Von Thimm, Katja
Alles Leben ist Problemlösen, und Tony, Lennart, Oskar und Anna stecken schon mittendrin. Dabei sind sie erst sieben Monate alt.
Auf der kleinen Puppenbühne vor ihnen geschieht Rätselhaftes: Ein Ball und eine Stoffraupe liegen da, im ersten Akt noch regungslos, im zweiten rollen sie wild umeinander herum. Der Vorhang fällt, hebt sich zum dritten Akt - und beide liegen wieder so still, als hätten sie sich nie gerührt.
Baff und sprachlos sitzen die Kleinen auf den Schößen ihrer Mütter. Noch können sie nur lallen, doch Sabina Pauen, Entwicklungspsychologin an der Universität Heidelberg, beobachtet genau, wie sehr das Schauspiel die Babys irritiert. "Sie erwarten, dass sich allenfalls die Raupe von allein bewegen kann", erklärt sie. "So viel begreifen sie bereits über den Unterschied zwischen Gegenständen und Tieren."
Nun aber kommen Tony, Lennart, Oskar und Anna ins Grübeln. Wieso rollt der Ball? Hat die Raupe ihn angestoßen? Pauen ist sich der Skepsis ihrer jungen Probanden ziemlich sicher. Sie hat gemessen, wie viel Beachtung die Babys Raupe und Ball jeweils geschenkt haben - und schließt aus den Werten: "Schon mit sieben Monaten denkt der Mensch über Ursache und Wirkung nach."
Ein unglaublicher Befund - doch die Forscherin ist nicht die Einzige, die mit verblüffenden Nachrichten über die Höchstleistungen der Winzlinge aufwartet. Tag für Tag notiert eine weltweite Wissenschaftlergemeinde Nuckelintensität und Blickkontakte von Säuglingen, animiert sie zu Nachahmungsexperimenten, zeichnet ihre Lallversuche auf und setzt ihnen Elektrodenmützchen auf, um die Hirnaktivität zu messen.
Psychologen, Linguisten, Mediziner und Hirnforscher sind einem der größten Menschheitsrätsel auf der Spur: Wie entwickelt sich ein Kind? Wie erschließt es sich die Welt? Wann bildet es Kategorien, wann begreift es, dass ein Maikäfer ein Tier, Insekt und Lebewesen ist - und das alles zugleich? Wann lernt es die komplexen Regeln seiner Muttersprache? Wie erwirbt es all die Fähigkeiten, die es zu einem intelligenten Menschen machen?
Eltern, und solche, die es werden wollen, stellen sich ähnliche Fragen und haben es schwer. Sie wollen alles richtig machen und für ihren Nachwuchs nur das Beste. Doch was das genau ist, wissen vor allem die anderen. Die Hebamme wedelt lange vor der Geburt mit der ersten Info-Broschüre, Freunde schenken schon kurz nach der Zeugung Musik fürs Wohlbefinden im Uterus, und eine gigantische Spielzeugindustrie lockt mit scheinbar unverzichtbaren Neuheiten wie gehirnstimulierenden Baby-Videos: "Damit Ihrem Kind einmal alle Möglichkeiten offen stehen." Irgendwann blättern die angehenden Mütter und Väter dann selbst in Büchern voll smarter Tipps.
Kinder brauchen Anregungen und Erwachsene, die sich kümmern, so viel steht fest. Doch was genau und wie viel davon tut ihnen gut? Wie können Eltern und Erzieherinnen die Knirpse in ihrer Entwicklung unterstützen, ohne sie wie Optimierungsmaschinen zu behandeln? Und wie müsste dann ein guter Kindergarten aussehen?
Die Antwort der Forscher erinnert an das Motto "Hilfe zur Selbsthilfe": Das heranwachsende Kind suche von allein die Themen, die es beackern könne, um sich seinem Alter gemäß zu entfalten. Die Erwachsenen müssten nur alles unternehmen, um es in diesem Lernprozess zu unterstützen - bei Deutschlands Mangel an Kindergärten eine Riesenherausforderung.
Vor 50 Jahren noch galt ein Säugling als Tabula rasa, als unbeschriebenes Blatt, weder in der Lage, seine Umwelt wahrzunehmen, noch elementare Empfindungen wie Schmerzen zu erleben. Nicht selten operierten Chirurgen Neugeborene ohne Betäubung. "Jetzt aber sind wir im Jahrzehnt der Kleinstkindforschung angekommen", erklärt Jürgen Weissenborn, Linguist an der Berliner Humboldt-Universität, voller Begeisterung. "Wir erleben eine kopernikanische Wende: Unsere früheren Ideen gehören über Bord."
Weissenborn rüttelt selbst gehörig am alten Weltbild. Gemeinsam mit Pauen und der Hirnforscherin Angela Friederici vom Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung will er erstmals genau dokumentieren, in welchen Etappen Kinder die deutsche Sprache lernen. Seit Januar 2001 untersuchen die Wissenschaftler regelmäßig rund 200 Säuglinge.
Auch Weissenborn weiß von zahlreichen Großtaten der Kleinen zu berichten: "Schon wenn sie gurren, lallen, kieksen
und schreien, bereiten sie das erste Wort vor - und alles deutet darauf hin, dass sie dabei die typische Betonung der Mutter-
sprache nachahmen."
So nimmt das Schicksal früh seinen Lauf. Bereits kleine Chinesen-Mädchen gurren
mit dem eigenwilligen Charme Fernosts - und Deutsche und Franzosen lallen schon im Säuglingsalter mit unterschiedlichem Akzent. Französische Studien legen nahe: Während Peter den ersten Ton nach dem Luftholen besonders ausdrucksvoll krakeelt, hebt Pierre eher den zweiten hervor - so wie seine Eltern das Wort "Auto" auf der zweiten (autó), Deutsche aber auf der ersten Silbe betonen (Áuto).
Gleich nach der Geburt erkennen Babys die Stimme ihrer Mutter - sie haben sie im Mutterleib zu identifizieren gelernt. Mit vier Monaten erfassen sie den eigenen Namen im Redefluss, wenig später "Mama" und "Papa". Zum Ende des ersten Lebensjahres unterscheiden sie alle Laute - und, so eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen, damit auch die eigene von einer fremden Sprache. Sie merken, wann ein Wort beginnt oder endet, und verstehen die Bedeutung von rund 60 Begriffen. Schon als Neugeborene scheinen sie Sprache vor allem mit der linken Hirnhälfte zu verarbeiten.
