Von Dallach, Christoph
Wer sehr hoch über dem Times Square in der New Yorker Zentrale der Bertelsmann Music Group aus dem Fahrstuhl tritt, blickt auf dem Flur der Plattenfirma RCA auf eine Galerie von Pophelden, die auch kommerziell groß abräumten: Großformatig gerahmt hängen da Porträts von Titanen wie Elvis, Frank Sinatra und Kuschelpopper Barry Manilow.
Frisch hinzugekommen ist ein Foto von fünf sehr hübschen, ein wenig langhaarigen Jungs in Sakkos, Sportschuhen und gepflegt zerschlissenen Jeans, die sich The Strokes nennen. "Keine Ahnung, welcher Verrückte das da hingehängt hat", sagt einer von ihnen, der Schlagzeuger Fabrizio Moretti, genannt Fab - und übt sich in Demut: "Es ist auf jeden Fall eine Furcht einflößende Gesellschaft. Zwischen den ,Simpsons'' würde ich mich sehr viel wohler fühlen." Nervös trommelt er mit den Fingern auf einem schicken Designertisch.
Ob das Strokes-Bild im RCA-Flur noch lange an der Wand hängen darf, entscheidet sich wohl in den nächsten Wochen: Dann erweist sich, ob die New Yorker Band mit ihrem nächste Woche erscheinenden zweiten Album "Room on Fire" die Erwartungen erfüllt, die ihr Debütwerk "Is This It" vor zwei Jahren weckte.
Seit Wochen wird um den zweiten Strokes-Streich, den das britische Fachblatt "New Musical Express" bereits "die meist diskutierte Platte des Jahres" nennt, ein ungeheures Medien-Buhei veranstaltet. Tatsächlich ist "Room on Fire" fabelhaft gelungen, wenngleich das Album den Erfolgsprinzipien des weltweit 2,5 Millionen Mal verkauften Strokes-Debüts einfach stur
treu bleibt: In rasanten 33 Minuten und 13 Sekunden spielt die Band elf Stücke lang jenen ebenso nervösen wie melodischen Rock''n''Roll, der sie berühmt gemacht hat.
Natürlich werden pophistorisch gebildete Schlaumeier wieder die Altväter heraushören, bei denen sich die fünf Knaben bedient haben; Bands wie Television, The Modern Lovers und The Cars gehören dazu - aber geht es darum wirklich? Entscheidend ist, dass es die Strokes geschafft haben, die Popwelt so nachhaltig zu beeindrucken wie vor ihnen lange keine andere Band.
Scharen von Garagen-Rockern, ob aus Schweden oder Neuseeland, Kanada oder England, nahmen sich die minimalistischen Rock-Nummern von "Is This It" zum Vorbild, die so scheppernd klangen, als seien sie mit einem maroden Diktiergerät aufgenommen. Leicht zu erkennen sind diese Nachahmer in der Regel an einem "The" vor dem Namen: Die erfolgreicheren heißen The Hives, The White Stripes, The Vines, The Datsuns oder The Libertines - aber auch "The"-freie beherzte Neo-Lärmer wie das Punk-Trio Yeah Yeah Yeahs brachten es zu erstaunlichen Verkaufszahlen und frischem Ruhm.
Ganz besonders aktiv wurden die Talentjäger der Plattenfirmen in New York - noch in der schäbigsten Musikkaschemme fahndeten sie nach dem guten Rock von Manhattan, was beispielsweise Luke Jenner, Sänger und Gitarrist der New Yorker Band The Rapture, "absolut irre" findet: "Jeder unserer Freunde, der eine Gitarre halten kann und in einer Band spielt, hat neuerdings einen guten Plattenvertrag oder führt zumindest Verhandlungen."
Natürlich profitiert auch Jenners Band The Rapture von dem Aufruhr. Ihr ebenfalls nächste Woche erscheinendes Album "Echoes", das in schöner Manier tanzbare Electro-Beats mit zackigem Gitarrenlärm kreuzt, war so gefragt, dass mehrere Plattenfirmen sich ein Wettbieten lieferten. Das erste Angebot habe bei 15 000 Dollar gelegen, berichtet Jenner. Die Band wartete ab und unterschrieb ein halbes Jahr später für eineinhalb Millionen beim Konzern Universal.
Den großen Durchbruch aber, auf den die New Yorker Rock-Dandys von The Rapture noch warten, haben in den vergangenen Monaten ein paar eher verschlampte Rock''n''Roller aus der amerikanischen Provinz geschafft: Die in vielen angloamerikanischen und deutschen Fachmagazinen bejubelten Newcomer der Rock-Saison heißen Kings of Leon.
