13.01.1954

KIRCHE / PATER LEPPICHGottes-Empfang auf UKW

Mit zehn Minuten Verspätung hastet der Pater durch die Reihen der dichtbesetzten Obstgroßmarkthalle zu Bühl. Er wirft seinen lose um die Schultern gelegten Lodenmantel ab; am Rockaufschlag wird das Sportabzeichen sichtbar. Mit leichter Bewegung schwingt er sich auf den Holztisch. Beifall. Er winkt lächelnd ab und tritt ans Mikrophon.
In den asphaltierten Gängen, an Wände und Stahlträger gelehnt, stehen Straßenbahner und Fabrikarbeiter in blauer Monteurkluft, Angestellte, junge Burschen mit grellen Schlipsen, vor allem aber Mädchen und Frauen jeden Alters.
Viele sind zwanzig, dreißig Kilometer weit per Omnibus, Kleinbahn, Motorrad aus den umliegenden Dörfern gekommen, um den Jesuiten Leppich zu hören, der im Auftrag seines Ordens als moderner Wanderprediger im Mercedes-Diesel durch die Bundesrepublik fährt und das Evangelium im Jargon eines Bierkutschers verkündet. Das angekündigte Thema seines Abendvortrags: Hollywood.
"Ich hatte dringend gebeten, daß keine Schulkinder da sind", tönt es statt einer salbungsvollen Einleitung aus den Lautsprechern. "Aber heute ist Hollywood auch noch nicht dran."
Der junge Pater (37) blickt spöttisch in die Zuhörer-Runde: "Die meisten sagen sich nämlich, heute höre ich Hollywood, dann brauche ich morgen nicht zu kommen. Heute sprechen wir über das Thema Vatikan. Das ist keine Predigt, ich habe ja die Kommunisten auch eingeladen, da gebe ich doch jetzt keine Predigt. Darum dürfen Sie sich an ein paar Ausdrücken nicht stoßen. Ich stoße mich auch nicht daran, und wenn, dann bleiben Sie morgen weg. Da ist sowieso alles voll."
Eine Probe seiner drastischen Redeweise hat der "rote Pater", der "schwarze Goebbels", der seit 1948 in den Großstädten Deutschlands gegen die "Trägheit der müden Christen" predigt, am Morgen in der Bühler Pfarrkirche gegeben, wo er die Frühmesse las. Seine Botschaft zum Sonntagsevangelium war ungewöhnlich: "Du, der Du mit Deiner Glatze hier unter der Kanzel sitzst, oder Du, mit und ohne Make up, mit gekräuseltem Haar und wohlgezogenem Scheitel - mich selber nicht ausgenommen - , wie lange glaubst Du, daß Dir das Leben noch blüht?"
Pater Leppich spricht selten in Kirchen, wenn er mit seinem Wagen und zwei Assistenten durch Deutschland fährt. Er legt die Kabel seiner modernen Lautsprecheranlagen in die Montagehallen der Stahlwerke, in die Werkskantinen der Ruhrzechen, in Zirkuszelte und Fabriksäle, in Messehallen und auf Marktplätze. Seine Kanzel ist das Verdeck eines Lkws, eine eiserne Werkzeugkiste, ein hölzerner Küchentisch. Sein Publikum kommt gewöhnlich nicht in eine Kirche.
Leppich spricht für die, "die keinen festen Stand haben, für die angeschlagene Hitlerjugend-Generation, die Spätheimkehrer Gottes". Er sucht die Menschen, die von Gott und der Kirche nichts wissen wollen, er fängt sie ab vor den Gruben zum Schichtwechsel, vor den Toren der Fabriken, in den asozialen Vierteln der Großstädte. Er geht ihnen nach in die
Zuchthäuser, er spricht zu den grell geschminkten Mädchen in den Hafengassen von St. Pauli.
Gott aber ist eine Ware, die sich heute schlecht verkauft, sagt der Pater, und so wirbt er als "Propagandist Gottes" mit den Tricks eines Reklame-Agenten, mit Spruchbändern ("Unsere Stadt hört Pater Leppich"), mit Plakaten und Lautsprecherwagen. Wie um sein weltliches Auftreten abzuschwächen, beschwichtigt er in der Obstmarkthalle zu Bühl seine Zuhörer: "Aber bitte, versprechen Sie sich keine Sensation von meinen Vorträgen."
Die Hände, lässig in der Hosentasche, schnellen plötzlich hoch, wie zwei Revolverläufe richten sich die Zeigefinger ins Publikum: "Es sind einige müde Bürger hier in dieser Stadt, die sind im Kino oder besoffen. Das geht einem auf die Nerven. Aber wenn die wieder nüchtern sind, dann können sie morgen kommen."
Die Hände entspannen sich und zeichnen kleine lockere Kreise in die Luft: "Wir haben einige Sexualvorträge, ganz diskret, auf Magnetophonband. Verspäteter Brautunterricht. Was man wissen muß, und was einige nicht wissen wollen. Für Frauen und Männer getrennt, das versteht sich. Drei- oder viermal. Im großen Gemeindesaal heute abend, und dann getrennt. Vor allem Frauen, der Saal ist chemisch rein von allen Männern, seien Sie froh, daß Sie den Mann mal los sind für eine Stunde. Da drinnen ist auch kein Pfarrer, da brauchen Sie kein Kreuz zu machen. Das ist aber nichts für die Älteren. Ihr habt ja keinen Freund mehr. Bei fünfundfünfzig die Frauen dann bitte langsam Schluß machen. Die Männer können kommen, bis sie weiße Haare haben, da fängt dann die zweite oder dritte Jugend an."
Dieser drastischen Redeweise, die Leppich als Arbeiterpater in den Vororten des Kohlenpottes jahrelang geübt hat, verdankt er es hauptsächlich, daß ihm "aus den Reihen der skeptischen Arbeiter bisher noch keine Bierflasche an den Kopf geflogen ist". Das Ruhrgebiet ist ihm der Horchposten für ganz Deutschland. Dorthin ging er 1948, um eine harte Talentprobe zu bestehen: die Massen aus den Büros, den Fabriken und Kohleschächten nach Feierabend für das unpopuläre "Thema Gott" zu interessieren.
