13.10.2003

ISLAMISTEN„Sogwirkung in der Republik“

Die König-Fahd-Akademie in Bonn belastet das deutsch-arabische Verhältnis: Sie ist offenbar Anziehungspunkt für Qaida-Sympathisanten, die ihre Kinder dort fundamentalistisch erziehen lassen.
Das deutsche Mekka für Islamisten heißt Mehlem, ein kleiner Ortsteil am Rhein, im Süden von Bonn. Zwischen Lidl, Aldi und Dönerbuden ragt ein alabasterfarbener Palast aus 1001 Nacht in den Himmel - die König-Fahd-Akademie. Knapp 500 Kinder lernen dort nach saudischen Lehrplänen.
So beliebt ist die Schule, dass ganze Gruppen verschleierter Frauen mit Kindern regelmäßig in die engen Räume des Bonner Schulamts drängen. "Erst bitten sie um die Erlaubnis, ihre Kinder zur König-Fahd-Akademie schicken zu dürfen", so ein Mitarbeiter, "dann wird geweint, und am Ende sinken sie mit lauten Klagerufen auf den Boden." Die bühnenreifen Auftritte werden hausintern "Chor der Haremsdamen" genannt.
Doch in zwei Fällen verging den Beamten kürzlich der Spott. Denn nach den Frauen machten deren Männer Dampf, um ihre Kinder von der deutschen Schulpflicht zu befreien. Wenn die Anträge nicht sofort genehmigt würden, dann müsse man sich auf "schwere Schmerzen" einstellen, drohten sie am Telefon.
Inzwischen kümmert sich auch die Polizei um die König-Fahd-Akademie - genauer gesagt, der Staatsschutz. Denn die
einst 30 Millionen Mark teure Lehranstalt, die dem saudischen Königshaus in Riad gehört und mit dessen Petro-Dollar finanziert wird, hat sich zum Anziehungspunkt für Islamisten entwickelt - auch für solche, die in Verfahren des Generalbundesanwaltes gegen das weltweite Terrornetz der Qaida aufgefallen sind.
Der Konflikt um die Schule, die in Berlin einen Ableger betreibt, wird zur Nagelprobe für das ziemlich angespannte deutsch-saudische Verhältnis. Denn wenn es um die Bekämpfung des Terrors geht, traut die Bundesregierung den Scheichs nicht über den Weg - selbst der bundesdeutsche Verfassungsschutz interessiert sich für saudische Einrichtungen (SPIEGEL 32/2003).
Kein Wunder also, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Besuch in Riad vorvergangene Woche - nach einem Treffen mit König Fahd - mit dessen Kronprinz Abdallah auch über die Bonner Schule sprach. Danach behauptete Schröder über das Gebaren im Umfeld der Schule: "Das wird abgestellt werden."
Bei der feierlichen Eröffnung der Saudi-Akademie im September 1995 waren noch der damalige Außenminister Klaus Kinkel und der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau zugegen gewesen. Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann schwärmte in ihrer Eröffnungsrede sogar, das Projekt biete "die einmalige Voraussetzung für einen vorbildlichen deutsch-arabischen und christlich-islamischen Dialog, der das friedliche Zusammenleben fördert".
Dieses hehre Ziel verfolgt seither aber vor allem die deutsche Seite. Am Freitag vorvergangener Woche etwa rief der Prediger Anas B. in der drückend vollen Akademie-Moschee "im Namen Allahs" zum Heiligen Krieg auf. Mit einer versteckten Kamera konnte ein Team des ARD-Magazins "Panorama" das Treiben filmen. "Ihr müsst euch um die körperliche Ertüchtigung eurer Kinder kümmern", hämmerte Prediger B. den Gläubigen ein und forderte sie auf, den jungen Muslimen schon mal "das Speerwerfen, das Schwimmen und das Reiten" beizubringen.
Höchst verdächtig scheint Staatsschützern auch, dass seit einigen Monaten vermehrt einschlägige Bekannte nach Bonn ziehen, um ihre Kinder auf die Saudi-Schule zu schicken - wie etwa Mahmoud A. Der einstige Leiter eines Islamisten-Treffs in Duisburg arbeitete dort zusammen mit dem Konvertiten und Afghanistan-geschulten Kämpfer Christian Ganczarski, den Fahnder für einen Weggefährten des Attentäters von Djerba halten.
Unter den Eltern, die ihre Kinder auf die Akademie schicken, ist auch ein Mann, gegen den die Bundesanwaltschaft wegen Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung ermittelt: der 39-jährige Sayed M. Der Ägypter soll der deutschen Dependance der Terrororganisation al-Tawhid angehört haben. Die mit der Qaida kooperierende Truppe plante vermutlich Anschläge auf jüdische und israelische Ziele in Deutschland. M. sei in die "strafrechtlich relevante Tätigkeit der Gruppierung eingebunden", so das Bundeskriminalamt.
Auch auf die Spuren des 1998 bei München verhafteten mutmaßlichen Bin-Laden-Finanzmanns Mamduh Salim sind Fahnder im Umfeld der Akademie gestoßen. Salim unterhielt demnach Kontakte zu einigen der Muslime, deren Kinder nun dort ausgebildet würden. "Bald sind wir dort alle vereint", freuten sich schon Extremisten, deren Gespräche die Polizei mithörte.
