 2:0 und Österreich 6:1. Und Rahn spielte. Und er spielte auch im Finale, wieder gegen Ungarn, Zauberer waren sie schon, die Pusztasöhne!, 0:2 stand es, dann schoss Morlock das 1:2, Rahn das 2:2. Dann waren noch sieben Minuten zu spielen.
Da gab Hans Schäfer von linksaußen eine wunderschöne Flanke in den gegnerischen Strafraum. Max Morlock, Ottmar und zwei ungarische Verteidiger sprangen hoch, um sie mit dem Kopf zu erwischen. Keiner traf den Ball voll. Ich sehe heute noch, wie er sich zwischen den Köpfen der Spieler verzwickte und dann in meine Richtung wegsprang.
Ich lief an. Gleichzeitig stürzten sich die beiden ungarischen Verteidiger auf mich. Sie starrten wie fasziniert auf meinen rechten Fuß, der bereits zum Schuss ausgeholt hatte. Verzweifelt warfen sie sich in die vermeintliche Schussbahn. Genau das hatte ich gewollt. Noch zwei Dribbelschritte, und der Weg zum Tor war frei. Zumindest in Richtung linke Torecke gab es eine große Lücke. Mit dem linken Fuß bombte ich aus etwa sechzehn Meter Entfernung ein.
Noch während der Ball unterwegs war, erkannte ich, dass der sich werfende Grosics ihn nicht mehr erreichen konnte.
Aus, aus, aus, aus, das Spiel ist aus, Deutschland ist Weltmeister.
HAMBURG, SEPTEMBER 2003
Sönke Wortmann sitzt auf dem Dach des Hamburger "Side"-Hotels, trinkt Milchkaffee und Wasser, die Haare sind strubbelig wie immer, den Pullover zieht er aus und an und aus, Hamburger Wetter. Wortmann sagt, das "Wunder von Bern" sei exakt so geworden, wie es werden sollte. Er ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor, er hat seine eigene Geschichte und die Geschichte Deutschlands zum Thema gemacht, "nirgendwo steckt so viel von mir drin wie in diesem Film", sagt er.
Seine alten Filme mag Wortmann nicht mehr, er sieht sie sich nicht an, er entdeckt immer bloß Fehler. "Kleine Haie" zum Beispiel, als sein bestes Werk gefeiert: Da gibt es die Schlüsselszene, in der Jürgen Vogel vor die Prüfungskommission der Schauspielschule tritt und langsam begreift, wie spießig, wie dämlich die Damen und Herren sind. "Jürgens Gesicht müsste man in Nahaufnahme sehen, aber ich habe das nicht gedreht", sagt Wortmann.
Diesmal gebe es keine Fehler. "Das ist es nun", sagt er. Das Lebenswerk.
Ein Film dauert 118 Minuten. Nach dem Film ist vor dem Film? Diesmal nicht. "Mehr kann ich nicht", sagt Sönke Wortmann, "ich sollte jetzt aufhören, das meine ich ganz ernst. Zumindest eine lange Pause machen." Er macht eine kurze Pause. "Und", fragt Wortmann dann, "wie ist der Film?"
Der Film ist mutig, der Film ist voller Witz und voller Trauer. Besseren Fußball hat es im Kino noch nicht gegeben. Das Drehbuch wirkt überfrachtet, es gibt drei Ebenen: die Lubanskis, die Mannschaft, dazu einen Sportreporter plus Gattin. Auf der Leinwand tragen die Ebenen sich gegenseitig, es funktioniert.
"Aber?", fragt Wortmann.
Aber es gibt Stellen, da rutscht "Das Wunder von Bern" über die Grenze zwischen Gefühl und Kitsch hinweg, vielleicht liegt das daran, dass der Regisseur seinem Publikum wenig zutraut. Am Ende sitzt Vater Lubanski neben seinem Sohn im Zug und weint. Muss Matthias wirklich sagen: "Ich finde, deutsche Jungs können ruhig auch mal weinen"? Das Bild hat Kraft, der Kommentar überlädt es.
"Das ist der letzte Satz des Films", sagt Sönke Wortmann, "Scheiße."
* Mit Kameramann Tom Fährmann. * Schauspieler Knut Hartwig und Peter Franke in Spiez. * Am 18. Juli 1954 mit Bundespräsident Theodor Heuss in Berlin.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 41/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Der Chef und sein Boss

  • Ergreifendes Netzvideo: Junge im Rollstuhl vergnügt sich auf Trampolin
  • Brutaler Bandenkrieg in El Salvador: MS13 gegen Barrio18
  • Amateurvideo aus der Sahara: Die Mini-Sandlawine, die nach oben wandert
  • Seit 38 Jahren vermisst: Größte Biene der Welt wieder gesichtet