Die smarten Bürschchen aus Tennessee pflegen nicht nur optisch einen sehr lässigen, von fern an Hippiezeiten erinnernden Stil; auch ihre Musik ist geprägt von einer sehr zurückgelehnten Rumhänger-Attitüde, vor allem der Gesang des Kings-of-Leon-Anführers Caleb Followill huldigt virtuos der Poesie des flüchtig Hingeschlampten. In den britischen Clubs jedenfalls gelten die jungen Südstaatenrocker als neue Helden, die auf Konzerten auch von berühmten Rock-Fans wie Kate Moss oder Stella McCartney angehimmelt werden.
Ob die Garagenrock-Mode und deren Vorzeigefiguren allerdings den aktuellen Rummel überstehen, wird - wie es sich in der Branche gehört - bereits von den ersten Musikfachleuten heftig bezweifelt. Kein Wunder also, dass die Strokes so wirken, als sei ihnen äußerst mulmig vor der Präsentation ihres zweiten Werks: Sie sind in rasender Geschwindigkeit von aufgedrehten Nobodys zu Pop-Ikonen geworden - droht nun schon wieder der Absturz in die Klasse der abgehalfterten Helden von gestern?
"Die Kunst besteht auch darin, den Wahnsinn nicht an sich heranzulassen", sagt Fab Moretti und blickt sehr ernst.
Von einer leichten Verwirrung zeugt jedoch bereits, wie schwer sich die Strokes mit dem Einspielen ihres neuen Albums quälten. Da tauschten sie zu Beginn der Aufnahmen den wenig bekannten Produzenten ihres hoch gelobten Debüts gegen den Szenestar Nigel Godrich, der vor allem durch seine Arbeit mit den britischen Kunstrockern von Radiohead berühmt wurde. Einige Wochen später jagten sie den Gast wieder zum Teufel. "Wir haben die Aufnahmen mit ihm allesamt verbrannt", behauptet Moretti. Reumütig kehrten die Jungs zum alten Produzenten Gordon Raphael zurück.
Zwei Jahre waren The Strokes mit ihrem ersten Album auf Welttournee - und wurden überall bejubelt. Zu Hause in New York aber sind sie bis heute erstaunlich unbeliebt. Das liegt vor allem an der dem Rock''n''Roll-Mythos kaum entsprechenden Herkunft der Musiker. Alle stammen sie aus den oberen Regionen der amerikanischen Gesellschaft.
Wie sexy kann die Geschichte einer Band sein, die wie im Falle der Strokes damit zu tun hat, dass sich zwei der Mitglieder auf einem Schweizer Nobel-Internat kennen lernten?
Sänger und Songwriter Julian Casablancas, dessen Vater John Casablancas einst die Modelagentur Elite gegründet hatte, und Albert Hammond junior, Sohn des Bestseller-Barden Albert Hammond senior ("It Never Rains in Southern California") liefen sich im Institut Le Rosey in der Nähe von Lausanne als Teenager über den Weg und trafen sich Jahre später in Manhattan wieder: Dort legten sie zusammen mit Fabrizio Moretti, Nick Valensi und Nikolai Fraiture los unter dem Namen The Strokes.
"Es kann keine guten Rock-Bands aus Manhattan geben, weil normale Menschen es sich überhaupt nicht leisten können, da zu wohnen", keift denn auch der Konkurrent Gabe Andruzzi von The Rapture.
Strokes-Verächter haben sich hämische Geschichten ausgedacht wie die, dass die Band einen Pressesprecher angeheuert habe, bevor sie überhaupt ihren ersten Song geschrieben hatte. Das ist natürlich Humbug. In Wahrheit scherte sich lange Zeit kaum ein Mensch in New York um die Band; sie wurde von fast allen großen Plattenfirmen abgelehnt - bis ihr Manager auf die Idee kam, Probeaufnahmen an eine kleine Firma nach England zu schicken, wo man so begeistert war, dass man drei Nummern davon als Single veröffentlichte. Der Rest ging dann sehr schnell.
Er finde es immer noch sehr schwierig, mit all dem Neid umzugehen, klagt Albert Hammond junior. Die Forderung, dass große Rocker gefälligst aus kleinen Verhältnissen stammen müssten, sei nichts weiter als ein dummes Klischee. Stimmt: So ist zum Beispiel Lou Reed, der in der wohl berühmtesten New Yorker Rockband aller Zeiten, The Velvet Underground, den Ton angab, ein Mann aus bürgerlichem Haus - und auch die New Yorker Punkrock-Pioniere von den Ramones hatten eine recht wohlbehütete Jugend.
Einen Vorteil hat Hammond junior ganz sicher: Sein Vater weiß, wie mit schnell verdientem Geld umzugehen ist. Albert Hammond senior hat die Jungs gewarnt, sich tolle Häuser zu kaufen: "Dann denkt ihr nur noch an die Hypotheken statt an die Musik." CHRISTOPH DALLACH
DER SPIEGEL 42/2003
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