Leppich merkte bald: Wenn er den Arbeitern etwas von der Lohntüte erzählte, statt vom Katechismus, war seine Pfarrkirche voll. Als er die Predigt dann durch Lautsprecher nach draußen übertragen ließ, hörten auf der Straße weit mehr Passanten zu, als Gläubige im Gotteshaus. "Das war mein Publikum, und ich entschloß mich, ganz aus der Kirche herauszugehen."
An einem grauen frostigen Februar-Abend des Jahres 1948 legte er seine Kabel durch die mit Sägespänen gefüllte Arena des Circus Bügler in Essen. An allen Litfaßsäulen klebten gelbe Plakate mit großen schwarzen Lettern: "Christus oder Chaos." An einigen Fabriktoren hatten Arbeiter die Ankündigung des "Pfaffen" heruntergerissen. Trotzdem kamen 5000 Menschen. Die erwarteten Pfiffe blieben aus, als Leppich, bewegungslos wie eine schwarze Säule, die Arme verschränkt, mit nasalem, fast Goebbels-ähnlichem Pathos auf die "verfluchte Maloche"*) schimpfte.
Von da an predigte er in allen Großstädten Deutschlands. In den Archiven der Rundfunkhäuser liegen Bänder mit sechs Stunden Leppich-Reden, Auszüge aus
seinen Vorträgen werden in 40 000 Exemplaren als Buch verkauft*).
1948 mußte er noch einzeln um jeden Arbeiter werben, heute "ist es wie eine Psychose. Wenn ich rede, ist die Stadt ausgestorben wie während eines Bombenangriffs."
An Anziehungskraft und Massenwirkung übertrifft Leppich, der oft als "Savonarola des 20. Jahrhunderts" oder "moderner Abraham a Santa Clara" apostrophiert wird, bei weitem die Parteiredner, die Filmstars, ja selbst die Fußballteams. In Hamburg hörten ihn 20 000 Menschen, in Bochum predigte er gegen ein schwarzglänzendes Dach von 22 000 Regenschirmen, in Köln strömten 35 000 Besucher zusammen, in Fulda 40 000.
In den letzten Jahren hat Leppich seine raffinierte psychologische Taktik, das Publikum langsam auf sein Anliegen vorzubereiten, weiterentwickelt. Die Masse, der Leppich bei seinen Kundgebungen gegenübersteht, ist häufig ablehnend, immer aber passiv. ("Der Mensch von heute hat so wenig Chromosomen für Gott und Christus.") Deswegen bemüht er sich, zunächst einmal "die Atmosphäre zu entklerikalisieren", das heißt, er spricht nicht gleich vom Kreuz.
Auch in Bühl warteten die Leute zunächst vergeblich auf Gottes Wort. Leppich sprach erst einmal von seinem geplanten Vortrag in dem Dörfchen Ackern. "Dort habe ich leider nur eine Kirche. Da ist eine richtige Predigt dran. Da wollen viele Chefs Urlaub geben, habe ich gehört. Morgen nachmittag halte ich dann einen Vortrag für den Betriebsrat, den Bürgermeister und die Leiter von Sportvereinen, also für die geistige Hautevolee von Bühl und Umgebung. Das heißt, wenn sie nicht nur Kahlköpfe, sondern auch Köpfe haben."
Die Transportarbeiter, Straßenbahnschaffner und Hausfrauen in der Großmarkthalle, auf das Evangelium gefaßt, lehnen sich gemütlich zurück.
Eine Viertelstunde lang beantwortet Leppich nur Fragen aus dem Auditorium, die ihm auf zusammengefalteten Zetteln gereicht werden: "Da fragt ein Spaßvogel, ob ich nicht zu den Kommunalwahlen von Bühl kommen wolle." Leppich faßt sich an die Stirn: "Du niedlicher Kauz. Wenn es für Bonn wäre, ja, da würde ich mich frei machen. Aber für Eure Stadt Bühl? Du Spaßvogel! Macht Euren Kram doch allein hier. Meinst Du, wenn ich mein Programm für drei Jahre festgelegt habe, dann käme ich noch nach Bühl?"
Frage: "Ist die Leichenverbrennung bei uns erlaubt?" Antwort: "Mensch, weißt Du das nicht, natürlich ist das nicht erlaubt. Du blamierst Deinen Pfarrer, wenn das herauskommt. Es ist verboten, weil die Atheisten das erfunden haben, um zu zeigen, daß nach dem Tode alles aus ist."
Frage: "Was halten Sie von modernen Schönheitsköniginnen?" Antwort: "Wenn ich was zu sagen hätte, würde ich sie ins Arbeitshaus stecken."
Danach "noch was Praktisches": "Verzeihen Sie das verdammte Thema Geld, aber wir haben viele, viele Auslagen. Eure Litfaßsäulen sind teuer, hinter mir steht
keine Partei. Ihr wollt doch nicht, daß der Pater Schulden macht?
"Das Buch ''Pater Leppich spricht'' ist nachher draußen für eine Mark zu haben. Vierzigtausend sind herausgekommen, deshalb ist es so billig. Da verdiene ich keinen Pfennig dran. Das Buch für eine Mark, solange der Vorrat reicht. Mir machen Sie eine Freude damit. Bitte, mit der Kollektion bald durch. Die Männer gehen jetzt bald durch, damit es um mich herum Ruhe gibt. Von dem Vogel, bitte ich, der wird jetzt noch einige Male vorbeifliegen, laßt Euch nicht stören. Ich kann ihm nicht befehlen, er gehorcht mir nicht. Mit der Kollektion jetzt Schluß. Laßt das Geld jetzt in Rube."
Die Atmosphäre scheint ihm nun genügend "entklerikalisiert". Mit der Bitte, den Leuten mit Prothesen doch Platz zu machen, sieht er auf die Armbanduhr: Es ist Punkt halb neun.
Er faltet die Hände, und seine Stimme wird offiziell: "Liebe Männer und Frauen von Bühl, wenn ich heute abend über das Thema Vatikan spreche, so erwarten Sie bitte keine prickelnden Neuigkeiten. Meine Herrn Journalisten, die Sie oft geworden sind zu Reportern des Satans, wenn Sie den verrücktesten Blödsinn vom Vatikan bringen, dann darf man sich nicht wundern, daß das Volk falsche Begriffe bekommt. Sie haben ja nicht begriffen, was da dran ist. Der Vatikan? Viele tausend Kerzen und ein paar Schutzheilige, die sich da ''rumtreiben, und ein paar arrogante Journalisten, die sich mit einer verfärbten Brille das ansehen? Die Kerle verludern ja immer die Pointe, die kriegen das ja gar nicht mit, außer ein paar echten Betenden."