Die Belege häufen sich: Säuglinge und Kleinkinder können und wissen viel mehr, als Erwachsene gemeinhin denken. Lange bevor sie das erste Wort sprechen, bedienen sie sich einer Fülle komplexer Forschungs- und Erprobungsstrategien. Sie lernen nicht nur, indem sie ihre Eltern nachahmen, sondern erobern sich wie kleine Wissenschaftler rasant und raffiniert die Welt. Jeden Tag entdecken sie ein neues Universum.
Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig. Denn zunächst erleben sie alles um sich herum als Chaos: ein Schrank, ein Kuss, ein scharfes Verbot - jedes Ding, jede Situation, jedes Wort ist neu und einzigartig. Das Wirrwarr zu durchdringen und alles zueinander in Beziehung zu setzen erfordert gedankliche Höhenflüge: Schränke sind Möbel, die sich öffnen lassen und einen Hohlraum für Kleider bieten. Küsse sind feuchte Berührungen, die Zuneigung ausdrücken. Ein "Nein" setzt Grenzen und kann davor bewahren, die Treppe hinunterzuknallen.
"Eltern können sich kaum vorstellen, welche Abstraktionsleistungen ihre Kinder täglich vollbringen", sagt Pauen. Schon Einjährige unterscheiden "spezifische Kategorien" wie Katze, Hund und Henne. Noch früher, ab dem siebten Monat, bilden Kinder "globale Kategorien": "In einem Alter, in dem sie gerade mal sitzen können, gruppieren sie Gegenstände in Tiere, Möbel oder Fahrzeuge." Selbst Puppenhausstühle mit Zebrastreifenmuster sortieren Babys zu anderem Spielzeugmobiliar.
Im gleichen Alter beginnen sie auch damit, die wichtigsten Wortstellungsregeln zu entdecken. Sie merken, dass es heißen muss: Hans hat Kuchen gegessen - nicht aber: Hans hat gegessen Kuchen. Und: Sie identifizieren sowohl Artikel (der, die, das, einer, eine, ein) als auch Präpositionen wie "in" und "auf".
So verblüffend solche Ergebnisse scheinen, so nachvollziehbar klingt Weissenborns Erklärung. "Kinder erwerben zentrale Elemente des grammatischen Gerüsts, lange bevor sie sprechen", sagt der Linguist. "Es hilft ihnen, den Lautstrom um sie herum zu strukturieren. Ein kleines Wort wie ''ein'' zeigt ihnen an, dass ein Hauptwort wie ''Ball'' folgen muss." Wann immer sie Kategorien bilden, arbeitet ihr Gehirn wie ein nimmermüder Statistiker. Permanent wertet das Baby aus, was es hört, sieht oder fühlt, und ordnet die Eindrücke nach Wahrscheinlichkeit: Was häufig vorkommt, muss bedeutsam sein. Was regelmäßig zusammen auftaucht - Artikel und Hauptwort, süße Pampe und Löffel - wird schon irgendwie zusammengehören. Wie ein Chemiker, der ständig Substanzen zusammenrührt und nur verwahrt, was sich bewährt, behält auch das kleine Kind nur, was das Gehirn als sinnvoll bewertet.
Doch woher wissen die Forscher das alles? Schließlich stehen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Ihre Probanden mögen zwar Methodenkünstler voll grammatischer Expertisen sein; doch Auskunft geben über das, was in ihren Köpfen vorgeht, können sie nicht. Um dem Innenleben der Babys auf die Spur zu kommen, versuchen die Wissenschaftler, die nonverbale Kommunikation zu entschlüsseln. Sie laden ein ins Säuglingslabor. Bei Ärzten, in Stillgruppen und mit Kleinanzeigen suchen sie nach geeigneten Kindern; 20 pro Versuchsreihe gelten als statistisch aussagefähige Zahl.
Sitzt das Kleinkind erst einmal im Hochstuhl oder auf dem Schoß der Mutter, erlebt es eine Art Baby-Theater: Auf einer Bühne blinken Lämpchen, es erscheinen Gegenstände wie Raupe und Ball, es ertönen Geräusche. Raum und Bühne strahlen unauffällig weiß, damit der gewindelte Jung-Wissenschaftler seine Aufmerksamkeit allein dem Experiment widmet. Auch die Kamera, die den Versuch für die Auswertung aufzeichnet, darf er nicht sehen.
Meist nutzen die Forscher bei solchen Inszenierungen drei Methoden. Während die Neurowissenschaftler mit feinen Sensoren Hirnströme registrieren, arbeiten die Psychologen mit "Blickpräferenz" oder "Habituation". Dafür bieten sie dem Kind entweder gleichzeitig zwei verschiedene Reize an - Töne, Lichtsignale, Bilder - und schließen aus seiner Kopfbewegung, welcher sein Interesse stärker fesselt. Oder sie habituieren, also gewöhnen, das Baby erst an eine Situation und zeigen ihm dann etwas anderes. Nuckelt es daraufhin intensiver an einem präparierten Schnuller oder schaut länger hin als zuvor, schließen die Forscher: Das Kind unterscheidet, es kann Bekanntes bereits von Unbekanntem trennen - es lernt.
"Was dabei im Innersten eines Babys alles vorgeht, werden wir ganz genau wohl nie erfahren", schränkt Wolfgang Mack, Entwicklungspsychologe an der Universität Frankfurt, ein. Um gesicherte Daten zu erhalten, müssen die Forscher ihre Versuchsreihen oft mehrmals wiederholen. "Denn wenn sich ein Säugling komplett uninteressiert an einem Experiment zeigt, bedeutet das noch lange nicht, dass er die Aufgabe nicht bewältigen kann. Vielleicht hat er gerade einfach keine Lust."
Mack hat in seinem Leben schon einige versuchsmüde Säuglinge gesehen - bei den Diashows, die er ihnen im Baby-Labor vorgeführt hat. Mit Hilfe von Bildern voller Punkte wollte der Wissenschaftler ergründen, ob seine Gäste bereits zählen können.
Auch seine Ergebnisse überraschen: Schon mit knapp sechs Monaten können Kinder kleine Mengen voneinander unterscheiden; drei Punkte von vier Punkten, zwei Kreise von einem Kreis. "Aber eine Menge, die größer ist als vier, erfassen sie nicht", erklärt Mack. "Also kann man das auch nicht wirklich zählen nennen."
Vielmehr scheint vier eine Art magische Einheit zu sein, die sich gerade noch mit einem Blick erkennen lässt. "Erst mit drei oder vier Jahren reihen Kinder dann nicht nur wie im Abzählreim Zahlen aneinander, sondern können die Frage beantworten: Wie viele Bonbons sind das hier? Dann entwickeln sie ein echtes Zahlenverständnis."
