24.02.1954

KARTELLEDie armen Enkel

Sobald im Gebiet von Neuwied am Rhein der heftige Frost nachläßt, wird sich eine Gruppe von Sachverständigen aufmachen, um die seit Monaten hart umstrittenen Bimsfelder zu begehen. Nachdem es keiner der streitenden Parteien innerhalb der Bimsbranche gelungen ist, auch nur eine einzige der umkämpften Gruben zu erobern, haben die feindlichen Hauptquartiere von Neuwied und Andernach beschlossen, den Bimskrieg einem Studienkreis zu überantworten.
Diesen ehrenvollen Auftrag, der in der Auseinandersetzung um die Monopolstellung der Neuwieder Bimsbetriebe eine Klärung herbeiführen soll, verdanken die Sachverständigen der Studienkommission dem Vulkanausbruch in der Eifel vor mehr als zehntausend Jahren, dessen Krater heute der Laacher See bildet.
Damals war der Nordwestwind nicht steif genug, um den glühenden Lavaregen völlig über den Rhein zu tragen: Die mehr kiesige Asche senkte sich dort, wo heute das Weinstädtchen Andernach liegt, die mehr sandige jenseits des Rheins beim heutigen Neuwied. Diese im Innern des Vulkans bei unvorstellbaren Hitzegraden und unter starker Gasentwicklung ausgeglühte und granulierte Lava ist Bims.
Das zu Bims verwandelte Lavabecken beiderseits des Rheins hat nur eine verhältnismäßig begrenzte Ausdehnung von 250 Quadratkilometern. Bei einer durchschnittlichen Höhe der Bimsschicht von drei Metern ist die Bimsmenge ungefähr errechenbar. Und weil die Ausbeute noch stärker steigt als die Neubaukurve Westdeutschlands - der leichte, poröse, feuerfeste, gut isolierende Bims konnte sich 1953 ein Drittel aller erstellten Mauerwände erobern - , ist ebenso leicht abzulesen, daß der Bims höchstwahrscheinlich um das Jahr 2000 verbraucht sein wird. Dieses imaginäre Datum ist die Ursache des rheinischen Bimskrieges.
Den indirekten Anlaß zu dem erbitterten Wirtschaftskrieg, für den die Neuwieder im Sommer 1953 die Parole ausgaben "bis aufs Messer", war jedoch die zwiefache Verwendung des Bimskieses. Im "Neuwieder Becken", so heißt das Bimsgebiet geographisch, arbeiten 727 Bimsbetriebe, die an Ort und Stelle aus Rohbims unter Beimischung von Zement Bimssteine herstellen. Das sind die "Einheimischen".
Außerhalb des Neuwieder Beckens arbeiten etwa 400 Betriebe in weiter Streuung über Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, die aus dem Bimsbecken Rohbims beziehen und an ihren Standorten die begehrten Bimsbaustoffe erzeugen. Diese Männer werden von den Einheimischen "Ausländer" gescholten. Zu dieser zweiten Kampfgruppe sind weiter noch etwa hundert Rohbimsverlader zu rechnen, die an sich Einheimische sind, aber die "Ausländer" mit Rohbims versorgen und deshalb von den Neuwiedern als Abtrünnige betrachtet werden.
Den ersten Vorstoß zur Unterbindung dieses Rohbimsversandes, der etwa die Hälfte der Bimsausbeute beansprucht, machten die Einheimischen bereits 1949. Sie erreichten jedoch anfangs nur die Annahme eines Landes-Rahmengesetzes, zu dem erst die Ausführungsbestimmungen vom Juli 1952 den Neuaufschluß von Bimsgruben erschwerten, indem
* jede neue Grube zusammenhängend vier preußische Morgen groß sein muß,
* der Antragsteller neben dem Nachweis technischer Kenntnisse und Erfahrungen auch die Gewähr für eine kaufmännische Leitung bieten muß,
* die Amtsbürgermeister vor der Weiterleitung etwaiger Aufträge ein Gutachten des Fachausschusses Bims in Neuwied anzufordern haben.
Damit hatten die Einheimischen immerhin eine Waffe, mit der sie sich auf den Kriegspfad gegen die "Ausländer" begeben konnten. An Vorwänden fehlte es nicht, denn im Zuge der steigenden Baukonjunktur war aus dem stillen Neuwieder Becken bald ein bundesdeutsches Klondike geworden. 1946 wurden erst 173 000 Tonnen Bimsbaustoffe erzeugt,
* 1948 schon 623 000 Tonnen,
* 1950 3 348 000 Tonnen,
* 1951 4 024 000 Tonnen.
