20.10.2003

PATENTEDüsentriebs Traum

Ein Erfinder aus der Eifel hat einen fast perfekten Minenräumer konstruiert. Doch das Gerät kommt nicht mehr zum Einsatz: Der Mann scheitert an der Uno-Bürokratie - und an sich selbst.
Walter Krohn ist ein seltsamer Mensch. Er sagt, er habe mächtige Feinde, die danach trachteten, ihn im Knast oder in der Irrenanstalt verschwinden zu lassen. Deshalb versuchten sie ihm etwas anzuhängen. Er stehe ihnen im Weg, weil sein Erfindergeist ihre Geschäfte störe. Verschwörungstheorien eines frustrierten Tüftlers? Oder leidet der Mann unter Verfolgungswahn?
Krohn hat eine Maschine konstruiert, die die Menschheit von einer Jahrhundertplage befreien könnte. Weltweit sind bis zu hundert Millionen Minen verbuddelt, 100 000 Stück werden jährlich manuell beseitigt. Gleichzeitig kommen jedoch ständig neue dazu. Minen kosten über 5000 Menschen im Jahr das Leben und machen viele Tausende zu Krüppeln. Krohn hat sich vorgenommen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Die Krohn-Fräse, wie das Gerät in Fachkreisen heißt, sieht aus wie eine aufgemotzte Planierraupe: sieben Meter lang, 36 Tonnen schwer. Krohn hat sie aus einem Apparat entwickelt, mit dem er früher, als er noch Forstunternehmer war, Baumstümpfe ausgehoben und zerschnetzelt hat. Angetrieben wird die Maschine von einem 750-PS-Motor im Heck. Vorn hat sie eine Walze mit Zähnen aus Titan.
So viel ist unstrittig: Die Maschine taugt was. Sie arbeitet schnell, effizient und gefahrlos. "Ein Segen für die Menschheit", urteilte Bundeswehroberst Wolfgang Kappen, Anfang der neunziger Jahre Sicherheitsbeauftragter bei der Minenräumung an der innerdeutschen Grenze. Kappen hat sie in Betrieb gesehen, das hat ihn überzeugt.
Dennoch ist das Ungetüm nur einmal zum Einsatz gekommen, das liegt vor allem an den Vereinten Nationen. Die Uno ist in allen Krisenregionen der Welt präsent, sie besitzt quasi das Monopol auf das Räumen von Minenfeldern. Doch die Funktionäre lehnen das Gerät aus der Eifel ab. Sie hätten eben kein Interesse daran, ihre Aufgabe allzu schnell zu erledigen, glaubt Krohn.
Allerdings, angebliche Intrigen gegen ihn sind nicht sein einziges Hindernis. Oft genug steht sich der alte Herr selbst im Weg.
Er ist streitsüchtig wie ein junger Kampfstier. In seiner Welt gibt es nur einen Gerechten - ihn selbst. Ansonsten: alles Idioten und Verschwörer. Seine militante Misanthropie hätte ihm beinahe ein Entmündigungsverfahren eingebracht. Kaum jemand vermag sich vorzustellen, dass ein derart verbohrter Querkopf eine so brauchbare Maschine bauen kann.
Krohn führt oft mehrere Gerichtsverfahren gleichzeitig. Die Prozesshanselei hat ihn ruiniert. Er lebt wie ein Penner: Im Wohnzimmer liegen Bücher, Akten, Schuhe, leere Flaschen, Computerteile. Es stinkt nach Hund. Doch Krohn stört der Mief nicht. Er ist 75 Jahre alt, er hat keine Zeit mehr zum Saubermachen.
Es gäbe ja noch so viel anderes zu tun, in Mosambik, Somalia, Kroatien, Kambodscha, vor allem in Afghanistan. Bei dem gegenwärtigen Suchtempo wird es theoretisch ein paar tausend Jahre dauern, bis alle afghanischen Minenteppiche weggeräumt sind. Krohn behauptet, er wäre damit in ungefähr zehn Jahren durch. Er vergisst, dass er dann Mitte achtzig ist.
Krohn wäre ein für alle Mal saniert, hätte er die Offerten der Rüstungskonzerne Diehl und Rheinmetall angenommen. Sie wollten ihm einst sein Patent für fünf Millionen Mark abkaufen. Doch er bestand darauf, an der Weiterentwicklung beteiligt zu werden. Und er wollte auch beim Räumen selbst auf dem Bock sitzen.
Dagegen sträubten sich die Manager. Sie wollten einen Querulanten wie Krohn nicht im Geschäft haben. Weil sie die Maschine nicht zu ihren Bedingungen kaufen konnten, fochten sie das Patent an - mit Erfolg. Seitdem kann sich jeder an seiner Erfindung bedienen.
Dem "Minebreaker", einer Maschine, die die Diehl-Tochter Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft heute anbietet, sieht man die Verwandtschaft mit der Krohn-Fräse an. "Sie sind sich ähnlich wie ein Auto dem anderen", räumt sogar Diehl-Führungskraft Dieter Metzenroth ein. Allerdings nur äußerlich. "Das Ding ist ein Plagiat", schimpft Krohn, "aber ein schlechtes."
Beim Probeeinsatz des Prototyps bei Sarajevo traten im Sommer 1998 tatsächlich Mängel zu Tage. Statt die Minen zu zerstören oder einzusammeln, pflügte der Minebreaker viele nur zur Seite.
Die Krohn-Fräse dreht sich - anders als etwa der Minebreaker - gegen die Fahrtrichtung und trennt die Ladung vom Zünder oder bringt den Sprengsatz zur Detonation. Weil die Walze einen Erdwall über den Sprengsatz schiebt, ist die Detonation meist folgenlos. Das System wird im Allgemeinen auch mit Panzerminen fertig, die fünf bis zehn Kilogramm TNT-Sprengstoff enthalten.