In einem Schweizer Keller treten Enzo, Antonia und Dominik den Beweis an, dass Kindergartenkinder auch schon eine Menge von Physik verstehen. Nacheinander beziehen sie Stellung hinter einer Küchenwaage, an der ein langer Holzhebel befestigt ist. "Jetzt lege ich dir ein Klötzchen in die eine Hand, und du drückst mit der anderen den Hebel so weit hinauf, bis sich das Gewicht ausgeglichen anfühlt", erklärt die Versuchsleiterin Andrea Frick ihrem ersten Kandidaten. Enzo schaut ernsthaft, drückt den Hebel, korrigiert noch einmal und sagt "jetzt". Das Zifferblatt der Waage kann er nicht sehen. Frick notiert den Wert. "In den allermeisten Fällen üben die Kinder intuitiv die richtige Kraft aus", sagt Friedrich Wilkening, Entwicklungspsychologe und Leiter der Arbeitsgruppe an der Universität Zürich, voller Zufriedenheit.
Frühere Studien, die immer auch das Körpergefühl der Kinder miteinbezogen, brachten ähnliche Ergebnisse: In einem Ballwurfexperiment ahnten Vierjährige die Flugbahn genauer voraus als Physik-Experten bei abstrakteren Aufgaben. Und in einem Versuch zum Thema "Weg, Zeit und Geschwindigkeit" verblüfften sie Wilkening sogar mit algebraischem Wissen. "Ein Hund bellt, da kriegen Schildkröte, Meerschweinchen und Katze Angst", erzählte er den Kindern und wollte wissen, wie weit die fliehenden Tiere kommen. Die Antworten begeistern den Forscher. "Sie wussten nicht nur, dass die Schildkröte die kürzeste und die Katze die längste Strecke zurücklegt", sagt er, "sondern sie gaben die Wegstrecken auf einer Skala auch noch so an, als ob sie nach der mathematischen Formel gerechnet hätten: Zeit mal Geschwindigkeit ist gleich Weg."
Eine alles erklärende Theorie hat Wilkening für diese Phänomene noch nicht gefunden. "Doch sicher ist, dass Vierjährige ein Körperwissen über physikalische Vorgänge haben - auch wenn sie es mittels Sprache nicht ausdrücken können."
Möglicherweise zählt diese intuitive Physik zu den Meilensteinen der Entwicklung, die alle Kinder erklimmen - gleich ob sie in Ostfriesland oder auf Neuguinea zur Welt kommen. Sie alle können anfangs am besten mit Mund und Händen ihre Umgebung erkunden. Der Tastsinn ist bereits so weit ausgebildet, dass sie schon am ersten Tag den Unterschied zwischen warm und kalt spüren können. Frühestens in der sechsten Woche gurren sie und verzaubern Erwachsene mit ihrem "sozialen Lächeln", das ihnen in der Regel die nötige Zuwendung garantiert. Mit rund neun Monaten lernen sie Krabbeln und verstehen, dass etwas nicht gleich verschwunden ist, bloß weil sie es gerade nicht sehen. Ab dem 14. Monat laufen die meisten, ab dem 18. Monat bilden sie täglich bis zu zehn neue Begriffe. Ihr Wortschatz explodiert.
Mit zweieineinhalb Jahren dann haben sie sich ihre Sprache grundlegend erobert. Damit verfügen sie über das Werkzeug, Handlungen zu planen und sich "Als-ob-Situationen" vorzustellen. Wenn ein Kind so tut, als ob die Puppe etwas zu trinken braucht, holt es vorher eine Tasse.
All das gehört zum genetischen Programm, das seit Zehntausenden Jahren bei jedem gesunden Kind so zuverlässig abläuft wie die "infantile Amnesie": die Tatsache, dass der Mensch keine Erinnerungen an die ersten dreieinhalb Lebensjahre hat. Die Speichermechanismen für das bewusste Langzeitgedächtnis funktionieren noch nicht. Säuglinge vollbringen kleinere, elementare Gedächtnisleistungen. Sie erkennen vertraute Gesichter wieder und erinnern sich ziemlich gut daran, dass auf herzzerreißendes Geschrei fast immer Zuwendung folgt.
Doch Gene allein machen aus einem Neugeborenen weder einen Nobelpreisträger noch einen Versager. "Es sind immer die Signale aus der Umwelt, die beeinflussen, wie sich die genetische Information entwickelt", sagt Wolf Singer, Neurowissenschaftler am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. "Allein die Gene entscheiden nicht über Begabungen oder Persönlichkeitsmerkmale."
Singer ist sicher: "Wenn ein Kind aus der Steinzeit statt in seiner Höhle hier und heute aufwachsen würde, mit Bilderbüchern, Gameboy und ferngesteuerten Autos, dann würde es genauso werden wie wir. Die genetische Ausstattung des Menschen hat sich in den letzten Jahrtausenden nur unwesentlich verändert." Ähnliche Überlegungen inspirierten den amerikanischen Verhaltensforscher John Watson schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zu pädagogischen Allmachtsphantasien. "Gebt mir ein Dutzend gut gebaute Kinder", forderte er, "und ich garantiere, dass ich irgendeines aufs Geratewohl herausgreife und es so erziehe, dass es irgendein beliebiger Spezialist wird." Ärzte, Juristen und Kaufleute glaubte er, aus den Kleinen machen zu können - aber ebenso Bettler und Diebe, ungeachtet ihrer Neigungen und Fähigkeiten.
Auch heute lassen zahlreiche Eltern-Ratgeber den Eindruck entstehen, kleine Kinder wären formbar wie Knete - im besten Fall zu lauter Einsteins, doch mindestens zu künftigen Bankdirektoren. Selbst anerkannte Wissenschaftler wie die Hirnforscherin Lise Eliot von der Chicago Medical School spielen mit dem Optimierungs-
wahn. Ihren Bestseller "Was geht da drin-
nen vor?" beschließt sie mit dem Kapitel: "Wie wird mein Kind intelligenter?"
Die Frage treibt werdende Eltern um - und in bizarre frühkindliche oder gar pränatale Fortbildungsmaßnahmen. Da es als erwiesen gilt, dass vorwiegend Laute durch Fettschicht und Gebärmutter bis zum Fötus dringen, legen sich ehrgeizige Japanerinnen Beschallungsapparate auf den Sechs-Monats-Bauch, aus denen der erste Englischunterricht tönt. Und in Amerika bemühen eifrige Schwangere Lichtsignale und Abzählverse, um ihren Ungeborenen den Zahlenraum von eins bis fünf nahe zu bringen.
Ist das Kind dann auf der Welt, kann es sich gleich auf Mutters Schoß ein spezielles Video anschauen, das die Londoner Neurologin Annette Karmiloff-Smith vom Institute of Child Health mitentworfen hat - geeignet "für 0 bis 12 Monate".