1953 wurden mit 5 100 000 Tonnen alle bisherigen Rekorde geschlagen. 1954 nähert sich der D-Mark-Strom, der sich in dieses
eng begrenzte Wirtschaftsgebiet ergießt, der Viertelmilliarden-Grenze.
In Plaidt, einem der Brennpunkte des Bimskrieges, hat der Schankwirt am Kirchplatz nur Schnapsgläser mit vier Zentilitern Inhalt. Dieses Wodka-Maß rinnt in Kehlen von Männern, die in der Spitze über 60 Mark wöchentlicher Arbeitslosenunterstützung beziehen. (Bei 20 Grad Frost und einem mit Eishügeln bedeckten Rhein ruht der gesamte Bimsbetrieb.)
Solche Arbeitslosenunterstützung basiert auf Wochenverdiensten von oft 175 Mark dieser Akkordsteinklopfer. Gewerkschaften prahlen nie mit Löhnen, aber die IG Chemie, Papier und Keramik, Ortsverwaltung Neuwied, bestätigt, auch wenn sie dämpft: "Uns bekannte Spitzenlöhne von 25 Mark am Tage werden nur in der Saison durch Überarbeit erzielt."
Auf dieser goldenen Bimsdrehscheibe von Neuwied kann sich nun nur halten, wer Bims besitzt. Das sind in der Hauptsache die Bauern in den Bimsdörfern, die den begehrten Stoff fest unter ihrem Mutterboden liegen haben. Wer einen Bims-Claim erwerben will, muß sich von einem Bauern das Schürfrecht pachten. Dabei stößt er nun sofort auf die Konkurrenz aller anderen Bimsjäger.
Am 3. Februar 1954 war beispielsweise in Plaidt, Kreis Mayen, bekanntgeworden, daß ein Bauer zweieinhalb Morgen Schürfrecht zu vergeben habe. Bis zum Abend waren vor dem Hoftor dieses Bauern die Wagen von zwanzig Bims-Agenten gezählt worden, die von dieser Absicht Witterung bekommen hatten und sich nun in der Bauernstube gegenseitig überboten.
Die Claims im Bimsbecken werden noch immer nach Quadratruten gehandelt. Eine Rute mißt vierzehn Quadratmeter, ein Morgen also 180 Ruten. Bisher verlangten die Bauern für das Schürfrecht auf einer Quadratrute ihres Landes 30 Mark. Nachdem aber im Neuwieder Becken die Bimsjagd zur Bimspanik ausgeartet ist und die Agenten bis zu 45 Mark für die Rute boten - ohne daß einer den Zuschlag bekam - lassen sich die Bauern Zeit. Bei einem Bauprogramm von 520 000 Wohnungen 1954 sagen sie sich: Es wird schon einer kommen, der 50 Mark bietet.
Früher konnten die Claimpächter noch ihre Pacht entsprechend der Ausbeute abstottern. Heute verlangen die Bauern bare Honorierung. Und da zweieinhalb preußische Morgen 450 Quadratruten umfassen, müßten dem Bauern bei 50 Mark Pacht je Rute runde 22 500 Mark auf den Tisch
geblättert werden. Kein Bauer aus einem Bimsdorf mäht noch mit der Sense, seine Mähbinder werden durch Traktoren gezogen. Nach einer sachverständigen Schätzung beziehen die Bimsbauern eine Jahressubsidie von sechs Millionen Mark.
Dabei geht ihnen das Land nicht verloren; die Goldgräber müssen den abgehobenen Mutterboden später wieder über das Land breiten und die ausgebimste Erde planieren.
Auf diesem Hintergrund der Bimsspekulation wird die Goldgräber-Atmosphäre im Neuwieder Becken verständlich. Hier werden Vermögen erworben, aber auch ebenso schnell verloren. Vor dem Kriege existierten im Neuwieder Becken 270 Bimsbetriebe. Von der Woge des Wohnungsbedarfs emporgetragen, versuchten nach dem Kriege plötzlich an die tausend Firmen Gold aus Bims zu machen. Aber allein 1952 verließen 121 Verarbeiter- und 69 Abbau-Betriebe wieder ihre staubigen Claims.
Wenn der Freitag naht, stehen diese Greenhörner unter den hartgesottenen Bimsgräbern, die glaubten, ein mageres Postscheckkonto gebe bereits ein Sprungbrett zum Industrie-Nabob ab, wartend an den Ausfallstraßen des Bimsbeckens und winken die Fernfahrer heran, um den Tausenderpreis für Bimssteine von 56 Mark so lange zu unterbieten, bis sie die fällige Lohnsumme beisammen haben. Und das nicht minder wachsame Agentennetz der Baustoffhändler hat schnell heraus, welcher Bimsgräber wieder einmal in Finanzierungssorgen schwebt.