Er läßt seine Arme fallen, legt den Kopf zurück und sieht das Publikum mit zusammengekniffenen Augen an: "Ich spüre das instinktiv, daß sich hier welche sperren." Er beugt sich zu einzelnen in der Menge, leise und privat: "Hör mal zu, ich verstehe sehr gut, daß Du Dich gegen einen Schwarzen sperrst. Aber sperr Dich jetzt mal nicht heute. Hör gut zu. Du bist
ja auch ein suchender Kerl. Ich kann mir nicht denken, daß Du Dich mit einer primitiven Lesemappe begnügst. Wir müssen uns mit Gott auseinandersetzen, jawohl, auch in einer Markthalle."
An diesem Punkt der persönlichen Anrede löst sich die schwarze Menschenmasse gewöhnlich in zehn-, zwanzig- oder vierzigtausend Einzelwesen auf, die fast ein wenig Sympathie für den Pater da vorn empfinden, der sich mit bewegter Stimme selbst anklagt: "Aber, Pater, was redest Du denn so dunkel, die Leute kommen zwanzig, dreißig Kilometer durch den Nebel heute nacht. Du bist doch ein Priester und sollst eine frohe Botschaft bringen!"
Unmittelbar wird seine Stimme laut und schneidend, ein kalter Luftzug fährt durch das milde Klima der Kundgebung. Das Publikum, das seine Reserve gegen den Geistlichen schon aufgegeben hat, zuckt zusammen Der Pater donnert los, und aus den zehn-, zwanzig- oder vierzigtausend Individuen entstehen Berufsgemeinschaften von Sündern.
Alle sollen erkennen, daß sie sich gegen Gott versündigt haben: Die Redakteure, "die in ihren geheizten Räumen über das Elend in den Baracken schreiben, wo die Ratten herumlaufen". Die Wochenschau ("schamloses Pack"), die dem Pater in die Nasenlöcher photographieren und gleich hinterher eine halb ausgezogene Filmdiva bringen will. Die Rechtsanwälte, die, "da der moderne Mensch heute mit seinem Anwalt stirbt und nicht mehr mit dem Priester", ruhig mal das Vaterunser beten könnten. Die "Pfaffen", die keine Seelsorger mehr sind, sondern Kirchensteuerbeamte. Die "eisernen Jungfrauen", die auf die "Gefallenen" herabsehen: "Ihr hübschen Töchter von Bühl, na, so hübsch seid Ihr ja auch wieder nicht, Mädels, das eine wünsche ich Euch, kommt Ihr mal nach Hamburg Nimm Du mal sechs Wochen allein ein Privatzimmer ohne Mutter und Vater und ohne Kaplan, und Du gehst zum Teufel." Die Ärzte, "die sonntags die Fronleichnamskerze tragen und montags das Lehrmädchen im Sprechzimmer behandeln, daß es rot wird".
Auf die allgemeine Ohrfeige, die Leppich mit ruckartig in die Luft geworfenen Händen austeilt, folgt fast regelmäßig das Lieblingsthema: die soziale Anklage. Sprunghaft, oft zusammenhanglos, setzt er einen moralischen Effekt neben den anderen:
"Und Sie meine Herren Unternehmer? Vor einiger Zeit führte mich einer Ihrer Kollegen durch seinen Betrieb und sagte mir voller Stolz, daß in allen Räumen stets für gleichmäßige Temperatur gesorgt würde. Ich war froh darüber, daß man so auf die Gesundheit der Arbeiter bedacht ist. Aber weit gefehlt! Nicht der Menschen wegen herrschte dort die gleichmäßige Temperatur, sondern der Seide, des Stoffes wegen. Das scheint mir die Situation in unseren Betrieben zu sein."
So unerschütterlich sich Leppich abends vors Fabriktor stellt und predigt, wenn ihm die Direktion als "rotem Pfaffen" den Zutritt zum Betrieb verwehrt, so wenig poussiert er die Arbeiter in seinen Kundgebungen: "Ich mache bei dem Kult, der heute mit dem Arbeiter getrieben wird, nicht mit. Nicht immer geht es dem am
dreckigsten, der am lautesten schreit. Bei uns ist der Arbeiter längst ein verhinderter Kapitalist, der soziale Schweinehund geht heute durch alle Schichten. Der Sachs-Motor tut''s nicht mehr, jeder hat seine schwere Maschine im Stall, die Nylondirne hinten drauf."
Aber eine soziale Lösung offeriert der Pater den Massen nicht. "Dafür ist die Kirche auch nicht da. Wir werden nein sagen, wenn man uns heute zu einer religiösen NSV stempeln will, die an die Armen eine warme katholische Suppe austeilt." Doch Leppich fühlt genau, wie man zum Arbeiter sprechen muß: "Ich habe in meinem Leben noch keiner parfümierten Dame die Hand geküßt, damit Sie nur wissen, auf welcher Seite ich stehe."
Als Leppich im Dezember 1952 im Scheinwerferlicht vor der Kulisse des Kölner Doms seinen Zuhörern entgegenschrie, sie hätten den Heiligen Dom zum Museumsstück des christlichen Abendlandes degradiert, indem sie wenige Schritte entfernt in den winkligen Gassen ihren Lastern frönten, da dachten selbst fortschrittliche Katholiken, daß der Kölner Erzbischof den eifernden Pater zurechtweisen würde. Sie täuschten sich.
"Die Kirche ist beweglich", verteidigte die Erzdiözese den Pater. "Wenn die Zeit danach ruft, findet sie Prediger, die auf Vorposten reiten, Missionare im eigenen Land."
Für diese Missionare gibt es keine Schule, keine erlernbare Technik. Und trotz des gern gebrauchten Vergleichs hat der Jesuitenpater Leppich mit dem Dominikaner Savonarola und dem Augustiner-Barfüßer Abraham a Santa Clara nur gemeinsam, daß er für das Christentum predigt. So verschieden wie ihre Ziele, so verschieden waren und sind auch ihre Mittel.
Girolamo Savonarola, von seinem Gönner Lorenzo de Medici in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach Florenz geholt, geißelte die Sittenlosigkeit unter Geistlichen und Laien und prophezeite ein baldiges Gottesgericht. Unbeeindruckt von weltlicher und geistlicher Macht prangerte er die Sündhaftigkeit des römischen Hofes an und die lockere Moral Papst Alexanders VI. (der ihn daraufhin exkommunizierte).
