20.01.1954

OST-BERLINRussen kamen

Mit Fieber liegt der Oberbürgermeister von Ostberlin, Friedrich Ebert, im Krankenbett. Er hat sich beim Walzertanz auf dem Ostberliner Neujahrsmarkt im Lustgarten ("Marx-Engels-Platz") erkältet. Ebert brachte dieses Opfer in getreuer Soll-Erfüllung eines internen Plans des Zentralkomitees der SED, in dem es heißt:
"Es muß jetzt alles versucht werden, Friedrich Ebert als rettende Hand Gesamtberlins dem blassen und ausdruckslosen Westberliner Bürgermeister Schreiber gegenüberzustellen. Reuter besaß zu viel obskure Popularität... Jetzt aber ist die Stunde da, unseren Genossen Ebert als die führende Persönlichkeit Gesamtberlins zu feiern."
Der Hausdichter der FDJ, Rainer Kerndl, bekam schon den Auftrag, eine Biographie über Ebert, den "bedeutenden Sohn eines großen Vaters", zu schreiben, die Ostberliner Illustrierten bringen laufend Ebert-Photos in Großformat, und Eberts Name wird unter Verordnungen gesetzt, die zur "Verbesserung der Lebenshaltung" erlassen werden.
Diese neue Blähung des Ostberliner Persönlichkeitskults verfolgt den Zweck, den Sohn des Präsidenten der ersten Republik für den Fall von gesamtdeutschen Ost-West-Gesprächen als relativ unbelasteten Verhandlungspartner halbbürgerlicher Prägung hoffähig zu machen. Außerdem soll der gemäßigte Ebert "im Sinne der Aktionseinheit" Verbindungen zu Westberliner und westdeutschen Sozialdemokraten knoten.
Er richtete bereits handgeschriebene und hektographierte Briefe an führende SPD-Mitglieder und lud kürzlich sogar Westberliner SPD-Funktionäre zu einer Kaffeetafel nach Ostberlin ein. Er folgte damit einem Brauch, den er vor seiner Berufung als Ostberliner Oberbürgermeister in seiner Privatwohnung in Potsdam-Babelsberg häufig praktiziert hat. (An
Eberts Kaffeetafeln durfte offen diskutiert und auch auf die Russen geschimpft werden)
Eberts Berufung zum Oberbürgermeister von Ostberlin im November 1948 hat eine merkwürdige Vorgeschichte: Er hatte sich eigentlich zusammen mit seinem Freund, dem ehemaligen SED-Politbüro-Mitglied Erich W. Gniffke, nach Westen absetzen wollen, wurde aber zu spät von Gniffkes plötzlichem Aufbruch benachrichtigt.
Wenige Tage später bekam Ebert Russenbesuch. Er rechnete fest damit, verhaftet zu werden, doch die Sowjets überbrachten ihm den Bescheid, daß er zum Oberbürgermeister von Ostberlin ausersehen sei.

DER SPIEGEL 4/1954
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