"Das entwickelt eine Sogwirkung in der ganzen Republik", befürchtet der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters: "Mein Ziel ist es, die Schule zu schließen. Aber wir müssen es rechtsstaatlich sicher machen." Rückendeckung bekommt Roters dabei von seinem Ministerpräsidenten Peer Steinbrück (SPD). Wer freiheitliche Prinzipien bekämpfe, dürfe keine Schüler ausbilden, sagt der: "Wir werden Intoleranz nicht tolerieren."
Rund 500 Muslime, darunter auch bekannte Extremisten, treffen sich jeden Freitag zum Gebet in der Moschee der Akademie. Bei diesen Veranstaltungen wollte offenbar auch der unter Beobachtung von Verfassungsschützern stehende Prediger Ali A. nicht fehlen. A. plante, nach Bonn zu ziehen, stieß bei Glaubensbrüdern aber auf Widerstand. Sein hoher Bekanntheitsgrad schade der Sache, mahnten die Brüder.
Für die Islamisten, so erfuhren Ermittler aus Gesprächsüberwachungen und Vernehmungen, hat Bonn eine so hohe Anziehungskraft, weil ihre Kinder an der König-Fahd-Akademie stramm muslimisch ausgebildet werden - und weil sie glauben, in Nordrhein-Westfalen von den Behörden nicht so stark behelligt zu werden.
Nach einem Vermerk des Polizeipräsidiums Bonn schien diese Rechnung zunächst aufzugehen: Als Polizisten Mitte März Vertreter des Schulamtes auf die Situation aufmerksam machten, hieß es noch, eine Schließung der Schule sei rechtlich zwar denkbar, eine Umverteilung der Schüler auf andere Schulen bringe aber neue Probleme. Zudem wolle die Stadt nicht in Verdacht geraten, islamfeindlich zu sein.
Schon im Juli, nachdem Oberbürgermeisterin Dieckmann informiert worden war, entschied die Bonner Familiendezernentin Ulrike Kretzschmar dann jedoch, keine Befreiung von der deutschen Schulpflicht mehr zuzulassen. Knapp 200 der 500 Schüler sind deutsche Staatsbürger, viele andere halten sich den Behörden zufolge dauerhaft in Deutschland auf. Möglichst alle, so Kretzschmar, sollten künftig auf deutsche Schulen gehen.
Denn dass die Schüler außer Koran-Suren an der Akademie offenbar wenig lernen, wissen die Behörden längst. Werden Kinder von der Saudi-Schule verwiesen, weil sie sich, wie eine Rektorin berichtet, nicht "genügend dem Islam hingewendet haben", geraten sie auf regulären Schulen meist zu Problemfällen. "Die Kenntnisse sind katastrophal", so Kretzschmar, "die können sich kaum in Deutsch verständlich machen."
Kein Wunder, denn laut Stundenplan erhalten Kinder an der Muslim-Akademie in der ersten Klasse acht Wochenstunden Religionsunterricht - aber nur je vier Stunden Deutsch und Mathematik. Für Schüler der elften Klasse stehen sogar bis zu zwölf Wochenstunden Religion, neun Stunden Arabisch, aber nur eine Stunde Deutsch auf dem Stundenplan. Und einer der Religionslehrer war Dschihad-Prediger Anas B.
Dessen Predigt sei "ein Einzelfall", behauptet nun Andrea Bellinghausen - die Deutsche fungiert als Sprecherin und Aushängeschild der König-Fahd-Akademie. Dem Lehrer sei fristlos gekündigt worden, sagt sie, mit Radikalen habe man nichts am Hut.
Das allerdings muss bezweifelt werden, denn an der König-Fahd-Akademie wird nach den Richtlinien des saudischen Bildungsministeriums unterrichtet. Das heißt: Den Schülern soll eigentlich beigebracht werden, dass es Gläubige und Ungläubige gibt - und dass man für den wahren Glauben kämpfen muss.
Die saudische Staatsreligion, der Wahhabismus, gilt zudem als besonders radikale Ausprägung des Islam. Für den Leiter der Islamabteilung im baden-württembergischen Verfassungsschutz, Herbert Landolin Müller, steht der Wahhabismus für einen "Rigorismus, der vielen Muslimen fremd ist".
Und auch vom Terrorismus distanzieren sich die Saudis bislang nicht sehr überzeugend. So haben Staatsschützer seit längerem schon die saudische Botschaft in Berlin im Visier. Als sie noch in Bonn residierten, waren die Diplomaten für die Akademie verantwortlich, eine Aufgabe, die nun das Königshaus selbst übernehme, so Bellinghausen.
Wie nah selbst saudische Diplomaten manchen Terroristen stehen, zeigt etwa der Fall Mohammed J. Fakihi. Der Leiter der "Islamischen Abteilung" der Botschaft fiel Ermittlern des Bundeskriminalamts auf, weil sich bei einem Mittäter der Anschläge des 11. September Fakihis Visitenkarte fand. Zudem saß er vermutlich am Steuer einer Diplomaten-Limousine, in der Fahnder ein mutmaßliches Mitglied einer Terrorzelle gesehen hatten. Auf Drängen der Bundesregierung verließ der Diplomat dann Deutschland - offiziell natürlich freiwillig, schließlich haben weder Saudis noch Deutsche ein Interesse daran, das Verhältnis noch weiter zu trüben. DOMINIK CZIESCHE,
BARBARA SCHMID, ANDREAS ULRICH
* Am Sonntag vor einer Woche im saudi-arabischen Riad.
Von Dominik Cziesche, Barbara Schmid und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 42/2003
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