03.03.1954

MONARCHIEDie Ehre Preußens

Durch tiefe Nacht ein Brausen zieht
Und beugt die knospenden Reiser,
Es klingt im Wind ein altes Lied,
Das Lied vom deutschen Kaiser.
Emanuel Geibel (1815-84)
Am kommenden Wochenende wollen sich in Königstein bei Frankfurt in der Wohnung des Professors Dr. Friedrich Kreppel vom Evangelischen Hilfswerk zwei konservative Männer treffen, um hier eine geheimnisvolle Klausurarbeit vorzunehmen.
Sie wollen eine Denkschrift ausarbeiten, die den aufrüttelnden Titel "Monarchistisches Manifest" tragen soll. Federführend ist der Erlanger Universitätsprofessor Dr. Hans Joachim Schoeps, 45. Mitwirken Hilfswerk-Professor Kreppel, 50, und als markantester Monarchist neuen Typs: der Fraktionsvorsitzende der Deutschen Partei im Bundestag, Hans-Joachim von Merkatz, 48.
Dieses Manifest soll später als neomonarchistisches Glaubensbekenntnis von allen Gleichgesinnten anerkannt und unterzeichnet werden. Danach sollen auch die heimlichen Monarchisten in Westdeutschland ihr Visier herunterklappen. Denn über kurz oder lang wollen die drei Manifestanten einen Schritt weiter gehen und ganz offiziell einen "Volksbund für Monarchie" gründen.
Dieser "Volksbund" sollte eigentlich bereits am 18. Januar (dem Jubiläumstag der Reichsgründung 1871) am traditionellen Sitz des alten deutschen Kaisers in Berlin aus den Windeln gewickelt werden. Aber Professor Schoeps als Hauptinitiator war einsichtig genug, die geplante Kundgebung
wegen der bevorstehenden Vierer-Konferenz zu unterlassen, "um Herrn Molotow keine billigen Vorwände zu liefern".
Schoeps und seine Freunde hofften nämlich inbrünstig auf gutes Gelingen der Vierer-Konferenz, und zwar in der phantastischen Vorstellung, dann endlich ihren großen monarchistischen Coup landen zu können. Die Neo-Monarchisten stützten sich dabei auf die Repräsentativ-Umfrage eines demoskopischen Instituts. Danach wollten etwa 30 Prozent Ersatz für den alten Kaiser Wilhelm haben (siehe Graphik).
Schoeps hat lange die Entwicklung der monarchistischen Partei in Italien unter Achille Lauro beobachtet, die ein neues Plebiszit über die Frage der Staatsform herbeizuführen sucht. Für Deutschland dagegen scheidet eine solche Möglichkeit aus, ein Volksentscheid ist im Grundgesetz nicht vorgesehen.
Deshalb taktierte Schoeps so: "Den einzigen legalen und legitimen Weg, zu einer Monarchie zu kommen, hat das Bonner Grundgesetz selbst vorgeschrieben, indem es in der Präambel seine Geltung ''für eine Übergangszeit'' beschränkt hat, bis ''das gesamte deutsche Volk ... in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden'' in der Lage ist. Das bedeutet, daß die Wiedervereinigung Deutschlands den Zeitpunkt darstellt, an dem die Monarchie rechtlich in einer gesamtdeutschen Verfassung verankert werden könnte."
Und weiter Schoeps: "Es gibt nur ein deutsches Herrscherhaus, die Dynastie der Hohenzollern, das einmal als Symbol der Reichseinheit alle Deutschen umfaßt und repräsentiert hat. Der letzte Kaiser hat 1918 nur für sich selber und für seinen Sohn auf den Thron verzichtet, aber niemals den Ansprüchen seines Hauses auf die preußische Königs- und die deutsche Kaiserkrone entsagt. Nur das Haus Brandenburg-Preußen vermag daher einen gesamtdeutschen Anspruch zu stellen, während die Ansprüche der Welfen, Wittelsbacher und so weiter immer nur teildeutschen Charakter haben würden*)."