Seine Reden waren rhetorisch kunstlos, aber er riß seine Zuhörer durch das Feuer seines Glaubens und die Kraft seiner prophetisch düsteren Bilder mit. Wenn Savonarola fanatisch und glühend in den überfüllten Kirchen Oberitaliens predigte, wurden Frauen ohnmächtig, brachen Männer in die Knie.
Allein durch seine Predigten machte er aus dem leichtlebigen Florenz eine sittenstrenge, ernste Stadt. 1498 wurde er als Sektierer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem ein Gottesurteil - er wollte mit der Hostie in der Hand durch die Flammen gehen - gegen ihn ausgefallen war.
Erst zwei Jahrhunderte später hatte ein Prediger eine ähnliche, massensuggestive Wirkung: der Wiener Hofprediger Hans Ulrich Megerle, der als satirischer Schriftsteller ("Judas, der Erzschelm") unter dem Namen Abraham a Santa Clara bekanntgeworden war, bannte die Zuhörer nicht mit Schreckensbildern, sondern durch das Lachen. Unbekümmert spickte er seine zornigen Kampfreden gegen die sittliche Verderbtheit der Zeit mit grotesken Späßen und Wortspielen, mit derben Witzen und Anekdoten.
Pater Leppich wendet eine moderne Schockbehandlung an. Durch eine Angstpsychose sollen die verstockten Sünder aus ihrer Lethargie aufgescheucht werden. Das tat - auf seine Weise - auch schon Savonarola. Er ermahnte die Sünder: "Tut
Buße, denn das Himmelreich ist nahe", und löste durch die prophetische Schilderung des Jüngsten Gerichts bei den naiveren seiner Zuhörer Heulen und Zähneklappern aus.
Leppichs Jüngstes Gericht ist - zeitgemäß - der Bolschewismus und sein Teufel der Iwan. Er malt ihn "dem lauen, müden Christen im dekadenten Westen, der nicht fasten und beten kann", in drastischen Bildern. Wenn er gegen das "Zeitalter der Süchtigkeit" wettert, so meint er damit nicht, wie Savonarola und Abraham a Santa Clara, die Zuchtlosigkeit der Sitten, eher die materielle Triebhaftigkeit, "die Krankheit der entseelten Technik, die Krankheit des Managertums, des eiskalten Herzens, die Laschheit".
Daß es heute nicht einfach sein kann, apokalyptische Schreckensbilder aus dem Osten zu beschwören, hat Leppich rhetorisch einkalkuliert. Bevor er in Hamburg, in Essen oder in der Obstmarkthalle im Schwarzwald die Posaunen des roten Gerichts ertönen läßt, legt er vorsichtig die Fingerspitzen ineinander: "Aber Pater, was redest du vom Kommunismus, wir haben doch nur drei Prozent Kommunisten in Westdeutschland. Wir müssen sogar einen Naturschutzpark für Kommunisten einrichten, damit wir die letzten pflegen."
Dann brüllt er selbst die Antwort: Er sieht, wie der Kommunismus ein Sechstel der Erde infiziert hat. Er sieht rote Teufelspriester aus den Klöstern ohne Gott als geistige Fallschirmspringer im Westen landen. Aber was tut der Westen mit seiner demokratischen Knochenerweichung? Der Pater kennt ihn nur morbide, "mit katholischen Kaffeekränzchen und einem feierlichen Staatsgottesdienst in Bonn, wo die Herren im Zylinder aufmarschieren".
Wenn der Westen so weitermache, wisse er keinen Ausweg. Mutlos und passiv schaut er ins Publikum. Dann der effektvolle Paukenschlag: "Ihr prügelt Euch herum, Ihr Christen, mit drei Parteien, mit vier Parteien, aber ich kann Euch eins sagen, wenn Ihr Euch nicht versteht, dann wird der Herrgott Eure Holzköpfe in Sibirien gegeneinanderhauen." Leppichs Waffen gegen den Kreml sind Fasten und Gebet: "Du mußt etwas tun, daß Du nicht wie eine fette Ente Deinen Hintern am Boden nachschleppst, sondern wie ein Adler aufsteigst zu Gott."
Die merkwürdige Faszination, die von seinen Reden ausgeht, ist die wohlüberlegte Spannung zwischen priesterlicher Würde und vulgärer Ausdrucksweise, zwischen Geschäft und Evangelium, zwischen Höflichkeit und Grobheit. So zusammenhanglos und improvisiert seine Kundgebungen wirken - die abgerissenen Sätze und die atemlose Schlagzeilen-Rhetorik sind wochenlang bis ins kleinste Detail eingeübt, um die Zehntausende anderthalb Stunden lang in Spannung zu halten. Wochenlang fährt er durch Deutschland, Österreich und die Saar, um Material für seine Vorträge zu sammeln. Wochenlang geht er in seinem Ordens-Stammhaus Jakobsberg bei Bingen am Rhein in Klausur, um seine Reden auszuarbeiten.
Zu Leppichs Technik gehört, daß er sich etwa in der Mitte seines Vortrags unterbricht, weil irgend jemand stört. ("Es ist eine Taktlosigkeit, so mit der Tür zu knallen, wenn Sie herausgehen. Wenn Ihr das nicht hören wollt, dann bleibt doch gleich raus. Bleiben Sie doch weg. Gehen Sie doch in die Kneipe. Wenn Sie Ihre Kinokarten in der Tasche haben, dann
bleiben Sie doch weg.") Dazu gehört auch, daß er im letzten Drittel seines Vortrages provozierend auf die Armbanduhr sieht: "Haben Sie keine Angst, daß jetzt eine fromme Spritze kommt. Es dauert nur noch eine Viertelstunde."
Leppichs Rhetorik wird gern als typisch jesuitisch bezeichnet. Dabei ist seine Beschwörungstechnik keineswegs allein das Resultat jesuitischer Rednerschulung. Das Rüstzeug, das der Orden seinen Kanzelrednern mitgibt, ist weniger rhetorische Kunstfertigkeit oder geschliffene Dialektik, eher eine außergewöhnlich intensive Geisteserziehung. Hinzu kommt die gründliche psychologische Schulung der Jesuiten.