Unter solchen Umständen beschloß die alte Bims-Oligarchie von Neuwied am 29. Juli 1953 im Restaurant "Zum Storchen", Ordnung im Bimsbecken zu schaffen. Ihre Waffe war das rheinisch-pfälzische Bimsgesetz von 1949 mit seinen Fußangeln von 1952. Handhaben sollte diese Waffe die fünf Tage später gegründete Firma "Rheinische Bimsgrubengemeinschaft GmbH., Weißenthurm". Der Ring der 168 im Neuwieder "Storchen" Versammelten erkor zu seinem Anführer den Bimsherrn Peter Moskopf.
Der Paragraph 2 des aufgesetzten Gesellschaftsvertrages liest sich noch harmlos: "Gegenstand des Unternehmens ist der Ankauf und die Verwertung von Bimsausbeuterechten des Neuwieder Beckens, der Handel, Transport und die Verfrachtung von Rohbims sowie Durchführung aller Rechtsgeschäfte zur Versorgung der rheinischen Bimsindustrie mit Rohbims und zum geregelten Bimsabbau im Interesse der heimischen Landwirtschaft, zur Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze und zur Erhaltung geordneter Wasser- und Wegeverhältnisse."
Nach dem eidesstattlich versicherten Stenogramm der Christa Raab klang Peter Moskopfs Kommentar auf der "Storchen"-Versammlung aber nicht mehr so harmlos: "Der Grundsatz unserer Gemeinschaft soll lauten: die jungfräulichen Bimsgebiete zu erforschen und an uns zu bringen, bevor sie an auswärtige Spekulanten gehen oder dem Raubbau verfallen, wie es jetzt der Fall ist."
Weiter Moskopf: "Die Finanzierung muß so vor sich gehen, daß wir sofort mindestens eine Million Mark zur Verfügung
haben. Das gelingt ohne Schwierigkeiten. Der Ankauf von Flächen über vier Morgen ist unser erstes Ziel, denn wir wollen es auch verhüten, daß ständig neue Unternehmen entstehen und uns das Leben schwer machen und uns unsere Rohstoffbasis verwässern bzw. wegnehmen."
Dann folgte ein Ultimatum an die Rohbimsversender: "Was wird aus den Bimsversendern? Wir haben uns diese Frage natürlich sehr reiflich durch den Kopf gehen lassen. Wir haben daran gedacht, den Bimsversendern eine ganz große, aber letzte Chance zu geben, dergestalt, daß sie mit uns Verträge abschließen können zu angemessenen Preisen, den Bims nicht nach auswärts zu versenden, sondern uns zur Verfügung zu stellen."
Diesem Ultimatum folgte unmittelbar die psychologische Untermauerung des Bimskrieges. Eines Morgens fanden alle Haushaltungen des Neuwieder Beckens eine Postwurfsendung der Rhein-Bimsgruben GmbH. im Briefkasten. Darin hieß es. "Arme Enkel und Kinder wird es geben, wenn der Raubbau am Bimsgebiet so weitergeht. Jeder Morgen Bimsgelände, der dem Rohbimsversand zum Opfer fällt, gefährdet das Arbeitseinkommen und damit den Lebensunterhalt für sechzig Menschen auf ein Jahr.
"Daher heißt das Gebot der Stunde: Verkauf von Bimsausbeuterechten nur mehr an heimische Betriebe der Bimsstoff-Industrie oder an die Rhein-Bimsgruben GmbH., die sich zum Ziele gesetzt hat, das Rohbimsvorkommen für die rheinische Bimsindustrie und die damit vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern."
Am nächsten Zahltag schließlich fanden alle Bimsarbeiter folgenden Aufruf in ihrer Lohntüte: "Auch Dich geht der sich steigernde Rohbimsversand an! Hast Du einmal darüber nachgedacht, daß jeder Morgen Bimsgelände, der dem Bimsversand zum Opfer fällt, Dir und fünfzehn Deiner Arbeitskollegen Arbeit und Brot für ein Jahr wegnimmt? Tritt in den Kreisen Deiner Verwandten und Bekannten dafür ein, daß Bimsfelder nur mehr an Betriebe, die Bimsbaustoffe herstellen, verkauft werden."