Oder es wartet auf "Brainy Baby", den amerikanischen Zweiteiler für Kinder ab sechs Monaten. Mit je einer Folge für die rechte und die linke Gehirnhälfte soll der Säugling zu "kreativem und logischem Denken" inspiriert werden. Den Auftakt macht eine Überblendung gepamperter Kleinkinder. Sie endet mit Jack. Der ist fünf Monate und wird, jedenfalls laut "Brainy Baby", später mal Präsident.
Vorher aber muss er noch mit Hilfe bunter Kugelbilder zu Händels Feuerwerksmusik seine rechte "kreative" Gehirnhälfte trainieren - und die "logische" linke mit tanzenden Zahlen und den Brandenburgischen Konzerten Johann Sebastian Bachs. Wir haben den Punkt erreicht, so kommentierte das "New York Times Magazine", an dem "eine neurotische Freizeitbeschäftigung die Nation erfasst hat: ein wissenschaftlich korrektes Kind großzuziehen".
In New York etwa lockt der Y-Kindergarten, gelegen in der teuren Upper East Side neben dem Central Park, den Nachwuchs der Reichen und Berühmten. Mit Kreativlabor, Rechencenter und Kleinkind-Fitness-Studio bereiten sich die Blagen von Woody Allen und Michael J. Fox dort auf den Durchmarsch an die Elite-Unis Harvard oder Stanford vor. In Tokio mühen sich kleine Japaner, schon bald nachdem sie abgestillt sind, um einen Platz unter den Besten der Nation: In die Spitzenkindergärten gelangt nur, wer "Juken" für Zweijährige hinter sich gebracht hat - eine berüchtigte Prüfung mit Matheaufgaben und Schriftzeichentest.
Wann immer eine Studie neue Möglichkeiten der Frühförderung eröffnet, reagieren aufgescheuchte Erwachsene mit absurden Bildungsangeboten. Im US-Bundesstaat Georgia schenkte der Gouverneur jedem Neugeborenen eine CD oder Kassette mit klassischer Musik. Schließlich hätten Melodien eine positive Wirkung auf die Entwicklung von mathematischem und räumlichem Verständnis, behauptete der Politiker unter Berufung auf ihm bekannte Forscher. Die staatliche Stimulation der frühkindlichen Großhirnrinden war dem Volksvertreter 105 000 Dollar Steuergeld wert.
"Überzogenen Unsinn" nennt der Frankfurter Neurowissenschaftler Singer all diese Frühförderversuche. "Hier vermischt sich überzogener Ehrgeiz mit falsch verstandenen Botschaften über die Arbeitsweise des Gehirns." Denn kein Säugling lässt sich so hinmodellieren, dass er einmal genau die Talente und Leistungen zeigt, die Erwachsene sich von ihm wünschen.
Eltern müssten vielmehr darauf achten, das Rechte zur rechten Zeit anzubieten: "Wenn Babys durch Angucken Buchstaben lernen, bringt ihnen das gar nichts", sagt Singer. "Das kindliche Gehirn entwickelt sich, indem es Dinge lernt, die aufeinander aufbauen." Und Buchstaben seien eben mit ein paar Monaten noch nicht dran. "Das Gehirn hat noch keine Erfahrungen gemacht, in denen ein H oder ein F nachhaltig Sinn ergeben könnten."
Kaum ein Prozess läuft so vielschichtig ab wie die Reifung des menschlichen Gehirns. Bereits sechs Wochen nach der Empfängnis bilden sich die ersten Hirnnervenzellen. Sie entstammen einer dünnen Gewebsschicht, dem "Neuralrohr", und entstehen in Rekordzeit. An manchen Tagen bildet der Fötus bis zu 580 000 Stück pro Minute. Rund 120 Milliarden Neuronen bringt ein Neugeborenes mit auf die Welt.
Dennoch ist das Gehirn bei der Geburt kaum ausgereift - auch wenn es schon eine Menge bleibende Schäden erlitten haben kann: Werdende Mütter gefährden nicht nur mit Drogen oder Medikamenten die Entwicklung ihrer heranwachsenden Sprösslinge, sondern auch durch extreme Stress-Situationen. In einer normal verlaufenden Schwangerschaft jedoch führt der Nachwuchs in der Gebärmutter ein relativ reizarmes und geschütztes Dasein.
Sobald ein Kind den Mutterleib verlassen hat, baut sich das Gehirn sprunghaft aus. Die Sinnesorgane empfangen nun ständig Signale aus der Umwelt und leiten sie an die Neuronen weiter. Diese werden angeregt und verknüpfen sich an ihren Kontaktstellen, den Synapsen, zu neuronalen Netzen.
Jeder Moment, jede Erfahrung, denen das Baby ausgesetzt ist, stärkt oder schwächt diese Netze. Je häufiger eine Verbindung durch denselben Reiz bestätigt wird, desto intensiver verfestigt sie sich. Der Säugling lernt - und sein Gehirn entwickelt sich. Es baut an seiner "funktionalen Architektur", dem neuronalen Gerüst, das bestimmt, was ein Mensch kann, fühlt und wer er ist.
Im schlimmsten Fall stört kunterbuntes Baby-Fernsehen diesen Prozess. "Videos, die permanent konkurrierende Reize anbieten, können den Aufbau synaptischer Verbindungen hemmen", erklärt Singer. Das Gehirn benötige in dieser Phase verlässlich wiederkehrende Informationen ohne Klimbim und Hintergrundrauschen. Erst mit einem Jahr, so hat seine Institutskollegin Ruxandra Sireteanu herausgefunden, kann ein Mensch so genannte Pop-outs überhaupt wahrnehmen: die "Hingucker", die auffälligen Reize in einem Bildausschnitt.
"Natürlich braucht ein Kind Anregungen, um nicht unterentwickelt zu enden wie Kaspar Hauser", meint die Wissenschaftlerin. Doch die bekommt es nach wie vor am besten von echten Menschen.
Michael Tomasello, Entwicklungsforscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, zeigte in zahlreichen Versuchen, wie wichtig emotionaler Kontakt für die intellektuelle Entwicklung ist. Kinder lernen etwa Wörter schneller, wenn ein vertrauter Erwachsener ihre Sprechversuche begeistert kommentiert. Sie verbinden mit den neuen Vokabeln dann ein positives Gefühl und behalten sie daher besser. Auch eine Untersuchung der Entwicklungspsychologin Patricia Kuhl belegt die Bedeutung menschlichen Nahkontakts: Amerikanische Kleinkinder, so fand die Forscherin an der University of Washington heraus, reagierten nur dann auf Mandarin-Laute, wenn sie aus dem Mund ihrer chinesischen Babysitter kamen. Ein Video, das dieselben Sätze abspulte, beachteten die Kleinen nicht.