Mit solchen Avancen für die Hohenzollern-Restauration beschwor Schoeps die Konflikte zwischen den ehemaligen deutschen Dynastien herauf, die sich seit dem 15. Februar erst recht zuspitzten. An jenem Montag sollte in München, hinter den verschwiegenen Mauern der Privatbank Aufhäuser, ein kleindeutscher Fürstentag stattfinden.
Schon in der Morgenfrühe traf das Idol der Schoeps-Monarchisten, der Chef des Hauses Hohenzollern, Kaiserenkel Prinz Louis Ferdinand, auf dem Münchner Hauptbahnhof ein. Auf die im Einvernehmen mit dem Chef des Hauses Wettin, Markgraf Friedrich Christian von Meißen, versandten Einladungen hatten zunächst die Chefs von neun ehemals regierenden deutschen Dynastien ihr Erscheinen zugesagt, darunter Herzog Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg, Markgraf Berthold von Baden und Prinz Ludwig von Hessen.
Tatsächlich folgten aber nur drei der avisierten hohen Herren dem Prinzen Louis Ferdinand (Familien-Kosename "Lulu") in das Bankhaus an der Münchner Löwengrube. Dort vermißten sie vor allem den bayerischen Leu, Seine Königliche Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern. Durch ein Versehen war ausgerechnet der greise Wittelsbacher, 84, zuletzt eingeladen worden. Dieser Etikettefehler hatte die meisten Fürsten veranlaßt, zu Hause zu bleiben.
Was der von Louis Ferdnand einberufene Fürstentag eigentlich bezwecken sollte, blieb ziemlich geheim. Dem Vernehmen nach sollte auch hier das Thema "Volksbund für die Monarchie" diskutiert werden. Eingeweihte aus dem bayerischen Hochadel wollen ferner wissen, Prinz Louis Ferdinand (der sich sonst aus allen politischen Debatten geflissentlich heraushält) habe sich, entsprechend der Schoeps-Theorie, auf diesem Konvent die vorsorgliche Anerkennung als primus inter pares sichern wollen.
Und weiter: Diese vorsorgliche Anerkennung gipfele in der restaurativen Spekulation, den Hohenzollern-Prinzen gewissermaßen auf kaltem Wege zu inthronisieren, das heißt "Lulu" nach entsprechender Propaganda-Vorbereitung als Kandidaten für die Neuwahl des Bundespräsidenten zu nominieren. (Das wäre theoretisch aber nur möglich, wenn sich genügend Bundestagsabgeordnete und Wahlmänner der Ländervertretungen fänden, die den Prinzen als Heuss-Nachfolger vorschlagen würden.)
Diese Idee wurde dem Hohenzollernprinzen Anfang Januar von Professor Schoeps bei dessen Besuch in Bremen erneut nahegebracht. Das Gespräch mit dem Prinzen fand unter sechs Augen statt. Louis Ferdinand war grundsätzlich mit der von Schoeps und seinen Anhängern erwünschten Präsidentenkandidatur einverstanden. Er hat aber um diskrete Stimmungsmache gebeten und will sich nicht selbst vorzeitig exponieren.
Immerhin erschienen inzwischen auffällige Veröffentlichungen über das Familienidyll auf dem Wümmehof in Bremen-Borgfeld, wo heute Ferdinand mit Prinzessin Kira (aus dem Romanowgeschlecht) und den sieben prinzlichen Kindern als mustergültiger Familienvater lebt. Auch Louis Ferdinands bevorstehende Konzertreise nach Übersee - er will in den Staaten eigene Kompositionen interpretieren - ist ein Werbefeldzug für den sympathischen Hohenzollernprinzen.
Während der Reisevorbereitungen suchte Louis Ferdinand, gleich nach der geplatzten Fürstenkonferenz, die Bonner Zentrale der Public Relations-Organisation "Inter Nationes" auf. Dann ließ er sich zum Besuch bei Bundeskanzler Adenauer anmelden. Der Kanzler sprach 45 Minuten mit ihm. Kurz darauf hat auch Otto von Habsburg um einen Termin für eine Kanzlervisite gebeten.
