06.10.2003

LEGENDENSpatz auf dem Dach

Vierzig Jahre nach ihrem Tod erlebt Edith Piaf, Frankreichs größte Chanson-Sängerin, eine Renaissance - mit neu veröffentlichten Platten.
Sie wurde in bitterster Armut geboren, wuchs auf der Straße auf und war erschreckend ungebildet. Doch die zierliche Frau mit dem unzerstörbaren Lebenswillen und dem maßlosen Hunger nach Liebe wurde der größte Star, den das französische Chanson hervorgebracht hat. Heute, 40 Jahre nach ihrem Tod, wird Edith Piaf immer noch verehrt, nachgeäfft und von niemandem erreicht.
Als die Piaf am 10. Oktober 1963 mit 47 Jahren starb, verfiel Frankreich in eine Art Staatstrauer - Intellektuelle genauso wie das Volk. 40 000 Menschen sollen dabei gewesen sein, als die Sängerin und Schauspielerin ein paar Tage später auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beerdigt wurde. Spätestens seit diesem Tag ist die Piaf die größte Legende des Chansons.
Zum Todestag, der sich am Freitag dieser Woche jährt, bringt die Plattenfirma EMI eine Hand voll Alben auf den Markt.
Darunter ist - unvermeidlich - die Zusammenstellung des "Allerbesten" auf zwei CDs unter dem Titel "Eternelle", die die größten Hits der Piaf enthalten: von "La vie en rose" über "Milord" bis zum trotzigen Lebenshymnus der kleinen, nur 1,47 großen Frau, "Non, je ne regrette rien".
Die anderen Veröffentlichungen sind zum großen Teil remastered: endlich wieder neu aufgelegte Alben, die in der Sammlung keines Piaf-Fans fehlen dürfen, etwa die mitreißenden Konzertmitschnitte aus der New Yorker Carnegie Hall aus den fünfziger Jahren, und die dazu beitrugen, die Sängerin unsterblich zu machen.
Zum Mythenschatz um die Piaf gehören bereits die Umstände ihrer Geburt. Ihr Vater Louis Alphonse Gassion war ein Straßen-Akrobat, ihre Mutter, Anetta Maillard, eine Kirmes-Sängerin. Edith, die Tochter, soll, so geht die Mär, unter einer Laterne auf einer regennassen Straße in einem Pariser Arbeiterviertel geboren worden sein. Ein pingeliger Biograf will allerdings inzwischen herausgefunden haben, dass diese Version nichts anderes als romantische Verklärung ist. Die Piaf soll doch in einem nüchternen Hospital zur Welt gekommen ist.
Wahr jedoch scheint zu sein, dass das ewig kränkelnde Kind bei Verwandten in einem Bordell in der Normandie aufwuchs und zeitweise fast erblindet war. Um ihr zu helfen, sollen die beruflich stark eingespannten Damen des Hauses, so geht die Geschichte weiter, ihre sozialhygienisch wertvolle Tätigkeit für einen Tag eingestellt, die sittsamen Sonntagskleider übergestreift und - unter resoluter Führung der Puffmutter - eine Bitt-Wallfahrt zur heiligen Thérèse von Lisieux unternommen haben. Edith, so viel ist sicher, begann ihre Karriere immerhin sehend.
Entdeckt wurde sie auf der Straße. Der Impresario Louis Leplée hörte sie mit ihrer rauen, kräftigen Stimme singen und engagierte sie für seinen Nachtklub. Er war es auch, der ihr den Namen Piaf verpasste, den Pariser Ausdruck für einen frechen Spatz.
Doch der Steilflug auf das Dach des Ruhms zog sich hin. Leplée wurde ermor-
det, die junge Sängerin geriet zu Unrecht unter Verdacht, floh aus der Stadt und tingelte durch die Provinz. Zurück in Paris, machte sich die Piaf langsam einen Namen, vor allem auch deshalb, weil sie Autoren fand, die ihr maßgeschneiderte Chansons schrieben und sich meist auf das Thema beschränkten, von dem die Sängerin am meisten verstand: die Liebe.
Bei ihr konnte es kein neckisches "oh là là, l''amour" sein, für die Piaf kam nur das ganz große, echte Gefühl in Frage, auf der Bühne und im Leben. Sie wollte die absolute Hingabe, selbst wenn sie zum Scheitern verurteilt war.
Das Ende einer Liebe war für sie so etwas wie eine tödliche Niederlage. Unzählig sind Piafs Affären, und jedes Mal ging es ums Ganze. Ließ sie sich auf einen Mann ein, verschaffte sie ihm zuerst die Grundausrüstung: Manschettenknöpfe und Feuerzeug aus Gold. Hatte der Galan Pech, strickte sie ihm unförmige Wollpullover, die er dann öffentlich tragen musste.
Auch spätere Konkurrenten wie Georges Moustaki und Yves Montand gingen durch ihre Liebes- und Gesangsschule. Sie brachte ihnen bei, wie man auftritt, welche Lieder man wählt und dass man sein Publikum nicht betrügen darf. Die Herren betrogen dann lieber ihre Lehrmeisterin.
Ihre große Liebe, die Beziehung zu dem verheirateten französischen Boxchampion Marcel Cerdan, brachte der Sängerin das größte Leid. Als sie 1949 in New York ungeduldig auf ihn wartete, überredete sie ihn am Telefon, statt eines Schiffs das Flugzeug zu nehmen. Die Maschine stürzte über den Azoren ab. Cerdan war unter den Opfern.
Am Ende ihres Lebens, als schwere Krankheiten, Medikamenten- und Drogensucht, als der Alkohol und die Tragödien ihres Lebens Edith Piaf beinahe besiegt hatten, traf sie noch einmal einen Mann, den sie zu lieben glaubte, den blutjungen, hübschen Friseur Theophanis Lamboukas.
Auch aus ihm machte sie noch einen Sänger, gab ihm den Namen Théo Sarapo und trat mit ihm zusammen schließlich im Pariser Chanson-Tempel "Olympia" auf.
Mit ihrem treuen Théo sang sie das Duett "À quoi ça sert l''amour?" - wozu ist die Liebe gut? Und in diesem kleinen Chanson reimt sich l''amour tatsächlich auf toujours. JOACHIM KRONSBEIN
* In dem Stück "Le bel indifférent" (1940).
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 41/2003
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