"Wir neigen dazu, unsere Kinder mit Reizen zu überfluten", sagt Sireteanu. "Wenn sie als Säuglinge am liebsten mit den Händen spielen, überhäufen wir sie schon mit allem möglichen Spielzeug." Eltern sollten nicht zu viel und keinesfalls immer nur Perfektes anbieten. "Sonst kappen sie den Entdecker- und Erfindergeist." Denn Kinder lernen das am besten, was sie selbst ausprobieren und unmittelbar erfahren. Erst dann bauen sich nachhaltige neuronale Netze auf.
Erstmals beobachteten Forscher am Massachusetts Institute of Technology diesen für das Lernen so wichtigen Selbsterfahrungsmechanismus in einem Versuch mit zwei jungen Kätzchen. Sie ließen die Tiere in Dunkelheit aufwachsen und setzten sie dann in ein beleuchtetes Drehkarussell: Eines hatte die Pfoten auf dem Boden und trieb die Gondel durch Laufen an, das andere kreiste ohne eigenes Zutun. Obwohl beide Tiere den gleichen Ausschnitt der Welt erblickten, lernte nur das aktive Kätzchen, richtig zu sehen und sich im Raum zu bewegen. Das andere blieb nahezu blind.
Ein ähnliches Schicksal können Kinder mit einer Hornhaut- oder Linsentrübung erleiden. "Werden sie nicht frühzeitig behandelt, bleibt wie bei dem Kätzchen die Informationsaufnahme gestört", erklärt Singer. "Das Auge erhält keine struktu-
rierten Signale, die Netzhaut ist nur spontan aktiv, und die neuronalen Verbindungen, die das Sehen ermöglichen, verstärken sich nicht." Nach einigen Tagen werden sie vernichtet und wachsen nie wieder nach. Das Kind bleibt ein Leben lang blind.
Schielende Babys entwickeln, wenn sie nicht frühzeitig eine Brille tragen, für immer zwei parallele Sehsysteme: "Sie werden nie mit beiden Augen synchron sehen."
Singer vergleicht diesen Mechanismus mit jener darwinistischen Auslese, die Johann Wolfgang von Goethe schon vor fast 200 Jahren zu poetischen Worten hinriss - ohne dass der Dichter von Hirnforschung oder Synapsen-Selektion gewusst hätte: "Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies."
Der Neurowissenschaftler formuliert nüchterner: "Zu Beginn des Lebens werden im Überschuss synaptische Kontakte hergestellt", sagt er. "Doch nur solche, die gebraucht werden, bleiben."
Es tickt eine Uhr für jeden Säugling. So genannte Entwicklungsfenster bestimmen, welche Fähigkeiten er wann erlangt. Bei elementaren Funktionen wie Sehen und Hören schließen sie sich früher als bei komplexeren Errungenschaften wie Sprache und Gefühl. Insgesamt aber, so die Ergebnisse der Säuglingsforscher, enden die optimalen Lernphasen sehr früh.
Wenn Schüler mit zehn Jahren englische Vokabeln büffeln, ist das Sprachfenster längst wieder zugefallen - bis auf wenige faszinierende Ausnahmen: Der Schriftsteller Joseph Conrad etwa, der als Kind in Polen und Russland lebte, lernte erst als Erwachsener Englisch und beherrschte die Sprache bald besser als viele Briten. Bei den meisten aber ist das Gehirn nach zehn Jahren so weit gereift, dass sie nun bewusst nach Regeln pauken müssen - anders als Kleinkinder, die spielend zwei Sprachen gleichzeitig erwerben. In Baby-Köpfen laufen die Prozesse für Wortwahl und Grammatikregeln automatisiert ab: Erst speichern sie Laute, dann erkennen sie Wörter, schließlich plappern sie Sätze nach. Singer plädiert deshalb für "durch und durch zweisprachige Krippen und Kindergärten".
Mit etwa zwei Jahren klappt das Fenster auf, das dem Menschen ermöglicht, ein soziales Wesen zu werden: Im Frontalhirn und im Hippocampus formen sich die Strukturen, an denen das Ich-Bewusstsein hängt. Die Kleinen grenzen sich von ihrer Umgebung ab, werden zu eigenwilligen "terrible twos", den schrecklichen Zweijährigen. Etwa zu diesem Zeitpunkt entwickeln sie auch ein kurzzeitiges "episodisches Gedächtnis". Sie können nun Erlebnisse vorübergehend als Erinnerungen abspeichern.
"Spätestens dann bedürfen Kinder unbedingt Erwachsener, die sich nach wiederkehrenden Regeln verhalten", sagt Singer. "Sonst wachsen sie mit falschen Annahmen über die Welt auf." Wer seinem Kind mit saurer Miene ein Geschenk in die Hand drückt, damit es Ruhe gibt, sendet uneindeutige, verwirrende Signale.
Nach drei Jahren endet der erste Entwicklungsschub. In einem zweiten, kurz vor der Pubertät, festigen sich in der präfrontalen Hirnrinde Verbindungen, mit deren Hilfe der Mensch Handlungen aufschieben kann. Er erlernt moralische Werte und soziale Routine.
Doch dann ist Schluss. Allenfalls Kleinigkeiten lassen sich im Gehirn noch verändern - mit jenen herkömmlichen Lernprozessen, die einen fortan begleiten: Fürs Examen bimsen, Kochrezepte ausprobieren oder, wie Singer lakonisch sagt, "in Therapiestunden am Charakter feilen". Ein gänzlich neues Gerüst synaptischer Verbindungen kann der Mensch ebenso wenig knüpfen wie das bestehende wegradieren. Er muss mit dem leben, was er hat.
"Entscheidend für die Zukunft eines Kindes ist also, was es in den ersten Jahren erlebt", fasst Singer die bittere Wahrheit zusammen. "Man kann ein Menschenwesen voll entfalten - oder zerstören. Verpasste Momente für den Spracherwerb oder für feinmotorische Bewegung lassen sich nie wieder nachholen."
Wer in deutsche Grundschulen geht, trifft eine Menge Jungen und Mädchen, die solche Momente scheinbar versäumt haben. Zunehmend weniger Kinder bringen zum ersten Schultag mit, was sie dringend benötigen, um Wissen zu erwerben: einen soliden Grundstock motorischer, sprachlicher, mathematischer und sozialer Fähigkeiten. In manchen Großstädten gelten ein Drittel aller Erstklässler als motorisch unterentwickelt - körperlich zurückgebliebene Sitzzwerge, deren erste Schreibübungen schon deshalb gefährdet sind, weil ihre Hände kaum feine Bewegungen trainiert haben.