Der schlanke, braunäugige Hohenzollern-Prinz, der sich bei Henry Ford in Detroit echte Branchenkenntnisse im Automobil-Handel erwarb (er wurde in Übersee "Mr. Preußen" genannt), hat einen ganz besonders intimen Duzfreund bei einer hohen Bundesbehörde: den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Otto John. Er lernte ihn 1937 bei der Deutschen Lufthansa kennen.
Darüber schreibt der Prinz in seinen Memoiren: "John war in mein Büro in der Lufthansa gekommen und hatte sich als der neue Rechtsberater vorgestellt. Wir hatten einige höfliche und gleichgültige Bemerkungen getauscht, bis John mit einer ernsteren Wendung politische Sympathien für meine Familie durchblicken ließ ..."
Durch Otto John geriet Louis Ferdinand dann in die Widerstandskreise um Goerdeler, der ihn auf dem ostpreußischen Hohenzollern-Gut Cadinen besuchte. Schließlich erfuhr Louis Ferdinand auch von den Verbindungen "zwischen Otto John und den Alliierten".
Im März 1943 arrangierte John geheime Treffs, auf denen Louis Ferdinand gedrängt wurde, "als rechtmäßiger Kronprätendent das Signal" zu geben. Doch Louis Ferdinand wollte seinen damals noch lebenden
Vater, den zur Vorsicht mahnenden Kronprinzen nicht übergehen. So blieb er denn Johns prinzlicher Schatten.
Der oberste Verfassungsschützer John darf sich wegen seiner hohen bundesamtlichen Stellung, die ihm gebietet, die bestehende demokratische Ordnung und die in der Verfassung festgelegte republikanische Staatsform zu schützen, heute nicht offen ins monarchistische Lager vorwagen. Trotzdem glaubt Schoeps - so sagte er in einer Unterredung - , daß Herr John dem Gedanken recht positiv gegenübersteht". Der Monarcho-Ideologe will den Präsidenten des Bundesverfassungsschutzamtes um den 10. März - nach Fertigstellung des "Monarchistischen Manifestes" - in Köln besuchen.
Einer der diensteifrigsten Propagandisten des Kronprätendenten aus dem Hohenzollerngeschlecht ist der Chefredakteur des Westberliner "Tagesspiegel", Erik Reger, geborener Dannenberg. Derselbe Reger, der in den ersten Nachkriegsjahren das Wort "Reich" sozusagen nur noch mit der Feuerzange anfaßte, indem er es stets mit Anführungszeichen verunzierte (etwa "Reichs"-post, "Reichs"bahn), hat momentan eine monarchistische Saison und verehrt den preußischen Nachfahren.
Er redigierte auch des Prinzen Buch "Als Kaiserenkel durch die Welt"*) und öffnete der Prinzen-Mutter, Kronprinzessin Cecilie, die Spalten des "Tagesspiegel", in dem dann unter anderem zu lesen war: "Hätte der Kronprinz die Stellung erhalten, für die er geboren war - dem deutschen Volke wäre mit Sicherheit vieles erspart geblieben**)."
Als Schoeps am 3./4. Januar 1953 seinen zweiten General-Appell im Rheingauer Hof zu Eltville am Rhein abhielt (die erste große Monarchisten-Tagung fand 1952 in Marburg statt), nahm Johns Mitarbeiter Dr. vom Berge und Herrendorff an diesem Treffen teil. Auf der Anwesenheitsliste standen ferner noch Namen wie:
* Staatssekretär a.D. von Rohr,
* Oberregierungsrat Schramm, Referent beim Bundestagspräsidenten Ehlers,
* Regierungsdirektor Dr. Dörr, persönlicher Referent des Bundesarbeitsministers Storch,
* Regierungsrat Dr. Cramer, Bundeskanzleramt,
* BHE-Geschäftsführer Zerrath*).