Als "Kerntruppe des Papstes", als internationale, straff organisierte Kampfgemeinschaft gegen die Reformation, mit Divisionen, Rekruten und einem General an der Spitze, war der Jesuitenorden von jeher weltoffener, beweglicher und machtvoller als die Orden der Dominikaner und Augustiner, der Franziskaner und Benediktiner.
Der spanische Edelmann Ignatius von Loyola hatte sich nur bedingt von religiöser Begeisterung leiten lassen, als er
1534 den Orden als "Societas Jesu" (Gesellschaft Jesu) gründete. Wichtiger schien ihm das psychologisch-religiöse Training im Kampf gegen den Unglauben, das er in seinen Exerzitien systematisch ausbaute: Mit pedantischer Methodik mußte der Jesuitenschüler täglich, ja stündlich alle Regungen seines Seelenlebens kontrollieren, um zu lernen, alle Gemütsaffekte seinem Willen unterzuordnen, unempfindlich zu werden gegen Freude und Schmerz. Aus der vollkommenen Kenntnis und der vollkommenen Beherrschung des "Ich" wollte Loyola die Fähigkeit entwickeln, sich psychologisch in die Charaktere anderer Menschen hineinzuversetzen und sie durch die Macht des Wortes zu beherrschen.
Ignatius von Loyola war nicht beredt. Trotzdem kamen Hunderte, als er seine erste Predigt unter freiem Himmel hielt. Er sprach über Gott und Teufel, Tugend und Laster, über den Nutzen der häufigen Beichte und versäumte dabei nicht, sich selbst anzuklagen, denn als spanischer Landedelmann hatte er durchaus nicht immer mönchisch gelebt. Der Zustrom der Gläubigen bestätigte Loyola in seiner Forderung an die Jesuitenredner, auf der Straße ihre hohe Bildung zu vergessen. Die Volkspredigt außerhalb der eigentlichen Kirchenzeit betrachtete Loyola als die wichtigste Aufgabe des Ordens.
Noch heute schicken die Jesuiten aus der Erkenntnis, daß "es leichter ist, Gott bei der Orgel zu verehren als beim Dröhnen der Schmiedehämmer", ihre Novizen hinaus in die Kohlengruben und Maschinenhallen. Und Leppich scheint dem Ordensprovinzial für solche Mission im sozial überkomprimierten Raum besonders geeignet: er kennt das Milieu aus seiner Jugend. Als Sohn eines Zuchthausaufsehers in Ratibor (Oberschlesien) wurde er 1916 geboren. Seine ersten Eindrücke von der Umwelt waren die vergitterten Fenster hinter den hohen Mauern, seine ersten kindlichen Spiele bestanden darin, Knochen und Eisen zu sammeln, seine ersten Märchen waren die Erzählungen seines Vaters von den Lebenslänglichen.
Bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte Johannes Leppich nicht daran gedacht, in ein Kloster zu gehen. Mehr aus Zufall denn aus religiösen Motiven machte er als Hitlerjunge bei den Jesuiten im Noviziatshaus Mittelsteine in der Grafschaft Glatz einen Exerzitienkurs mit. "Ich wollte die Mönche fertigmachen, wissen Sie, ich habe die natürlich nicht ernst genommen. Aber zwei Tage, und da haben die mich fertiggemacht."
Zwei Jahre blieb Leppich als Novize, ehe er in Pommern Bäume für den Reichsarbeitsdienst harzte. Aus der Infanterie wegen seiner Zugehörigkeit zum Orden als wehrunwürdig entlassen, studierte er zwanzig Semester Philosophie und Theologie.
In den Wirren der Nachkriegsjahre, an den Brennpunkten der Not und des Elends erkannte Leppich schon bei seinen ersten seelsorgerischen Aufgaben, daß eine harte, fast brutale Sprache ihn weiter brachte als theologische Studiertheit. Unter Aufsicht eines russischen Kommandanten sprach er 1945 den Frauen in Breslau Trost zu, die vor ihrer Verschickung nach Sibirien in Tag- und Nachtschichten Eisenblöcke schleppen mußten.
Ein Jahr später meldete er sich als Lagerpfarrer für das Flüchtlingslager
Friedland, wo zwei Jahre kein Priester gewesen war. Mit siebentausend Menschen in einer Wellblechbaracke zusammengepfercht, begann er Gottes Wort zu verkünden. Seine Feuerprobe aber bestand er 1948, als er im Auftrage des Kardinals die vierzigtausend kasernierten Deutschen im Dienste der britischen Arbeitseinheiten betreute. Da die meisten Geistlichen das Kommiß-Milieu scheuten, waren die hundertzwanzig Kasernen drei Jahre lang ohne Priester gewesen. So mußte Leppich in diesem "religiösen Kahlschlag" mit fundamentalen christlichen Begriffen neu beginnen, etwa, daß man nicht töten dürfe und daß es nicht nur im Jenseits eine Gerechtigkeit gebe.
Leppich traf dort zum erstenmal unmittelbar mit Männern zusammen, die zwar nicht die Zehn Gebote, dafür aber alle Bordelle im Umkreis kannten. Menschliches ist ihm, wenigstens theoretisch, in dieser Umgebung nicht fremd geblieben. Auch später nicht in einem anderen Milieu, als er in Zuchthäusern und asozialen Vierteln zu Mörderinnen und Veronikas sprach, die ihn anfangs als "Himmelskomiker" verspotteten. Aus seiner intimen Kenntnis der sozialen Verhältnisse erklärt sich die oft bis ans Peinliche grenzende Offenheit, mit der Pater Leppich über sexuelle Themen spricht.
Aber auch in diesem Punkt hat Leppich von seinem Orden die traditionelle Bewegungsfreiheit: Die Jesuiten untersuchen in ihrem Beichtkommentaren zum Sechsten Gebot (Du sollst nicht ehebrechen) Liebe und Ehe, Versuchung und Sünde mit einer anatomischen Gründlichkeit, die oft hart an die Grenze des ästhetischen Empfindens geht. Aus der jesuitischen Erziehung und Tradition erklären sich die drastischen und unverblümt-direkten Attacken gegen die Versuchungen der Natur, die Leppich in den Verruf brachten, in sexuellen Dingen einen Frauenarzt an Deutlichkeit zu übertreffen.
Seine Sexualvorträge sind so ausgiebig detailliert, daß er nicht selten von Zuhörern gefragt wird, wie er als katholischer
Geistlicher so etwas wissen dürfe. "Ja glauben Sie denn", verteidigt er sich dann, "man müsse erst selbst Morphinist oder Syphilitiker sein, wenn man über das Laster eines Rauschgiftsüchtigen oder die Geißel der Geschlechtskrankheit reden will?"