Seit den Ergebnissen der internationalen Bildungsstudie Pisa vor zwei Jahren hat Deutschland es auch schriftlich: Irgendetwas läuft schief. Schließlich ist jeder Problemschüler einst als "kompetenter Säugling" gestartet - als einer jener Jung-Wissenschaftler, von denen die Kleinkindforscher heute schwärmen: neugierig, bereit zu lernen und voller Fragen an die Welt.
Zwar tragen Kinder, die ihr Leben als vernachlässigte Säuglinge beginnen, regelrechte "funktionelle Narben" im Gehirn - Schäden, die Gefühle und Lernkapazität ein Leben lang beeinträchtigen können. Doch es ist höchst unwahrscheinlich, dass dies für die Mehrzahl der Sitzenbleiber gilt.
Was also ist dann schief gelaufen? Weil Länder wie Finnland, die Frühpädagogik traditionell fördern, weitaus bessere Pisa-Ergebnisse erzielten, lautet eine der Lieblingsantworten deutscher Bildungspolitiker: Versäumnisse in der Vorschulzeit.
Tatsächlich ist es um die Kindergärten und Krippen im Land der Dichter und Philosophen wesentlich schlechter bestellt als vielerorts sonst in Europa. Die norditalienische Stadt Reggio beherbergt seit 40 Jahren wahre Vorzeigestätten, in denen Einjährige an Staffeleien experimentieren und Fünfjährige unbefangen in großer Runde über Naturphänomene philosophieren: "Der Schatten ist wie ein Abend, der kommt, wenn die Sonne scheint."
40 Prozent ihres Bildungsetats gibt die Kommune dafür aus. Auch in Großbritannien fließen seit Jahren große Summen in so genannte Early Excellence Center: Für die Kleinen sind sie Kindergarten, für die Eltern gleichzeitig Erwachsenenbildungsstätte. Vor allem in sozial schwachen Gegenden bieten die Zentren Sprachunterricht oder Hilfe bei Behördengängen an. Umgerechnet 11,6 Milliarden Euro hat Tony Blairs Labour-Regierung in den vergangenen drei Jahren für die frühkindliche Erziehung ausgegeben. In Belgien besuchen 95 Prozent aller Kinder ab zweieinhalb Jahren die "Ecole maternelle"; in Frankreich beginnt die Vorschulzeit mit zwei und folgt einem verbindlichen Curriculum - ebenso wie in Schweden oder im Pisa-Sieger-Land Finnland, wo die Kinder nach Lehrplan Rechnen, Musik, Demokratie, aber auch Mitgefühl lernen. Die Pädagogen haben ein Hochschulstudium hinter sich; angehende italienische Grundschullehrer und Kindergärtnerinnen büffeln sogar zwei Jahre den gleichen Stoff. Die Universität Bozen bildet Erzieherinnen seit kurzem vier Jahre lang aus.
In Deutschland reichen ein Hauptschulabschluss und eine zweijährige Lernzeit zur Kinderpflegerin. Oder die Betreuer haben eine Ausbildung zum Sozialpädagogen, die von Altenbetreuung bis Drogenhilfe alles umfasst. Ein einheitliches Fachhochschulstudium existiert nicht.
"Wie gut sind unsere Kindergärten?" - die erste u mfassende Studie unter Leitung des Berliner Pädagogik-Professors Wolfgang Tietze zeichnet ein entsprechend jämmerliches Bild: Nur drei von zehn Einrichtungen würden dem jeweiligen Stand der Kinder gerecht. Im Extremfall betrugen die dadurch bedingten Entwicklungsunterschiede ein Jahr. Nicht nur die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass "man die Bedeutung der Kindergärten als erste öffentliche Sozialisationsräume" kaum hoch genug einschätzen könne - immerhin verbringt ein Kind dort rund 4000 Stunden. Allein wie gut es einmal Deutsch spricht, entscheidet sich zu 25 Prozent im Kindergarten. Amerikanische Wissenschaftler haben sogar nachgewiesen, dass Jungen und Mädchen, die ausschließlich von ihren Müttern versorgt wurden, im Schnitt hinter ihren Altersgenossen in guten Kindertagesstätten zurückblieben.
Inzwischen preisen auch Eltern, die selbst noch in den Kuschel-Kitas der achtziger Jahre aufwuchsen, die Vorschuljahre als elementare Bildungszeit. Lauthals beschwor Kanzler Gerhard Schröder im letzten Bundestagswahlkampf denn auch das Recht Dreijähriger auf Bildung. Den noch Jüngeren versprach er 1,5 Milliarden Euro aus dem Erlös der Hartz-Reformen. Davon will er Krippenplätze spendieren - ob es jemals dazu kommt, ist ungewiss.
Familienministerin Renate Schmidt erklärte bereits, vor Ende 2004 sei die Summe keinesfalls verfügbar. Viel Macht haben sie und ihr Kanzler ohnehin nicht. Bildungspolitik fällt in die ureigene föderale Zuständigkeit der Bundesländer.
Dem Gesetz zufolge müsste Schröders Politik für die Dreijährigen längst praktiziert werden. Seit 1991 sollen Kindergärten nicht mehr nur betreuen; seither haben sie auch einen "Bildungsauftrag".
Doch es mangelt an Zeit und Personal. 4855 Euro investiert die Gesellschaft jährlich in ein Kleinkind, 5845 in einen Schüler, 11 106 in einen Studenten. Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge ist solche Politik äußerst kurzsichtig: Die Förderung der Kleinsten bringe Staat und Sozialsystemen langfristig mehr, als sie koste - etwa weil dann die Nachqualifizierung arbeitsloser Jugendlicher, die kaum lesen und schreiben können, nicht mehr nötig wäre.
Gleichzeitig hapert es an schlüssigen Konzepten. Denn was der gesetzliche Bildungsauftrag eigentlich sein soll, kümmerte lange Zeit niemanden. Vor zwei Wochen nun hat Schmidt ein Gutachten zur Frühförderung vorgestellt. Mit "höchster Priorität", so heißt es darin, sollten sich die Länder in einem Staatsvertrag auf einheitliche Bildungs- und Erziehungspläne für Kindertagesstätten einigen. Schmidts Vorstoß droht am Föderalismus und seinen zähen Verhandlungsritualen zu scheitern. Unabhängig von der Bundesministerin wollen die Kultus- und Jugendminister nun über eigene Vorschläge reden. Erste Entwürfe liegen aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin vor - in Rheinland-Pfalz sollen alle 2200 Kindertagesstätten die neuen Ideen erst einmal kommentieren. In Bayern wird seit dem Frühjahr über eine Reform diskutiert: Zahlenspiele und Experimente sollen besser auf Mathematik und Naturwissenschaften vorbereiten, Eltern etwa als Vorleser im Kindergarten mithelfen, Erzieherinnen stärker auf den Spracherwerb achten - und demnächst eine Fachhochschule besuchen.
