13.10.2003

GESTORBENNeil Postman

Neil Postman , 72. "Wir amüsieren uns zu Tode" betitelte der New Yorker Professor sein berühmtestes Buch - es erschien 1985. Ein keulenhafter Satz wider die totale Fernsehgesellschaft, reinstes Kulturpessimismus-Moll - und auch heute kaum zu widerlegen: von Bohlen nach Babylon, von Schwarzenegger in eine schwarze Zukunft - für Kulturmenschen scheint dieser Weg nicht mehr weit zu sein. Der promovierte Pädagoge konnte seine Ängste gewählt und elegant zu Papier bringen. In besagtem Buch heißt es: "Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung." Gut gebrüllt, aber auch wahr gesprochen? War es nicht der Schauspieler Reagan, der half, die Mauer niederzureißen? Erinnern nicht die Big-Brother und Schwestern aus dem TV auch daran, dass alle Gewalt vom Volk ausgeht und nicht von den Volkserziehern? "Das Verschwinden der Kindheit" (1982) hieß sein anderes berühmtes Buch - ein Titel, der bei vielen reflexartig kulturellen Tränenalarm auslöste: Ach, wo sind Kreisel, Reifen und die hübschen alten Lieder geblieben? Die Lektüre ergab ein weniger nostalgisches Gefühl: Die Kindheit ist eine Erfindung der Neuzeit, das Mittelalter kannte sie nicht, und wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die von allen, Jung und Alt, ewige Jugendlichkeit fordert. Hier tilgt die Analyse den vorschnellen Pessimismus, und es könnte sein, dass dies auch eines Tages für die Kassandrarufe Postmans über die Verblödung durch das Fernsehen gilt. Neil Postman starb am 5. Oktober in New York an Krebs.

DER SPIEGEL 42/2003
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