Die Konferenz war getarnt als "Besprechung über die Gründung eines Arbeitskreises zum Studium mitteleuropäischer Fragen". Gegründet wurde schließlich eine Studiengesellschaft zur Prüfung der Restaurationsmöglichkeiten. In den Vorstand wurde Chefredakteur Erik Reger gewählt. Sein Vorschlag, sofort eine Partei zu gründen, deren einziger Programmpunkt die Wiederherstellung der Monarchie sein sollte, stieß auf Ablehnung. Das war selbst Schoeps zu voreilig.
Die Liebe des Professors Schoeps zum Hohenzollernhaus und zum Preußentum überhaupt wurzelt im Urgrund einer stockkonservativen Erziehung. Als der letzte deutsche Kaiser 1918 nach Holland flüchtete, zählte der Berliner Arztsohn Hans Joachim Schoeps neun Jahre. Sein Vater mußte als Oberstabsarzt der alten deutschen Armee die Uniform ausziehen. Er hatte solange an der Ostfront, vorwiegend in der Entlausungsanstalt Pillkallen, die zurückflutenden Landser kuriert. Aber gegen die Bakterien der Revolution gab es keine graue Salbe. Die Republik kam und nach ihrem Zusammenbruch, vierzehn Jahre später, die große Tragödie über die jüdische Familie Schoeps.
Darüber Professor Hans Joachim Schoeps in seiner Broschüre "Die Ehre Preußens": "Die Juden, die seit vielen Jahrhunderten in den Landschaften der preußischen Krone lebten, waren ein königstreuer, konservativer Menschenschlag und vom Lebensgesetz dieses Staates geprägt. Ihr Schicksal symbolisiert sich mir im Schicksal meines alten Vaters." Vater Schoeps endete tragisch in einem böhmischen Konzentrationslager, dem Sohn Hans Joachim öffneten Freunde, die in Ribbentrops Auswärtigem Amt saßen, einen Fluchtweg nach Schweden.
Nach seiner Rückkehr aus der Emigration habilitierte der Dr. phil. Schoeps sich an der Universität Marburg als Privatdozent. Im Juni 1947 übernahm er dann den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Erlangen. Schoeps ist ein guter Rhetoriker. Er brachte neue farbige Nuancen in den Lehrbetrieb.
Als er am 17. Februar im faschingsschwangeren buntdekorierten großen Saal des Studentenhauses in Erlangen zum Thema "Die Krisis der Demokratie und die Erneuerung des Staatswesens" sprach, waren alle Bänke voll besetzt. Zahlreiche Studenten kamen im vollen Wichs des Corps "Bubenruthia". In diesem Vortrag rechnete der Professor scharf mit der formalen Partei-Demokratie ab:
Heute sei kein wirklicher politischer Gestaltungswille mehr vorhanden. "Wahlzettel werden abgegeben wie Totozettel ... Die Parteiapparate der politischen Parteien arbeiten in unklarem Halbdunkel. Sie feiern ein makabres Maskenfest der Ideologien." Die junge Generation befinde sich auf dem "Rückzug in geistige Schrebergärten" und kranke an "Kalorienmangel der Seele".
Schoeps wurde bei allen Angriffen auf die Parteien von Beifall unterbrochen. Als er dagegen auf die "klassischen preußischen Tugenden" zu sprechen kam, gingen seine Worte in Zischen, Pfeifen und Scharren unter. In der Diskussion wurde der Professor gefragt, ob es denn sein Wunsch sei, alle 21 deutschen Herrscherhäuser wiedererscheinen zu lassen. Darauf Schoeps: "Das ist nicht drin*)."
Besonderen Anklang fand der 45jährige Professor bei alten Stahlhelmern und Veteranen des Bayerischen Heimat- und Königsbundes "In Treue fest". Auch ehemalige Militärs, wie der frühere Wehrmachtskommentator Generalleutnant a. D. Dittmar, General a. D. Grosse und Admiral a. D. Bastian, zollten ihm Anerkennung. Aber auf diese Kreise legt Schoeps nicht unbedingt Wert: "Die kommen von selbst, ich will die Normalbürger, vor allem die Jugend ansprechen."