Seine sexuelle Aufklärung motiviert er: "Die Luft ist mit Erotik geschwängert, die Männer sind heute zu fünfzig Prozent sexuelle Morphinisten." Besonders in Deutschland: "Der Spanier kniet mit seinem Mädchen vor dem Muttergottesbild, sie weint, und ich weiß, daß sie vorher gesündigt haben. Wenn der Deutsche sexuell abrutscht, ist er auch in diesem Punkt konsequenter. Er betet nicht mehr."
In jeder Stadt zeigt Leppich mit wirkungsvoll ausgestrecktem Finger mitten hinein ins Publikum: "Auch hier bei Euch gibt es so ein paar sexuelle Wildschweine, ein paar Grauköpfe, die vor den Lehrmädchen im Betrieb am Montag die Schweinereien vom Sonntag erzählen. Behalten Sie das doch für sich! Die Jugend lacht Euch ja ins Gesicht!" Und zu den Frauen: "Ich glaube, wir haben bald mehr verlorene Töchter als verlorene Söhne in Deutschland."
Die allerheikelsten Dinge aber, die Frage, wie die Gläubigen ihre Sünden gegen das Sechste Gebot beichten sollen, spricht Leppich auf Tonband, das er vor Männern und Frauen getrennt ablaufen läßt.
Bei aller Freiheit, die der Jesuitenorden dem Pater gibt, entging er doch in den ersten drei Jahren manchmal nur knapp dem Redeverbot, wenn er in seinen Angriffen zu persönlich wurde. Im Grunde aber achtet der Orden nur darauf, daß der "Draufgänger Gottes", wie Leppich sich selbst gern nennt, nicht zum Häretiker*) wird und "nicht zu vibrieren anfängt, wenn die ersten zehntausend Zuhörer da sind".
Leppich darf selbst die Kirche und hohe Geistliche angreifen ("Ich habe ihnen in die feisten Gesichter geschaut"), und es gehört zu seiner Taktik, daß er als einzige die Protestanten schont. Seine katholischen Glaubensgenossen dagegen reißt er häufig so herunter, daß in seinen Vorträgen fromme Mitglieder der Kirche aufstanden und den Saal verließen.
Auch in Bühl heizte er den Katholiken ein. "In dieser Stadt", Leppichs Blick wandert über die Reihen der Besucher in der nach Äpfeln duftenden Obstmarkthalle, "gehört Mut dazu, aus der Kirche auszutreten. Du, ich kenne diese Typen morgens in der Elf-Uhr-Messe, die den Weihwasserkessel nur berühren, um sich darauf zu stützen. Machen Sie sich doch nicht vor, daß die da hinten stehen, um zu beten. Die lassen nur die religiöse Modenschau da vorne an sich vorbeiziehen. Da können sie dem Herrgott bequem eine Elf-Uhr-Messe hinhauen, zu einer Zeit, mit der doch niemand etwas anfangen kann. Diese katholischen Leisetreter, diese Blindschleichen."
Er schließt Daumen und Zeigefinger zu einem Ring: "Bühl hat so gute katholische Priester. Kinder, ich hab Euch ja gern, aber man kann erschrecken, wenn man sieht, wie müde und satt Ihr geworden seid. Wenn''s zum Singen geht, da seid Ihr wie
die Rheinländer beim Karneval. Nur bei Gott seid Ihr müde. Es muß wieder etwas Unruhe hineinkommen in die müde Liturgie. Wir müssen manchem Katholiken seinen katholischen Stuhl unter dem Hintern wegziehen. Das gilt auch für mich, dann bin ich nicht mehr so anmaßend."
Hin und wieder ruft die Kirche den forschen Jesuitenpater von seinen Attacken zurück: er sei zu negativ. Und damit unterscheidet sich Leppich grundsätzlich von dem italienischen Jesuitenpater Lombardi, mit dem er in Deutschland oft - zu Unrecht - verglichen wird.
Dieser italienische Gelehrte mit dreifachem Doktortitel, der an den Universitäten Pisa und Bologna Vorlesungen hielt, gilt als größter Kanzelredner seit dem Mittelalter. Dabei ist er kein Volksredner im eigentlichen Sinne: Er s pricht ohne Pathos, ohne Effekte in einem klaren, vernünftigen und tröstlichen Stil, den die Kanzelredner der katholischen Kirche den "Pacelli-Stil" nennen. Was Lombardi zu sagen hat, ist einfach: "Die Welt braucht Liebe, weiter nichts." Mit spürbarer Ruhe und Sicherheit dringt er in die Gläubigen, ihren Egoismus aufzugeben und im Mitmenschen den Bruder zu erkennen.
Lombardi hat mit seiner einfachen, schlicht vorgetragenen Botschaft einen Massenerfolg, der den Zustrom Pater Leppichs vielfach überrundet. Wenn Lombardi spricht, wird der Verkehr großer Städte stillgelegt, zündet man Tausende von Kerzen an und streut rote Rosen. Wo Leppich 40 000 Zuhörer hat, zählt Lombardi 400 000. In Rom wurden an einen seiner Vorträge fünfzig Kirchen der Stadt angeschlossen. Leppich hat es erst auf drei gebracht.
Leppich tritt selbstbewußt auf und weiß, daß er wirkt. Lombardi dagegen, mit einem alten breitkrempigen Hut, einem abgetragenen Koffer und einem grünen Regenschirm, wirkt müde, blaß und nervös. Das Reden strengt ihn merklich an. Er beherrscht das Instrument der Sprache nicht annähernd so routiniert wie der deutsche Jesuitenpater. Bei den Predigt-Übungen der Jesuiten wurde Lombardi häufig getadelt, weil er sich gehemmt, ungeschickt und ohne jede Rhetorik ausdrückte. ("Ach, wenn Gott mir doch einmal die gewaltige Macht der Sprache gäbe.")
Wirkt Leppich fanatisch und asketisch, so wirkt Lombardi menschlich und gütig. Wo Leppich droht, ist Lombardi traurig. Als Leppich in Österreich sprach, versuchte ein Kommunist zu stören, indem er einen Wasserschlauch auf ein Blechdach hielt. Leppich schüttelte den Kopf: "Gott, bist Du primitiv", höhnte er, "Du blamierst ja Deine kommunistischen Kollegen in Österreich. Deine kommunistischen Kollegen im Ruhrgebiet machen das viel intelligenter." Und er erzählte, in Essen habe ein Kommunist einen Störsender an das Mikrophon angeschlossen, so daß seine Rede im ersten Drittel mit amerikanischer Tanzmusik unterlegt gewesen sei.
