06.10.2003

LITERATUR-NOBELPREIS

Tiefen der Schurkerei

Nach der bisher gültigen Logik des nordischen Lobens wäre der Mann noch längst nicht an der Reihe gewesen. Aber die Schwedische Akademie hat in überraschender Großzügigkeit darüber hinweggesehen, dass John M. Coetzee keine Frau und nicht dunkler Hautfarbe ist und auch nicht einer verfolgten Ethnie angehört. Coetzee, der Nachkomme burischer Siedler in Südafrika, ist einfach ein ungewöhnlich guter, bereits vielfach ausgezeichneter Schriftsteller.

Selbst die Tatsache, dass vor gerade einmal zwölf Jahren Nadine Gordimer, seine weiße Landsmännin, den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, ließ die schwedischen Weisen in ihrer Entscheidung für Coetzee nicht wanken.

Coetzee, 63, ein verschlossener Mensch, der ungern Interviews gibt und dessen grüblerisch-moralische Bücher über Schuld, Scham und Schande sich ebenfalls durch hermetische Unterkühltheit des Stils auszeichnen, wuchs als Sohn eines wenig erfolgreichen Anwalts und einer Lehrerin in und um Kapstadt auf. Er studierte Literatur und Mathematik, ging mit 22 Jahren nach Großbritannien, wo er als Programmierer arbeitete. In der Fremde, so hat er es in seinem eindrucksvollen autobiografischen Roman "Die jungen Jahre" beschrieben, wollte er "die Tiefen der Kälte, Herzlosigkeit und Schurkerei" erkunden. Drei Jahre später zog er in die USA. Dort entschied er sich für die Literatur und die Literaturwissenschaft. Ab 1972 lehrte er an der Universität von Kapstadt; seit 2002 lebt er im australischen Adelaide. Anders als seine Kollegen, die das Thema Apartheid in oft harter realistischer Weise behandeln, wählt Coetzee eine gebrochene, verfremdende Technik. Er arbeitet oft mit Allegorien oder Traumbildern, wenn er sein großes Thema beschreibt, den Grenzbereich von Zivilisation und Barbarei - etwa in der Roman-Parabel "Leben und Zeit des Michael K" von 1983, in der er den Leidensweg eines behinderten farbigen Gärtners in Zeiten bürgerkriegsähnlicher Unruhen beschreibt, als ein eindringliches Plädoyer für die Freiheit des Individuums.

Zweimal hat Coetzee den renommierten britischen Booker-Prize gewonnen. Und keinmal hat er ihn persönlich entgegengenommen. Am 10. Dezember werden die Nobelpreise in Stockholm verliehen. Dort wird er möglicherweise erscheinen.


DER SPIEGEL 41/2003
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