Ihnen versucht Schoeps in Versammlungen und kleinen Zirkeln immer wieder klarzumachen, daß Demokratie und Monarchie keine natürlichen Gegensätze sind. Vielmehr funktioniere wahre Demokratie gerade in den Ländern am besten, die ein monarchistisches Oberhaupt besitzen, während in den klassischen Republiken, wie Frankreich und Italien, die staatliche Ordnung und das soziale Gefüge aus dem Rahmen geraten seien.
Schoeps sprach nicht nur zu den Industriellen des Rhein-Ruhr-Klubs in Gevelsberg. Er referierte im Januar auch vor Tillichs "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" in Westberlin. In dieser Breitenarbeit liegt System. Der Erlanger Professor sucht auch bewußt Kontakte zu hohen Regierungsbeamten in Bonn und zu Funktionären aller politischen Parteien, um Freunde für seinen noch zu gründenden "Volksbund" zu gewinnen.
Bei der CDU ist nach den bisherigen Erfahrungen des Professors Schoeps nur unter den evangelischen Christdemokraten etwas zu holen. (Der katholische Adenauer-Flügel sei antipreußisch vom Glaubensbekenntnis her). Beim evangelischen Flügel der CDU rechnet Schoeps mit der Assistenz des Bundestagsabgeordneten Eugen Gerstenmaier, der im vergangenen November durchblicken ließ, daß er den ihm persönlich gut bekannten Bundesinnenminister Schröder einmal über die Schoeps-Bestrebungen aufklären werde.
Am schwersten waren bisher solche Brosamen der Zustimmung aus dem SPD-Lager zu bekommen. Schoeps hat jetzt einen alten Bebel-Spruch ausgegraben, den
er ideologisch schwankenden SPD-Funktionären unter die Nase reibt. Altvater August Bebel hielt 1904 auf der Arbeiter-Internationalen in Amsterdam seinem streitbaren französischen Genossen Jean Jaurès entgegen: "So schlecht wie ihr die Monarchie macht, ist sie nicht. So gut wie ihr die Republik macht, ist sie auch nicht."
Die Verbindung zur Deutschen Partei ähnelt dagegen schon einem Schleppseil. Sie läuft über den 1905 in Stargard in Pommern geborenen Hauptmannssohn Hans - Joachim von Merkatz, der von Schoeps öfter gebeten wurde, Finanzquellen zu erschließen.
Der Stifterverband der Industrie in Essen lehnte vorerst Unterstützungsanträge des Professors Schoeps ab. Schoeps konnte von Glück sagen, wenn ihm gelegentlich kleinere Geldbeträge als Vortragshonorar zugesteckt wurden. So überreichte ihm zum Beispiel der Bremer Kaufmann Joachim Sievers im Namen mehrerer Spender nach einem Vortrag 100 Mark.
Die Finanzlage besserte sich etwas, seit Professor Schoeps als anerkannter Vortragsredner der "Arbeitsgemeinschaft demokratische Kreise" (ADK) in der Bundesrepublik umherreist. Bei diesen Vorträgen kommt Schoeps zwangsläufig auf sein Lieblings-Thema ("Kommt die Monarchie?") zu sprechen. Da die ADK vom Bundeskanzleramt finanziert wird, subventioniert Konrad Adenauers Kanzlei indirekt die Hohenzollern- und Preußen-Propaganda.
Diese Propaganda wurde zum Bumerang für den Bundestagsabgeordneten von Merkatz, dessen Partei - die DP - bei ihrem Start eine ausgesprochen welfentreue Heimatpartei war (sie nannte sich damals Niedersächsische Landespartei). Der Flagenwechsel vom welfischen Gelb zum preußischen Schwarz-Weiß ist dem Joachim von Merkatz so verdacht worden, daß "Der Landesbote", das Organ der heimattreuen Welfen, ganz offen gegen die DP und mehr noch gegen den neuen Preußenkult zu Felde zog.