"Es müsste ein Studium sein, das Grundkenntnisse in Neurologie und Entwicklungspsychologie vermittelt", fordert Hirnforscher Singer. "Damit jeder sofort erkennt, in welcher Lernphase sich ein Kind gerade befindet, und es entsprechend begleitet. Man darf nicht alle Dreijährigen gleich behandeln. Das ist eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe."
Singer steht nicht allein. Auch viele seiner Kollegen fordern, Erkenntnisse über das Lernen sollten sich endlich in sinnvoller Pädagogik niederschlagen. "In vielen Köpfen geistert immer noch die alte Theorie vom defizitären Vorschulkind", klagt der Zürcher Entwicklungspsychologe Wilkening. "Wüssten Erzieher und Eltern genauer Bescheid, könnten sie Kinder für viele Themen begeistern, die sie ihnen bislang nicht einmal zutrauen. Unsere Kindergärten müssten ganz anders aussehen."
Und wie, bitte schön? Der amerikanische Wissenschaftspublizist John T. Bruer, Autor des Buches "Der Mythos der ersten drei Jahre", jedenfalls widerspricht: "Was neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die richtige Vorschulbildung beisteuern können? Absolut nichts."
In der Tat können die Forscher nicht verbindlich vorhersagen, in welchem Lebensmonat ein Kind mit dem Lesenlernen beginnen oder zum ersten Mal eine Salatsoße anrühren sollte. "Die Entwicklungsfenster lassen sich nur grob bestimmen, weil jedes Gehirn eben individuell auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen reift", erklärt Singer. Die beste Strategie, so der Neurowissenschaftler, sei es, Kinder sorgfältig zu beobachten und herauszufinden, womit sie sich gerade beschäftigen: "Die Kleinen stellen stets die Fragen an die Welt, die ihrer Entwicklung angemessen sind. Und wenn sie noch nicht sprechen, teilen sie sich durch Lachen, Weinen und Mimik mit."
So simpel Singer seinen Rat selbst findet, so unmöglich scheint es angesichts voller Kindergärten und überforderter Erzieher, ihm zu folgen. Beate Andres und Hans-Joachim Laewen vom Berliner Institut für angewandte Sozialforschung "Infans" versuchen seit Jahren, solche Wissenschaftlervisionen in alltagstaugliche Gebrauchsanleitungen zu übersetzen.
Regelmäßig machen sie sich auf, um mit den Erzieherinnen ausgewählter Kindergärten bessere Lernbedingungen zu entwickeln - zurzeit an 30 Orten in Brandenburg und 17 in Baden-Württemberg. Für jedes Kind erstellen die Teams einen eigenen Bildungsplan. "Abhängig von Lebensgeschichte, Elternhaus und Begabungen braucht jeder eine andere Förderung", sagt Laewen. Das brandenburgische Bildungsministerium, die Landeswohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg und einige Stadtverwaltungen finanzieren das ungewöhnliche Projekt gemeinsam.
Ein pädagogisches Schlaraffenland voll harter Arbeit. Zwölf Kindergärten meldeten sich nach dem Einführungswochenende auch gleich wieder ab. Ein kleines, rundes Haus mit Rodelberg auf dem
Dach und Misthaufen im Garten aber blieb dabei.
Im Woltersdorfer "Haus der kleinen Strolche" nahe der lärmenden Hauptstadt Berlin haben die Erzieherinnen für 125 Ein- bis Sechsjährige je ein Portfolio erstellt: Jeden Tag beobachten sie ihre Zöglinge und protokollieren anschließend, was sie gesehen haben. Alle zwei Wochen füllen sie außerdem für jedes Kind einen Standardbogen zu Themen wie sozialer Einbindung, Sprache oder Körperbewusstsein aus: Wollen andere mit ihm spielen? Hört es gern Geschichten? Benutzt es überraschende Sprachbilder? Macht es gern Bewegungsspiele? Und immer wieder fotografieren sie die Kleinen und sprechen im Team über ihre Protokolle.
Die gezielten Beobachtungen dienen als Grundlage für die individuellen Bildungspläne. "Viele Erzieherinnen wissen gar nicht, was sie mit ihrer Arbeit erreichen wollen", meint die Leiterin Andrea Nöske, die inmitten eines kleinen Waldes aus Zimmerpflanzen im großen Atrium sitzt. "Uns zeigen die Dokumentationen, welche Lernthemen für die Kinder gerade dran sind."
Nöske erinnert sich noch gut an ihr eigenes Aha-Erlebnis, als sie anhand von Fotos begriff, dass ein Einjähriger, der an jeder Schublade zieht, keinesfalls auf den Inhalt des Schrankes neugierig ist, sondern Haltestützen zum Laufenlernen sucht.
"Viele Verhaltensmuster kommen uns Erwachsenen erst einmal ziemlich sinnlos vor", sagt sie - etwa wenn die einjährige Marie voller Begeisterung auf den Boden schmeißt, was immer sie in die Hände bekommt. Nöske jedoch deutet den Wurf als physikalisches Experiment: Die Kleine experimentiert mit der Flugdauer.
Das müssen Erzieherinnen erst einmal aushalten. Den meisten fiel es anfangs schwer, den Forscherdrang der winzigen Wissenschaftler in Windeln zu unterstützen: erst seelenruhig zuzusehen, wie Andrew ein Schneckenhaus nach dem anderen aus dem Garten anschleppt, und ihm dann noch eine Kiste mit Wäscheklammern, Löffeln und Knöpfen anzubieten - weil ihn offensichtlich gerade das Lernthema "Gleiches zu Gleichem sortieren" beschäftigt.
Oder einfach nur spontan zu reagieren. "Es bringt nichts, unbedingt eine Malstunde durchzusetzen, wenn niemand außer der Erzieherin gerade malen mag", sagt Nöske. Also endete eine Bastelaktion schon mal damit, dass sich die Kinder als Blätter verkleidet von den Kletterwänden im Gruppenraum fallen ließen, statt herbstliche Plakate zu kleben. Die Erzieherin legte Matten aus und erfand mit ihnen das Lied vom kleinen Baum im Sausewind: "So etwas hinterlässt natürlich einen viel intensiveren Eindruck vom Herbst."
Derartige Rundum-Erfahrungen machten Kinder viel zu selten, meint der Hirnforscher Singer. "Wir kümmern uns nach Pisa zu sehr um die Sprache." Dabei hätten Kinder ein großes Bedürfnis nach Musik, Tanz und Pantomime. "Denn damit lässt sich all das sagen, wofür Sprache nur ein jämmerliches Vehikel sein kann: Gefühle, Stimmungen, alles Doppeldeutige."