Die Angegriffenen gaben erst dann Alarm zur Sammlung im Andernacher "Probsteihof", als einer der ihren die erste Feindberührung mit den Neuwiedern hatte. Bimssteinschürfer Ohligschläger aus Ochtendung hatte sich zu früh gefreut, als er für sein Schürfrecht die Vorverträge mit elf Bauern für einen durch Erbteilung zersplitterten Vier-Morgen-Claim abgeschlossen hatte. Schon war der Notar zur endgültigen Vertragsunterzeichnung bestellt, da machten plötzlich die Eigentümer der mittleren Ackerstreifen 4 und 5 trotz aller Vorverträge nicht mehr mit.
Sie vergaben ihre Schürfrechte plötzlich an eine zum Neuwieder Einheimischen-Clan gehörende Fabrik, womit Heinz Ohligschlägers Schürfgrund nicht mehr die gesetzlich vorgeschriebenen vier Morgen ausmachte. Damit war eingetreten, was Peter Moskopf in der "Storchen"-Versammlung prophezeit hatte: "Ich möchte den verantwortlichen Betriebsführer sehen, der es noch riskiert, ein neues Werk aufzubauen, wenn er sieht, daß die Bimsbasis für ihn nicht mehr zu haben oder wesentlich zu erweitern ist."
Während sich die ersten Blessierten des rheinischen Bimskrieges im Andernacher "Probsteihof" sammelten - blessiert insofern, als sie zunehmend ihre mühsam gesammelten Claims durch feindliche Sperrparzellen blockiert vorfanden - , trafen sich bereits am 18. August 1953 in der Zunftstube von Dortmunds "Rheinoldi-Gaststätten" Männer, die nicht mit sich spaßen
ließen. Sie gehörten der Fachgruppe Betonstein im Zentralverband des deutschen Baugewerbes an.
Unter dem Rubrum "Abdrosselung der nordrhein-westfälischen Leichtbeton-Produktion durch Unterbindung der Rohbimsausfuhr aus dem Neuwieder Becken" alarmierten die in Dortmund zusammengeeilten Leichtbetoner Bonns Bundeswirtschaftsministerium und die Düsseldorfer Ministerialbürokratie.
"Die Unruhe, die in diesen Tagen in die etwa vierhundert westdeutschen Bimsbaustoffwerke getragen wurde, veranlaßt uns - zumal sich schon hinsichtlich des Rohbimspreises Spekulationstendenzen abzuzeichnen beginnen, in einigen Fällen sogar auch Bimslieferungs-Stockungen auftraten - bei den zuständigen Ministerien zu entsprechenden Vorstellungen.
"Selbst dann, wenn die Bestrebungen der Interessengruppe zum Scheitern verurteilt werden, wird als Folge dieser Machenschaften eine unbegründete Verteuerung des Bimslandes, damit des Rohbimses, schließlich der Bimsbaustoffe eintreten, was zwangsläufig zu Kostenerhöhungen im Wohnungsbau führen muß". Das bekam Bonns Wohnungsbauministerium von Dortmund zu hören. Schließlich verlangten die Dortmunder energische Schritte in Koblenz.
Auf Koblenz hatte sich die Auseinandersetzung deshalb konzentriert, weil hier der Bundesverband der Betonindustrie inzwischen gegen die Eintragung der Neuwieder Bimsgemeinschaft ins Koblenzer Handelsregister Sturm lief. Die Bonner Schwerbetoner konnten aber die Koblenzer Festung nicht nehmen, da sich die Industrie- und Handelskammer Koblenz schützend vor die Neuwieder Bimsmonopolisten gestellt hatte, so daß die Eintragung ins Handelsregister gelang.
"Eine derartige gemeinschaftliche Sicherung ihrer Rohstoffbasis steht keineswegs mit dem marktwirtschaftlichen Gesetz in Widerspruch", standen die Koblenzer ihren Neuwieder Nachbarn bei, "zumal, wenn sie auf die privatwirtschaftliche Initiative interessierter Betriebe zurückgeht und, wie oben erwähnt, von einem Monopol nicht gesprochen werden kann."
Auf diesen Sieg Neuwieds hin machte von der sich mehr und mehr festigenden Gegenseite der "Verein zur Wahrung der Rheinschiffahrtsinteressen" in Duisburg mobil. Er entsandte einen Hilfstrupp nach Bonn ins Bundesverkehrsministerium und erklärte dort klipp und klar, daß eine Monopolisierung der Rohbimserzeugung "den Rohbimsversand auf dem Wasserwege und die mit großen Mitteln errichteten Verladeanlagen am Mittelrhein zum Erliegen bringen würde".