Demonstrativ schrieb "Der Landesbote" gleich nach der gescheiterten Fürstenkonferenz in München: "Man verhüllt in Deutschland geflissentlich die Wahrheit, daß der alte Ungeist von Potsdam es war, der induktiv den neuen Sieger von 1945 ausgelöst hat; man verurteilt ihn nicht nur nicht, im Gegenteil: ein Universitätsprofessor (Schoeps) sucht als Wanderprediger der Gloria des ''anderen Preußentums'' der Welt klar zu machen, daß nur an preußischdeutschem Wesen - notabene unter einem Kaiser aus dem Hause Hohenzollern - die Welt genesen könne... und fand damit den Beifall der überall verstreuten Mitglieder der Fünften Kolonne des ostelbischen Militarismus und Pangermanismus."
Die welfentreuen Hannoveraner wollen keinen Hohenzollern-Prinzen auf dem imaginären Thron sehen, sondern - wenn schon - dann "vom Welfenstamm ein edles Reis, vor dem wir uns in Treue neigen". Gemeint ist Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, dessen 40. Geburtstag am 18. März von allen heimattreuen Hannoveranern festlich begangen werden soll. Der junge Chef des Welfenhauses ist übrigens ein Vetter des Hohenzollern-Prinzen Louis Ferdinand.

PARKOGRAPHEN
sind in Duisburg am König-Heinrich-Platz seit Anfang des Jahres ausprobiert worden. Bei Einwurf eines Zehnpfennigstücks verschwindet im Sichtfenster des Parkographen das Verkehrszeichen "Halteverbot", und man darf eine Stunde vor dem Apparat parken. Eine sich langsam drehende Scheibe zeigt, wieviel Parkzeit schon verstrichen ist. Dauerparker riskieren ein Strafmandat, wenn sie nicht alle Stunde zu ihrem Auto laufen und einen Groschen in den Parkographen werfen; sie wandern darum ab und machen Platz für Kurzzeit-Parker. Die Parkographen wurden für 300 Mark das Stück aus der Schweiz importiert. Bei Temperaturen unter Null froren einige ein.
*) Hans Joachim Schoeps: "Kommt die Monarchie?"; Deutsch-Europäische Verlagsgesellschaft m. b. H., Ulm-Donau; 69 Seiten, 3,30 Mark.
*) Louis Ferdinand Prinz von Preußen: "Als Kaiserenkel durch die Welt"; Argon-Verlag, Berlin; 424 Seiten, 14,80 Mark.
**) Die Kronprinzessin dachte offensichtlich nicht an den Brief, den ihr verstorbener Gatte im April 1932 gelegentlich der Auflösung der SA und SS durch den Innenminister im Kabinett Brüning, General Gröner, an diesen schrieb: "Es ist mir unverständlich, wie Sie gerade als Reichsminister das wunderbare Menschenmaterial, das in der SA-SS vereinigt ist, und das dort eine wertvolle Erziehung genießt, zerschlagen helfen ... Dann ist es aber meiner Ansicht nach von allergrößtem Wert, daß die jungen Mannschaften, die im Stahlhelm und in den Verbänden der NSDAP im nationalen Geist und im Wehrsport ausgebildet sind, ein gutes und zuverlässiges Reservoir für das dann aufzustellende Heer darstellten."
*) Zu dieser Konferenz war auch Reichskanzler a. D. Heinrich Brüning gebeten worden. Aber Brüning gab zu verstehen, daß er die monarchistischen Bestrebungen im gegenwärtigen Zeitpunkt für Mumpitz halte. ("Die Chancen wurden vor zwanzig Jahren verpaßt.")
*) Die Welfen und die Wittelsbacher will Professor Schoeps allerdings als Landesfürsten für Niedersachsen und Bayern gelten lassen.

DER SPIEGEL 10/1954
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MONARCHIE:
Die Ehre Preußens

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