Lombardi setzt seine kommunistischen Gegner mit anderen Mitteln matt. Nach
einem zwanzig Minuten langen Rededuell mit dem kommunistischen Senator Velio Spano ging er zum Schluß auf diesen sehr geschickten Rhetoriker zu: "Herr Senator, wenn Ihnen die Hölle beschieden sein sollte, hoffe ich Sie dort wiederzusehen, auch ich bin ein Sünder", und umarmte ihn.
Leppich dagegen erzielt seine Erfolge mit der Schockbehandlung. Das Schimpfen ist für ihn mehr als nur ein psychologischer Trick, Aufmerksamkeit zu erwecken. Seine Angriffe auf das schlechte Gewissen der Zuhörer scheinen wie eine innere Reinigung zu wirken, der sich die Zuhörer offenbar mit größeren Wonnen unterziehen als der Pater zu vermuten wagt. Ohne religiösen Glauben allein auf sich gestellt, scheinen die Zuhörer in Leppichs Verbal-Kanonade ein Ventil für die Komplexe ihrer verklemmten Alltagsseele zu finden, die sich ohne fremde Hilfe nicht entspannen kann.
Der Pater löst Selbstanklage aus, Reue oder doch wenigstens Nachdenken über die eigene Unvollkommenheit. Anders als aus dieser Freudschen Atmosphäre wäre der gewaltige Zustrom der Besucher zum Beichtstuhl des Paters nicht zu verstehen. ("Ich habe einen ganz diskreten Schrankbeichtstuhl, da können wir uns nach dem Vortrag unterhalten.") Jeder dritte, der sich dem Pater offenbart, ist Protestant.
Trotzdem gibt sich Leppich nicht der Illusion hin, daß er durch seine Predigten der Kirche viele echte Gläubige gewinne. Er will sich damit begnügen, "die Christen aufzurütteln und zu sozialen Taten aufzufordern". Wenn er zu guten Werken
aufruft, bringt er es fertig, daß seine Zuhörer kollektiv am schlechten Gewissen leiden, weil sie nicht, wie die Kranken, für die Leppich um Gaben bittet, blind sind oder mit einem Pneu in der Lunge leben müssen. Jünglinge klettern aufs Podium, um dem Pater ihr Jackett zu geben. Er bittet um drei Anzüge und bekommt vierzig, um drei Paar Schuhe und bekommt hundert. In Würzburg bat er um ein Fahrrad, am anderen Tag standen 22 vor dem Pfarrhaus. In Mainz bat er für einen Arbeiter um ein Motorrad, sechs wurden gestiftet.
In allen Städten bringt Leppich Tausende von sogenannten SOS-Zetteln (Paketadressen für Ostzonen-Bewohner) unter die Leute; in allen Städten gewinnt er "Bruderrentner", die sich verpflichten, ein halbes Jahr lang monatlich zehn Mark an einen schlechtergestellten "Hungerrentner" abzugeben. Bei Friedland baut Leppich eine Kriegsblindensiedlung nur mit gestiftetem Gold.
Pater Leppich hat mit diesem sozialen Feldzug eine Bewegung gestartet, deren Dynamik ihn selbst mitreißt. In allen Städten, in denen er spricht, sitzen dicht gedrängt die Besucher im Vorzimmer des Pfarrhauses, melden sich junge Leute freiwillig zur Hilfe, schicken Bittsteller körbeweise Briefe. Sein Tagesprogramm in der Schwarzwaldstadt Bühl: Frühmesse, Besuch in einem Kloster, Fragestunde im Pfarrhaus, Diskussion mit leitenden Persönlichkeiten, Mittagessen, Werksbesichtigung und Vortrag in den Uhu-Werken, Besuch eines Flüchtlingslagers, Abendvortrag über den Kreml, Interviews bis nach Mitternacht.
Privat gibt sich der "Draufgänger Gottes" bei weitem nicht so forsch wie in seinen Reden: "Eigentlich mag ich die Massenkundgebungen nicht. Die Leute gehen oft wie vom Schützenfest nach Hause, wie beim Wunderdoktor Gröning."
In einem privaten Gespräch auf seinen vulgären Ton hingewiesen, flocht Leppich nachdenklich und fast schüchtern die Fransen der Tischdecke zu Zöpfchen: Das möge wohl daher kommen, daß er zuviel vor Kumpels und Hafenarbeitern gesprochen habe. "Aber stellen Sie sich mal auf einen Marktplatz inmitten einer Großstadt, Autos, Straßenbahn, blasiertes Volk, und dann versuchen Sie, heilige Dinge zu sagen. Wenn dahinten nur zwei feixende Gesichter sind, muß ich die kriegen und spreche nur für sie."
Daß ihn in Deutschland zwei Millionen Menschen gehört haben, schreibt er nicht auf das Konto seiner ausgefeilten Rhetorik. "Man macht so viel Sensation um den Redner, aber in Wirklichkeit ist es das Thema, das die Leute mobilisiert. Wenn sie auch nicht mehr zur Kirche gehen, so haben sie doch noch einen Instinkt für religiöse Dinge. Sie beten zwar nicht mehr, aber sie möchten es vielleicht gern wieder."
Für Pater Leppich ist es bis heute ein Geheimnis geblieben, auf "welcher Welle der moderne Mensch Gott empfängt. Wahrscheinlich muß man auf UKW senden".

"SCHENKEN SIE MIR EIN AUTO"
AUS PATER LEPPICHS REDEN
Sie haben gestern gefroren. Ich habe unverschämt lange gesprochen. Gestern bekam ich einen Brief von einem Kommunisten, der schrieb: Pater, Du kannst mit Deinen Reden einpacken, wenn Du es nicht fertigbringst, einem armen Teufel einen Sack Kartoffeln in den Keller zu stellen. Sie können nach der Predigt Geld und Pakete in der Andreaskirche und der Agneskirche abgeben. Ich habe eine Organisation ins Leben gerufen: SOS.