Hannovers Industrie- und Handelskammer spendete dem Andernacher Haufen mehr als Trost, als sie schrieb:
"Der Zusammenschluß der im Neuwieder Becken ansässigen Bimssteinwerke zu einer
Einkaufsgenossenschaft mit dem Ziel, alle noch vorhandenen freien Bimsvorkommen aufzukaufen und den gewonnenen Naturbims nur an die Genossen abzugeben, stellt nach unserer Auffassung einen kartellartigen Zusammenschluß dar, der unzulässig ist, wenn die Einkaufsgenossenschaft dadurch gleichzeitig eine Monopolstellung erlangt. Dies wäre dann gegeben, wenn gleichwertiger Naturbims im übrigen Bundesgebiet nicht gewonnen wird." Dem ist so: Der nächsterreichbare Rohbims liegt ziemlich weit weg, nämlich auf Sizilien. Kartelle sind in der Bundesrepublik durch das Gesetz 56 der amerikanischen Militärregierung, durch die Verordnung 78 der britischen Militärregierung sowie durch die Verordnung 96 des französischen Oberkommandierenden als "übermäßige Konzentration der Wirtschaftskraft" verboten.
Die Einkreisung der einheimischen Protektionisten näherte sich der Vollendung. Peter Moskopf hatte noch im Neuwieder "Storchen" stolz verkündet: "Die Zementindustrie ist aber bereits sehr hellhörig. Sie hat uns aus diesem Grunde bisher schon immer tatkräftig unterstützt durch Abkommen, die wir mit ihr treffen konnten, und die erste Fühlungnahme, die wir mit der Zementindustrie hatten, läßt hoffen, daß wir große Unterstützung finden werden."
In Wirklichkeit lag am 2. September 1953 bei einer Lagebesprechung der Andernacher
Bimskrieger im dortigen Rheinhotel bereits die strikte Neutralitätserklärung der Zementindustrie vor. Eine halbe Stunde später formierte Heinz Ohligschläger aus Ochtendung seine Andernacher Kämpfer zum Schutzverband der Bimsverwertungsbetriebe e. V., Andernach.
Es zeugt für die Schärfe des Kampfes auf dem Höhepunkt des Bimskrieges, daß der Stab der Andernacher Grabenkämpfer bei deren geschlossenen Gruppensprüngen von Claim zu Claim Mühe hatte, sich zu sammeln. Als der Vorstand des Schutzverbandes einen Bimsgastwirt um einen Sitzungssaal bat, erklärte er kleinlaut: "Da muß ich mich erst mal erkundigen, ob das geht." So hatte die Neuwieder Flugblattaktion die Bimsdörfer weichgemacht.
Dafür aber erfocht der Bundesverband der Betonsteinindustrie am 28. September 1953 vor dem Amtsgericht Koblenz einen glänzenden Sieg, indem er gegen die Bimsmonopolisten eine einstweilige Verfügung erwirkte, die der Bims-Oligarchie aus dem "Storchen" untersagte:
* "Bimsgelände oder Bimsausbeuterechte anzukaufen oder zu verwerten, Rohbims zu verteilen oder zu verfrachten und andere Unternehmer der Bimsförderung, des Bimsverbandes oder der Bimsverarbeitung, sowie Besitzer von Bimsland am Ankauf oder Verkauf von Bimsland oder Bimsausbeuterechten sowie am Bimshandel oder Bimsversand mit irgendwelchen Mitteln zu hindern."
* Aus der Begründung: "Daß dieser Zusammenschluß von fast fünfzig Prozent der Bimsfabrikationsbetriebe ohne weiteres die Möglichkeit hat, die außerhalb des Zusammenschlusses stehenden Firmen vom Rohbimsmarkt zu verdrängen, bedarf keiner Frage. Vor diesem einseitigen Einfluß muß nicht zuletzt der Markt auch im Interesse des Verbrauchers und des gesamten Wiederaufbauprogramms geschützt werden, und hierin liegt die innere Rechtfertigung des Kartellverbots."
Für den 13. Januar 1954 war noch ein Prozeß vor dem Landgericht Koblenz angesetzt. Zwei Tage vorher war jedoch bereits der Waffenstillstand im Neuwieder Bimskrieg in Kraft getreten, da sich herausgestellt hat, daß durch die Verkrampfung des Stellungskrieges im Neuwieder Becken heute praktisch ein Drittel aller noch jungfräulichen Bimsvorkommen gegenseitig blockiert ist. So einigten sich die feindlichen Parteien, ihre Kampftruppen in rückwärtige Stellungen zurückzunehmen, damit der Studienkreis zur sachverständigen Beurteilung seine ersten Feldbegehungen machen kann.
Die lachenden Dritten im Bimskrieg aber waren die Bauern. Sie nahmen Schecks von jedem, ob Einheimischer oder Ausländer. Wenn nur die Summe hoch genug war.

DER SPIEGEL 9/1954
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