Ein weiterer Vorteil der Fräse: Weil sich ihr Gewicht auf eine relativ breite Fläche verteilt, wird der Boden nicht so stark verdichtet wie etwa beim Einsatz des schwereren Minebreaker. Sie hinterlässt, im günstigsten Falle, gute Gartenerde.
Für die Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze wäre es die ideale Maschine gewesen, sagt Ex-Oberstleutnant Werner Maar, der 1991 die im Südabschnitt eingesetzten Kommandos befehligte. Aber Bonn vergab den Auftrag an die bundeseigene "Gesellschaft zur Rekultivierung und Verwertung von Grundstücken" (GRV), die eigens zu diesem Zweck gegründet worden war. Die GRV war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für 1800 ehemalige ostdeutsche Soldaten, ohne die Minenräum-Jobs wären sie arbeitslos gewesen.
Die Regierung Kohl hatte für das Projekt 500 Millionen Mark bewilligt. Krohn behauptet jetzt, er hätte es für den zehnten Teil gemacht. Doch die Beteiligten waren nicht interessiert. Es war ihnen offenbar auch ziemlich gleichgültig, dass ihr Gerät veraltet war. Sicherheitsoffizier Kappen erinnert sich schaudernd der primitiven Suchmethoden: "Wir haben gepflügt und geeggt, manchmal wurden nach 13 Durchgängen noch Minen gefunden."
In Mosambik erhielt das "Krohn Mechanical Mine Clearing System" (KMMCS) zunächst eine Chance. Ein Team unter Krohns Führung machte 1996 in Moamba, 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt Maputo, mehr als 20 000 so genannte Anti-Personen-Minen auf 150 Hektar Fläche unschädlich. Das Auswärtige Amt zahlte dafür 2,8 Millionen Mark - umgerechnet 10 000 Euro pro Hektar oder 75 Euro pro Mine.
Das 500 Mann starke Räumkommando, das in Diensten der Vereinten Nationen die brisanten Überreste des portugiesischen Kolonialkriegs und des mosambikanischen Bürgerkriegs beseitigte, brauchte für ein fast gleiches Pensum ein Mehrfaches an Zeit und Geld.
Der damalige Außenminister Klaus Kinkel (FDP), der im Sommer 1996 mit einer hundertköpfigen Wirtschaftsdelegation angereist war, um sich den Test anzusehen, war so beeindruckt, dass er das Projekt zur Chefsache machte. Er entschied: "Die Maschine muss her."
Dass sich der "yellow elephant", wie die Einheimischen das gelb lackierte Ungetüm nannten, dann doch nicht durchsetzte, hatte auch damit zu tun, dass sein Erfinder sich ständig über die Sicherheitsvorschriften hinwegsetzte: Es ging ihm alles nicht schnell genug. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Horst Jungmann, vormals Mitglied des Verteidigungsausschusses, sah sich das Hickhack sechs Wochen an. "Dann bin ich abgehauen, ich hatte einfach die Schnauze voll." Jungmann hat nur Lob für die Maschine und nur Tadel für Krohn: "Das Ding ist hervorragend, aber der Mann ist nicht intakt."
Der Erfolg von Krohns Gerät war eine Blamage für die Uno. Manchmal lag am Morgen, nachdem Krohn ein Feld für sauber erklärt hatte, wieder eine neue Mine darauf, die nachts jemand dort hingeworfen hatte. Das war offenbar Sabotage, doch gemäß Uno-Vorschrift musste noch einmal das gesamte Feld durchgeackert werden.
Das Auswärtige Amt wollte jedoch jeden Streit mit der Uno vermeiden. Die deutsche Botschaft in Maputo teilte Krohn im Januar 1997 mit, dass der Räumvertrag wegen "Management-Defiziten" als gegenstandslos betrachtet werde. Statt Krohn erhielt "Mechem Consultants", eine Tochter des südafrikanischen Rüstungskonzerns Armscor, der auch der regionale Marktführer in der Herstellung von Minen ist, von Mosambik den Auftrag.
Die KMMCS-Maschine ist nicht das einzige Gerät, das nicht zum Zug kommt. Krohns Mitbewerber haben ähnliche Erfahrungen mit der Bürokratie der Uno gemacht. "Das ist eine große Behörde, die kein Interesse am technischen Fortschritt hat, weil ihre Mitarbeiter phantastische Gehälter beziehen, die von jeder Neuerung bedroht werden", sagt Thorsten Peter von der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft.
Weil ihm nach dem Mosambik-Desaster das Geld ausging, pumpte sich Krohn eine halbe Million Mark von der Essener Montaneisen GmbH. Als Sicherheit verpfändete er - per Kaufvertrag - seine zwei Maschinen, die seiner Meinung nach fünf- bis sechsmal so viel wert sind. Weil Krohn den Kredit nicht zurückzahlte, ließ Montaneisen-Chef Manfred Behrens die Maschinen beschlagnahmen.
So werden weiter jeden Tag Menschen von Minen zerrissen. Die Regierungen scheuen sich, auf die Vereinten Nationen Druck auszuüben. Private Hilfsorganisationen sind solchen Zwängen nicht unterworfen. Sie könnten sich der Krohnschen Maschine bedienen - wenn da nicht der K-Faktor wäre.
Rupert Neudeck, der inzwischen retirierte Chef des "Komitees Cap Anamur Deutsche Notärzte", hatte ebenfalls versucht, mit Krohn ins Geschäft zu kommen, nachdem er 1993 beim Minensuchen in Angola zwei Mitarbeiter verloren hatte. Aber er gab schnell auf. Neudeck sagt: "Der Mann ist sein eigenes Hauptproblem." ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 43/2003
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