Sie können Pakete abgeben. Wenn Sie nicht abgeben, breche ich morgen abend meinen Vortrag ab. Da ist zum Beispiel ein schwindsüchtiger Mann, der braucht Fett, ein Mädel, das in der Diaspora arbeitet, braucht ein Fahrrad. Schenken Sie ihm ein Fahrrad, es wird für den lieben Gott noch lange trampeln. Oma, Du kannst das Fahrrad auf dem Boden ja doch nicht mehr gebrauchen.
Ich brauche einen Anzug für einen Studenten, Schuhe für Rußlandheimkehrer. Ein Lagerkaplan muß täglich weite Wege fahren und schreibt, er braucht ein Leichtmotorrad. Es kann auch ein schweres sein (Lachen) oder, natürlich noch besser, ein Auto (Lachen). Schenken Sie mir ein Auto, das wird noch jahrelang rattern für den lieben Gott.
Wir brauchen Babywäsche. Da schreibt ein alter Opa, der halbgelähmt vor dem Fenster sitzt, um einen Lehnstuhl (Sie kriegen ein Photo von mir), eine gute alte Oma, die Inlett und Bettwäsche zum Wechseln braucht. Nicht wahr, Inlett und Bettwäsche. Da sind einige Priester in der Ostzone, die dringend Meßgewänder haben müssen. Ein paar Meter Seide für Meßgewänder. Und eine Bahnhofsmission kann nicht mal trockenes Brot den Kindern geben. Ich weiß mir keinen Rat mehr. Es fehlen Decken. Wir können die doch nicht so enttäuschen. Und ein Pater, der in die Ostzone gehen will. Er braucht Geld zur Vollendung seines Studiums. Stecken Sie 50 Mark in ein Kuvert, verschlossen in ein Kuvert, und geben Sie es nach dem Vortrag in der Andreaskirche oder in der Agneskirche ab.
Wir brauchen Kleidungsstücke für ein großes Lager. Bitte, helfen Sie mir! In Köln gibt es eine Legion von Hungerrentnern. Machen wir keine Sprüche gegen den Staat. Wir können noch Wunder wirken.
Sie können hier Formulare bekommen: "Ich verpflichte mich, ein halbes Jahr monatlich 10 Mark zu zahlen für die Bruderrente." Einige Tausend wollen wir haben. Das ist das Schönste, um den Kommunisten zu beweisen, daß wir unsere Abendgespräche ernst nehmen. Also bitte, Andreaskirche und Agneskirche, nur abgeben.
Und morgen der Vortrag über das Sozialthema. Wenn''s regnet, kommen Sie trotzdem, wir übertragen für die Heroischen nach draußen... Es werden gleich junge Männer herumgehen und sammeln. Wenn Du fünf Pfennig reinwirfst, dann schäm Dich, dann brauch ich Dich nicht, wenn Du reich bist. Wenn Du arm bist, dann komm zu mir, dann gebe ich Dir was...

"HÜTE DICH VOR CASANOVA"
AUS PATER LEPPICHS REDEN
Und wenn man mich fragt: geht denn unser Volk zugrunde oder wird es noch eine Zukunft haben, dann gibt es nur eine Antwort: wir krepieren noch einmal an unseren Frauen und Mädchen, die ihr Heiligstes jeden Tag in den Dreck werfen, krepieren an der erotischen Überreizung und am verfluchten Sexualismus unserer Zeit.
Ich war in Bremerhaven - dort, wo die Amerikaner zum erstenmal deutschen Boden betreten. Wissen Sie, was ihnen dort als deutsche Visitenkarte entgegengehalten wird? Eine Hure! Und das ist mein Thema. Davon will ich sprechen. Ich will keine medizinische Aufklärung geben, aber ich werde die Dinge beim Namen nennen. Ich werde Huren "Huren" nennen - auch dann, wenn Sie zu einem Ehebrecher "Hausfreund" sagen, gnädige Frau!
Eltern, ihr wißt ja gar nicht, welch ein Unheil allein eine umherliegende Illustrierte anstiften kann, wie eine Serie geiler Bilder schon die unschuldige Seele eines heranwachsenden Kindes vergiften kann. Eine Jugend, die mit Bordell-Magazinen und schmutzigen Revuefilmen großgefüttert wird, muß eines Tages vor die Hunde gehen. Wissen Sie, daß heute in vielen Volksschulen, die auch Ihre Kinder besuchen, der Geschlechtsverkehr zu Hause ist?
Das Mädchen wächst heran und wird zur Jungfrau. "Jungfrau", ein Wort, das heute ein paar geile Dreckfinken in den Müllkasten geworfen haben, das unmodern und muffig geworden ist! Ein Wort, das in Deutschland bereits keinen Pfennig mehr wert ist!
Es ist nicht wahr, daß wir zuviel Frauen in Deutschland haben, nicht zuviel Frauen, dafür aber zuviel Weiber.
Es gab mal eine Zeit, da schickte das deutsche Volk Missionare in die Welt - und heute sind es dafür Schönheitsköniginnen.
Kommen Sie doch nicht mit der Entschuldigung, der Körper brauche aus "Gesundheitsgründen" den sexuellen Ausgleich. Ich kenne keinen Menschen, der an Enthaltsamkeit erkrankt wäre - aber ich habe in Krankenhäusern und Asylen Tausende gesehen, die an ihrer freien Liebe unheilbar erkrankt sind und elendig dahinsiechen.
Und jetzt frage ich Dich: Mädel, kennst Du den Mann, den Du Deinen Bräutigam nennst? Mit dem Du eines Tages vor den Traualtar treten willst? Ist er etwa auch einer jener Tangojünglinge, die Augenränder haben wie die Autoreifen?
Weißt Du auch, daß in jedem Mann ein Ritter und ein Raubritter steckt? Hüte Dich davor, den Raubritter, den Casanova in ihm herauszufordern! Denn dann wird er an Deiner Seite die Straße mit geilen Augen wie ein Scheinwerfer nach sexueller Aufputschung abgrasen. Dann wird er Dich später in der Ehe mißbrauchen, er wird Dich leid werden und dann wegwerfen wie eine zerknitterte Papierserviette.
*) Maloche: Im Bergarbeiter-Jargon die Plackerei.
*) Günther Mees und Günter Graf: "Pater Leppich spricht". Bastion Verlag, Düsseldorf. 80 Seiten.
*) Häretiker: Vom Glaubensdogma Abgefallener.

DER SPIEGEL 3/1954
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KIRCHE / PATER LEPPICH:
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