Für das Motto der kleinen Strolche, die einen ganz normalen, staatlichen Kindergarten mit Durchschnittsetat, aber überdurchschnittlich engagierten Pädagogen besuchen, stand der große Humanist Wilhelm von Humboldt Pate. Bildung, so seine Überzeugung, sei "die Anregung aller Kräfte eines Menschen". Deshalb hängen an den Wänden neben den Originalen der kleinen Künstler auch Drucke zeitgenössischer Maler: ein kubistisches Frauenporträt Pablo Picassos, ein geometrisches Gemälde von Paul Klee. In den Regalen stehen außer Bilderbüchern auch Fotobände über Vulkane oder die Arktis, außerdem alle möglichen Musik-CDs, die jeder auflegen kann, wann er mag - außer zum Mittagsschlaf.
Die eiserne Regel schont nicht nur die Nerven, sondern stärkt auch ihre Verbindungen. Denn alles Neue, was Malik, Andrew und die anderen an einem Vormittag lernen, braucht ein paar Stunden Ruhe, um sich zu ordnen und zu festigen.
Garten, Komposthaufen und Zimmerpflanzenwald unterstehen ihrer Obhut. In den Räumen stehen Geräte zum Toben und schiefe Ebenen zum Balancieren. "Kinder haben ein Recht auf Beulen und Schrammen", wehrt Infans-Leiter Laewen übertriebene Sorge ab. Draußen in der Werkstatt bearbeiten sie Ton, Holz, Metall - lauter Herausforderungen an die Feinmotorik. Ein paar Mal im Jahr bestimmt ein Projektmotto den Alltag. Die Strolche erkunden den Wald, denken sich Tänze aus, experimentieren als Köche oder Chemielaboranten. Auch ein Computer ist immer in Reichweite; die Erzieherinnen erledigen dort ihre Dokumentationsarbeit. Stürzt das Gerät ab, helfen die älteren Kinder.
"Eine gute Kita muss Jungen und Mädchen, die heute ja meist nicht mehr im großen Familienverbund leben, alle Fragen an ihr soziales Umfeld beantworten", sagt Hirnforscher Singer. "Sie ersetzt die alte Stammes-Clan-Familie, in der die Größeren auch mal Verantwortung tragen und die Kleineren Vorbilder haben."
Im letzten Kindergartenjahr allerdings widmen sich die Großen, die Fünfjährigen, ganz unter sich jeden Tag eine Viertelstunde lang der Sprache - mit Silbenklatschen, Abzählreimen und Diskussionen: Was ist ein Wort, was ein Satz? Am ersten Schultag sollen sich alle ähnlich gewandt ausdrücken können. "Unser Beitrag zur Chancengleichheit", sagt Nöske.
Sich auf die Selbstbildungskräfte Heranwachsender zu verlassen ist nicht neu. Das Kind, das gern lernt, die Erzieherin, die beobachtet und berät, ohne zu belehren - schon vor 150 Jahren warb der Vater deutscher Frühpädagogik, Friedrich Fröbel, der Erfinder des ersten Kindergartens, für diese Idee. Die autoritäre Erziehung der Nazi-Zeit brach mit dieser Tradition. In der Adenauer-Ära beherrschten dann kleinbürgerliche Vorstellungen von Sauberkeit, Ordnung und Disziplin die Verwahranstalten für den Nachwuchs aus sozial schwachen Familien.
"Die Crux aller modernen Frühpädagogik bleibt die fehlende langfristige Wirkungsforschung", räumt Erziehungswissenschaftlerin Andres ein. "Das gilt auch für unseren Ansatz." Doch immerhin können sich die Infans-Leute auf Erfahrungen anderer stützen. In Frankreich untersuchten Françoise Platone und Marianne Hardy vom Institut National de Recherche Pédagogique schon 1969 die Ursachen schulischen Misserfolgs. Er löste dort damals ähnliche Ernüchterung aus wie heute die Pisa-Studie in Deutschland.
Ihre jahrelangen Forschungen in den Krippen, Kindergärten und Grundschulen rund um Paris ergaben: Kinder lernen dann am besten, wenn sie sich, ähnlich wie die Strolche in Woltersdorf, in altersge-
mischten Kleingruppen mit zielgerichteter Unterstützung weiterbilden. Dieses Ergebnis beeindruckte die Verfasser der nationalen Lehrpläne so sehr, dass sie das Konzept 1984 offiziell empfahlen.
Flächendeckend wurde es allerdings nie umgesetzt. Erst fehlte Geld, dann wechselten die Regierungen - Gift für jede auf Dauer angelegte Reform.
"Politiker und Wissenschaftler haben ein unterschiedliches Tempo", kommentiert Platone das "typische Schicksal" pädagogischer Forschung im staatlichen Auftrag. "Wann immer es brennt, wollen Politiker Sofort-Lösungen. Doch die gibt es in der Bildung nicht." Im kommenden Jahr schließt die französische Regierung die Pionier-Abteilung. Platones bitteres Resümee: "Wir hatten viel Einfluss auf die Ideen. Aber nicht auf die Wirklichkeit."
In Deutschland streitet die machtlose Familienministerin gerade für eine bundesweit einheitliche Erzieherinnenausbildung an Hochschulen. Sie möchte, so erklärte Renate Schmidt unlängst, als die Ministerin in Erinnerung bleiben, die am meisten für Kinderbetreuung getan habe. Viele Kommunen, auch die SPD-geführten, reagieren skeptisch. Sie fürchten jetzt schon, den künftig besser Qualifizierten höhere Gehälter zahlen zu müssen.
Das könnten ja auch die Bundesländer übernehmen, heißt es in dem neuen Gutachten aus Schmidts Ministerium. Schafften alle das 13. Schuljahr ab, bliebe auch Geld genug für die Erzieherinnen. Der schöne Plan wird kaum gelingen. Wahrscheinlicher ist, dass sich die finanzschwachen Kommunen und Länder in Zänkereien um Rechte, Pflichten und Verantwortung verlieren.
Dabei sollten gerade Kindergärtnerinnen den Nachwuchs auf das neugierig machen, worauf alle so stolz sind: auf die Kultur des Abendlandes. "Ich bin für eine blendende Bezahlung und optimale Ausstattung", sagt Neurowissenschaftler Singer. "Die Besten müssen in die Bildung gehen."
Denn eine Gewissheit hat der Hirnforscher: "Würden wir ein Baby von heute in der Steinzeit groß werden lassen, es würde genauso werden wie ein Mensch von damals." KATJA THIMM
DER SPIEGEL 43/2003
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